Autozulieferer Schaeffler streicht 900 Arbeitsstellen

Von Gustav Kemper
9. März 2019

Am Mittwoch gab der Vorstandschef der Schaeffler AG, Klaus Rosenfeld, auf der Jahrespressekonferenz den Abbau von insgesamt 900 Arbeitsplätzen an fünf europäischen Standorten des Autozulieferers bekannt, davon 700 an deutschen Standorten.

Wie bei vorhergehenden Stellenstreichungen spielen die IG Metall und ihre Betriebsräte ein schändliches Spiel. Sie lehnen die prinzipielle Verteidigung der Arbeitsplätze ab und setzen – gemäß ihrer im April 2018 mit dem Unternehmensvorstand abgeschlossenen „Zukunftsvereinbarung“ – die schrittweise Vernichtung von Arbeitsplätzen durch.

Es sollen zunächst zwar keine Werke geschlossen werden, versicherte Rosenfeld, aber „diese Zahlen schließen den Verkauf von Randaktivitäten aus den Unternehmensbereichen Motoren- und Getriebesysteme ein“, heißt es in der Presseerklärung. Ob die Werke nach einem Verkauf bestehen bleiben, ist dann nicht mehr Sache des Verkäufers, und IG Metall und Betriebsrat können ihre Hände in Unschuld waschen.

Vermutlich sei die Zentrale in Herzogenaurach weniger betroffen, spekulieren Presseberichte, aber die Werke in Nürnberg, Erlangen, Gunzenhausen, Hirschaid oder Höchstadt sind im Gespräch. Ein darüber hinausgehender Stellenabbau sei nicht auszuschließen.

Seit Jahren verfolgt das Unternehmen, das von der Familie Schaeffler kontrolliert wird, eine rasante Wachstumsstrategie. Dazu gehört der Aufkauf von Konkurrenten, darunter die Firmen Lamellen- und Kupplungsbau (LuK) in Esslingen-Mettingen (1965), FAG Kugelfischer in Schweinfurt (2001), sowie die aggressive, feindliche Übernahme des größeren Konkurrenten Continental AG im Jahre 2009, dessen Mehrheitseigentümer Schaeffler mit einem Anteil von 46 Prozent der Aktien bis heute geblieben ist.

Insgesamt beschäftigt der Konzern in seinen etwa 170 Standorten in 50 Ländern über 90.000 Arbeiter. Das große Wachstum findet jedoch seit Jahren in Asien statt, wo inzwischen 17 Schaeffler-Werke über 18.000 Arbeiter beschäftigen, nahe den Werken der Endabnehmer in der Automobilbranche und anderen Industriezweigen. Gleichzeitig verpasste man den Produktionsstätten in Europa „Effizienz- und Rationalisierungsprogramme“.

„Reorganisation über die Schmerzgrenze?!“, betitelte die IG Metall im Oktober 2018 ihr Nachrichtenblatt für die Schaeffler-Beschäftigten, und beklagte die Verlagerung von 500 Arbeitsplätzen der Bereiche Finanzen, Personal, Einkauf, Logistik und IT in ein neues „Shared Service Center“ in Breslau, um mit den Niedriglöhnen der polnischen Arbeiter die Profite zu steigern.

Ein weiteres Programm, das im vergangenen Jahr beschlossen wurde, integriert die Produktionseinheit „Bearing Components & Technologies“ (BCT) in die beiden Bereiche „Automotive OEM“ und „Industrie“, wodurch etwa 440 Stellen in Deutschland und 510 Arbeitsplätze im Ausland entfallen, beginnend Anfang 2019.

Im November kündigte Schaefflers Europachef, Jürgen Ziegler, den schockierten britischen Arbeitern die Schließung der Werke Llanelli und Plymouth an, wovon etwa 600 Arbeitsplätze betroffen sind, und bat um Verständnis, denn etwa 30 Prozent des Umsatzes würde in Asien erzielt, ein Großteil der Produktion befinde sich aber noch in Europa.

Das jetzt neu vom Vorstandschef Rosenfeld unter dem Namen „RACE“ [Regroup Automotive for higher Margin and Capital Efficiency] vorgestellte Sparprogramm begründete er mit der sinkenden Profitabilität im Kerngeschäft des Unternehmens, der Autobranche, bedingt durch sinkende Nachfrage und zukünftige technische Umstellung auf Elektroantriebe.

Der Umsatz sei zwar im Jahr 2018 um 4 Prozent auf 14,2 Mrd. Euro gestiegen, aber der Nettogewinn sei auf 881 Mio. Euro gesunken, und in diesem Jahr erwarte man eine operative Marge von nur 8 bis 9 Prozent, was von Börsenanalysten im Vergleich zu früheren 13 Prozent als „Schritt rückwärts“ bemängelt wurde. Der Börsenkurs fiel daraufhin um 10 Prozent.

Die IG Metall ordnet die Interessen der Beschäftigten völlig den Profitinteressen des Unternehmens unter und ist darauf bedacht, die Belegschaft durch Informationen über die Weltmarktlage und die Umwälzungen durch die Umstellung der Antriebstechnik der Fahrzeuge von der Notwendigkeit dieser Sparpolitik zu überzeugen.

Im Oktober 2018 informierte sie die Arbeiter über das große Wachstum in Asien und Lateinamerika, während noch 35 Prozent aller Mitarbeiter in Deutschland beschäftigt seien. „Mit 22 Produktionswerken in Deutschland, 8 in China, 5 in Asien/Pazifik, 15 in Amerika, 24 in Europa/Indien verschieben sich die Schwerpunkte“, heißt es im Informationsblatt. „Schaeffler wird in Zukunft anders aufgestellt sein als in der Vergangenheit.“ Das fordere die Betriebsräte und auch die IG Metall besonders heraus, ein klares Bild sei noch nicht erkennbar.

Dabei ist die IG Metall in alle Planungen nicht nur eingeweiht, sondern direkt eingebunden. In einer im April 2018 beschlossenen „Zukunftsvereinbarung“ hatten sich IG Metall und Betriebsrat laut einer Presseerklärung des Unternehmens dazu verpflichtet, in einem „paritätisch besetzten Steuerkreis“ gemeinsam mit dem Vorstand Zukunftsthemen abzustimmen und „deutsche Schaeffler-Standorte auf wirtschaftlich tragfähige Art und Weise zu stärken“.

Daher bezeichnet die IG Metall im Nachrichtenblatt die Herausforderungen des Marktes, E-Mobilität, Digitalisierung und die nötige „Ergebnisqualität von 11-12% EBIT/Umsatz“ [Gewinn vor Zinsen und Steuern] als „Voraussetzung zur Finanzierung der Transformation“. Mit der Zukunftsvereinbarung hätten die „Sozialpartner – Management, Betriebsrat und IG Metall – einen Handlungsrahmen geschaffen“, mit zwei Zielen: die Mitarbeiter auf diesem Weg „mitzunehmen“ und „für die Zukunftschancen zu begeistern, um die Schaeffler-Gruppe auch in Zukunft erfolgreich zu machen“. Dabei gehe es um die Stärkung deutscher Standorte.

Gemäß „Zukunftsvereinbarung“ seien – wen überrascht es noch – betriebsbedingte Kündigungen „grundsätzlich ausgeschlossen“, was aber im Nachsatz wieder zurückgenommen wird. „Im Rahmen von Betriebsänderungen sind betriebsbedingte Kündigungen erst zulässig, wenn aus Sicht des Steuerkreises alle Maßnahmen zur Vermeidung der betriebsbedingten Kündigungen nach dieser Vereinbarung ausgeschöpft sind“, heißt es dort.

Schon während der Übernahme von Continental in der turbulenten Zeit der Finanzkrise 2009 hatte die IG Metall das Unternehmen durch ihre Zustimmung zu massiven Lohnkürzungen von 17 Prozent, Kurzarbeit sowie Aufhebungsverträge und Altersteilzeit für die Beschäftigten unterstützt.

AUch jetzt zeigen sich IG Metall und ihre Betriebsräte wiederum ganz offen als Handlanger der Unternehmensführung. Sie setzen ihren ganzen Apparat ein, um Arbeiter einzuschüchtern und zur Annahme der im „Interessenausgleich“ angebotenen „Freiwilligenprogramme“ zu drängen, d.h. zur freiwilligen Auflösung des Arbeitsverhältnisses gegen eine geringe Abfindung, oder Altersteilzeit oder andere Selbstbeschneidung der Lohneinkünfte.

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