25 Jahre Amazon: Ein Konzern, geschaffen aus Parasitismus und Ausbeutung

9. Juli 2019

Letzte Woche feierte Amazon sein 25-jähriges Bestehen. Von seinen Anfängen in einer Garage in Seattle ist das Unternehmen zu einem multinationalen Technologiekonzern mit einem Börsenwert von fast 1 Billion Dollar geworden.

1994 hängte der zukünftige Amazon-CEO Jeff Bezos seinen Job beim Hedgefonds D.E. Shaw an den Nagel, um als einer der Ersten die Möglichkeiten zu nutzen, die die rasante Entwicklung des Internets eröffnete. Ausgehend von der bescheidenen Idee einer Online-Buchhandlung wurde Bezos zum reichsten Menschen der Welt. Vor seiner Scheidung Anfang des Jahres wurde sein Vermögen auf 157 Mrd. Dollar geschätzt.

Amazon gilt neben Apple, Google und Facebook als einer der vier großen Technologiemonopolisten und kontrolliert den größten Marktplatz im Internet: Amazon.com. Die Palette des Konzerns reicht von der Lebensmittelkette Whole Foods Market, die er 2017 für 13,4 Mrd. Dollar übernommen hat, bis hin zu Unterhaltungselektronik und sprachgesteuerten Assistenten. Die Amazon-Tochter Kuiper Systems gab im April dieses Jahres bekannt, dass sie im Verlauf der nächsten zehn Jahre 3.236 Satelliten in den Weltraum schicken werde, um Breitband-Internetverbindungen bereitzustellen.

Traditionelle Buchverlage wurden durch Amazon dezimiert. Bezos jagte sie nach eigener Aussage „wie ein Gepard eine angeschlagene Gazelle“. Gestützt auf seinen riesigen Umsatz unterbot Amazon rücksichtslos sämtliche Konkurrenten, von Tante-Emma-Läden bis hin zu Windelherstellern, und bot Waren vorübergehend zu Dumpingpreisen an, um Konkurrenten aus dem Weg zu räumen. Unterdessen forderte und erhielt das Unternehmen von nationalen und kommunalen Regierungen Subventionen in Form von Steuererleichterungen und anderen Vergünstigungen.

2018 erreichten Amazons Jahreseinnahmen 233 Mrd. Dollar, auf die der Konzern auf US-Bundesstaatsebene voraussichtlich keine Einkommenssteuer zahlen wird. Diese Einnahmen sind fast so hoch wie die jährlichen Steuereinnahmen Russlands, die 2017 umgerechnet 253,9 Mrd. US-Dollar betrugen, und höher als die Staatseinnahmen der Türkei (173,9 Mrd. Dollar), Österreichs (197,8 Mrd. Dollar), Polens (90,8 Mrd. Dollar) und des Iran (77,2 Mrd. Dollar).

Fast die Hälfte der amerikanischen Haushalte hat inzwischen ein Abonnement von Amazon Prime. Ein Mausklick auf dem PC oder Fingertipp auf einem mobilen Gerät sorgt für die schnelle Lieferung von Waren aus aller Welt oder die sofortige elektronische Bereitstellung von Filmen, Songs oder Büchern. Hinter diesen einfach erscheinenden Transaktionen steht das weit verzweigte und komplexe Handels-, Logistik-, Vertriebs- und Computerimperium von Amazon.

In der Tat sind in den Bereichen Automatisierung und künstliche Intelligenz vielversprechende Neuerungen zu verzeichnen. Diese Technologien bergen ein enormes Potenzial für die menschliche Zivilisation als Ganzes. Schwere und repetitive Arbeiten können zunehmend von Robotern übernommen werden. Die umfassende Koordination und Integration der Produktion auf der ganzen Welt, unterstützt durch künstliche Intelligenz, rückt in greifbare Nähe.

Aber im Kapitalismus eröffnen neue technologische Fortschritte zugleich neue Techniken der Ausbeutung. Amazon ist zum Inbegriff einer neuen Art von Despotismus am Arbeitsplatz geworden.

In den „Erfüllungszentren“ Amazons ist es den Arbeitern verboten, Mobiltelefone zu tragen oder miteinander zu sprechen. Sie werden beim Betreten und Verlassen des Geländes durchsucht, und jedes Detail ihrer Arbeitstätigkeiten wird minutiös erfasst. Amazon ist darauf spezialisiert, ständig Druck auf die Mitarbeiter auszuüben, damit sie sich so schnell wie möglich bewegen. Elektronische Geräte treiben sie unaufhörlich an, die nächste Aufgabe zu erledigen.

Die Arbeiter werden angewiesen, sich gegenseitig zu übertreffen, weil das „Spaß“ mache. Daraufhin werden die Leistungsvorgaben erhöht und immer wieder erhöht. Wer einen Moment innehält, um Luft zu holen, einen Schluck Wasser zu trinken oder auf die Toilette zu gehen, dem drohen Abmahnung und Abzüge. Wer als zu langsam gilt oder einfach ausgelaugt ist, wird ersetzt.

Amazon ist heute der zweitgrößte Arbeitgeber in den Vereinigten Staaten und hat weltweit rund 647.000 Beschäftigte. Der Journalist John Cassidy schrieb 2015 im New Yorker: „Hinter all den technologischen Fortschritten und Produktinnovationen stecken viel altmodische Arbeitsdisziplin, Lohndrückerei und Führungsmacht.“

Letzte Woche deckte die World Socialist Web Site in einem Artikel auf, dass im Erfüllungszentrum DFW-7 nahe dem texanischen Fort Worth innerhalb von zwei Jahren 567 Arbeiter verletzt wurden. Im Dezember letzten Jahres berichtete die WSWS darüber, dass Amazon einen Privatdetektiv angeheuert hatte, um die 27-jährige Michelle Quinones auszuspionieren, damit sie keine Entschädigung für ihre Verletzung geltend machen könne.

Amazon ist zwei Jahre in Folge auf der Liste „Dirty Dozen“ gelandet, die der Dachverband der Arbeitsschutzorganisationen in den USA (National COSH) erstellt. Für 2019 meldet der Verband bei Amazon sechs Todesfälle von Arbeitnehmern in sieben Monaten, 13 Todesfälle seit 2013, „eine hohe Häufigkeit von Selbstmordversuchen, Urinieren in Flaschen und Arbeiter, die nach Verletzungen am Arbeitsplatz ohne Mittel oder Einkommen vor die Tür gesetzt werden“.

Amazon perfektioniert die Methoden, die Arbeitern auf der ganzen Welt aufgezwungen werden. Im März dieses Jahres stellte die Ford Motor Company ihren neuen Chief Financial Officer Tim Stone vor, der zuvor als Vice President of Finance bei Amazon die Übernahme von Whole Foods organisiert hatte. Stone wurde eingestellt, weil Ford in den USA, Europa und der ganzen Welt brutale Kostensenkungsprogramme durchführt.

Es gibt keinen Mangel an Widerstand. In den sozialen Medien vernetzen sich aktuelle und ehemalige Amazon-Mitarbeiter und suchen nach Möglichkeiten, sich zu wehren. In Polen, wo Amazon etwa 5 Dollar pro Stunde zahlt, brach die Geschäftsleitung am 2. Juli die Verhandlungen mit zwei Gewerkschaften über die Arbeitsbedingungen ab. Damit sind die Voraussetzungen für einen Streik erfüllt.

Die Arbeiter von Amazon dürfen nicht zulassen, dass ihre Kämpfe von den prokapitalistischen Gewerkschaften erstickt werden, die einen Kampf gegen Ungleichheit und Ausbeutung mit allen Mitteln verhindern wollen. Die WSWS tritt für den Aufbau unabhängiger Aktionskomitees ein, um Amazon-Arbeiter auf der ganzen Welt zu einer gemeinsamen Gegenoffensive zu vereinen.

Der Schlüssel dazu ist das Verständnis, dass der Kampf gegen Amazon ein Kampf gegen das kapitalistische System selbst ist. In 25 Jahren bescherte Amazon seinem Gründer das größte Privatvermögen der Geschichte, und das auf den Knochen von Hunderttausenden Arbeitern. Um mit Karl Marx zu sprechen, die Entwicklung von Amazon führte zur Akkumulation von Kapital an einem und zur Akkumulation von Elend am anderen Pol.

Nicht nur Bezos, sondern auch viele andere haben sich am Aufstieg von Amazon bereichert oder streben dies an. Die Wall Street ist dick mit im Geschäft. Die Vanguard Group besitzt derzeit Amazon-Aktien im Wert von 55 Mrd. Dollar, BlackRock im Wert von 45 Mrd. und FMR im Wert von 30 Mrd.

Die parasitären Aktivitäten, mit denen Amazon sich von anderen Unternehmen erwirtschafteten Mehrwert unter den Nagel reißt, wurden vom Finanzparasitismus der amerikanischen Wirtschaft begierig aufgesogen. Der Wert der Amazon-Aktie wurde durch die Spekulationsorgie an der Wall Street in die Höhe getrieben.

Amazon ist nicht nur mit der Wall Street, sondern auch mit dem US-amerikanischen Militär- und Geheimdienst verbandelt. 2013 schloss das Unternehmen einen 600-Millionen-Dollar-Vertrag mit der CIA. Dem folgte 2018 ein 10-Milliarden-Dollar-Vertrag mit dem Verteidigungsministerium, um Behördendaten in die Cloud zu übertragen. Unterdessen wird die Polizei in den USA mit der Gesichtserkennungssoftware „Recognition“ von Amazon ausgestattet.

2013 kaufte Bezos persönlich die Washington Post, eines der wichtigsten Sprachrohre für die Anti-Russland-Kampagne der Demokratischen Partei und die allgemeinen Interessen des amerikanischen Imperialismus.

Die zunehmende Integration von Amazon in den repressiven Staatsapparat, der seine Tentakel in jeden Winkel der Gesellschaft ausstreckt, bestätigt das marxistische Verständnis der Beziehung zwischen Kapitalismus und Demokratie. „Das Finanzkapital will nicht Freiheit, sondern Herrschaft“, schrieb der österreichische Marxist Rudolf Hilferding in einer Passage, die Lenin in seinem Werk „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ zitiert.

Amazon muss in öffentliches Eigentum überführt und unter demokratische Kontrolle gestellt werden. Es muss der Finanzoligarchie aus den Händen genommen und in ein öffentliches Versorgungsunternehmen umgewandelt werden. Die Technologie und Infrastruktur hinter dem kometenhaften Aufstieg von Amazon, der seinem Gründer das höchste Privatvermögen aller Zeiten beschert hat, muss in den Dienst der Weltbevölkerung gestellt werden.

Dieses Programm kann nur durch die Mobilisierung der Arbeiterklasse auf internationaler Ebene verwirklicht werden. Grundlage dafür ist der Kampf für den Sturz des kapitalistischen Systems und den Aufbau einer demokratisch kontrollierten sozialistischen Wirtschaft, die auf der Grundlage sozialer Bedürfnisse und nicht des privaten Profits betrieben wird.

Tom Carter