Eugène Delacroix – Romantischer Maler im Metropolitan Museum in New York

Von Clare Hurley
10. Januar 2019
Zusammenstoß arabischer Reiter, 1833-1834

Anfang 2018 zeigte das Pariser Louvre-Museum eine beeindruckende Ausstellung zur Kunst des romantischen französischen Malers Eugène Delacroix (1798–1863), die einen Besucherrekord auslöste. Die Ausstellung wurde zuletzt im Metropolitan Museum (Met) in New York City fortgesetzt und war nach einem halben Jahrhundert die erste umfassende Gesamtschau über das Lebenswerk von Delacroix. Sie umfasste 150 Gemälde, Zeichnungen, Drucke und Manuskripte, die bisher selten zusammen gezeigt wurden, viele davon noch nie in den USA.

Unglücklicherweise konnte Delacroix‘ weltberühmtes Gemälde über die siegreiche Revolution, Die Freiheit führt das Volk (1830), aufgrund seiner Größe nicht in das Met transportiert werden. Diese Lücke machte sich schmerzlich bemerkbar, teilweise deshalb, weil die Ausstellung vor dem Hintergrund der Breite und Vielzahl der Werke von Delacroix den außergewöhnlichen Charakter gerade dieses Gemäldes verdeutlicht. Nie wieder würde der Maler die Ereignisse seiner Zeit so unmittelbar zum Ausdruck bringen.

Der Tod des Sardanapal, Studie, 1826-1827

Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war in Frankreich durch Revolutionen, Konterrevolutionen, Umstürze und Bürgerkriege gekennzeichnet, in denen rivalisierende Fraktionen der Bourgeoisie um die Vorherrschaft kämpften, selbst dann noch, als die Arbeiterklasse bereits als heranwachsende Bedrohung der gesamten gesellschaftlichen Ordnung auf die historische Bühne trat. Die enormen sozialen Auseinandersetzungen und wirtschaftlichen Veränderungen Frankreichs dieser Zeit fanden in der Bewegung der Romantik einen mittelbaren und widersprüchlichen Ausdruck.

Die Figur der Freiheit, die die Pariser Massen unter der Trikolore der „liberté, égalité, fraternité“ anführte, erinnert an die Ideale und Ereignisse der Französischen Revolution von 1789. Eine Generation nach diesen Ereignissen widmet sich Delacroix‘ dem Thema auf eine Weise, die den Übergang vom Neoklassizismus der Revolutionszeit zur Einfühlsamkeit der Romantik verkörpert, und verdeutlicht den Einfluss auf die nachfolgenden künstlerischen Stimmungen und Bewusstseinslagen.

Eugène Delacroix von Félix Nadar

Als vielschichtige Bewegung war die Romantik für die europäische Kunst zwischen dem Ende des 18. Jahrhunderts und etwa 1840 prägend. Teilweise entstand sie als kritische Reaktion auf die industrielle Revolution und die augenfällige Mechanisierung und Urbanisierung des Lebens. Die Romantiker verklärten häufig die Natur und die emotionale Ausdrucksfähigkeit der Kunst, unter Einbezug überbordender Gefühle. Auf Authentizität und Aufrichtigkeit legten sie besonderen Wert, sowie auf die „innere Stimme“ des einsamen künstlerischen Genies, notfalls auf Kosten der Vernunft und empirisch genauer Darstellung.

Ihren Ursprung hatte die Romantik in den englischen Gedichten von Lord Byron, William Wordsworth (der forderte, dass Dichtung aus einem „spontanen Ausbruch mächtiger Gefühle“ erwachsen müsse), Samuel Coleridge, John Keats und Percy Bysshe Shelley. Sie erfasste aber auch andere Kunstformen wie zum Beispiel die Musik von Franz Schubert und Frédéric Chopin. Delacroix war „der große romantische Maler“, wie sein jüngerer Zeitgenosse Charles Baudelaire (1821–1867) ihn nannte.

Faust versucht Gretchen zu verführen, 1826-1827

Delacroix wies diese Bezeichnung allerdings zeitlebens zurück, da doch sein Werk die Ideale der Aufklärung weiterführe, auch wenn er oftmals turbulente, ausdrucksstarke Gemälde schuf, die eher typisch für die Romantik waren. Er teilte mit den Romantikern seine Hingabe an die höhere Bestimmung der Kunst, um das Erhabene und Bewundernswürdige wachzurufen, und pries die Kraft ungezähmter künstlerischer Imagination, mit der angeblich die „reine“ Kunst auf der Grundlage klassischer, literarischer oder historischer Quellen geschaffen wurde. In einem Brief von 1822 betonte Delacroix, dass „die Malerei das Leben an sich ist. Sie ist durch die Seele vermittelte Natur, ohne Umweg, unverschleiert, ohne Regeln oder Konventionen. Eigentlich ist die Malerei, besonders Landschaftsmalerei, die Sache an sich.“

Delacroix‘ Leben und Werk ist Ausdruck verschiedener Strömungen und Eingebungen. Er stand väterlicherseits in Verbindung mit Anführern der französischen Revolution, und über seine Mutter mit Künstlerkreisen. In dem äußerst zynischen Politiker Charles-Maurice de Talleyrand einen mächtigen Gönner, der Gerüchten zufolge sein biologischer Vater war, hatte er einen wichtigen Gönner. Mit sechzehn verwaist, bewies Delacroix außergewöhnliches Talent und erlernte Malerei in der neoklassischen Tradition von Jacques-Louis David (1748–1825), dem herausragenden Maler der Französischen Revolution.

Griechenland auf den Ruinen von Missolonghi, 1826

Delacroix wurde auch von dem Frühromantiker Théodore Géricault (1791–1824) beeinflusst, bei dem er studierte. Er stand seinem Mentor sogar Modell als einer der Verstoßenen für das Meisterwerk Floß der Medusa (1818–1819). Er war erst Anfang zwanzig, als sein Gemälde Die Dante-Barke in den Salon von 1822 aufgenommen wurde, wonach eine lange Erfolgsgeschichte an Aufkäufen und Aufträgen durch den französischen Staat einsetzte. Dabei kam es auch zu Kontroversen und gelegentlichen Zurückweisungen, wenn seine Arbeiten zu stark von den genormten Erwartungen der Akademie und der öffentlichen Meinung der Mittelschicht abwichen.

Seine technische Meisterschaft kam in der Met-Ausstellung durch die Auswahl lebhafter Portraits zum Ausdruck, beispielsweise in denen seiner Tante und des Cousins Madame Henri François Riesener und Léon Riesener (beide 1835 angefertigt), und in seinen vielen Skizzen und Ölstudien mit Modellen. Einige von diesen, wie Kopf einer alten griechischen Frau (1824) zum Beispiel, sind auf eigene Art beeindruckend, obwohl sie Delacroix stets eher als Mittel zum Zweck dienten. Leider war das schmerzgeplagte Gesicht der Frau im Massaker von Chios (1824) ebenfalls zu monumental, um aus dem Louvre verliehen zu werden. Griechenland auf den Ruinen von Missolonghi (1824) wurde jedoch gezeigt.

Die Freiheit führt das Volk, 1830

Und obwohl Delacroix‘ Gemälde über den griechischen Unabhängigkeitskampf vom osmanischen Reich (1821–1829) durch die französische Regierung gekauft wurden, die – ebenso wie Britannien und Russland – ihre wirtschaftlichen Interessen im Nahen Osten durch Interventionen geltend machte, wurde Delacroix vorgeworfen, dass er statt der heldenhaften Aspekte eher den Blutzoll und das Leid der Auseinandersetzung betonte.

Häufig schöpfte Delacroix aus literarischen Quellen, besonders aus Werken von Lord Byron und Sir Walter Scott, sowie von Shakespeare. In der Ausstellung fiel besonders eine Reihe von 18 Lithografien auf, die Delacroix 1826–1827 schuf, um den Faust des deutschen Dichters und Dramatikers Goethe zu illustrieren. Die Drucke stellen nicht nur die wilde, übernatürliche Geschichte des Doktors dar, der dem Teufel im Austausch gegen Allwissenheit und weltlichen Genuss seine Seele verkauft; sie belegen auch Delacroix‘ Meisterschaft in einer relativ neuen Technik des Drucks. Daneben werden auch reizvolle Skizzen von Tieren und Marginalia gezeigt, die nicht in die große Folio-Edition von 1928 eingegangen waren, die ebenfalls als Kopie in der Ausstellung zu sehen war.

Madame Henri François Riesener, 1835

Viele von Delacroix‘ Werken wurden großformatig für öffentliche Gebäude und Kirchen beauftragt und konnten somit nicht in Museen gezeigt werden. Dennoch verfügte die Ausstellung im Met über Die Schlacht von Nancy undDer Tod Karls des Kühnen, Herzog von Burgund, 5. Januar 1477 (1831) und Die Schlacht von Poitiers (1830), die beide die bourbonische Monarchie verherrlichen. Und obwohl der Maler immer versuchte, seine Kunst durch Auswahl weit zurückliegender Sujets vom politischen Tagesgeschehen fern zu halten, war er doch unausweichlich vom wechselnden politischen Schicksal seiner Förderer abhängig. So wurde das zuletzt genannte Gemälde durch die Gräfin du Berry beauftragt, Schwiegertochter Karls X, des letzten bourbonischen Monarchen. Nach der Entmachtung der Bourbonen durch Louis Philippe in der Juli-Revolution von 1830 und der Flucht der Gräfin musste Delacroix das Werk unbezahlt zurücknehmen.

Sei es, dass er 1932 den sozialen und politischen Unruhen nach der Juli Revolution in Paris entfliehen wollte oder dass es ihn nach einem Ortswechsel verlangte, jedenfalls reiste Delacroix als Teil einer diplomatischen Mission nach Marokko, kurz nachdem die Franzosen Algerien erobert hatten. Dort eröffnete sich ihm die Schönheit der Landschaft und der traditionell gekleideten Menschen als eine so „exotische“ Szenerie, dass er keinen Wunsch nach inneren Eingebungen mehr verspürte.

Die Schlacht von Poitiers, 1830

Das Met zeigte eine Auswahl seiner wunderbaren Studien über Menschen in den Straßen von Tanger. Obwohl seine Beobachtungen durch seinen romantischen Hang verklärt wurden, so dass er die arabischen Ladenbesitzer in ihren weißen Roben als moderne Verkörperung klassischer griechischer oder römischer Figuren ansah, fängt er doch das alltägliche Leben, wie nirgendwo sonst in seinem Werk, ganz unmittelbar ein.

Die Frauen von Algier in ihrem Gemach, 1834

Gemalt nach seiner Rückkehr in Paris ist Die Frauen von Algier in ihrem Gemach (1834) sicherlich ein Werk seiner Vorstellungskraft, denn nach das muslimische Recht dürfte es ihm schwerlich möglich gewesen sein, Frauen in der Intimität einer solchen Umgebung zu betrachten. Die Kunsthistorikerin Linda Nochlin behauptet in ihrem Aufsatz „Der imaginäre Orient“ (1983), dass solche Bilder aus der arabischen Welt westeuropäischen Männern dazu dienten, in erotischen Vorstellungen über die eroberten Kolonien zu schwelgen, und, im Fall von Delacroix‘ früherem Werk Der Tod des Sardanapal (1828), auch in sadistischen Machtfantasien. Wie dem auch sei, die aufwendige Farbgebung – erzielt durch Delacroix‘ Nebeneinander von Komplementärfarben – unterstreicht die verführerische Qualität der drei Frauen, denen in den schützenden Mauern des Raumes ein schwarzer Diener aufwartet.

Delacroix‘ Studien und Gemälde von Tieren, insbesondere Tigern, die er im Pariser Zoo beobachtete, dienten ihm ebenso dazu, die romantische Faszination für das Exotische und Bewundernswerte zu erkunden. Genauer gesagt vermitteln die Bilder eine diesen wilden Tieren eigentümliche Kraft, die nur durch ihre gezähmte und umzäunte Lebensweise verdeckt wird, die aber jederzeit grausam ausbrechen könnte.

Wildpferd, von einem Tiger niedergeworfen, 1828

So enthalten auch die Entscheidungsschlachten berittener Kämpfer – von denen viele auf der Beobachtung marokkanischer Militärübungen beruhten, wie die in Zusammenstoß arabischer Reiter (1833-1834) – eine erkennbare Parallele, ob absichtlich oder nicht, zu den brisanten Klassenbeziehungen der 1830er und 1840er Jahre, die in der Revolution von 1848 kulminierten.

Die brillante, dramatische Dynamik dieser Werke wird durch einen wechselnden Umgang mit der Form und der atmosphärischen Farbe noch verstärkt, was die Affinität Delacroix‘ zu den englischen Malern John Constable (1776–1837) und J.M.W. Turner (1775–1851) zeigt, die er beide 1825 besucht hatte. Die Ähnlichkeit, besonders mit dem letzteren, sollte sich in Delacroix‘ späterem Werk noch mehr ausprägen und von den Impressionisten und nachfolgenden modernen Künstlern bewundert werden.

Schließlich könnte unser Verständnis von Delacroix ohne sein Tagebuch nicht vollkommen sein. Auszüge daraus waren in der Ausstellung zu sehen. In seiner Art genauso bekannt wie seine Gemälde, wurde das Tagebuch in 20 Notizbüchern und zwei Zeitabschnitten (1822-1824 und 1849-1863) verfasst; leider scheint das Tagebuch von 1848 verloren gegangen zu sein.

Das Tagebuch ermöglicht ein lebendiges Bild von diesem Kunstschaffenden: Als junger Mann beschreibt er seine hohen künstlerischen Bestrebungen und macht Bemerkungen über seine Freundschaften, über Rendezvous mit Mannequins und seine knappen finanziellen Mittel. In seinen reiferen Jahren erscheint er als kultivierter Mann inmitten eines geschäftigen beruflichen und gesellschaftlichen Lebens in der Pariser Gesellschaft und in Künstlerkreisen, in denen auch Chopin und George Sand verkehrten. In späteren Jahren, als seine Kraft und Gesundheit nachließen, sorgte er zärtlich für seine Lebensgefährtin Jenny Le Guillou und ordnete seinen Nachlass. Auch seine Briefe sind eine faszinierende Lektüre.

Er war zu allen Zeiten ein kompromissloser Kritiker von Pomp, Oberflächlichem und Anmaßungen, ob in der Politik oder im Kulturleben, und unermüdlich der Kunst verpflichtet. Obwohl er Romantiker war, verfolgte er ein Konzept künstlerischer Wahrheit, das in der Aufklärung wurzelte und einem philosophisch materialistischen gleich kam: „Im Grunde genommen ist Kunst nicht das, was man gemeinhin darin sieht, also eine vage Inspiration aus dem Nichts, die sich ziellos entfaltet und bloß das Pittoreske, Äußere der Dinge abbildet. [Kunst] ist reiner Verstand, verschönert durch das Genie, folgt aber einem klaren Konzept und ist an höhere Gesetze gebunden“. (Tagebuch, 7. April 1849)

Bilder der Ausstellung: https://www.metmuseum.org/exhibitions/objects?exhibitionId=794db332-ad42-4bb9-b81e-2d1d602d947f

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