Amazon sucht ehemalige Bundeswehrangehörige als Führungspersonal

Von Dietmar Gaisenkersting
2. Februar 2019

Die Arbeitsbedingungen der weltweit fast 600.000 Arbeiter des Versandhändlers Amazon sind brutal. Jeder einzelne Handgriff ist durchgeplant und -getaktet, deshalb wird jeder Beschäftigte während der Arbeit lückenlos überwacht.

Diese Bedingungen bei zudem niedrigen Löhnen sind nur durch ein ebenso brutales Regime in den Amazon-Lagern durchzusetzen. Wie klar dies die Manager von Amazon verstehen, zeigt schlaglichtartig eine Stellenanzeige für ein derzeit im Bau befindliches Amazon-Logistikzentrum in der Nähe von Mönchengladbach bei Düsseldorf. Darin werden explizit „Teamleiter – m/w Führungskräfte mit militärischem Hintergrund“ gesucht.

Gegenüber dem WDR begründete Amazon diese gezielte Suche mit den „in den letzten Jahren international guten Erfahrungen“ mit den Militärs. Ehemalige Soldaten und Offiziere seien fähig, Teams zu leiten. „Viele Soldaten der Bundeswehr haben jahrelang solche wertvollen Erfahrungen gesammelt“, so Amazon. Der Versandhändler bestätigte, dass er bereits seit 2010 ein spezielles Recruiting-Programm habe, das sich ganz konkret an Führungskräfte des Militärs richte. „Auch andere Großunternehmen wie Aldi Süd setzen auf Führungskräfte mit militärischem Hintergrund“, berichtet der WDR.

Die Amazon-Anzeige auf der Job-Plattform Stepstone (heruntergeladen am 27. Januar 2019)

Das Logistikzentrum bei Mönchengladbach soll noch in diesem Sommer mit rund 1000 Beschäftigten in Betrieb gehen. Im Winter, in der Vorweihnachtszeit, sollen dann bis zu 3000 Männer und Frauen dort arbeiten, die meisten jedoch nur als kurzfristige Zeitarbeiter.

Das dreigeschossige Logistikzentrum mit über 130.000 Quadratmetern Fläche entsteht in Rheindahlen, unweit von Mönchengladbach. Das kleine Örtchen war jahrzehntelang als Standort der britischen Armee bekannt. Fast 60 Jahre lang befand sich dort das NATO-Hauptquartier JHQ Rheindahlen (JHQ: Joint Headquarters), das einen eigenen Stadtteil mit 2000 Gebäuden einschließlich Schulen, Kirchen, Sportanlagen und Einkaufszentrum umfasste.

Das JHQ wurde 2013 geschlossen und wird heute teilweise als Flüchtlingsunterkunft genutzt. In der Nähe ist noch die Zentrale Militärkraftfahrtstelle der Bundeswehr untergebracht. Die Niederrhein-Kaserne, die frühere Nicholson-Barracks der britischen Rheinarmee, steht bereits seit 2000 leer und wird zurzeit von der Polizei als Trainingsgelände genutzt. Es ist also gut möglich, dass die Gegend geeignet ist, um ehemalige Militärs zu rekrutieren.

Im Logistikzentrum in Rheindahlen soll auch die Technologie „Amazon Robotics“ eingesetzt werden. Dabei handelt es sich um computergesteuerte Transportsysteme, die bereits in Polen und Großbritannien verwendet werden. In Deutschland wurde Ende 2017 das neue Logistikzentrum in Winsen (Luhe) als erstes mit dieser Technik ausgerüstet.

Das NDR-Politikmagazin „Panorama 3“ hatte damals das Werk unter die Lupe genommen. Die moderne Technik könnte eigentlich die Arbeit leicht und angenehm gestalten. Doch bei Amazon bestimmt nicht der Arbeiter, was in welchem Tempo getan werden muss, sondern Computer und Roboter sagen ihm, was er zu tun hat, und registrieren, wie schnell er dies tut. Der Arbeitsrhythmus ist auf die Sekunde durchgetaktet. Der Arbeiter ist der Maschinerie völlig ausgeliefert.

Der Autor des NDR-Films, Kaveh Kooroshy, der sich bei Amazon in Winsen als Arbeiter einschleuste, kommentierte damals: „Man wird eigentlich selbst zum Roboter … Wenn man immer sagt, dass Roboter den Menschen immer ähnlicher werden, dann ist es bei Amazon genau umgekehrt: Die Menschen werden dem Roboter ähnlich.“ Dem System bleibe nichts verborgen, die eingesetzten Computer registrieten jede Bewegung, jeden Vorgang und jeden Arbeitsschritt.

In Kooroshys Film kommt eine Arbeiterin zu Wort, die sagt: „Die Teamleiter behandeln uns wie Maschinen, nicht wie Menschen.“

Inzwischen weiß man, dass diese Amazon-Teamleiter mit gewisser Wahrscheinlichkeit ehemalige Bundeswehr-Angehörige sind. Der Weltkonzern rüstet im wahrsten Sinne des Wortes auf. Der Grund dafür sind die unmenschlichen Arbeitsbedingungen, von denen die Amazon-Arbeiter berichten.

Nicht nur, dass die 600.000 Arbeiter auf Schritt und Tritt per GPS überwacht werden und jeder Handgriff, jede Verschnaufpause und jeder Toilettengang aufgezeichnet wird. Wenn ein Arbeiter eine Verschnaufpause einlegt oder auch nur unter seinem üblichen Arbeitspensum bleibt, gibt es „Ermahnungsgespräche“, wie Arbeiter des Amazon-Lagers in Rheinberg der WSWS berichtet haben. „Das Management versucht, die Arbeiter hier systematisch auszuquetschen und sie zu immer schnellerer Arbeit anzuhalten“, sagte einer.

Diese brutalen Ausbeutungsbedingungen führen häufig zu gesundheitlichen Beschwerden. Nur zu Krankenhäusern fahren mehr Krankenwagen als zu Amazon-Zentren. In Großbritannien ist das dokumentiert. Dort mussten allein im ersten Halbjahr 2018 insgesamt 600 Mal Krankenwagen zu den vierzehn Amazon-Lagerhäusern ausrücken.

Zu diesen sklavenähnlichen Ausbeutungsbedingungen gesellen sich niedrige Löhne. So wurde Anfang 2018 bekannt, dass 10 Prozent der Amazon-Arbeiter in Ohio in den USA die Voraussetzungen für das staatliche Lebensmittelmarken-Programm für Arme erfüllen. In den USA und auch in Europa wächst der Widerstand von Amazon-Beschäftigten gegen diese Arbeitsbedingungen und die geringen Löhne. In Europa streikten Ende des vergangenen Jahres mehrere Tausend Amazon-Arbeiter.

Das Ergebnis der rücksichtslosen Ausbeutung bei Amazon sind rasant steigende Gewinne und ein kletternder Aktienkurs. Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2018 steigerte der Konzern von Multi-Milliardär Jeff Bezos den Umsatz um 31 Prozent auf knapp 233 Milliarden Dollar (203 Mrd. Euro). Der Nettogewinn wurde mehr als verdreifacht – von 3 Milliarden auf über 10 Milliarden Dollar (8,7 Mrd. Euro).

Nutznießer sind die Aktienbesitzer, allen voran Jeff Bezos, Gründer und Chef des Konzerns, dessen Vermögen zuletzt auf rund 120 Milliarden Euro geschätzt wurde. Bezos ist der reichste Mensch der Welt. Er nimmt in einer Minute mehr Geld ein, als seine Beschäftigten in einem ganzen Jahr verdienen. Sein aus den Amazon-Arbeitern herausgepresstes Vermögen verteidigt er mit allen Mitteln – auch mit dem Einsatz geschulter Militärs.