Wadim Rogowin und die Soziologie des Stalinismus

Von Andrea Peters
3. November 2018

Am 18. September 2018 jährte sich zum zwanzigsten Mal der Todestag des sowjetischen und marxistischen Historikers und Soziologen Wadim Sacharowitsch Rogowin. Wäre er noch am Leben, wäre er 81 Jahre alt.

1990 begann Rogowin mit der Veröffentlichung von Studien über den Stalinismus und die von Leo Trotzki geführte sozialistische Opposition gegen die bürokratische Degeneration der UdSSR. Diese Arbeit mündete in eine sechsbändigen Reihe mit dem Titel Gab es eine Alternative?, ein herausragendes Werk historischer Forschung und ein wichtiger Beitrag gegen die Fälschung der Geschichte. Vieles davon hat Rogowin geschrieben, als er bereits gegen eine tödliche Krebserkrankung ankämpfte.

Wadim Rogowin

In Gab es eine Alternative?, das vollständig in Deutsch erhältlich ist, wird nachgewiesen, dass die Großen Säuberungen von 1933-1938 ein politischer Völkermord waren, dessen Hauptziel darin bestand, Trotzki, den Trotzkismus und all jene politischen Persönlichkeiten, Intellektuellen und Arbeiter zu vernichten, die mit dem sozialistischen Erbe des Landes verbunden waren. Im Gegensatz zur gängigen Lehrmeinung sowohl in der Sowjetunion als auch im Westen zeigte Rogowin auf, dass die Säuberungen Stalins nicht das Wirken eines Wahnsinnigen oder das unvermeidliche Ergebnis der Revolution waren, sondern die grausame Reaktion der Bürokratie auf eine starke marxistische Opposition.

Rogowin betonte, dass es ohne ein Verständnis des Terrors – seiner Ursprünge und seiner Folgen – unmöglich sei, den Charakter der sowjetischen Gesellschaft und die endgültige Auflösung der UdSSR durch die Kommunistische Partei im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts zu verstehen. Für ihn waren 1936-1938 und 1989-1991 unlösbar miteinander verbundene Perioden der sowjetischen Geschichte. Die Wiederherstellung des Kapitalismus erforderte neue, eigene Fälschungen der sowjetischen Geschichte.

Während der Perestroika wurde allgemein behauptet, dass der Markt eine höhere Form des Sozialismus darstelle, die demokratisch, antibürokratisch und antistalinistisch sei. Diese Lüge war notwendig, weil es innerhalb der UdSSR keine Massenbasis für prokapitalistische Reformen gab. Vielmehr, wie die Wissenschaftler Peter Reddaway und Dmitri Glinski festgestellt haben, waren in der Zeit vor der Perestroika ganz andere Meinungen weit verbreitet: „Nicht die Zurückdrängung, geschweige denn die Demontage der sozialistischen Wirtschaft wurde gefordert, sondern die Abschaffung der Kluft zwischen Herrschern und Beherrschten und die Herstellung sozialer Gerechtigkeit.“

In der Einleitung zum zweiten Band seiner Serie, Stalins Kriegskommunismus, macht Rogowin die Spezifik des von Stalin und seinen Handlangern vollzogenen konterrevolutionären Umsturzes darin aus,

dass dieser Umsturz unter dem ideologischen Deckmantel des marxistischen Vokabulars und der stetigen Versicherungen der Treue zur Sache der Oktoberrevolution erfolgte.

Ein Umsturz dieser Art verlangte natürlich eine bisher einmalige Konzentration von Lüge und Fälschung sowie immer neue Mythen…

Ähnlich den Stalinisten gebrauchen die heutigen Antikommunisten zwei Arten von Mythen: ideologische und historische. Mit ersteren sind falsche, in die Zukunft gerichtete Ideen gemeint, d.h. illusorische Prognosen und Versprechungen. Diese Produkte eines falschen Bewusstseins erweisen sich erst mit fortschreitender Realisierung als Mythos. Anders die Mythen, die nicht in die Zukunft weisen, sondern in die Vergangenheit. Diese lassen sich im Prinzip leichter aufdecken als die antiwissenschaftlichen Prognosen und reaktionären Projekte. Ideologische wie historische Mythen sind das Produkt direkter Klasseninteressen. Doch im Unterschied zu Ersteren sind Letztere das Produkt nicht einer politischen Verwirrung oder eines bewussten Betrugs der Massen, sondern resultieren entweder aus historischer Unkenntnis oder vorsätzlicher Fälschung, d.h. aus dem Verschweigen bzw. der tendenziösen Hervorhebung und verzerrten Interpretation bestimmter historischer Fakten. Widerlegen lassen sich diese Mythen durch die Wiederherstellung der historischen Wahrheit, der wahrheitsgetreuen Darstellung der Fakten und Tendenzen der Vergangenheit. (Wadim S. Rogowin, Stalins Kriegskommunismus, Essen 2006, S. 7f)

Wie kam Rogowin dazu, Gab es eine Alternative? zu schreiben? Eine vollständige Antwort auf diese Frage würde erfordern, seine intellektuelle Entwicklung sorgfältig nachzuzeichnen. Dies würde zweifellos die Verbundenheit des sowjetischen Gelehrten mit der Russischen Revolution, die er bis zum Ende verteidigte, ans Tageslicht fördern. Thema des vorliegenden Artikels ist Rogowins Entwicklung auf dem Gebiet der sowjetischen Soziologie und schließlich sein Kampf gegen diese.

Vor der Abfassung von Gab es eine Alternative? hatte Rogowin viele Jahre, wenn auch unter sehr schwierigen Umständen, an einer soziologischen Analyse des Stalinismus gearbeitet. 1977 trat er dem renommierten Institut für Soziologie in Moskau bei, nachdem er in den ersten zwei Jahrzehnten seiner Laufbahn Ästhetik studiert und unterrichtet hatte. Rogowin begab sich auf das Gebiet der Soziologie, um ein Umfeld zu finden, in dem er das Problem der sozialen Ungleichheit erforschen konnte.

Rogowins Interesse an dieser Frage erwuchs aus den Schlussfolgerungen aus der offiziellen Enthüllung von Stalins Verbrechen in Nikita Chruschtschows Rede vor dem 20. Parteitag 1956, „Über den Personenkult und seine Folgen“. Rogowin, dessen Großvater bei den politischen Säuberungen ums Leben gekommen war, wollte die sozialen und politischen Grundlagen von Stalins Blutbad verstehen. Nach Stalins Tod 1953 gelang es ihm, Zugang zu alten Ausgaben der Prawda, der offiziellen Zeitung der Kommunistischen Partei, zu erhalten, die in einem Hochsicherheitstrakt der Bibliothek aufbewahrt wurden. Sie dokumentierten die politischen Debatten der 1920er Jahre sowie den erbitterten Kampf Trotzkis und der Linken Opposition gegen Stalin.

Trotzki zeigte auf, dass Stalin an der Spitze einer nationalistischen, bürokratischen Reaktion gegen die Oktoberrevolution stand. Das aufsteigende stalinistische Regime, das die egalitären und revolutionären Bestrebungen der internationalen Arbeiterklasse als tödliche Bedrohung empfand, sicherte seine eigene privilegierte Stellung, unterdrückte die innerparteiliche Demokratie und verriet revolutionäre Kämpfe auf der ganzen Welt. Trotzki warnte davor, dass, wenn die Arbeiterklasse die Bürokratie nicht stürzen würde, der Kapitalismus wiederhergestellt und die Errungenschaften der Oktoberrevolution liquidiert werden würden.

Aus dieser Kritik schloss Rogowin, dass die Ungleichheit der Schlüssel zum Verständnis der sowjetischen Bürokratie sei. Daher konzentrierte er seine soziologische Forschung auf die in Lebensstil und Konsum ausgedrückte Differenzierung der Gesellschaftsschichten, um den Zusammenhang zwischen der Regierungspolitik und sozialer Ungleichheit zu ergründen. Auf diese Weise wollte er nachweisen, wie die Bürokratie durch die Verteidigung ihrer Sonderstellung die sowjetische Gesellschaft deformiert hatte.

Rogowin arbeitete unter extrem schwierigen Bedingungen. In der offiziellen Definition der sowjetischen Gesellschaftsstruktur wurde die bloße Existenz einer Elite der Kommunistischen Partei geleugnet. Die sowjetische Soziologie war nicht nur von Zensur betroffen, sondern wurde auch von einer Kombination aus Empirismus und verschiedenen Schulen des theoretischen Antimarxismus dominiert. In den 1970er Jahren hatte sich die sowjetische Dissidentenbewegung, die während des Chruschtschow-Tauwetters entstanden war, stark nach rechts verschoben. Ihre zunehmend antikommunistischen Positionen stießen Rogowin ab.

Für Rogowin war von entscheidender Bedeutung, dass das stalinistische Regime Trotzki und die Linke Opposition physisch vernichtet hatte. Es hatte die alten Bolschewiki abgeschlachtet und jeden gewaltsam unterdrückt, der mit dem revolutionären sozialistischen Erbe des Landes in Verbindung stand. Hier lagen Rogowins Schwierigkeiten begründet. Es war unmöglich, offene Sympathien mit dem Trotzkismus zu bekunden, geschweige denn zu erklären, dass das eigene Forschungsprojekt von Trotzkis Analyse der UdSSR ausging.

Darüber hinaus wurde die Fähigkeit der Vierten Internationale (VI) (der 1938 gegründeten trotzkistischen Weltbewegung), Kontakt mit Rogowin oder ähnlichen Wissenschaftlern aufzunehmen, durch die schädlichen Folgen des Pablismus stark untergraben. Diese revisionistische Tendenz, die unter dem Einfluss von Michel Pablo und Ernest Mandel entstand, lehnte eine unabhängige, revolutionäre Bewegung der Arbeiterklasse in der UdSSR oder anderswo ab. Die Pablisten argumentierten, dass sich Trotzkisten für die Reform der Bürokratie und der Kommunistischen Partei einsetzen müssten. Auf der ganzen Welt liquidierten die Pablisten Teile der VI und wiesen ihre Kader an, innerhalb der bestehenden stalinistischen, sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Bewegungen zu arbeiten. Sie lehnten es ab, den wahren Trotzkismus im Sowjetblock wiederzubeleben. Während revolutionärer Krisen in der UdSSR und Osteuropa unterstützten sie bürokratische kommunistische Parteien, ebenso wie nationalistische und sogar rechte Kräfte. So arbeitete Rogowin weitgehend isoliert.

In den späten 1970er und frühen 1980er Jahren führten er und andere Soziologen eine Reihe von Studien über die Lebensbedingungen im Land durch, die auf tiefe Widersprüche innerhalb der sozioökonomischen Struktur der UdSSR schließen ließen. In einer Hinsicht war die Ungleichheit in der Sowjetunion allerdings zurückgegangen; das sogenannte Nivellieren des Lohns schränkte die Differenzierung der offiziellen Einkommen ein – insbesondere im Vergleich zu dem hohen Niveau, das die Ungleichheit in den 1930er und 40er Jahren unter Stalins Herrschaft erreicht hatte. Gleichzeitig schuf die Lohnnivellierung jedoch ein riesiges sekundäres System der legalen, halblegalen und illegalen Verteilung von Waren, Dienstleistungen und Vermögen, sowie weitere Faktoren für Ungleichheit je nach Beruf, Branche, Parteizugehörigkeit, geografischem Standort, Altersgruppe usw. Signifikante Teile der Bevölkerung litten unter einem erbärmlichen Mangel. 1983 ergab eine landesweite repräsentative Umfrage mit einer Stichprobengröße von 10.000, dass ein Drittel der Befragten keinen Zugang zu mindestens einem und in vielen Fällen allen Gütern des Grundbedarfs hatte. Daten über die Einkommen der Bürokratie der Kommunistischen Partei waren nicht verfügbar.

Rogowin betonte in seiner Arbeit, dass die irrationale und ungerechte Verteilung der Ressourcen auf verschiedene soziale Schichten dazu führte, dass die Menschen sich individuell um eine Verbesserung des Lebensstandards durch andere Mittel bemühten – durch Schattenwirtschaft, Bestechung und Korruption. Dies führte zu einer weiteren sozialen Differenzierung und wachsenden sozialen Ressentiments.

1983 schrieb Rogowin einen Bericht, der in die Hände der Moskauer Kommunistischen Partei fiel. Nicht alle Forschungen am Institut für Soziologie wurden an die lokalen Behörden weitergeleitet. Doch in diesem Fall wollte offenbar ein Mitarbeiter des Instituts, dass Rogowins Analyse der Obrigkeit zur Kenntnis gebracht wurde.

In der betreffenden Arbeit argumentierte Rogowin, dass das grundlegende Problem der UdSSR „eine Vertiefung der sozial ungerechtfertigten Differenzierung von Einkommen und Lebensqualität“ sei. „Die Arbeiter treffen regelmäßig auf Fälle unverdienter Bereicherung durch Betrug und die Ausplünderung von Staat und Volk. […] Bestimmte Bevölkerungsgruppen verfügen über die Mittel, um ihre Bedürfnisse in einem Umfang zu befriedigen, der über jedes vernünftige Maß hinausgeht und ihrer Bedeutung in der gesellschaftlichen Produktion nicht entspricht. […] Es gibt überhaupt keine systematische Kontrolle der Einkommensquellen und der Aneignung wertvoller Güter“, schrieb er.

Unerschrocken traf er die bemerkenswerte Aussage, dass es die Ungleichheit – und nicht die Lohnnivellierung – sei, die „im Wesentlichen die soziale Struktur der [sowjetischen] Gesellschaft darstellt“.

Rogowin forderte die Einführung von Einkommenserklärungen, wonach die Menschen verpflichtet wären, die Höhe ihres Gesamteinkommens und nicht nur ihre offiziellen Löhne anzugeben. Nur so könnten Staat und Wissenschaft etwas über die tatsächliche Einkommensverteilung erfahren. Er plädierte für die Schaffung eines „sozial garantierten Maximaleinkommens“ zur Bekämpfung „ungerechtfertigter Ungleichheit“.

Die Studie Gesellschaftliche Entwicklung und gesellschaftliche Moralvorstellungen von Wadim Rogowin und Nina Naumowa aus dem Jahre 1984

An anderer Stelle argumentierte Rogowin zudem, dass die Ungleichheit ganz wesentlich zum Sinken der Arbeitsproduktivität der UdSSR beitrage. In einer gemeinsam mit Nina Naumowa verfassten Studie, Gesellschaftliche Entwicklung und gesellschaftliche Moralvorstellungen, führte er die sozioökonomische Krise der UdSSR auf die zunehmende Ungleichheit zurück. Die Menschen in der Sowjetunion arbeiteten schlecht, und das nicht, weil ihre Arbeit im Verhältnis zu anderen unzureichend entlohnt wurde, sondern weil ihr Engagement für die gesellschaftliche Produktion durch die verstärkte soziale Schichtung, die in der offiziellen Statistik nicht erfasst wurde, untergraben wurde.

Im Jahr 1983 – demselben Jahr, in dem Rogowin seinen kritischen Bericht über den Zustand der Ungleichheit in der UdSSR verfasst hatte, der in die Hände der Moskauer Behörden gelangte– gab eine weitere Soziologin, Tatjana Saslawskaja, einen Bericht heraus, der zunächst geheim gehalten, später aber an die westliche Presse weitergegeben wurde. Darin setzte sie sich für den Übergang zu „wirtschaftlichen Managementmethoden“ – also marktwirtschaftlichen Reformen – ein. Ein zentraler Aspekt dabei war die Strategie, durch leistungsbezogene Löhne die Produktion anzukurbeln. Saslawskaja stellte damals fest, dass solche Reformen durch diejenigen Teile der Arbeiterschaft, die sie als „je apathischer, desto älter und weniger qualifiziert“ bezeichnete, abgelehnt würden.

Innerhalb weniger Jahre avancierte Saslawskaja zu einer führenden Beraterin von Michail Gorbatschow und zu einer der wichtigsten pro-marktwirtschaftlichen Architektinnen der Perestroika. 1986 wurde sie zur Leiterin der Sowjetischen Soziologischen Gesellschaft ernannt. Ihre Positionen wurden in ihrer Fachrichtung weitgehend angenommen.

Tatjana Saslawskaja und Michail Gorbatschow 1989 beim Kongress der Volksdeputierten. [Copyright RIA Novosti]

Im Gegensatz dazu waren Rogowins Ansichten häufig und zunehmend Gegenstand scharfer Kritik. 1985 fand am Institut für Soziologie eine Diskussion über einen Bericht von Rogowin und seinem Forschungsteam über sowjetische Lebensstile statt. Darin äußerte Rogowin offene Kritik an den anti-egalitären Auswirkungen der Schattenwirtschaft und der Vererbung von Vermögen. Er wurde dafür von einigen der bedeutendsten Wissenschaftler des Instituts scharf angegangen. Sie lehnten seine Aussagen ab und hatten außerdem Angst vor der Reaktion der Behörden. In der Diskussion bemerkte eine solche Person:

Der hier vorgestellte Bericht des Autors hat zwei grundlegende Mängel: 1) Er ist unzureichend selbstkritisch; 2) die Autoren, und insbesondere Rogowin selbst, berücksichtigen nicht angemessen den Adressaten, an den dieser Bericht gerichtet ist. Der Bericht geht an die höchsten Ebenen [der Kommunistischen Partei], sodass ein Übermaß an Emotionalität nicht angemessen erscheint. Mein nächster Kritikpunkt bezieht sich auf den Begriff „ungerechtfertigte Ungleichheit“. So etwas kann es im Prinzip nicht geben.

[…] Ihre Empfehlungen in der Notiz an das ZK der KP [das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei…] bedürfen einer äußerst sorgsamen Herangehensweise, insbesondere im Zusammenhang mit der „Schattenwirtschaft“ und den Erbschaftssteuern. [Es sollte eher] ein Minimum an kategorischen Aussagen und ein Maximum an Kompromissbereitschaft gegeben sein.

Im Laufe des Jahrzehnts bezog Rogowin eine immer kritischere Haltung gegenüber der Perestroika, deren wirtschaftliche Folgen sich zunehmend als verheerend erwiesen. Anstatt den Massen Wohlstand zu bringen, verursachten Gorbatschows Reformen eine schwere Krise im staatlichen Wirtschaftssektor und verschärften die Verknappung von Nahrungsmitteln, Kleidung und anderen lebensnotwendigen Gütern. Das Wirtschaftswachstum ging ab 1986 zurück. Im Jahr 1989 erreichte die Inflation 19 Prozent und machte damit die Einkommenszuwächse der Bevölkerung aus den Vorjahren praktisch zunichte. Wie der Wissenschaftler John Elliot bemerkte: „Unter Berücksichtigung der Mehrkosten dürften das reale Pro-Kopf-Einkommen und die Reallöhne vor allem für die untere Hälfte der Bevölkerung zurückgegangen sein. Zu diesen Kosten gehörten: Verschlechterung der Qualität sowie Nichtverfügbarkeit von Waren; Verbreitung spezieller Vertriebskanäle; längeres und zeitaufwändigeres Schlangestehen; erweiterte Rationierung; höhere Preise und höhere Inflationsraten in nichtstaatlichen Geschäften (z.B. waren die Preise bei den Agrargenossenschaften 1989 fast dreimal so hoch wie in staatlichen Geschäften); faktische Stagnation bei der Gesundheitsversorgung und Bildung; und die Ausbreitung von Tauschhandel, regionaler Autarkie und lokalem Protektionismus.“

Neu gegründete Privatunternehmen verfügten über großen Spielraum bei der Preisgestaltung, da sie wenig bis gar keine Konkurrenz durch den staatlichen Sektor hatten. Sie verlangten jeden Preis, den der Markt hergab. Einkommensungleichheit und Armut nahmen dadurch stark zu. Am meisten hatten die schwächsten Bevölkerungsgruppen zu leiden. Die Veränderungen waren so gravierend, dass „die Einkommensungleichheiten in der UdSSR“ laut Elliot „tatsächlich größer geworden waren als in den USA“. In den späten 1980er Jahren lag das Einkommen von zwei Dritteln der sowjetischen Bevölkerung unter dem offiziell empfohlenen „angemessenen Niveau“ von 100 bis 150 Rubel pro Monat. Gleichzeitig wird geschätzt, dass allein die Schattenwirtschaft in den späten 1980er Jahren 100.000 bis 150.000 Millionäre hervorgebracht hat. Anfang der 1990er Jahre war nach offiziellen sowjetischen Schätzungen ein Viertel der Bevölkerung bzw. 70 Millionen Menschen mittellos. Bergarbeiterstreiks und andere Äußerungen von sozialer Unzufriedenheit brachen im ganzen Land aus.

Die Soziologen waren sich der wachsenden Unzufriedenheit der Bevölkerung sehr bewusst. Sie wurden von der Bürokratie der Kommunistischen Partei aufgefordert, bei der Bewältigung der Situation zu helfen. 1989 erhielt der Direktor des Instituts für Soziologie eine Anfrage aus den höchsten Rängen der Kommunistischen Partei. Er wurde gebeten, auf ein Schreiben eines einfachen Parteimitglieds zu antworten, das sich gegenüber den „Eliten" des Landes extrem abfällig geäußert hatte. Der Briefeschreiber beschrieb die Partei als von einem „opportunistischen Kern“ dominiert und forderte einen „Klassenkriegs“ der arbeitenden Massen gegen dessen Politik. Die Ideologieabteilung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei wünschte, dass der Direktor des Instituts auf das Schreiben antwortete, weil die darin zum Ausdruck gebrachten Ansichten „(repräsentativ) [sic] und in der Arbeiterklasse weit verbreitet sind“.

Der sowjetische Ökonom Gennady Lisitschkin

Unter diesen Umständen geriet Rogowin unter medialen Beschuss, weil er sich in Artikeln gegen die Ausbreitung sozialer Ungleichheit wandte. Seit Mitte der 1980er Jahre hatte er dafür plädiert, dass alle Menschen in Einkommenserklärungen ihr gesamtes Einkommen offenlegen müssten. Er forderte eine progressive Besteuerung und ein sozial begründetes Maximaleinkommen. Die Menge an positiven Zuschriften seiner Leser zeigte, dass seine Ansichten mit denen der Bevölkerung übereinstimmten – eine Tatsache, die von westlichen Wissenschaftlern zu dieser Zeit bestätigt wurde. In einer öffentlichen Pressedebatte mit dem Ökonomen Gennady Lisitschkin warf dieser Rogowin jedoch vor, er wolle die Vollmachten der Bürokratie stärken, und deutete an, dass Rogowin ein Stalinist sei. Er warf ihm vor, „Luddismus“ (Maschinenstürmerei) zu vertreten, in religiösem Stil zu predigen, Marx falsch zitiert haben, dem Staat die Macht zusprechen, Menschen „wie Vieh“ herum zu schubsen, eine defizitäre Verteilung auf der Grundlage von „Rationskarten“ zu befürworten, unter „linker“ Infantilität zu leiden sowie ein „Demagoge“ und „Kriegskommunist“ zu sein. Lisitschkin rückte Rogowin in die Nähe eben jener Tendenz, der Rogowin doch am feindlichsten gegenüberstand: des Stalinismus. Die Leiterin der Sowjetischen Soziologischen Gesellschaft, Tatjana Saslawskaja, unterstützte diese Verleumdungen von Lisitschkin.

Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Rogowin und anderen Wissenschaftlern über die Perestroika entwickelten sich zu einem heftigen Streit über die sowjetische Geschichte und die Natur des Stalinismus. Rogowin sah einen Zusammenhang zwischen den Jubelmeldungen für marktfreundliche Reformen und den historischen Fälschungen. Zunehmend wurde versucht, das Egalitätsprinzip mit Stalinismus gleichzusetzen und den Kampf für Gleichheit mit politischer Unterdrückung. In Gab es eine Alternative? erklärt Rogowin mehrfach, dass der Übergang zur Marktwirtschaft durch die Verbreitung von Mythen über die sowjetische Geschichte begleitet wurde, und dies war eine davon.

1991 trat Saslawskaja als Mitautorin eines Buchs auf, in dem die Probleme der Sowjetunion darauf zurückgeführt wurden, dass Ende der 1920er Jahre die Neue Ökonomische Politik (NEP) aufgegeben worden war. Im Rahmen der NEP waren die staatlichen Kontrollen über die Wirtschaft gelockert und die Marktbeziehungen bis zu einem gewissen Grad wiederhergestellt worden, um die Wirtschaft unter Bedingungen der Isolation, der Rückständigkeit und des wirtschaftlichen Zusammenbruchs infolge langer Kriegsjahre wiederzubeleben. Aufgrund einer einseitigen und historisch unrichtigen Darstellung der NEP wurde in diesem Buch der politische Kampf zwischen Stalin und der Linken Opposition verschwiegen. Denn diese Auseinandersetzung drehte sich gerade um das schädliche Wachstum der Ungleichheit, die Bürokratisierung von Staat und Wirtschaft und die Zerstörung der innerparteilichen Demokratie. Saslawsjaka übersprang diese Geschichte, weil sie einem der zentralen Argumente, die damals zugunsten der Perestroika vorgebracht wurden, widersprochen hätte: dass Marktbeziehungen von Natur aus im Widerspruch zu den Interessen der Bürokratie der Kommunistischen Partei stünden. Auch die Darstellung der Arbeitsmarktpolitik unter Stalin war falsch. Laut Saslawsjaka bildete in den 1930er Jahren die revolutionäre Begeisterung die wichtigste Methode, um die Menschen zur Arbeit zu motivieren. Sie ignorierte, dass die Einkommensungleichheit in dieser Zeit erheblich zunahm. Wie der Wissenschaftler Murray Yanowitch bemerkte, wurde unter Stalin die „Gleichmacherei“ als Wahnvorstellung von „Trotzkisten, Sinowjewisten, Bucharinisten und anderen Volksfeinden“ bezeichnet.

In den 1980er Jahren versuchten Soziologen und andere Wissenschaftler, der Perestroika einen humanitären Anstrich zu verpassen. Ihnen zufolge würden Marktreformen dem „menschlichen Faktor“, der unter dem Gewicht der bürokratischen Stagnation zerstört worden war, wieder zu mehr Bedeutung verhelfen. Der „menschliche Faktor“ wurde definiert als der Wunsch des Menschen nach persönlicher Anerkennung durch differenzierte materielle Belohnung. Darin bestehe der Hauptantrieb des menschlichen Handelns. In dem Maße, in dem die offizielle Lohnpolitik der UdSSR zu einer relativ egalitären Verteilung der gesellschaftlichen Ressourcen und einer Angleichung der Entlohnung qualifizierter und ungelernter Arbeiter führe, stehe sie im Widerspruch zum Wunsch des Menschen nach Anerkennung seiner individuellen Leistung. Die zunehmende Einkommensungleichheit, die angeblich durch die Anforderungen der sozioökonomischen Entwicklung bedingt war, wurde als Teil der „Humanisierung des Sozialismus“ bezeichnet. Es wurde argumentiert, dass eine zunehmende soziale Schichtung letztlich zur wahren „sozialistischen Gerechtigkeit“ führen würde.

So behauptete Tatjana Saslawskaja 1990: „Trotz all seiner Grenzen ist der ‚klassische‘ Markt in der Tat eine demokratische (und damit antibürokratische) Wirtschaftsinstitution. Im Rahmen ihrer Austauschbeziehungen sind alle Beteiligten zumindest formell gleich; niemand ist anderen untergeordnet. Käufer und Verkäufer handeln in ihrem eigenen Interesse und niemand kann sie dazu bringen, Geschäfte abzuschließen, die sie nicht abschließen wollen. Es steht den Käufern frei, Verkäufer auszuwählen, die ihnen Waren zu den günstigsten Bedingungen überlassen, aber auch die Verkäufer können Käufer mit dem besten Preis wählen.“

Bei dieser Argumentation stützten sich die Wissenschaftler auf die offizielle sowjetische Definition des Sozialismus – „jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung“, die in der Verfassung des Landes von 1936, der sogenannten Stalin-Verfassung, verankert war.

Rogowin griff 1988 das Konzept des „menschlichen Faktors“ auf, um eine ganz andere Argumentation zu entwickeln. In einer Schrift mit dem Titel „Der menschliche Faktor und die Lehren aus der Vergangenheit“ betonte er, dass die Verteidigung der sozialen Ungleichheit durch die sowjetische Elite einer der Hauptgründe für die Degeneration des „menschlichen Faktors“ in der UdSSR gewesen sei. Die besten Elemente des „menschlichen Faktors“ waren von Stalin während des Terrors vernichtet worden. Korruption, Desillusionierung, Parasitismus, Karrierismus und individuelle Selbstdarstellung – die markantesten Merkmale der Breschnew-Ära – waren hingegen der „menschliche Faktor“, den der Stalinismus geschaffen hatte. Rogowin betonte, dass die Perestroika bei der Förderung von Ungleichheit und Markt keinen Bruch mit dem Stalinismus oder dem Erbe der Breschnew-Ära markierte, wie oft behauptet wurde, sondern deren Fortführung.

Ein Jahr später schrieb er: „Die Anhänger der neuen elitären Konzepte wollen die Sowjetgesellschaft mit einem solchen Maß an sozialer Differenzierung versehen, wie es unter Stalin existierte, obwohl die stalinistische Unterdrückung abgeschafft worden ist. Dabei wird vergessen, dass der niederträchtige Charakter dieser Repressionen [....] aus dem Bemühen entstanden war, vor allem jene Kräfte in der Partei und im Land, die zwar gezwungenermaßen schwiegen, aber die sozialen Grundlagen des Stalinismus nach wie vor ablehnten, nicht nur niederzuhalten, sondern auch physisch zu vernichten.“

Nach Jahren des Studiums dieser Fragen in nahezu völliger Isolation konnte Rogowin endlich offen über dieses Thema schreiben. Er testete seine Möglichkeiten, indem er im August 1989 zunächst in der Zeitschrift Theater „L.D. Trotzki über Kunst“ veröffentlichte. Kurz darauf folgte ein Artikel mit dem Titel „Die internen Parteikämpfe der 1920er: Gründe und Lehren“, der ebenfalls in einer Zeitschrift außerhalb seines Fachgebiets, nämlich in der Politischen Bildung, veröffentlicht wurde. Anfang 1990 veröffentlichte Rogowin in Die Wirtschaftswissenschaften – einem Forum, das wahrscheinlich seine Kollegen aus der Soziologie eher wahrnehmen würden – den Artikel „L.D. Trotzki über die NEP“. Und schließlich, ein paar Monate später, erschien „L.D. Trotzki über soziale Beziehungen in der UdSSR“ im führenden Journal seiner Disziplin, der Soziologischen Forschung.

Im ersten Artikel zu diesem Thema, den Rogowin in einer soziologischen Fachzeitschrift veröffentlichte, untersuchte er Trotzkis Rolle in der sowjetischen Geschichte in den 1920er Jahren und fasste sein bahnbrechendes Werk Die Verratene Revolution zusammen. Rogowin bekannte damit, wem er die Ansichten, die er im Laufe des letzten Jahrzehnts entwickelt hatte, grundsätzlich verdankte.

Trotzki wurde jedoch von den sowjetischen Offiziellen weiterhin verunglimpft. 1987, am 70. Jahrestag der Russischen Revolution, beschrieb Gorbatschow Trotzki als „den Erzhäretiker der sowjetischen Geschichte, einen „übermäßig selbstbewussten Politiker, der immer schwankte und betrog“.

Wegen seines tiefen Respekts vor dem Trotzkismus und wegen seiner Bemühungen, seine Arbeit in die Tradition der Stalinismuskritik der Linken Opposition zu stellen, isolierte sich Rogowin zunehmend von seinen Kollegen, die zum Teil in die Jelzin-Regierung eintraten und zur Umsetzung der Schocktherapie beitrugen, einer Schlüsselkomponente der kapitalistischen Restauration in Russland. Diese „Fachwelt“ verzieh ihm seine Unnachgiebigkeit und Prinzipienfestigkeit nie. In den zahlreichen Monographien und anderen Publikationen, die in den letzten 20 Jahren über die Soziologie in der UdSSR erschienen sind, werden Rogowin oder seine Beiträge kaum erwähnt.

Aber Rogowins Isolierung von der sowjetischen Soziologie untergrub seine Arbeitsfähigkeit nicht. Vielmehr fiel sie mit dem Beginn der Veröffentlichung von Gab es eine Alternative? zusammen. 1992 traf Rogowin das Internationale Komitee der Vierten Internationale und baute eine enge politische und intellektuelle Beziehung zur trotzkistischen Weltbewegung auf, die sich im Laufe der nächsten Jahre intensivieren sollte. Diese Beziehung war die Grundlage, auf der Rogowin einen immensen Beitrag zur Verteidigung Trotzkis und der historischen Wahrheit leistete. David North zollte ihm in einem jüngst neu veröffentlichten Nachruf hohe Anerkennung.

Rogowin ist vor 20 Jahren gestorben, doch mit seinem Werk trägt er weiterhin dazu bei, die Arbeiterklasse mit historischem Bewusstsein zu bewaffnen.

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