Von Lordstown nach Vietnam – und zurück

Von David North
8. März 2019

In den frühen 1970er Jahren war das General Motors Werk Lordstown Assembly Plant der Schauplatz militanter Kämpfe. Hier arbeiteten viele junge Männer, die durch die Bürgerrechtskämpfe und den Vietnamkrieg radikalisiert worden waren. Viele von ihnen hatten in Vietnam gekämpft, und ihre Erfahrungen prägten die Art und Weise, wie sie die amerikanische Gesellschaft betrachteten.

Das hier folgende Interview, das David North mit einem 23-jährigen GM-Arbeiter von Lordstown machte, wurde ursprünglich am 12. Februar 1973 im Bulletin veröffentlicht, der Wochenzeitung der Workers League (Vorläuferin der Socialist Equality Party).

Ausschnitt aus dem Bulletin: „From Lordstown to Vietnam and Back“

„Eigentlich bin ich nicht von Natur aus ein Radikaler und wollte das auch nicht sein. Es ist nur so, dass ich total gegen alles bin, wofür General Motors steht.“

Kaum eine Stunde zuvor war Bobs Schicht im riesigen GM-Montagewerk von Lordstown zu Ende gegangen. Jetzt saß er mir in einer Taverne namens „Pink Elephant“ gegenüber und schilderte seine Gefühle für das Werk, das er zusammen mit mehreren tausend anderen jungen Arbeitern im vergangenen Jahr drei Wochen lang bestreikt hatte.

„An dieser Fabrik hat sich nichts zum Guten verändert“, sagte Bob. „Das Management behandelt uns immer noch wie Maschinen. Sie sind offenbar der Meinung, dass wir überhaupt keine Gefühle haben. Für sie zählt nur die Produktion, und deshalb lassen sie das Band immer schneller laufen.

Ich muss zugeben: hier zu arbeiten, hat meiner Moral den größten Schlag versetzt. Es hat meine Meinung über so manches geändert.“

Der heute 23-jährige Bob hatte vor fünf Jahren erstmals im Werk Lordstown angefangen. Seither hatte er zwei Jahre bei den Marines verbrach, und erst wenige Wochen vor dem Streik war er aus Vietnam an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt.

„Weißt du, der Vietnamkrieg hat mich sehr verbittert gemacht. Das dort drüben hat mich vermutlich wirklich erschüttert. Dabei war ich, als ich aus dem Boot-Camp kam, so patriotisch wie man sich nur vorstellen kann. Ich ging wirklich auf jeden los, der dieses Land kritisierte. Damals hätte ich dir wahrscheinlich Ärger bereitet.

Aber das änderte sich schon nach einem Monat in Vietnam. Ich sage dir eins: Da drüben waren wir nicht die Guten. Hier zu Hause liest man nur über die Grausamkeiten des Vietcong. Aber du hättest bloß die amerikanische Armee in Aktion sehen sollen: Kopf-Abschneiden und was nicht alles.

Mensch, in Vietnam kann man nicht einmal anständig denken. Jeder wird dort zum Sadisten. Es ist schwer zu beschreiben. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie so sehr das Gefühl, gehasst zu werden. Sogar die Kinder haben uns gehasst, und ich kann es ihnen nicht verdenken. Schließlich haben wir ihre Dörfer zerstört.

Die einzigen Menschen, die sich freuten, dass wir da waren, waren die reichen Vietnamesen und vielleicht ein paar Prostituierte, die verzweifelt Geld brauchten. Vietnam ging mir unter die Haut. Meine Freunde wurden dort erschossen, und dann lagen all diese toten Vietnamesen auf der Straße, ehe die Dorfbewohner sie begruben. Monatelang habe ich mich nur gefragt, warum sie alle sterben mussten.

Was anderes, das mich wirklich aufgewühlt hat, waren die Morde an der Kent-State-Uni. Ich war früher ziemlich oft da draußen, weil dort das Verhältnis zwischen Frauen und Männern vier zu eins war. Als ich bei den Marines war, hörte ich dann von den vier Studenten, die von der Nationalgarde getötet worden waren. Meine Verlobte kennt einen Freund eines der Mädchen, die erschossen wurden. Sie hatte nicht einmal demonstriert, sondern war nur zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort: So fing sie sich eine Kugel in den Kopf ein.

Ich war entsetzt. Da ich bei den Marines bin, weiß ich etwas über die Ausrüstung, die das Militär bei Demonstrationen benutzt. Sie haben ein Pfefferspray erfunden, das sie hätten einsetzen können, das bringt jeden dazu, seine Eingeweide auszukotzen. Aber sie haben einfach mit scharfer Munition geschossen.

Nun, nachdem ich die Marines verlassen hatte, kam ich zurück, um wieder in Lordstown zu arbeiten. Das war wirklich eine Erfahrung. Wenn ich anfange, die Zustände zu beschreiben, kann ich vielleicht nicht mehr aufhören.

Zum Beispiel habe ich mir gerade heute den Kopf am Band angestoßen, sodass sich mir alles vor den Augen drehte. Ich wollte ein Krankenhaus aufsuchen, also habe ich unseren Gewerkschaftsvertreter gerufen. In der Zwischenzeit hatte ich ein paar Arbeitsschritte verpasst. Als der Vertrauensmann endlich kam, interessierte er sich nur für die Arbeitsschritte, die ich verpasst hatte.

Oder nimm die Lackiererei. Im Sommer ging die Temperatur manchmal über 100 Grad Fahrenheit [38°Celsius], weil sich niemand die Mühe machte, die kaputte Lüftungsanlage zu reparieren.

Eine andere Geschichte: Ich musste zur Toilette, aber konnte den Vorarbeiter am Band nicht erreichen, der mich ablösen sollte. Das Signalhorn, mit dem man ihn rufen kann, war nicht repariert worden.

Noch eine Sache, die mich aufregt. Einem Mann wurde eines Tags versprochen, er könnte vorzeitig gehen. Dann, im letzten Moment, zwang ihn die Firma, in der Fabrik zu bleiben, weil der Aufseher sagte, dass nicht genug Personal da sei. Aber warum zum Teufel entlassen sie dann Arbeiter, wenn das so ist?

Wenn du alles zusammen betrachtest, dann merkst du, dass GM versucht, dich klein zu kriegen. Sie tun es auf viele verschiedene Arten und Weisen. Ich kenne ein Mädchen, das einen College-Bericht darüber geschrieben hat, wie GM den Lake Cedar verschmutzt und das Ganze in einen stinkenden Sumpf verwandelt. Es stellte sich heraus, dass ihr Vater auch bei GM arbeitet, und die Firma drohte, ihn zu feuern, wenn der Bericht in Umlauf käme. So läuft das bei GM.

So wie die Dinge liegen, bin ich bereit zu streiken, und die meisten Männer in der Fabrik auch. Aber viele von uns erwarten nicht, dass die UAW uns wirklich unterstützt, wenn wir kämpfen. Bis jetzt war ich immer in der Lage, auf mich selbst aufzupassen, und weil ich nicht auf die Gewerkschaft zählen kann, löse ich meine Probleme in der Regel selbst. Aber einige Dinge kann man nicht alleine lösen.

Dieser Godfrey [GM-Direktor] hat’s auf uns abgesehen. Aber wenn er die Männer weiter so striezt, kommt es zum Kampf.

Ich glaube, ich weiß, was du meinst, wenn du darüber sprichst, dass man die Arbeiter auf einen echten Kampf gegen Nixon vorbereiten muss. Es ist nicht allzu schwer zu erkennen, dass GM Hand in Hand mit der Regierung arbeitet. Nixon lässt zu, dass das Unternehmen Preise erhöht und gleichzeitig unsere Löhne einfriert.

Ich habe weder für McGovern noch für Nixon gestimmt. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass diese Kerle meine Interessen vertreten. Sie sind auf der Seite von GM. Ich wäre für eine Arbeiterpartei, denn damit könnte ich mich wohl identifizieren. Aber ich bin sicher, dass ich weder zu den Demokraten noch zu den Republikanern gehöre.“