69. Berlinale: Ein neuer Film über Bertolt Brecht

Von Stefan Steinberg und Sybille Fuchs
29. März 2019

In den letzten Jahren wächst das Interesse an dem linken deutschen Dramatiker und Dichter Bertolt Brecht (1898-1956). Zu den jüngsten Anzeichen für die erneute Aufmerksamkeit zählen die 2014 veröffentlichte umfangreiche Brecht-Biografie von Stephen Parker, deren deutsche Übersetzung 2018 im Suhrkamp Verlag erschien, und der Film Macky Messer – Brechts Dreigroschenfilmunter der Regie von Joachim A. Lang.

Auf der diesjährigen Berlinale hatte die neue Brecht-Filmbiografie des für seine historischen Dokudramen bekannten und vielfach ausgezeichneten Regisseurs Heinrich Breloer Premiere. Am 22. März lief der Film auf ARTE und am 27.März in der ARD.

Breloer macht Filme zu historischen Themen in der Art von sogenannten Doku-Dramen, darunter Die Manns Ein Jahrhundertroman über Thomas Mann und seine Familie, 2001; Speer und Er, über Hitler und seinen Lieblingsarchitekten Albert Speer, 2005; und Buddenbrooks nach dem Roman von Thomas Mann, 2008.

Brecht

Breloer kombiniert in diesen Arbeiten Dokumentationsmaterial mit von Schauspielern nachgespielten dramatischen Szenen und ergänzt sie mit Kommentaren. Durch diese Technik kann er einerseits eine lebendige Aktualität vermitteln, andererseits die historische Distanz verdeutlichen. Mit seinen Filmen konnte Breloer ein großes Fernsehpublikum für historische oder literarische Stoffe gewinnen, die sich mit Schlüsselfiguren und Epochen der deutschen Geschichte und Literatur beschäftigen. Er hat den gleichen Ansatz für seine neue Arbeit über Brecht gewählt.

Wie Breloer (geb. 1942) in der Einleitung des zu seinem Film erschienenen Buchs [1] erklärt, begann seine Faszination für Brecht in seiner Studentenzeit. Damals fiel ihm eine Ausgabe von Brechts Hauspostille in die Hände, einem Lyrikband, der damals viele junge Leute begeisterte, die begannen, sich mit dem im Westen als Parteigänger der SED verteufelten Autor zu beschäftigen. Bereits im Sommer 1963, nur sieben Jahre nach Brechts Tod, arbeitete der junge Breloer zusammen mit Claus Peymann, einem der herausragendsten deutschen Theaterregisseure, an einer Inszenierung von Brechts Antigone, einer Adaption der Tragödie von Sophokles in der Übersetzung Friedrich Hölderlins von 1804.

Einige Jahre später, im Sommer 1977, hatte Breloer eine Kopie des von Werner Frisch und KW Obermeier gesammelten Materials über Brecht (veröffentlicht 1975) in seinem Rucksack und reiste nach Augsburg, dem Geburtsort von Brecht. Dort spürte er Leute auf, die Brecht noch persönlich gekannt hatten und interviewte sie, darunter auch Paula Banholzer, Brechts erste Liebe.

2010 widmete sich Breloer erneut Brecht. Er begann weitere Persönlichkeiten zu interviewen, mit denen er nach seiner Rückkehr aus dem Exil in den USA und ab 1949 in der DDR zusammengearbeitet hatte, die in den 16 Jahren bis zu seinem Tod 1956 in seinem Leben eine Rolle spielten.

Diese Interviews mit einigen der engsten Freunde und Mitarbeiter Brechts machen den Reiz des neuen Films aus, denn diese Interview-Clips beleuchten jeweils wichtige Episoden in Brechts Leben und seine bedeutendsten Inszenierungen dieser Zeit.

Breloers Brecht besteht aus zwei Teilen. Die ersten 90 Minuten mit dem Titel Die Liebe dauert oder dauert nicht beschäftigen sich ausführlich mit den Aktivitäten und dem Liebesleben des jungen Brecht in Augsburg. Aber zugleich reagiert er mit seinen ersten schriftstellerischen Versuchen auf das Zeitgeschehen: 1914, zu Beginn des Ersten Weltkriegs, hatte sich der gerade 16-jährige Gymnasiast in vaterländischer Propaganda geübt, Aber schon bald wendet er sich gegen den grausamen imperialistischen Krieg, vor allem als ihn Briefe seines Jugendfreunds Caspar Neher (Ernst Stötzner) von der Front erreichen, der ihm von den fürchterlichen Schlächterei berichtet. Neher wurde später ein berühmter Bühnenbildner, der an vielen Produktionen von Brecht mitgearbeitet hat.

In einer frühen Szene des Films werden wir Zeuge, wie der junge Brecht (Tom Schilling) zum Entsetzen seines Lehrers in einem Aufsatz als einziger der Klasse dem Satz des Horaz, „Dulce et decorum est pro patria mori“ (Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben) heftig widerspricht. Dem jungen „Volksverräter“ wird sofort mit Schulverweis und dem Verlust der Zulassung zum Abitur gedroht.

Breloer konzentriert die ersten Szenen auf die wilden Augsburger Jahre Brechts mit seinen Freunden und die Beziehung zu Paula Banholzer, mit der er seinen Sohn Frank zeugt, was ihn aber nicht daran hindert, in München kurz darauf ein Verhältnis mit der Opernsängerin Marianne Zoff (Friederike Becht) zu beginnen und sie zu heiraten. Sie bringt bald darauf seine Tochter, die spätere Schauspielerin Hanne Hiob, zur Welt. In die Spielszenen mit der gespielten Paula (Mala Emde) werden Interviews mit der gealterten Paula Banholzer eingeblendet.

Adele Neuhauser und Burghart Klaußner in Brecht

Nach dem Krieg ist Brecht im April-Mai 1919 in München, als von der sozialdemokratischen Regierung in Berlin geschickte Reichswehrtruppen zusammen mit rechten nationalistischen Freikorpssöldnern die Münchner Räterepublik brutal und blutig niederschlagen. Zu dieser Zeit sympathisiert Brecht mit der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USDP), die sich 1917 von der Sozialdemokratischen Partei abgespalten hatte.

Diese Ereignisse – die Rolle des deutschen Kapitalismus im schrecklichen Krieg und die Niederlage der revolutionären Aufstände im Jahre 1919 (einschließlich der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im Januar dieses turbulenten Jahres) sowie die russische Revolution von 1917 – spielten eine entscheidende Rolle in Brechts politischer und künstlerischer Entwicklung.

In München wendet sich Brecht an den damals bekannten Schriftsteller Lion Feuchtwanger, der ihn unter seine Fittiche nimmt und ihm bei seinen ersten Bühnenversuchen hilft. Kurz darauf feiert der junge, inzwischen nach Berlin übergesiedelte Dramatiker mit dem Stück Trommeln in der Nacht in München seinen ersten Erfolg. „Der 24-jährige Dichter Bert Brecht hat über Nacht das dichterische Antlitz Deutschlands verändert“, schrieb der einflussreiche Theaterkritiker Herbert Ihering nach der dortigen Premiere des Stücks am 29. September 1922.

Breloer folgt dann Brechts Umzug nach Berlin, wo er als Dramatiker bald beachtlichen Erfolg hat. In Berlin lernt er die Schauspielerin Helene Weigel (Lou Strenger), seine spätere Ehefrau und lebenslange Gefährtin und Mitarbeiterin kennen. Dort feiert er als Dramatiker weitere Erfolge. Den Höhepunkt seiner erfolgreichen Arbeit in der Weimarer Republik bildet die triumphale Aufführung seiner zusammen mit Elisabeth Hauptmann (Leonie Benesch), einer weiteren Geliebten und Mitarbeiterin, und dem Komponisten Kurt Weill verfassten Dreigroschenoper im Jahr 1928 im Theater am Schiffbauerdamm.

Ende der zwanziger Jahre beginnt Brecht, marxistische Literatur zu studieren, und gerät zunehmend unter den Einfluss der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), aber auch von linken Abweichlern und Intellektuellen wie Karl Korsch. Er möchte sich und seine Kunst in den Dienst der proletarischen Revolution stellen, aber die Stalinisierung der Kommunistischen Partei und antimarxistische Persönlichkeiten wie Korsch tragen zu Brechts politischer Desorientierung bei.

In mehreren Interviews verweist Breloer auf Brechts Bemühungen, sein Privatleben und seine Persönlichkeit zu verbergen. Stattdessen wollte der Dramatiker nur in Bezug auf seine Arbeit in Erinnerung bleiben. „Er liebte die Masken der Klassiker“, stellt der Filmemacher fest. Mit seinem Film versucht Breloer, hinter diese „Masken“ zu schauen und Brechts persönliches Leben zu beleuchten. Er geht dabei näher auf die komplexen Beziehungen von Brecht zu einigen seiner engsten Mitarbeiterinnen und Geliebten ein. Dabei macht er deutlich, dass Brecht in seiner literarischen und dramatischen Arbeit stets auf Zusammenarbeit abzielte und seine Ideen als Leitfigur eines Teams entwickelte.

Die entscheidenden Auseinandersetzungen Brechts mit der Kommunistischen Partei und sein letztlich feiges Einknicken vor der stalinistischen Bürokratie vor allem in den Jahren des Exils nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland kommen bei Breloer kaum vor, genausowenig wie seine intensiven Gespräche mit Walter Benjamin u. a. über die Rolle Leo Trotzkis.

In seinem Buch stellt Breloer fest, dass das stalinistische Archiv in Moskau Brecht in den 1930er Jahren als „Trotzkisten“ bezeichnete, basierend auf den Verbindungen des Dramatikers mit Kollegen, wie der Schauspielerin Carola Neher. Sie und ihr Ehemann Anatol Becker wurden als Trotzkisten angeklagt. Becker wurde 1937 hingerichtet und Carola starb 1942 im stalinistischen Gulag. Brecht unternahm ein paar halbherzige, vergebliche Versuche, etwas über ihr Schicksal herauszufinden. Er gab es aber bald auf, zumal er nach und nach erfuhr, dass fast alle seiner in Moskau lebenden Freunde und Bekannten ebenfalls dem Terror Stalins zum Opfer fielen. In Wirklichkeit lehnte Brecht, obwohl er Trotzkis Schriften bewunderte und lobte, dessen Analyse der stalinistischen Bürokratie als konterrevolutionär ab.

Breloers Film überspringt nahezu vollständig die Zeit von Brecht im europäischen und amerikanischen Exil. Im zweiten Teil, Das Einfache, das schwer zu machen ist, sehen wir den viel älteren Schriftsteller, der jetzt von Burghart Klaussner gespielt wird. Er setzt ein im Oktober 1947 in den USA, wo Brecht vor dem McCarthy-Ausschuss des Repräsentantenhauses für unamerikanische Aktivitäten (Un-American Activities Committee, HUAC) aussagen muss. Dieses Komitee veranstaltete nach dem Krieg eine wilde antikommunistische Hexenjagd gegen Kulturschaffende, vor allem in der Filmbranche. Breloer zeigt die Originalaufnahme des Verhörs sowie Szenen, in denen die dänische Schriftstellerin, Schauspielerin und Regisseurin Ruth Berlau (Trine Dyrholm), mit ihm seine Aussagen einstudiert.

Bertolt Brecht während seiner Aussage vor dem House Un-American Activities Committee (1947)

Am Tag nach der HUAC-Anhörung am 30. Oktober, in der er erklärte, er sei nie Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen (was streng genommen wahr war), kehrt Brecht nach Europa zurück. Schließlich siedelt er zwei Jahre später in die stalinistische DDR über, wo er seine literarische und dramatische Arbeit wieder aufnehmen kann. Mit seiner Ehefrau Helene Weigel, kongenial gespielt von Adele Neuhauser, baut er das Berliner Ensemble auf, eine Schauspieltruppe, die zunächst im Deutschen Theater spielen kann und vom Publikum begeistert gefeiert wird.

1953 erhält er schließlich sein eigenes Theater, das Theater am Schiffbauerdamm. Helene Weigel wird Intendantin. Gleichzeitig aber beginnt die SED-Bürokratie eine Kampagne gegen ihn als Formalisten und versucht, gegen ihn zu intrigieren. Brechts Inszenierung des Urfaust von Goethe trifft auf heftige Kritik der Kommunistischen Partei und ihrer Presse.

Obwohl er nach dem Krieg ständig mit den nationalistischen stalinistischen Philistern in Ostdeutschland in Konflikt gerät, ergreift Brecht wiederholt in entscheidenden Momenten Partei für die DDR und die Sowjetbürokratie, vor allem im Juni 1953, als er nach dem Aufstand der ostdeutschen Arbeiter das Regime von Walter Ulbricht öffentlich, wenn auch nicht ganz unkritisch, unterstützt. Veröffentlicht wurde in Ost (und West) allerdings nur seine Ergebenheitsbekundung. Nachdem Brecht die Bürokratie seiner Solidarität versichert hat, verfasst er gleichzeitig Notizen, in denen er die SED, Ulbricht, Stalin und ihre Politik kritisiert. Diese Notizen landen jedoch immer sicher in seiner Schublade.

Das Ulbricht-Regime ist sich bewusst, dass Brechts Werk nicht in seine repressive, antimarxistische Zwangsjacke des „sozialistischen Realismus“ passt, entscheidet jedoch, dass der Dramatiker und seine Theatergruppe, die immer unter strenger Beobachtung des staatlichen Sicherheitsdienstes (Stasi) stehen, eine wichtige Rolle spielen können. Sie dienen als Propagandaaushängeschild und Sicherheitsventil, um zu verhindern, dass sozial unzufriedene Schichten das System herausfordern. Brecht erhält eben darum ein Jahr vor seinem Tod in Moskau den Stalin-Friedenspreis. „Die Impulse der Menschen werden friedlich. Der Kampf aller gegen alle verwandelt sich in einen Kampf aller für alle ...“, sagt Brecht beschwörend in seiner Dankesrede. Breloers Film stellt diese Ereignisse überzeugend dar.

Das Plakat zum Film

Brecht schließt immer wieder künstlerische Kompromisse – etwa die Verlagerung seiner Inszenierungen auf Stücke aus anderen Kontinenten oder vergangenen Jahrhunderten, wie bei dem Hofmeister des Sturm-und-Drang-Autors Jakob Michael Reinhold Lenz. Oder er versteckt aktuelle gesellschaftliche Probleme in Fabeln und Allegorien, um eine direkte Konfrontation mit der Bürokratie zu vermeiden. Wichtige Sequenzen gegen Ende des Films zeigen Brecht bei den Proben einiger seiner späteren Werke, darunter Mutter Courage, Der kaukasische Kreidekreis und Leben des Galilei.

Breloers Film deutet an, dass Galilei eine deutliche Parallele zu Brechts Leben und Karriere hat. Der herausragende Astronom und Physiker Galileo Galilei (1564-1642), hat mit dem Papsttum einen Pakt geschlossen und seine wissenschaftlichen Entdeckungen widerrufen, um der Bestrafung durch die Inquisition zu entgehen. Während die erste, noch in Los Angeles aufgeführte Fassung des Stücks angesichts der Zündung der Atombombe vor allem das Thema der gesellschaftlichen Verantwortung des Naturwissenschaftlers behandelt, deutet die neue Fassung auf Brechts prekäres Verhältnis zur stalinistischen Bürokratie und die Kompromisse hin, die er schließt, um seine Arbeit fortsetzen zu können. Es fällt der Satz von Galilei, seine Hände seien „besser befleckt als leer“. Die Premiere erlebt Brecht nicht mehr. Er stirbt am 14. August 1956 an Herzversagen.

Breloers Film und das Begleitbuch bieten einer jüngeren Generation die Gelegenheit, sich mit Brecht, dieser literarischen Schlüsselfigur des 20. Jahrhunderts, jenseits von aufgezwungener Schullektüre vertraut zu machen. Das wieder aufgelebte Interesse an Brecht, der seit Jahrzehnten von der akademischen und offiziellen intellektuellen Welt als „toter Hund“ oder schlechter behandelt wird und nur noch selten aufgeführt wurde, ist ein Hinweis auf eine zunehmende Radikalisierung in der Gesellschaft.

Sowohl bei Arte als auch in der ARD sind die Filmbiografie als auch die Dokumentation in der Mediathek weiterhin zu sehen.

Eine erste Fassung dieses Artikels erschien auf Englisch als vierter einer Artikelreihe über die 69. Berlinale, die vom 7. bis 17. Februar 2019 stattfand.

1)Heinrich Breloer: Brecht. Roman seines Lebens. Kiepenheuer & Witsch, 528 Seiten, 26,00 Euro, ISBN 978-3-462-31862-3