Ford-Saarlouis: Autoarbeiter begrüßen Streiks in Matamoros, Mexiko

Von Marianne Arens
7. Februar 2019

Bei Ford in Saarlouis, nahe der Grenze zu Frankreich und Luxemburg, sind die Autoarbeiter unruhig und wütend. Der Ford-Konzern ist gerade dabei, in seinen Werken in Frankreich, Großbritannien und Deutschland ein neues Arbeitsplatzmassaker anzurichten. Weltweit sollen bei dem Autokonzern 25.000 Arbeitsplätze gestrichen werden.

Im Rahmen seines „Fitnessprogramms“, das dem Konzern Profite in Milliardenhöhe verschaffen soll, werden im Werk Saarlouis noch in diesem Jahr 1600 Stellen zerstört, die Produktion wird von drei auf zwei Schichten reduziert. Das ist aber noch nicht alles. Zu den „harten Entscheidungen“, die Ford-Europachef Steven Armstrong dem Handelsblatt ankündigte, könnte die Schließung des ganzen Standorts Saarlouis gehören. Dies könnte eine Folge der engen Zusammenarbeit in der Produktion sein, die Ford und der VW-Konzern Mitte Januar beschlossen haben.

In beiden Konzernen stützt sich das Management bei seinen Abbauplänen voll und ganz auf die Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft IG Metall. Im VW-Konzern übt der IGM-Betriebsrat ohnehin einen großen Einfluss aus. Auch in den deutschen Werken des Ford-Konzerns geschieht nichts ohne die Kooperation und Zustimmung der Betriebsräte und der IG Metall.

Bezeichnenderweise erklärte Ford-Europachef Armstrong am 10. Januar, er könne die konkreten Zahlen über die Arbeitsplätze, die gestrichen werden, erst „nach Ende der Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern“ bekanntgeben. Diese so genannten „Arbeitnehmervertreter“ von der IG Metall sind an höchster Stelle und von Anfang an in die Abbaupläne beider Konzerne involviert. Sie weigern sich jedoch, den Arbeitern reinen Wein einzuschenken.

„Wir sollten es machen wie die Gelbwesten in Frankreich“ oder „wie die Arbeiter in Mexiko“, sagten mehrere Arbeiter am Montag und Dienstag einem WSWS-Team, das vor den Toren Flyer verteilte. Diese informierten die Arbeiter über den Streik von 70.000 Arbeitern der Zulieferindustrie in Matamoros, Mexiko, und über die Demonstration und Kundgebung US-amerikanischer Autoarbeiter am kommenden Samstag in Detroit.

Schichtwechsel bei Ford Saarlouis

„Wir werden nicht auf dem Laufenden gehalten“, sagte uns Gérard, der bei Ford Dauernachtschicht fährt und schon seit acht Jahren hier arbeitet, am Montag. Er berichtete: „Erst war ich lange Zeitarbeiter. Schon mein Vater war 45 Jahre lang bei Ford. Wir opfern einen großen Teil unseres Lebens, speziell wir Nachtschichtler. Wir geben immer das Maximum fürs Werk, sind immer da und arbeiten sogar, wenn wir eigentlich krank sind.“

Offenbar macht sich Gérard, wie auch andere Autoarbeiter, Gedanken über die Weltlage und über das so genannte „Unternehmerrisiko“, wie er sagte: Er verstehe, dass die aktuelle Weltlage und Globalisierung zu einer gewissen „Sättigung“ des europäischen Automarkts führten. „Neue Märkte werden eröffnet. Wir sollten uns die Werke in Asien zum Vorbild nehmen.“ Aber die Arbeiter werden von keiner Seite informiert: „Wir informieren uns nur über die sozialen Netzwerke und Artikel im Internet. Sonst haben wir keine Information.“ Schon seit Mitte Dezember hätten das Management und der Betriebsrat die Arbeiter nicht mehr informiert: „Null Info, Funkstille. Absolut keine Nachricht.“

Er verglich die Arbeiter mit Kettensträflingen: „Also warten wir auf das Urteil. Keiner unternimmt etwas. Nichts bewegt sich – keine Info. Das ist nicht akzeptabel! Wir opfern hier unser Leben, denn was wir verkaufen, das ist unsere Arbeitszeit, es ist unsere Arbeitskraft, für die wir den Lohn kriegen. Es gibt keine Anerkennung. Und hinzu kommt, dass wir nichts über die eigene Situation erfahren. Es ist, als wären wir im Knast.“

Auf die Frage, was er über die Gewerkschaft denke, antwortete Gérard: „Offen gesagt: Die haben tatsächlich das Werk schon verkauft. Ich finde, die IG Metall ist nicht ehrlich.“ Wirkliche Informationen über die Situation habe er nur von der World Socialist Web Site erhalten.

Dort habe er auch vom Streik in Mexiko erfahren. Dazu sagte er – und ein Kollege, der zuhörte, stimmte ihm zu: „Die Arbeiter in Mexiko haben Recht. Arbeiter müssten das in der Türkei, in Russland, in Spanien, in Frankreich, überall genauso machen und zeigen, dass wir Arbeiter es sind, die die Werke am Laufen halten. Wir machen das doch nicht zum Spaß. Wir haben schon genug von unserer Lebenszeit drangegeben. Denn für den Lohn opfern wir unsere Lebenszeit.“

Mehrere Arbeiter der Nachtschicht stimmten zu, dass sie sich verraten und verkauft fühlten und am liebsten, wie in Mexiko, gemeinsam mit ihren Kollegen in aller Welt auf die Straße gehen würden. „Es wäre nicht schlecht, hier am Werk so eine Aktion wie in Mexiko auch zu starten“, sagten zwei vorbeikommende Kollegen. Anne, eine junge Angestellte einer Leihfirma, erklärte, sie habe am Freitag ihren letzten Arbeitstag im Werk. „Danach muss ich zuhause warten, ob ich eine neue Stelle bekomme, und meine Urlaubstage dafür aufbrauchen“, sagte Anne, was zeigt, dass das Risiko, das die Arbeiter tragen, das von Gérard zitierte sogenannte „Unternehmerrisiko“ bei weitem übertrifft.

Kamal

Kamal, ein anderer Nachtschichtarbeiter, bezeichnete die Arbeit im Werk als „nicht besonders gut. Unsere Arbeitsplätze sind bedroht“, sagte er. „Man weiß hier nicht viel, denn die rücken mit gar nichts raus. Die IG Metall ist verschlossen, was die Sachlage angeht. Wir tappen alle im Dunkeln.“

Kamal ist über eine Leihfirma im Werk beschäftigt und muss damit rechnen, seine Arbeit im Juni zu verlieren. „Für uns Leiharbeiter ist die Sache schon entschieden“, sagte er sarkastisch. „Da liegt das Opferlamm schon auf dem Tisch. Momentan führen sie zwar Verhandlungen, wie viele Leute abgebaut werden – aber dabei geht es nur noch um die Stammarbeiter.“

Von dem Streik in Mexiko habe er nur auf der Website erfahren, fuhr Kamal fort. „Ich habe es auf eurer Website gelesen. Woanders war das kaum zu sehen oder zu lesen. Wenn man das bei Google eingibt, tauchen nur die Seiten der Sozialistischen Gleichheitspartei auf. Das sind die einzigen, die darüber schreiben.“

Er bezog die Streiks in Mexiko, die die Arbeiter unabhängig von der Gewerkschaft organisiert haben, unmittelbar auf die eigene Situation. Dazu müsse sich „jeder einzelne seine Gedanken machen“, sagte er, „in wieweit man sich gegen den Betriebsrat organisiert. Es ist eine individuelle Entscheidung, denn da geht es um die Angst, dass man seine Stelle verliert. Man riskiert seinen Job, wenn man seine Meinung äußert.“

Auf die Rückfrage, was denn von einem Betriebsrat zu halten sei, vor dem man Angst haben müsse, bei offener Meinungsäußerung seine Stelle zu verlieren, erklärte Kamal: „Der Betriebsrat ist dabei, einen Spagat zu machen. Anhand der wirtschaftlichen Situation kann sich der Betriebsrat wahrscheinlich jetzt nicht auf die Seite der Arbeiter stellen.“

Allerdings betonte er, seiner Meinung nach sei das „eine Sache, wo man alle an einem Strang ziehen muss“. Deshalb finde er die spontanen Streiks in Mexiko gut, fuhr Kamal fort. „Ich finde es sehr gut, dass sie sich zusammenschließen. Dass sie gegen dieses Machtpaket von Management und Geschäftsführung vorgehen. So viele Menschen aus verschiedenen Werken, die gemeinsam handeln, müssen sich auch gemeinsam betroffen und solidarisch fühlen.“

Schließlich fragten wir Kamal, was er von der Demonstration am 9. Februar in Detroit halte. Diese Demonstration und Kundgebung vor dem GM-Headquarter wird zeigen, dass die Autoarbeiter unabhängig von den Gewerkschaften handeln müssen, um den Kampf gegen die Angriffe von General Motors, Ford und Chrysler und die dahinter stehenden Banken und Aktionäre aufzunehmen.

Kamal sagte dazu: „So eine Organisation, die die Arbeiter zusammenschließt, finde ich sehr gut, sehr solidarisch und vor allen Dingen sozial. Wo viel Geld ist, ist auch viel Macht. Die hohen Bosse denken, sie könnten über jeden Menschen, über so viele tausende von Schicksalen entscheiden. Bei allen negativen Auswirkungen: Hauptsache die Bilanz stimmt. Die Taschen sind voll, und wenn sie voll sind, sollen sie noch voller werden – für die Arbeiter interessiert man sich nicht.“

Die Reaktionen dieser und vieler weiterer Ford-Arbeiter machen deutlich, dass es im Werk eine große Bereitschaft gibt, gemeinsam mit Ford-Kollegen weltweit und mit anderen Autoarbeitern einen wirklichen Kampf um die Arbeitsplätze und für die sozialen Interessen der Arbeiterklasse aufzunehmen. Allerdings ist dazu ein Bruch mit der IG Metall und ihrer nationalistischen Standortpolitik notwendig.

Der Betriebsrat der Ford-Werke Saarlouis verteilte am Dienstag sein erstes „BR-Info“ dieses Jahres im Werk, und daraus geht klar hervor, worin seine Strategie bestehen wird: Der Betriebsrat sieht seine Aufgabe darin, für gerade mal 640 fest eingestellte Ford-Arbeiter eine „sozialverträgliche Personalanpassung“ – also Abfindungen, Altersteilzeit oder Ähnliches– zu erreichen. Fast tausend Stellen haben die Gewerkschaftsfunktionäre schon aufgegeben. Das sind zunächst die Stellen derjenigen Arbeiter, die gerade in den Ruhestand gehen oder das Werk auf andere Weise verlassen. Für die nachrückende Generation sind diese Arbeitsplätze unwiederbringlich verloren.

Besonders schändlich ist die Art und Weise, wie Betriebsrat und IG Metall die Leiharbeiter jetzt im Stich lassen. Im „BR-Info“ ist zu diesen Arbeitern nur ein Satz zu finden: „Nach Vorstellung der Geschäftsleitung sollen die Verträge von 500 Adecco-Kollegen nach dem 30.06.19 nicht verlängert werden.“ In einem Werbevideo der IG Metall Völklingen brüstet sich die Gewerkschaft noch: „Wir haben es geschafft, dass … die Spaltung der Betriebe in Stammbelegschaft und billige Leiharbeiter verhindert wurde.“ Doch genau wie schon bei der Neuen Halberg Guss und in anderen Fällen erweisen sich solche Phrasen als Schall und Rauch.

Der Nationalismus der IG Metall im Ford-Werk Saarlouis ist atemberaubend. Im „BR-Info“ schreibt der BR-Vorsitzende Markus Thal: „Unsere Arbeitsplätze! Das gilt für alle deutschen Ford Standorte!“ Mit keinem Wort wird erwähnt, dass im Nachbarland Frankreich (aus dem täglich hunderte Kollegen ins Ford-Werk Saarlouis pendeln) dieses Jahr ein weiteres Ford-Werk, Ford Blanquefort bei Bordeaux, mit 850 Arbeitsplätzen geschlossen wird. Auch die Werke im spanischen Valencia, in Craiova (Rumänien), in Russland, den USA und anderswo werden mit keinem Wort erwähnt.

Die Autorin empfiehlt:Kämpft gegen die Entlassungen bei Ford! Bildet Aktionskomitees, um die Arbeiter in ganz Europa zu vereinen!“ Aufruf der Sozialistischen Gleichheitspartei, der Socialist Equality Party (UK) und des Parti de l‘égalité socialiste vom 15. Januar 2019.

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