Ein Brief an die New York Times über das Wiederaufleben des Antisemitismus in Deutschland

Von David North
10. Juni 2019

Diesen Brief schickte der Leiter der internationalen Redaktion der World Socialist Web Site, David North, an den Journalisten James Angelos als Antwort auf dessen Artikel „Der neue deutsche Antisemitismus“ im New York Times Magazine.

31. Mai 2019

Sehr geehrter Herr Angelos,

mit Interesse habe ich Ihren Bericht über das Wiederaufleben des Antisemitismus in Deutschland gelesen, der im New York Times Magazine erschien und auf der Titelseite der internationalen Ausgabe dieser Zeitung vom 29. Mai 2019 angezeigt wurde. Sie sind offenbar gut informiert über das Thema, das in der amerikanischen Presse skandalös stiefmütterlich behandelt wird.

Angesichts der Länge Ihres Artikels und der Tatsache, dass Sie in Berlin ansässig sind, konnte ich mich jedoch nur wundern, dass Sie in Ihrem Bericht die Äußerungen und Aktivitäten von Professor Jörg Baberowski auslassen, dem Inhaber des Lehrstuhls für die Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. Es ist eine unbestreitbare politische Tatsache, dass das Wiederaufleben der neonazistischen Rechten unter dem Deckmantel der Alternative für Deutschland durch einen kontinuierlichen Prozess des historischen Revisionismus unterstützt wurde, bei dem Baberowski seit dem Tod des berüchtigten NS-Apologeten Ernst Nolte die Hauptrolle spielt.

Der fehlende Hinweis auf Baberowski ist umso bemerkenswerter, als Sie konkret und zu Recht darauf hinweisen, dass „AfD-Politiker oft Nazi-Verbrechen relativieren, um dem entgegenzuwirken, was einige von ihnen einen nationalen ,Schuldkult‘ nennen“. Sie berichten auch über die berüchtigte Aussage des führenden AfD-Politikers Alexander Gauland, der von der Nazizeit als „nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ sprach.

Aber Gaulands Aussage ist das Ergebnis einer gefährlichen Entwicklung unter deutschen Wissenschaftlern, die an der Berliner Humboldt-Universität besonders weit fortgeschritten ist. Professor Jörg Baberowski steht an der Spitze der heutigen Bemühungen, den Holocaust zu relativieren, d. h. ihn als nur einen von vielen Massenmorden im zwanzigsten Jahrhundert darzustellen. Baberowski stellt den Holocaust als verständliche Antwort auf die angebliche Barbarei der Sowjetunion dar und konstruiert auf diesem Wege eine regelrechte Apologie für die Verbrechen der Nazis. Diese virulent antikommunistische Version der Geschichte – ganz im Sinne der Rechtfertigungen der NS-Führer für ihr Vernichtungsprogramm – wurde in den 1980er Jahren im Zuge des berühmten „Historikerstreits“ in Misskredit gebracht. Aber heute ist der historische Revisionismus im akademischen und politischen Leben Deutschlands wieder auf dem Vormarsch.

Im Februar 2014 erklärte Baberowski in einem Spiegel-Interview: „Hitler war kein Psychopath, er war nicht grausam. Er wollte nicht, dass an seinem Tisch über die Judenvernichtung geredet wird.“

Baberowski ist keine Randfigur des akademischen Betriebs in Deutschland. Er zählt hier derzeit zu den bekanntesten Historikern und ist häufig zur besten Sendezeit in den Medien zu Gast. Seine Ansichten über Geschichte und Politik beeinflussen und legitimieren die AfD und Personen wie Gauland. Baberowski verfügt über eine ergebene Fangemeinde unter den Rechten auf der ganzen Welt, die seine Tiraden gegen Immigranten veröffentlichen. Seine Äußerungen wurden von Breitbart News und dem bösartigen Online-Nazimagagin Daily Stormer wiedergegeben.

Obwohl Baberowski gezwungen war, eine Verleumdungsklage zurückzuziehen, nachdem ein deutsches Gericht entschieden hatte, dass er berechtigterweise als Rechtsextremist bezeichnet werden darf, wird der Professor von der Leitung der Humboldt-Universität uneingeschränkt verteidigt, die studentische Kritik an seinen Ansichten öffentlich für „inakzeptabel“ erklärt hat. Erst am 23. Mai hat die derzeitige Bildungsministerin, Anja Karliczek, in einer offiziellen Stellungnahme die Kritik an Baberowski als Angriff auf die Wissenschafts- und Meinungsfreiheit verurteilt. Im Kontext der deutschen Geschichte und Politik ebnet die Erklärung einer Bundesministerin, dass die Verteidigung Hitlers durch Baberowski eine legitime und sogar unanfechtbare, von Studierenden nicht zu kritisierende „Meinung“ darstelle, effektiv den Weg für eine positive Neubewertung des Dritten Reiches mit staatlicher Förderung. Auf die Erklärung der Ministerin folgte eine Titelstory der neuesten Ausgabe der rechten deutschen Zeitschrift Cicero, in der Studierende und insbesondere die Sozialistische Gleichheitspartei angeprangert werden, weil sie Baberowski entlarvt haben.

Der Fall Baberowski ist keine rein deutsche Angelegenheit. Denn offenbar sind Bemühungen im Gange, Baberowski eine internationale akademische Legitimität zu verschaffen. Kürzlich gewährte ihm die Princeton University für sein Projekt „Diktaturen im Wandel“ eine Förderung von nicht weniger als 300.000 Dollar. Die Princeton University weigert sich zu erklären, weshalb sie die Arbeit eines Nazi-Apologeten unterstützt.

Wenn Sie daran interessiert sind, Ihren Artikel um eine ernsthafte Untersuchung des zunehmend bedrohlichen intellektuellen Umfelds in Deutschland – insbesondere des pro-nazistischen Geschichtsrevisionismus – zu ergänzen, darf ich Sie auf die umfangreichen Schriften der World Socialist Web Site über den historischen Revisionismus und sein Verhältnis zum Wiederaufleben des neonazistischen Antisemitismus verweisen. Gestatten Sie mir auch, Ihnen das kürzlich erschienene Buch von Christoph Vandreier zur Lektüre zu empfehlen: Warum sind sie wieder da? Geschichtsfälschung, politische Verschwörung und die Wiederkehr des Faschismus in Deutschland. Vandreier, ein führendes Mitglied der Sozialistischen Gleichheitspartei (SGP) in Deutschland, bereiste kürzlich die Vereinigten Staaten, wo er an großen Universitäten über die Bedeutung der Geschichtsfälschung für das Wachstum des Faschismus sprach. Auf diesen gut besuchten Vorträgen zeigen sich die Studierenden zutiefst beunruhigt über das weltweite Wiederaufleben des Faschismus und alle Formen des Rassismus, einschließlich Antisemitismus. Ein Video von Vandreiers Vortrag an der Wayne State University in Detroit am 11. April 2019 ist unter https://www.wsws.org/en/articles/2019/05/22/vide-m22.html abrufbar.

Mit freundlichen Grüßen
David North
Leiter der internationalen Redaktion der
World Socialist Web Site