Abbau von 12.000 Arbeitsplätzen: Bayer-Arbeiter werden im Unklaren gelassen

Von Dietmar Henning
7. Dezember 2018

Eine Woche nachdem die Bayer AG angekündigt hat, in den kommenden vier Jahren 12.000 Stellen abzubauen und weitere 10.000 Arbeitsplätze durch den Verkauf von Unternehmensteilen abzustoßen, werden die Arbeiter über das Wann und Wie dieses Arbeitsplatzmassakers im Unklaren gelassen.

Bayer hatte vorletzten Donnerstag verkündet, weltweit fast jede zehnte seiner 118.000 Stellen abzubauen, davon soll ein „signifikanter Teil“ auf Deutschland entfallen. In Deutschland arbeiten derzeit fast 32.000 Menschen bei Bayer, die meisten im Hauptsitz in Leverkusen.

Bislang sind den Beschäftigten von Vorstand und Betriebsrat nur die Bereiche und die weltweite Gesamtzahl der abzubauenden Arbeitsplätze benannt worden. Einzige Ausnahme ist die Produktion am Standort Wuppertal. Hier schließt Bayer die erst kürzlich für eine halbe Milliarde Euro fertiggestellte Fabrik zur Herstellung des Blutermedikaments „Faktor VIII“.

Der Wirkstoff war Anfang der 2000er Jahre in Wuppertal entwickelt, zunächst aber im kalifornischen Berkeley produziert worden. 2015 verkündete Bayer, in Wuppertal eine zweite Produktion aufzubauen. „Eine der größten Investitionen in der Geschichte von Bayer HealthCare“, jubelte der Konzern damals. Im Sommer 2018 lief der Probebetrieb an. Nun soll die nagelneue, noch nicht im Regelbetrieb produzierende Fabrik wieder stillgelegt werden.

Auf Teilbetriebsversammlungen wurde den Beschäftigten am Dienstag mitgeteilt, dass der Arbeitsplatzabbau über Abfindungen und über Frühverrentung organisiert werden soll. Die finanziellen Einzelheiten sollen sie kurz vor Weihnachten erhalten.

In Wuppertal informierte gestern Morgen der Leiter des Forschungs- und Entwicklungsbereichs, Jörg Möller, auf einer Betriebsversammlung die 1500 dort Beschäftigten dieser Sparte per Videozuschaltung, dass in Deutschland in diesem Bereich 1000 Arbeitsplätze abgebaut werden. In Berlin, dem größten Forschungsstandort bei Bayer, sind 600 Arbeitsplätze betroffen, in Wuppertal 400. Damit erhöht sich der Stellenabbau in Wuppertal auf 750 oder rund ein Fünftel der 3400 Arbeitsplätze bei Bayer.

Für alle anderen Beschäftigten ist die Zukunft völlig unklar. Bayer hat angekündigt, neben den 350 Stellen beim Faktor-VIII-Betrieb in Wuppertal und den 1000 Stellen in Forschung und Entwicklung, weitere Arbeitsplätze in folgenden Bereichen zu streichen:

· 5500 bis 6000 Stellen in der Verwaltung. Der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, Oliver Zühlke, erklärte in einem Interview mit der Rheinischen Post: „Das wird auch große Auswirkungen auf Deutschland und auch in Leverkusen haben.“

· 4100 Jobs in der Agrarchemiesparte (Crop Science). Das sind die „Synergien“, die durch die Übernahme des US-Konzerns Monsanto entstehen.

· 1100 Arbeitsplätze in der Produktion rezeptfreier Medikamente (Consumer Health).

Nicht eingerechnet ist der Abbau von weiteren 10.000 Bayer-Arbeitsplätzen durch den Verkauf der Sparte Tiermedizin, der Gesundheitsproduktemarken Coppertone (Sonnenschutz) und Dr. Scholl‘s (Fußpflege) sowie des 60-prozentigen Anteils am deutschen Standortdienstleister Currenta, bei dem alleine schon mehr als 5000 Menschen an den deutschen Standorten arbeiten.

Gesamtbetriebsratschef Zühlke sagte im Interview mit der Rheinischen Post: „Für die Currenta-Beschäftigten haben wir mit dem Vorstand u.a. vereinbart, dass eine Zerschlagung innerhalb der ersten drei Jahre nicht möglich ist.“ Soll heißen: Eine Zerschlagung des Unternehmens ist bereits im Gespräch und wird in den kommenden Jahren vorbereitet.

Die Beschäftigten in insgesamt 79 Ländern werden über die Einzelheiten des Arbeitsplatzabbaus gezielt hingehalten. Erst im Frühjahr oder sogar Mitte des nächsten Jahres sollen genaue Pläne vorliegen. Unternehmensleitung und Betriebsrat wollen die Unsicherheit nutzen, um gemeinsamen Widerstand zu verhindern.

Bereits nach der Ankündigung des Arbeitsplatzabbaus durch den Vorstandsvorsitzenden Werner Baumann ist einmal mehr klar geworden, dass die Arbeitsplätze nicht mit, sondern nur gegen die Betriebsräte und die Gewerkschaft IGBCE verteidigt werden können. Die Betriebsräte arbeiten seit Monaten an den Abbauplänen und haben diesen am 29. November in einer „Gemeinsamen Erklärung“ mit dem Titel „Zukunftssicherung Bayer 2025“ einstimmig zugestimmt.

Die Demonstration gegen den Arbeitsplatzabbau in Wuppertal, zu der der dortige Betriebsrat am Montag aufgerufen hatte, diente daher vor allem der Verschleierung dieser Tatsache. Der Wuppertaler Betriebsrats-Vorsitzende Michael Schmidt-Kießling sitzt im Aufsichtsrat (Vergütung 2017: 133.000 Euro) und hat wie alle anderen auch der „Gemeinsamen Erklärung“ zugestimmt. Darin heißt es ausdrücklich: „Um wettbewerbsfähig zu bleiben, wird die neu gebaute Produktionsanlage (CEB FVIII) in Wuppertal nicht genutzt.“

Gegenüber der Rheinischen Post betonte Schmidt-Kießling am Dienstag, dass der Betriebsrat diese Entscheidung aus wirtschaftlichen und kaufmännischen Überlegungen unterstützt. Die wichtigste „wirtschaftliche Notwendigkeit“, die hinter dem Arbeitsplatzmassaker steckt, ist die hemmungslose Gier der Aktionäre und Investoren.

Konzernchef Baumann hat am Mittwoch seine „Effizienz- und Strukturmaßnahmen“ beim sogenannten Capital Markets Day von Bayer in London vorgestellt. Alle Bereiche von Bayer sollen bis 2022 und darüber hinaus zu „einer verbesserten Performance des Unternehmens“ beitragen. Die Profit-Marge soll sich von ca. 26 Prozent im laufenden Jahr auf etwa 27 Prozent im nächsten und auf mehr als 30 Prozent im Jahr 2022 erhöhen.

Die Finanzmärkte fordern eine nie endende Steigerung der Profite. Das war schon der Grund für die Übernahme von Monsanto. Monsanto ist dank des Aufkaufs anderer Saatgutunternehmen weltweiter Monopolist bei der Produktion von genverändertem Saatgut. Laut Greenpeace soll der Marktanteil von Monsanto 2005 bei über 90 Prozent aller weltweit angebauten transgenen Pflanzen gelegen haben.

Diese Monopolstellung garantiert dem Konzern hohe Gewinne. Laut einem Artikel, der damals in der Financial Times Deutschland erschien, konnte der Konzern auch in dem von der Finanzkrise geprägten Jahr 2009 Absatz, Marktanteil und Eigenkapitalrendite steigern. Bauern in Entwicklungsländern seien von den Produkten des „Quasimonopolisten“ abhängig.

Nachdem Monsanto im August in den USA in einem ersten Urteil zu hohen Schadensersatzzahlungen verurteilt wurde, weil der Unkrautvernichter Glyphosat im Verdacht steht, krebserregend zu sein, fiel der Börsenwert von Bayer um fast 40 Prozent. Bayer brauche „einen Befreiungsschlag“, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung vor fünf Tagen. Und in der Welt heißt es, der Versuch eines Befreiungsschlages solle die aufgebrachten Anteilseigner beruhigen und ein Signal an die Investoren senden.

Der größte „aufgebrachte Anteilseigner“ ist der Hedgefonds Blackrock, der etwas mehr als 7 Prozent der Bayer-Aktien besitzt, die sich ansonsten im Streubesitz von 343.000 Aktionären befinden. Aufsichtsrat von Blackrocks Deutschlandsparte ist Friedrich Merz, der für den CDU-Vorsitz kandidiert und Bundeskanzler werden möchte. Blackrock verwaltet als weltgrößter Fonds sechs Billionen Dollar. Das ist mehr als das 17-Fache des gesamten Bundeshaushalts.

Während die gut bezahlten Betriebsräte, deren Arbeitsplätze und großzügigen Renten gesichert sind, gemeinsam mit Bayer-Chef Baumann die Aktionärsinteressen vertreten und den Verlust von tausenden Arbeitsplätzen vereinbaren, steigt bei den Beschäftigten die Wut.

Ein Wuppertaler Arbeiter sagte am Dienstagmorgen zu einem WSWS-Reporter, der den Aufruf der Sozialistischen Gleichheitspartei (SGP) zur Verteidigung der Arbeitsplätze verteilte: „Was wir hier mal bräuchten, wäre eine Aktion wie in Frankreich. Wir sollten den ganzen Laden mal ein paar Tage dicht machen – und nicht nur hier in Deutschland, sondern weltweit.“

Siehe auch: „Verteidigt die Arbeitsplätze bei der Bayer AG!

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