„Trotzki“ auf Netflix: Eine toxische Mischung aus Geschichtsfälschung und unverhohlenem Antisemitismus

9. März 2019

Netflix präsentiert seinem weltweiten Publikum derzeit die virulent antisemitische Fernsehserie Trotzki, die ursprünglich 2017 vom russischen Staat produziert wurde.

Esteban Volkov, Trotzkis 93-jähriger Enkel, hat die Serie kürzlich als „einen politischen Angriff, maskiert als historisches Drama“ und „Rechtfertigung für den Mord am ‚Monster‘ namens Trotzki“ angeprangert. Die lateinamerikanische Ausgabe der spanischen Zeitung El Pais bezeichnete die Serie als „zweiten Mord an Leo Trotzki“ und verurteilte die Darstellung des Revolutionärs „als Sadisten, kompletten Verräter und Marionette“.

Was von Netflix präsentiert wird, hat nichts mit Geschichte zu tun. Es ist nicht einmal eine künstlerische Fiktionalisierung der Geschichte, bei der man sich bestimmte Freiheiten für legitime dramatische Zwecke genommen hat. Die Netflix-Serie ist eine monströse und reaktionäre Übung in Geschichtsfälschung. In keiner einzigen Szene wird versucht, historische Ereignisse mit einem erkennbaren Bemühen um Korrektheit und Sorgfalt darzustellen. Die meisten Szenen sind groteske Erfindungen. Keine einzige Figur in der Serie, am wenigsten Leo Trotzki, hat eine Ähnlichkeit mit der historischen Figur, die hier angeblich dargestellt wird.

Um es klar und deutlich zu sagen: Netflix' Trotzki ist ein unverhohlen antisemitischer Film; nie zuvor wurde dem amerikanischen und internationalen Fernsehpublikum eine derart offen judenfeindliche Sendung präsentiert. Fieberhaft wird darin Judenhass angeheizt. Die Inspiration für diese Produktion sind die Protokolle der Weisen von Zion, die berüchtigte antisemitische Fälschung. Das Pamphlet wurde vor 1917 in Russland fabriziert, um ein angebliches Treffens von jüdischen Weltverschwörern zu belegen.

Die Darstellung aller jüdischen Charaktere im Film, beginnend mit Trotzki, basiert auf bösartigen antisemitischen Stereotypen. Sie sind blutrünstige und selbstverliebte Fanatiker, frei von menschlichen Gefühlen, verächtlich gegenüber den niedergeschlagenen Massen und unersättlich in ihrer Machtgier. Sie sind auch sexbesessen. Die meisten der männlichen jüdischen Charaktere werden in halb-pornographischen Szenen verunglimpft, einem Instrument der antisemitischen Diffamierung, das aus der Propaganda der russischen Rechtsextremen und der Nazis bekannt ist.

Die russischen Revolutionen von 1905 und 1917 werden als Ergebnis einer jüdischen Verschwörung dargestellt, die aus dem Ausland finanziert wurde. Der Ursprung der Revolution von 1905 ist ein krimineller Pakt zwischen Trotzki und Alexander Parvus, der Mittel von der deutschen Regierung erhält. Die Oktoberrevolution 1917, die monumentalste soziale Umwälzung der Geschichte, wird als „Putsch“ dargestellt, der von Trotzki mit Hilfe von nur zwei weiteren bekannten bolschewistischen Führern, die auch Juden waren, inszeniert wurde: Lew Kamenew und Grigori Sinowjew.

Trotzki ist eine dämonische Gestalt, die in Tod und Zerstörung schwelgt. Parvus, ein bedeutender marxistischer Theoretiker, ist von nichts anderem als unersättlicher Gier getrieben und erscheint wie eine Karikatur des intriganten Geldräubers, der aus antisemitischen Propagandafilmen der Nazizeit bekannt ist.

Lenin wird mehr oder weniger als Schurke dargestellt, der schließlich Trotzkis Verschwörung zum Opfer fällt.

Netflix's Trotsky

Trotzki überlässt Lenin nur deshalb die Macht, wie die Serie andeutet, um selbst durch die sozialistische Weltrevolution die Weltmacht zu erlangen. In einem frei erfundenen Gespräch mit Frank Jacson, dem späteren Trotzki-Attentäter, sagt Trotzki, dass er die Macht an Lenin übergeben habe, weil „ein jüdischer Herrscher nie auch nur einen Monat lang in Russland an der Macht bleiben würde“ und er zudem „mein wahres, echtes Ziel“ verfolge. Jacson antwortet: „Ja, ja, ja, ich weiß. Um die Flammen der Weltrevolution zu entfachen.“ Und Trotzki fährt fort: „Und als Russlands Diktator hätte ich mir nur die Hände schmutzig gemacht. Der Weg zur Macht geht nicht immer nach vorne. Man muss in der Lage sein, innezuhalten und zu warten.“

Der Film-Trotzki empfindet nichts als Verachtung für das russische Volk. In einer charakteristischen Szene sagt Trotzki zu seiner Gefährtin Natalja: „Das Volk ist eine schwache Frau. Die Leute haben eine weibliche Psychologie.“ Natalja antwortet: „Ich verstehe nicht, wie man mit einer solchen Verachtung von den Menschen sprechen kann, für deren Glück man kämpft, wenn ich es recht verstehe.“ Darauf Trotzki: „Verdient ein Volk, das seit Jahrzehnten unter Tyrannei leidet, etwas anderes als Verachtung?“

In einer anderen Szene, die während des Bürgerkriegs spielt, plädiert Trotzki aus seinem Unterschlupf im Kreml heraus für die Vernichtung der russischen Bevölkerung. „Wir schaffen eine Zukunft, in die wir bei weitem nicht alle mitnehmen werden. Nehmen wir an, 30, 50 oder 70 Prozent der Bevölkerung werden sterben, aber der Rest wird mit uns in den Kommunismus kommen... Die Grausamkeit [die wir einsetzen] wird von biblischem Ausmaß sein... Das ist die Geburt der neuen Welt.“

Die einzige sympathische Figur in diesem Film ist Trotzkis Attentäter, der stalinistische Agent Jacson (Ramon Mercader). Er nimmt einen edlen Kampf gegen Trotzki auf, der, wie die Zuschauer glauben sollen, ein wahrer Dämon ist. In einer Szene werden Trotzkis Augen tatsächlich schwarz. Für den Fall, dass den Zuschauer der Sinn entgeht, sagt Mercader über Trotzki: „Er ist buchstäblich der Teufel. Er saugt meine Seele nach und nach aus, jeden Tag.“ Am Ende des Films wird der Mord an Trotzki von Mercader als legitimer Akt der Selbstverteidigung dargestellt.

Man könnte unzählige andere Fälle von unverschämten, krassen Fälschungen und Erfindungen nennen, von Halbwahrheiten ganz zu schweigen. Die Serie ist eine Mischung aus hysterischem Antikommunismus und den schmutzigsten antisemitischen Elementen aus der Quelle obskurer Ideologien der orthodoxen Kirche und des virulenten russischen Nationalismus.

Die Serie verströmt den üblen Geruch des mörderischen Antisemitismus, der von den reaktionärsten Elementen in Russland vor der Revolution von 1917 und während des Bürgerkriegs verbreitet wurde. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert erlebte Russland schreckliche antijüdischen Pogrome. Das Zarenregime betrachtete den Antisemitismus als mächtige ideologische Waffe, die gegen die wachsende Bedrohung durch eine sozialistische Revolution eingesetzt werden konnte. Die Schwarzen Hundertschaften, angeführt von Wladimir Purischkewitsch, waren nur die bekanntesten der antisemitischen Kräfte, die als Stoßtruppen gegen die sozialistische Bewegung mobilisiert wurden.

Die bolschewistische Revolution und der damit verbundene Sieg der Arbeiterklasse im russischen Bürgerkrieg trieben viele der führenden Ideologen des zaristischen Antisemitismus ins Exil nach Deutschland, wo sie eine wichtige Rolle bei der Förderung einer tödlichen Form des Judenhasses spielten und einen wesentlichen Einfluss auf die spätere Nazi-Bewegung ausübten. Wie der Historiker Michael Kellogg in seinem Buch The Russian Roots of Nazism ausführlich dokumentiert hat, schöpften die zukünftigen Führer des Dritten Reiches ihre Ansichten über das „internationale Judentum als böswillige Kraft, das durch heimtückische Mittel nach Weltherrschaft strebt, stark aus den verschwörerisch-apokalyptischen Vorstellungen der emigrierten Weißen“.

Hitler lernte 1919 die Protokolle der Weisen von Zion durch seinen politischen Mentor Dietrich Eckart kennen. Letzterer, so Kellogg, „beklagte, dass der ‚Jude Trotzki‘ über ein ‚Leichenfeld‘ regierte, das einst das russische Reich gewesen war. Bitter merkt er an: ‚Oh, wie weise ihr Weisen aus Zion seid.‘" [The Russian Roots of Nazism: White Émigrés and the making of National Socialism 1917-1945, Cambridge University Press, 2005]

Netflix' Trotzki hätte genau so unter Nazi-Herrschaft produziert werden können. Dass die Produktion dieses antisemitischen Drecks von der Regierung Putin gefördert wurde, belegt nur den grundsätzlich reaktionären Charakter eines Regimes, das im Namen krimineller Oligarchen regiert und verzweifelt das Wiederaufleben einer revolutionären sozialistischen Bewegung in Russland fürchtet.

Angesichts des virulent antisemitischen Charakters der Trotzki-Serie könnte man annehmen, dass ein Sturm der Entrüstung gegen Netflix losbricht. Aber nichts dergleichen ist passiert. Zwar wird jeder, der ein Wort der Kritik an der brutalen Behandlung der Palästinenser durch den israelischen Staat zu äußern wagt, als Antisemit gebrandmarkt, doch Netflix' Trotzki wird durchgewunken. Die wenigen Rezensionen in den Vereinigten Staaten und Europa erwähnen den offenen Antisemitismus des Films nicht und auch nicht die unzähligen Fälschungen. Die New York Times hat keine Rezension veröffentlicht.

In einer am 20. Februar veröffentlichten Rezension schreibt Luke Johnson in der Washington Post ohne weitere Einwände: „Man zeigt ihn [Trotzki] als wagemutig, gebildet und fremd, Freud lesend in Paris und auf Soirees, die mit Kokain geschwängert sind, aber letztendlich gewalttätig und destruktiv.“ Johnson erinnert sich amüsiert daran, dass der russische Produzent Konstantin Ernst bei einer Aufführung der Produktion in Cannes im Jahr 2017 versuchte, die Serie bei potenziellen Käufern zu bewerben, „indem er Trotzkis sexuelle Handlungen scherzhaft mit Harvey Weinsteins Fehlverhalten verglich“.

Nicht nur die Medien versäumen, den Netflix-Film in gebotener Schärfe zu kritisieren oder zu fordern, dass er aus dem Programm genommen wird. Auch jüdische Organisationen haben keinen Protest erhoben. Die World Socialist Web Site hat die Anti-Defamation League um eine Stellungnahme gebeten, diese meldet sich aber nicht dazu. Prominente Intellektuelle schweigen bis auf wenige Ausnahmen.

Was erklärt diese Gleichgültigkeit gegenüber der Ausstrahlung eines bösartig antisemitischen Werkes vor einem breiten Publikum?

Erstens wurde das kulturelle und politische Klima für diese Gleichgültigkeit durch jahrzehntelange historische Fälschungen geschaffen. Insbesondere die Dämonisierung Trotzkis, einschließlich der Verwendung antisemitischer Stereotypen, wurde seit 1991 auch von westlichen Wissenschaftlern betrieben. In ihren Büchern über Trotzki bezeichnen sowohl Ian Thatcher (Ulster University) als auch Robert Service (Oxford University und Suhrkamp) Trotzki wiederholt als „Bronstein“ (Trotzkis ursprünglicher Familienname, den er jedoch nie verwendete), um seine jüdische Herkunft hervorzuheben. Service ändert sogar Trotzkis Vornamen von „Lew“ in „Leiba“ (eine jiddische Form des Namens, die von Trotzki oder seinen Eltern nie verwendet wurde). Er beschreibt Trotzkis Familie als „mutige Juden“ und beschuldigt Trotzki fälschlicherweise, das Vermögen seines Vaters verschwiegen zu haben. Er beschreibt Trotzki als „keck in seiner Klugheit und offen in seinen Meinungen … Trotzki besaß diese Eigenschaften in einem höheren Maße als die meisten anderen Juden … dabei war er durchaus nicht der einzige Jude, der an den Chancen zum sozialen Aufstieg sichtlich Gefallen fand.“ Service schreibt: „In Wirklichkeit war seine Nase weder lang noch gebogen.“

Unter den Bedingungen einer wachsenden politischen Krise nimmt zweitens die Angst vor dem steigenden Interesse am revolutionären Sozialismus zu. Die herrschenden Eliten und ihre Handlanger in den Medien und in der Wissenschaft reagieren auf diese Bedrohung. Die historische Lüge, wie Trotzki schrieb, ist der ideologische Zement der Reaktion.

Antisemitismus und alle Formen von Rassismus basieren letztlich auf Geschichtsfälschung. Diese muss bekämpft werden. Es gibt zweifellos unzählige Historiker, die sehr wohl wissen, dass Netflix' Trotzki eine Sammlung von Lügen und Erfindungen ist. Es ist an der Zeit, dass sie sich öffentlich zu Wort melden und ihren Protest einlegen.

Das Internationale Komitee der Vierten Internationale und die World Socialist Web Site verurteilen diesen Film als eine üble Geschichtsfälschung sowie antisemitische und antisozialistische Propaganda. Wir fordern, dass Netflix diese Serie aus seinem internationalen Netzwerk herausnimmt.

David North und Clara Weiss

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