Expressionisten im Nationalsozialismus

Zweiter Teil: Die Brücke

Von Sybille Fuchs
1. Juli 2019

Zwei Ausstellungen in Berlin werfen wichtige Fragen über das Verhältnis moderner Künstler zur politischen Macht im Nationalsozialismus auf. Das Museum Hamburger Bahnhof der Nationalgalerie widmet sich dem Maler Emil Nolde (1876-1956) und seinem Verhältnis zu den NS-Machthabern und ihrer Ideologie. Das Brücke Museum in Berlin Dahlem greift das gleiche Thema in Bezug auf die Künstler Erich Heckel (1883-1970), Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976), Max Pechstein (1881-1950) und Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) auf, die der 1905 gegründeten Künstlergruppe Die Brücke angehörten.

Dieser Artikel befasst sich mit den Brücke-Malern. Der Beitrag zur Nolde-Ausstellung haben wir am 26. Juni veröffentlicht.

Flucht in die Bilder? Die Künstler der Bücke im Nationalsozialismus
Brücke Museum, Berlin,
14. April 2019 bis 11. August 2019

„Flucht“, „Innere Emigration“ als Reaktion auf den Nationalsozialismus? So hat die Kunstwelt nach dem Zweiten Weltkrieg die Maler der Brücke ziemlich einheitlich sehen wollen. Es war an der Zeit, dieser Frage genauer nachzugehen. Das tut die Ausstellung Flucht in die Bilder?. Sie wurde von Prof. Dr. Aya Soika (Bard College Berlin), Dr. Meike Hoffmann (Freie Universität Forschungsstelle Entartete Kunst) und Lisa Marei Schmidt (Brücke-Museum) kuratiert.

Während sich das Museum Hamburger Bahnhof mit der besonderen Rolle des Malers Emil Nolde in Zeit der Nazidiktatur auseinandersetzt, der der Künstlergruppe Die Brücke nur kurzfristig angehörte und ein glühender Nationalsozialist war, widmet sich die Ausstellung des Brücke Museums in Berlin-Dahlem der Rolle der Künstler Erich Heckel, Karl Schmidt Rottluff, Max Pechstein und Ernst Ludwig Kirchner in dieser Zeit.

Das benachbarte Kunsthaus Dahlem ergänzt die Ausstellung, indem sie die Nachkriegsgeschichte dieser Brücke-Künstler zeigt. Wie Nolde waren und sind diese Vertreter des Expressionismus bis heute vor allem wegen der Diskriminierung ihrer Kunst als „entartet“ im öffentlichen Bewusstsein. Sie wurden ausnahmslos als Opfer der Nazis verehrt.

Wie unterschiedlich die ehemaligen Brücke-Mitglieder tatsächlich auf den Nationalsozialismus reagiert haben, zeigt die Ausstellungdes Brücke-Museums. Sie alle waren in der Lage, als Künstler bis kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs weiterzuarbeiten.

Die Ausstellung ermöglicht erstmals einen umfassenden historisch-kritischen Blick auf das Verhalten dieser Künstler im Nationalsozialismus, ihre künstlerische Praxis und ihre Handlungsspielräume. Sie schwankten zwischen Hoffnung, Anpassung und Resignation, dem Versuch, ihre Kunst den Machthabern nahezubringen, und dem totalen Rückzug ins Private.

Wie die Nolde-Ausstellung ermöglicht auch die Brücke-Ausstellung den Besuchern einen distanzierten historischen Einblick und bietet ihnen Gelegenheit, sich von der eindimensionalen Opferperspektive und einseitigen Glorifizierung der Avantgarde zu lösen. Beide Ausstellungen stehen somit für eine begrüßenswerte Veränderung der gegenwärtigen Kunstwahrnehmung, weg von einer quasireligiösen, genussvollen Versenkung in die Kunstwerke hin zu einer kritischen zeitgeschichtlichen Betrachtung.

In der Ausstellung fehlt auch nicht der Hinweis darauf, dass viele andere Künstlerkollegen den Nationalsozialismus nicht überlebten, wie Charlotte Salomon, deren eindrucksvolles Werk 2018 in der documenta 13 gezeigt wurde. Ermordet in Konzentrationslagern wurden auch die Künstler Otto Freundlich, Moissy Kogan und Felix Nussbaum. Andere sowie viele Sammler und Galeristen mussten fliehen und ins Exil gehen, weil sie als Juden durch die Nürnberger Rassegesetze ihrer Lebensgrundlage und größtenteils ihres Besitzes beraubt wurden.

Die Bilder der Brücke-Künstler werden zusammen mit ausführlichen erklärenden Texten und zahlreichen Dokumenten gezeigt. Der erste Teil der Ausstellung widmet sich der Zeit von 1933 bis 1937. In dieser Zeit versuchten Museumsmitarbeiter und Galeristen noch, die expressionistischen Künstler als genuin „deutsche Moderne“ zu präsentieren, die der völkischen Bewegung der Nazis entspräche.

Die ideologischen Verfechter einer rückwärtsgewandten, pseudo-realistischen Kunst hingegen prangerten die Avantgarde und vor allem die Brücke-Künstler schon während der Weimarer Zeit als Ausgeburt krankhafter Gehirne an. Es dauerte immerhin einige Jahre, bis der sogenannte „Expressionismusstreit“ innerhalb der Nazipartei zugunsten der Kunstauffassung Hitlers und Alfred Rosenbergs entschieden war, wie wir im Ersten Teil dieser Artikelserie aufgezeigt haben.

Die Brücke

Die Künstlergruppe Die Brücke hatten 1905 die vier Dresdener Architekturstudenten Fritz Bleyl, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Ernst Ludwig Kirchner gegründet. Während Bleyl sich 1907 entschloss, doch den Beruf des Architekten zu ergreifen, wandten sich die anderen entschlossen der Malerei zu. Zu ihnen stieß etwas später Max Pechstein (der Einzige der Gruppe, der eine akademische Kunstausbildung hatte). Nach ihrer Übersiedlung nach Berlin 1908 schlossen sich ihnen auch Otto Mueller (1874-1930) sowie kurzzeitig Emil Nolde an. Den verehrten Edward Munch versuchten sie vergeblich, als Mitglied zu gewinnen.

Nach der großen Sonderbundausstellung 1912 in Köln wurden die Brücke-Maler zusammen mit Fauvisten, Vincent van Gogh, Paul Gauguin, August Macke, Emil Nolde, Edvard Munch, Ferdinand Hodler, Egon Schiele u.a. ausgestellt. Die Ausstellung war als provokative Antwort auf den 1911 von konservativen Künstlerkreisen formulierten „Protest deutscher Künstler“ gegen eine „Überfremdung“ durch auswärtige, überwiegend französische Kunst konzipiert.

Stützen konnten sich die Brücke-Künstler, auch finanziell, auf Dutzende „Passivmitglieder“, die für ihre Förderung der Gruppe durch einen jährlichen Beitrag eine Druckgrafikmappe erhielten.

Karl Schmidt-Rottluff, Bildnis Rosa Schapire, 1911, Öl auf Leinwand, Brücke-Museum © VG Bild-Kunst, Bonn

Im Jahr 1907 bat die Hamburger Kunsthistorikerin Dr. Rosa Schapire (1874-1954) um Aufnahme als passives Mitglied. Sie widmete künftig einen Schwerpunkt ihrer Arbeit den Werken der Brücke-Künstler. Sie hielt Vorträge, erstellte Werkverzeichnisse und stand in regem Postkarten- und Briefwechsel mit den Malern, die sie auch porträtierten. Der von ihr am höchsten geschätzte Karl Schmidt-Rottluff malte sie mehrmals, darunter 1911 das Bildnis Rosa Schapire, das in der Ausstellung gezeigt wird.

Schapire stand der Sozialdemokratie nahe und verstand sich in deren Sinne als Vorkämpferin der Frauenemanzipation. In einem Aufsatz in den Sozialistischen Monatsheftengreift sie 1897 die bürgerliche Frauenbewegung an und erklärt, dass die wirkliche Emanzipation der Frau nur in einer sozialistischen Gesellschaft möglich sei.

Schon in Dresden und Umgebung ging die Gruppe zum Malen in die Natur, ohne den Wunsch diese abzubilden. Ihr Motto war: „Malen in der Natur, aber nicht nach der Natur.“ Sie wollten sie nicht abbilden, sondern spontan ihre subjektiven Wahrnehmungen aufs Bild bannen. Inspirieren ließen sie sich von der Kunst des Mittelalters und der Renaissance, so schätzte Erich Heckel ganz besonders Matthias Grünewald.

In ihrem Manifest grenzen sie sich vom damals vorherrschenden Impressionismus ab. „Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht das wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt.“ Ihnen geht es nicht darum, die gesellschaftliche Realität durch ihre Kunst zu gestalten oder zu beeinflussen, wie etwa Käthe Kollwitz es tat, sondern die Welt, wie sie sie subjektiv empfanden, mit den Mitteln der Kunst zu gestalten.

Die Malerkollegen hielten sich mit ihren Modellen oft an den Moritzburger Teichen bei Dresden auf. Sie reizte das Licht, das freie Leben, die Bewegung von Menschen, vor allem Artisten und Tänzer. Aufregend fanden sie die ungezwungene Nacktheit, was ihnen rasch die Anfeindungen konservativer Kreise einbrachte. Später suchten sie vor allem Orte an der deutschen Nord- und Ostseeküste auf.

Wie andere expressionistische Künstler und Literaten waren auch die Brücke-Maler stark inspiriert vom Denken Friedrich Nietzsches. Sie verstanden ihre Kunst als „geistige Selbstbefreiung“. Von Heckel stammt ein Holzschnitt mit dem Porträt Nietzsches. Ein Zitat aus Also sprach Zarathustra liefert den Namen der Vereinigung: „Was groß ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein Übergang und ein Untergang ist.“

1913 verfasste Kirchner eine Chronik über Die Brücke, in der er seine eigene Bedeutung für die Künstlergruppe stark überbetonte. Daraufhin kam es zu einem erbitterten Streit mit den anderen Mitgliedern, in dessen Folge Kirchner austrat. Das führte zur endgültigen Auflösung der Gruppe. Der Kriegsausbruch 1914 trug zur weiteren Zerstreuung der Künstler bei.

Weimar

Eine Tatsache, die für die politische Einstellung der Künstler nach dem Weltkrieg und ihre spätere Entwicklung nicht unbedeutend ist, wird in der Ausstellung im Brücke-Museum nur kurz erwähnt: Die Novemberrevolution 1918 und der Aufstand der deutschen Arbeiterklasse ließ zumindest einige von ihnen vorübergehend in eine andere Richtung tendieren.

Max Pechstein war im Dezember 1918 Initiator der 122 Mitglieder zählenden Novembergruppe, zu der auch George Grosz, John Heartfield, Otto Dix, Hannah Höch und Georg Schlichter sowie einige Musiker und Architekten gehörten. Die in ihrer Kunst recht unterschiedlichen Künstler verstanden sich als „revolutionär“ und wollten die soziale Revolution in Deutschland unterstützen. Ihre gemeinsamen Aktivitäten hielten sich nach 1921 in Grenzen, auch wenn sich die Mitglieder weiterhin als fortschrittliche, engagierte Künstler verstanden.

Dieses gesellschaftliche Engagement trug dazu bei, dass die Nazis sie als Rote Novembergruppe verteufelten. Ihr Einsatz für Abstraktion und Kunstfreiheit galt diesen als „bolschewistisch“. 1933 musste die Künstlergruppe ihre Arbeit einstellen. 1935 wurde ihr Ende mit der Streichung aus dem Vereinsregister Berlins besiegelt.

1919 bildeten zahlreiche Künstler und Architekten in Anlehnung an die Arbeiter- und Soldatenräte den „Arbeitsrat für Kunst“. Zu seinen Mitgliedern gehörten auch die ehemaligen Brücke-Künstler Pechstein, Schmidt-Rottluff, Erich Heckel, Otto Mueller und auch Emil Nolde. In einem Flugblatt vom 1. März 1919 hieß es: „An der Spitze steht der Leitsatz: Kunst und Volk müssen eine Einheit bilden. Die Kunst soll nicht mehr Genuss weniger, sondern Glück und Leben der Masse sein. Zusammenschluss der Künste unter den Flügeln einer großen Baukunst ist das Ziel.“ Aus den Aktivitäten des „Arbeitsrats“ kamen wesentliche Impulse für die Malerei, die moderne Architektur, das „Neue Bauen“ und das Bauhaus.

Die Niederschlagung der Revolution trug dazu bei, dass bereits in der Weimarer Zeit reaktionäre Tendenzen, die sich auf Staat und Justiz stützten, Anspruch auf die Kulturpolitik erheben und sich in vielen Bereichen durchsetzen konnten. Diese Entwicklung begünstigte auch den Rückzug vieler Künstler ins Private.

Obwohl Pechstein, Kirchner und Nolde in der Weimarer Republik zu den beliebtesten modernen Künstlern gehörten und in Kunstkreisen höchste Anerkennung genossen, waren sie immer wieder heftigen Angriffen von nationalkonservativen Kreisen ausgesetzt.

Einer der wütendsten Scharfmacher war der Architekt und Kunstkritiker Paul Schultze-Naumburg, den die Brücke-Ausstellung ausführlich zitiert. Er propagierte eine „nordische Ästhetik“ und einen kulturell begründeten Rassismus. Zu seinen Freunden gehörten seit den frühen 20er Jahren führende Nationalsozialisten. In seinem Buch Kunst und Rasse diffamierte er die Kunst der Moderne als „Kretinismus“ und „Entartung“ und stellte den Kunstwerken, besonders denen der Expressionisten, Fotografien von körperlich und geistig Behinderten an die Seite.

Schultze-Naumburg war ein wichtiger Wegbereiter der nationalsozialistischen Kulturpolitik. 1928 wurde der Kampfbund für deutsche Kultur (KfdK) gegründet, den Alfred Rosenberg leitete. Gründungsmitglieder waren auch Gregor Strasser und Heinrich Himmler. Schultze-Naumburg trat ihm 1929 bei und engagierte sich dort durch zahlreiche Vorträge. Er forderte schon früh die Säuberung der Kunsttempel von den „Schandausstellungen“ moderner Kunst. Während der gesamten Weimarer Zeit wurden innerhalb und außerhalb der NSDAP heftige ideologische Kämpfe um die Kunst ausgefochten.

Nationalsozialismus

Die Brücke-Künstler reagierten nach der Machtübernahme mit verschiedenen Strategien auf die Anfeindungen durch die Nazis. Alle bis auf Kirchner, der bereits seit 1917 in der Schweiz lebte, blieben in Deutschland und konnten bis in die Mitte der 1930er Jahre mehr oder weniger unbehelligt weiter malen. Sie setzten in gewissem Maße Hoffnung darauf, dass ihre Kunst vom Regime letztlich doch anerkannt würde. Weder Pechstein, noch Schmidt-Rottluff oder Heckel dachten daran, auszuwandern.

Die ausgestellten Bilder zusammen mit Briefen und Dokumenten legen nahe, dass die Interpretation ihrer Haltung als „Innere Emigration“ zu einseitig ist. Genau so wenig lässt sich eine Widerstandshaltung nachweisen. Vielmehr drückt sich bei allen ehemaligen Brücke-Künstlern ein Schwanken zwischen Resignation und Anpassung aus. Anders als Emil Nolde war keiner von ihnen Parteimitglied oder überzeugter Nationalsozialist. Ihr Malstil bewegte sich in dieser Zeit teilweise hin zum etwas Konventionelleren. Umso größer war der Schock, als 1937 Tausende ihrer Bilder aus den öffentlichen Sammlungen entfernt wurden.

Am 30. Juni 1937 beauftragte Goebbels den Präsidenten der Reichskammer der Bildenden Künste, Adolf Ziegler, alle Museen auf „deutsche Verfallskunst“ zu durchforsten, die Werke zu inventarisieren und eine Ausstellung vorzubereiten. Die Ausstellung „Entartete Kunst“, die insgesamt etwa 650 Bilder zeigte, bestand annähernd zur Hälfte aus Werken der Brücke-Maler.

Da ihre Gemälde im Ausland gefragt waren, wurden viele gegen Devisen ins Ausland verkauft. Von Hermann Göring ist 1938 der Satz bezeugt: „Wir wollen versuchen, mit dem Mist noch Geld zu verdienen.“ Bei dieser Aktion zweigten Hitlers Kunsthändler (Bernhard A. Böhmer, Karl Buchholz, HildebrandGurlittund FerdinandMöller) etliche für ihre eigenen Sammlungen ab.

Zur Ausstellung „Entartete Kunst“ zeigt das Brücke Museum einen Filmausschnitt des US-Dokumentarfilmers Julien Bryan. Es sind die einzigen Filmaufnahmen, die von der Münchner Ausstellung existieren.

Die Ausstellung im Brücke-Museum folgt den Biografien Kirchners, Pechsteins, Schmidt-Rottluffs sowie Heckels, ihren jeweiligen Reaktion auf den Nationalsozialismus und den einzelnen Stationen ihrer Verfemung. Otto Mueller starb bereits 1930 an Tuberkulose. Aber auch sein Werk wurde von den Nazis posthum heftig diffamiert.

Erich Heckel (1883-1970)

Heckel, der noch 1933 von Befürwortern seiner Kunst als zeitgemäße Alternative zur traditionellen akademischen Kunst gepriesen worden war, unterzeichnete den „Aufruf der Kulturschaffenden“ vom 19. August 1934. Er war ein Bekenntnis zum „Führer“, das Josef Goebbels nach dem Tode des Reichspräsidenten Hindenburg verfasst hatte. Zu den 37 Unterzeichnern gehörten auch Ernst Barlach, Wilhelm Furtwängler, Werner Krauss, Agnes Miegel, Ludwig Mies van der Rohe, Hans Pfitzner, Paul Schultze-Naumburg und Richard Strauss.

Doch Heckel nützte das wenig. Auch wenn er 1933 bis 1955 noch erfolgreich ausstellen konnte, seiner Kunst verweigerten die Nazis die Anerkennung. 1937 wurden seine Werke auf die Liste der „entarteten Kunst“ gesetzt. Nach ihrer Beschlagnahmung und Entfernung aus den Museen 1937 zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück. Er malte bis zum Zweiten Weltkrieg am liebsten in seinem Sommerrefugium in dem winzigen Ort Osterholz an der Flensburger Förde. Als im Januar 1944 seine Berliner Wohnung zerbombt wurde, fand er eine neue Zuflucht in Hemmenhofen am Bodensee, wo er auch nach Kriegsende blieb.

Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938)

Kirchner war bereits im Ersten Weltkrieg nach einem Nervenzusammenbruch in Medikamentenabhängigkeit geraten. In den Selbstporträts dieser Jahre – Der Trinker und Selbstbildnis als Soldat – spiegelt sich die Verzweiflung des Künstlers. Er zog 1917 nach Davos in die Schweiz und schaffte es, sich vom Morphin zu entwöhnen. Er blieb dort bis 1925. In diesem Jahr kehrte er für drei Monate nach Deutschland zurück. Er hoffte vergeblich auf eine Professur und ging wieder in die Schweiz. Obwohl er recht hohe Anerkennung genoss, glaubte er, dass seine Kunst nicht ausreichend gewürdigt werde. Sein Malstil veränderte sich, er wurde abstrahierender und betonte stärker die Fläche.

Nach Deutschland kehrte er nicht mehr zurück, sondern blieb in der Schweiz. In einem Brief schildert er einen Besuch seiner Frau 1935 in Deutschland, die viel Positives berichten konnte, obwohl die meisten ihrer Bekannten Deutschland verlassen hatten. Er äußert die Hoffnung, das neue Regime werde letztlich gewinnen. Um selbst zurückzukehren, sei er nicht gesund genug.

Kirchner blieb bis zu seinem Ausschluss 1937 noch Mitglied der Preußischen Akademie der Künste. Am 15. Juni 1938 nahm er sich in Davos mit einem Herzschuss das Leben. Das Motiv dafür waren wohl nicht nur sein Rückfall in die Morphinsucht, sondern, wie seine Frau nach seinem Tod schrieb, auch der Umstand, dass 639 seiner Bilder von den Nazis aus den Museen entfernt und beschlagnahmt wurden. 32 wurden in der Ausstellung „Entartete Kunst“ verhöhnt, darunter das Selbstbildnis als Soldat von 1915.

Max Pechstein (1881-1955)

Max Pechstein stammte aus sozialdemokratischem Milieu. 1933 wurde er seines Lehramts enthoben. Als die Preußische Akademie der Künste Käthe Kollwitz und Heinrich Mann ausschloss, protestierte er heftig dagegen. Dennoch blieb er selbst in der Akademie, was von seiner abwartenden Haltung dem Regime gegenüber zeugt. Dass Nolde ihn, wie im Teil 1 erwähnt, als Juden denunzierte, mag auf seinen Namen zurückzuführen sein. Aber sicher war Pechsteins politische Einstellung dem überzeugte Nazi Nolde nicht ganz unbekannt.

Im Brücke-Museum werden zahlreiche Briefe gezeigt, die Pechsteins prinzipielle Gegnerschaft zu den Nazis bezeugen. Von Beginn ihrer Herrschaft an bedauerte er den Weggang jüdischer Bekannter und Sammler. Er bekannte sich eindeutig zu seinen jüdischen Freunden und Galeristen, die er schätzte, im Gegensatz zu dem „rein arischen Kunsthändler Wolfgang Gurlitt“, der ihn „um den Erlös seiner Hände Arbeit betrogen“ habe. (1)

Max Pechstein, Junge mit Schneebällen und Nelken (1937)

Zu Pechsteins Verwandtschaft und Bekannten gehörten allerdings auch einige glühende Nationalsozialisten. Er brach diese Beziehungen nicht ab und versuchte, sich sowohl im Malstil als auch durch einige Bildthemen deren Geschmack anzupassen. So zeigt die Ausstellung das ziemlich naturalistisch, etwas im Stil der Neuen Sachlichkeit gemalte Bild seines Sohnes(Junge mit Schneebällen und drei Nelken, 1937)mit kurzem Haarschnitt und kurzer Hose. Mit einem Wandbild mit Hakenkreuz beteiligte Heckel sich an einem Wettbewerb für die NS-Freizeit-Organisation „Kraft durch Freude“ und war enttäuscht, als es abgelehnt wurde.

Vor und während den 1930er Jahren zog er sich monatelang immer wieder an die Ostsee, an den Lebasee (heute Polen) oder auf die Kurische Nehrung zurück. Dort gründete er die Künstlerkolonie Nidden. Er malte Landschaftsbilder, Sonnenuntergänge oder Fischerkähne. Da seine wirtschaftliche Lage immer prekärer wurde, entschloss er sich, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und dem NS Fliegerkorps beizutreten. (2)

1937 wurde er aus der Akademie ausgeschlossen, konnte aber bis 1939 noch hin und wieder ausstellen. Die Ausstellung „Entartete Kunst“ zeigte 16 seiner Bilder; über 326 wurden aus Sammlungen deutscher Museen konfisziert. Im selben Jahr drückte er in einem Brief an seine Schwester Gertrud noch die Illusion aus: „Ein Glück, dass das Militär selbst keinen Krieg will.“ Aber die Hoffnung erfüllte sich nicht.

In den Kriegsjahren hielt sich Pechstein weiterhin meist an der Ostsee in Hinterpommern auf. 1943 wurde sein Berliner Atelier in einem Bombenangriff zerstört. Ein großer Teil seiner Werke verbrannte. 1945 malt er Ruinen im zerstörten Berlin.

Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976)

Schon in der Weimarer Republik wurden Porträts von Schmidt-Rottluff von völkischen Kreisen heftig verunglimpft, andere sahen in ihm jedoch wegen seiner Darstellungen bäuerlichen Lebens einen willkommenen Vertreter der NS-Kulturideologie. Daher setzte er zunächst gewisse Hoffnungen in das neue Regime, die er jedoch bald verlor. Schon 1932 hatte er sich nach Pommern zurückgezogen und hielt sich fern vom politischen Geschehen.

Es ist bemerkenswert, dass Schmidt-Rottluff über die gesamte Zeit den Briefwechsel mit der nach London emigrierten Rosa Schapire aufrechthielt.

1933 wurde er aus der Akademie ausgeschlossen, in die er erst 1931 aufgenommen worden war. 1936 konnten noch zwei Landschaftsbilder von ihm in Hamburg ausgestellt werden. 1937 jedoch wurden über 600 seiner Arbeiten aus Museen beschlagnahmt und etliche davon in der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt. 1939 wurden im Hof der Berliner Hauptfeuerwache mehrere seiner Werke verbrannt.

Karl Schmidt-Rottluff, Entwurzelte Bäume (1934)

Wie viele andere Künstler erhielt Schmidt-Rottluff 1941 „Berufsverbot“ und konnte nichts mehr verkaufen. Er hatte keinen Zugang zu Malutensilien und überlebte mit Hilfe von Freunden. Als Ausweg benutzte er damals meist Kreiden und Pastelle und griff auf einfache Motive zurück, wie Gemüse oder Federn. Auch einige Aquarelle kann er noch malen.

Im September 1942 erhält er die Möglichkeit, sich auf Schloss Kreisau bei Helmut James Graf von Moltke und seiner Frau Freya in Niederschlesien aufzuhalten und dort zu malen. Er teilt die Ablehnung der Nazis seiner Gastgeber, weiß aber nichts von dem von Moltke und seinen Freunden geleiteten christlich orientierten Widerstandkreis. (3) 1943 wird Schmidt-Rottluffs Wohnung in Berlin durch einen Bombenangriff zerstört, und er flieht aufs Land.

1934 malte er das Bild Entwurzelte Bäume, das von Kunsthistorikern als Metapher für seine eigene „Entwurzelung“ interpretiert wurde. Andere seiner Landschaftsbilder, wie Brücke mit Eisbrechern (1934), wurden als Symbole seines inneren Widerstands gedeutet.

Fazit

Ob diese Deutungen richtig sind oder ihren Ursprung in der Verklärung der Avantgardekunst in der Nachkriegszeit haben, muss der Ausstellungsbesucher selbst entscheiden. Das Verdienst der Ausstellung liegt meines Erachtens gerade darin, dass sie keine eindeutigen Zuweisungen trifft, sondern objektiv das Verhalten und die Rolle aufzeigt, die die einzelnen Künstler gespielt haben. Die historische Einordnung der Kunst der Brücke-Maler und ihre Haltung in der Nazizeit erlaubt ebenso wenig Verklärung wie Verurteilung.

Dass die überlebenden Brücke-Künstler nach 1945 an Hochschulen berufen wurden und ihre Bilder in der Nachkriegszeit für die Rehabilitierung der deutschen Kultur vereinnahmt werden konnten, lag auch daran, dass sie wirklich Repräsentanten einer wichtigen modernen Strömung der Kunst waren. Große Teile des kunstinteressierten Publikums waren zudem nach dem Ende der Nazizeit kulturell ausgehungert, an moderner Kunst interessiert und bereit, sie mit Begeisterung wiederzuentdecken.

Das ändert nichts daran, dass diese Maler und ihre Kunst keinen Anteil an einem, wie auch immer gearteten, politischen Widerstand gegen die Unkultur der Nazis hatten. Was Leo Trotzki 1938 schrieb, trifft ganz besonders auf die Expressionisten und ihr Dilemma in der Zeit des Nationalsozialismus zu:

„Der Niedergang der bürgerlichen Gesellschaft bedeutet eine unerträgliche Verschärfung der gesellschaftlichen Widersprüche. Sie verwandeln sich zwangsläufig in individuelle Widersprüche und machen dadurch die Forderung nach einer befreienden Kunst noch brennender. Der dahinsiechende Kapitalismus ist jedoch absolut unfähig, den künstlerischen Richtungen, die unserer Epoche irgendwie entsprechen, die minimalsten Voraussetzungen für ihre Entfaltung zu garantieren. … Die Kunst, die den komplexesten, empfindlichsten und verwundbarsten Teil der Kultur darstellt, leidet ganz besonders unter dem Niedergang und Zerfall der bürgerlichen Gesellschaft.“ (4)

Anmerkungen

Katalog: Flucht in die Bilder?Die Künstler der Brücke im Nationalsozialismus, Hrsg.: Brücke-Museum, Aya Soika, Meike Hoffmann, Lisa Marei Schmidt.

1) Mit Wolfgang Gurlitt, einem Cousin von Hitlers späterem Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, führte Pechstein einen Rechtsstreit, als dieser sich 1922 weigerte, bei ihm gelagerte Arbeiten herauszugeben. Im Rahmen eine gerichtlichen Vereinbarung erhielt Pechstein zwar die meisten seine Gemälde zurück, aber elf durfte Gurlitt behalten. Für zehn verkaufte Bilder erhielt er von Gurlitt in der Inflationszeit 180.000 wertlose Reichsmark.

2) Bernhard Fulda, Aya Soika: Max Pechstein: The Rise and Fall of Expressionism, De Gruyter, Berlin/Boston 2012, S. 313.

3) Kreisauer Kreis: Eine Widerstandsgruppe, die Attentate ablehnte und vor allem Pläne für eine Gesellschaft nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches entwarf. Moltke wurde 1945 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und hingerichtet.

4) Leo Trotzki, „Kunst und Revolution“, in: Literaturtheorie und Literaturkritik, München 1973, S. 145