Theater gegen Rechts mit Ödön von Horváth

Von Verena Nees
23. September 2019

Der österreichisch-ungarische Dramatiker und Romanautor Ödön von Horváth (1901–1938) hat zurzeit Hochkonjunktur auf deutschsprachigen Bühnen. Seine volkstümlichen und sozialkritischen Stücke und Romane, die sich gegen den Aufstieg der Nazis wandten und in den 30er Jahren Erfolg hatten, gewinnen heute neue Aktualität.

„Jugend ohne Gott“ an der Schaubühne, Regie Thomas Ostermeier. Szene im Wald. Foto: Arno Declair

Horváths Werke (u.a. „Sladek der schwarze Reichswehrmann“, „Italienische Nacht“, „Geschichten aus dem Wiener Wald“, „Glaube Liebe Hoffnung“, „Jugend ohne Gott“) waren 1933, trotz seiner Anpassungsversuche an die Nazis, verboten worden. Er selbst wurde 1936 aus Deutschland ausgewiesen und starb mit 37 Jahren bei einem tragischen Unfall im Pariser Exil. Erst in den 60er Jahren im Zuge der Studentenrevolte kehrten seine Stücke auf deutsche Bühnen zurück.

Allein in Berlin spielen derzeit zwei Theater, die Schaubühne und das Maxim-Gorki-Theater, Stücke von Horváth. Die von Thomas Ostermeier an der Schaubühne inszenierte „Italienische Nacht“ hatte vergangenen November Premiere. In diesem Sommer brachte der Regisseur zusammen mit den Salzburger Festspielen Horváths Roman von 1937, „Jugend ohne Gott“, auf die Bühne. Am 7. September war Premiere in der Berliner Schaubühne.

Bereits im Frühjahr hatte Regisseur Nurkan Erpulat „Jugend ohne Gott“ am Maxim Gorki Theater inszeniert. Weitere Inszenierungen des Romans gab es unter anderen auch in Münster, Düsseldorf und Bochum. Das Wiener Theatermuseum ehrte den Schriftsteller zum 80-jährigen Gedenken an seinen frühen Tod mit der Ausstellung „Ich denke ja garnichts, ich sage es ja nur. Ödön von Horváth und das Theater“, die im Februar 2019 zu Ende ging und jetzt (bis zum 17. November 2019) im Deutschen Theatermuseum in München gezeigt wird.

Es gibt ganz offensichtlich in der Theaterszene Reaktionen auf die gegenwärtige politische Lage, auf wachsende faschistische Umtriebe, Kriege und soziale Ungleichheit. Zahllose Kultureinrichtungen, darunter viele Theater, haben sich der „Erklärung der Vielen“ gegen die Provokationen der AfD angeschlossen und sich verpflichtet, ihr entgegenzutreten. Auch das Maxim Gorki Theater und die Schaubühne gehören zu den Unterzeichnern der Erklärung, die mit den Worten beginnt: „Als Aktive der Kulturlandschaft in Deutschland stehen wir nicht über den Dingen, sondern auf einem Boden, von dem aus die größten Staatsverbrechen der Menschheitsgeschichte begangen wurden.“

Die Jahre, in denen auf den Bühnen subjektive Nabelschau, Verhunzung von Klassikern und postmoderne Spielereien dominierten, scheinen vorbei zu sein.

„Italienische Nacht“

Die „Italienische Nacht“, uraufgeführt 1931 in Berlin, thematisiert das Versagen und die Zerstrittenheit der Arbeiterparteien angesichts des Aufstiegs der Nazis. Während die Faschisten vor einem Wirtshaus in einer süddeutschen Kleinstadt aufmarschieren und die Lage immer bedrohlicher wird, lässt ein sozialdemokratischer (bei Horváth ein republikanischer) Stadtrat ungerührt eine lange geplante Feier, die „italienische Nacht“, stattfinden. Einen jungen Arbeiter, der sich als Marxist sieht und gemeinsam mit Freunden bewaffnet gegen die Faschisten kämpfen will, schließt der kommunale Bürokrat aus, bis die Faschisten das Wirtshaus umzingelt haben und ihn eine Erklärung unterschreiben lassen, er sei ein „ganz gewöhnlicher Schweinehund“.

In der Begleitbroschüre zur Inszenierung ist ein Teil des „Gesprächs mit einem sozialdemokratischen Arbeiter“ von Leo Trotzki abgedruckt, in dem dieser für eine „Abwehr-Einheitsfront“ von SPD und KPD gegen die drohende Hitler-Diktatur eintritt. Ostermeier missinterpretiert Trotzkis taktische Initiative in den 30er Jahren als Vorlage für ein heutiges Bündnis mit der Linkspartei und pseudolinken Tendenzen, die weder links und schon gar nicht marxistisch sind. Den Kampf für eine Mobilisierung der Arbeiterklasse lehnen sie ab und ersetzen ihn durch Gender- und Identitätspolitik.

Ostermeiers Inszenierung der „Italienischen Nacht“ ist dennoch ein hochaktueller Appell für einen Kampf gegen die Rückkehr des Faschismus und zugleich eine beißende Satire über den politischen Bankrott der SPD.

„Italienische Nacht“ an der Schaubühne. Regie Thomas Ostermeier. Szene im Gasthaus Lehninger. Foto: Arno Declair

„Jugend ohne Gott“

In „Jugend ohne Gott“ beschäftigt sich Horváth mit dem Opportunismus im Bildungsbürgertum. Im Jahr 1935 sind die Nazis schon eine Zeitlang an der Macht, die Jugend wird mit Militarismus und Rassismus geimpft, die Propagandamaschine läuft. Ein Lehrer (in der Schaubühne ausgezeichnet gespielt von Jörg Hartmann) versucht, sich mit den Nazis zu arrangieren, um seinen Job und damit seine Beamtenrente nicht zu verlieren. Seine Opposition gegen die Nazis spielt sich zunächst nur im inneren Dialog ab.

Er korrigiert Schulaufsätze, in denen offen rassistisches Denken verbreitet wird, wie „Alle Neger sind hinterlistig, feig und faul“. In Ostermeiers Inszenierung heißt es „Alle Afrikaner …“ – und schon sind wir in der Gegenwart, in der heutigen Welt von faschistoider Propaganda gegen Flüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten.

Der Lehrer lässt die Aussage von Schüler N im Aufsatz stehen, obwohl er sie lieber durchstreichen möchte. Denn man dürfe ja nicht etwas korrigieren, was im Radio als richtig dargestellt wird. Bei der Rückgabe der Arbeiten rutscht ihm jedoch die Bemerkung heraus, Afrikaner seien auch Menschen. Worauf N‘s Vater, Bäckermeister und strammer Nazi, sich beim Direktor (bei Ostermeier eine Direktorin) beschwert. Auch diese will nicht offen gegen die Nazis auftreten, obwohl sie vor 1933 noch Friedensappelle unterschrieben hat.

Im inneren Dialog lässt der Lehrer seiner Verachtung für die Nazis freien Lauf: „Alles Denken ist ihnen verhasst. Sie pfeifen auf den Menschen! Sie wollen Maschinen sein, Schrauben, Räder, Kolben, Riemen – doch noch lieber als Maschinen wären sie Munition: Bomben, Schrapnells, Granaten. Wie gerne würden sie krepieren auf irgendeinem Feld! Der Name auf einem Kriegerdenkmal ist der Traum ihrer Pubertät.“

Bei einem Ferienlager mit militärischer Ausbildung kommt es zu einem Mord an einem Schüler, in den der Lehrer indirekt verwickelt ist. Als ein Fehlurteil gegen einen anderen Schüler droht, fasst der Lehrer Mut und sagt vor Gericht die Wahrheit – er gesteht seine Mitschuld, verliert seinen Job und ermutigt dadurch auch andere zum Widerstand.

Bei dieser Figur fließt viel Biographisches ein – die erfolglosen Bemühungen von Horváth selbst, sich bei der Reichskulturkammer anzubiedern. So zog er seine Unterschrift unter ein Protesttelegramm an den P.E.N.-Kongress und seine Zusage einer Beteiligung an der Exilzeitschrift „Die Sammlung“ zurück. Er kassierte dafür viel Kritik von antifaschistischen Schriftstellern.

Szene aus „Jugend ohne Gott“ an der Schaubühne. Der Lehrer (Jörg Hartmann), dahinter Schüler T, auch innere Stimme des Lehrers (Moritz Gottwald). Foto: Arno Declair

Die Inszenierung von „Jugend ohne Gott“ an der Schaubühne hält sich an die historische Vorlage. Thomas Ostermeier sagt in einem Interview, er wolle die Geschehnisse nicht „wie eine Schablone“ auf die Gegenwart übertragen, sehe sie aber als „Gleichnis“ dafür, „wie man den Mut erlangt, die Wahrheit zu sagen und was das für eine Vorbildfunktion auf den Widerstandsgeist Anderer haben kann“.

In diesem Zusammenhang wird auch die Frage der Religion gestellt, die Horváths Titel andeutet. „Gott ist die Wahrheit“, erklärt am Ende der Lehrer. Zuvor hatte er in einem herrlichen Zwiegespräch mit einem Pfarrer gefragt, warum die Kirche immer auf der Seite der Reichen stehe. „Weil die Reichen immer siegen“, so der Pfarrer. „Die Reichen werden immer siegen, weil sie die Brutaleren, Niederträchtigeren, Gewissenloseren sind.“

Das Stück endet mit der Fahrt des „Afrikaners“ (bei Horváth des „Negers“, wie der Lehrer heimlich von den Schülern bezeichnet wurde) nach „Afrika“ – ein Synonym für die Solidarisierung mit den Ausgegrenzten und Unterdrückten, seien es die Armen, Juden, andere Minderheiten oder eben Flüchtlinge aus Afrika.

Postmoderne Verfälschung

Die am Maxim Gorki Theater gezeigte Fassung von „Jugend ohne Gott“ liefert einen Gegenentwurf. Der postmoderne und in der Theaterszene hochgelobte Nurkan Erpulat und seine Drehbuchautorin Tina Müller lassen von Horváths Auseinandersetzung mit der kleinbürgerlichen Feigheit vor dem Faschismus fast nichts übrig.

Der Text von Horváth wurde regelrecht verstümmelt, zusammengestrichen und umgeschrieben. Protagonist ist nicht mehr der Lehrer, und im Zentrum stehen nicht seine inneren Dialoge, seine Zerrissenheit und sein Schwanken. Protagonisten sind die Schüler der Klasse, die den Spieß umdrehen und die Eltern- und Lehrergeneration anklagen als heuchlerische Vertreter der „political correctness“.

Horváths eindeutig antikapitalistische und sozialkritische Passagen wurden herausgestrichen. Die angebliche Jugendsprache, teils pöbelnd und wütend, teils scheinnaiv und immer wieder schlicht zynisch, ist weniger der Realität entnommen als den Vorstellungen einer abgehobenen oberen Mittelschicht, für die nicht Klassenfragen, sondern Gender- und Identitätsfragen im Zentrum stehen.

Das Ensemble aus sieben Nachwuchsschauspielern spielt die Schulklasse engagiert und voller Elan. Aber man gewinnt den Eindruck, die Regie will partout Horváths Ansatz konterkarieren und so tun, als sei für die heutige Jugend die Frage von links und rechts nicht mehr relevant und alles nur eine Frage der jedem Menschen angeborenen Eigensucht und Gewalt.

Dies in einer Situation, in der gerade Jugendliche gegen das Auftreten der rechtsextremen AfD protestieren und immer deutlicher Sympathien für antikapitalistische, sozialistische Forderungen zum Ausdruck bringen.

In der Fassung von Nurkan Erpulat werden dagegen solche Sprüche den Jugendlichen in den Mund gelegt wie: Jeder Mensch habe einen „Scheißteil“, jeder denke nur an sich, und man müsse lernen, „dass wir Menschen auch Tiere sind“, oder – frei nach Nietzsche – „in diesem System ist Wille nichts, gegen dieses System ist Wille alles“.

Schuld an rassistischen Meinungen seien die opportunistischen Erwachsenen, die glauben, den Jugendlichen soziales Verhalten beibringen zu müssen. Das Schlimmste sei ein Vortrag des Lehrers über die AfD gewesen, heißt es zum Beispiel in einem Statement der Schülerin N (die bei Horváth der Schüler N ist). Da habe er behauptet, die AfD sei „angeblich ganz, ganz gefährlich. Nur wieso, hat keiner verstanden.“ Schüler Z ergänzt, der Lehrer wolle bloß im „pseudolinken Besserwisserton“ sich selbst von der „kollektiven Schuld“ befreien.

Dies ist blanker Zynismus, wie er auch in manchen Medienkreisen vorherrscht und auf Bewunderung stößt. Beispielsweise bei RBB24-Redakteur Fabian Wallmeier, der die Maxim-Gorki-Inszenierung als „kraftvoll“, die in der Schaubühne dagegen als „langweilig“, „brav und bieder“ bezeichnet, oder Jürgen Berger in der taz, der Ostermeier „biedermeierliche Historisierung“ vorwirft.

Eine solche Beschuldigung ist völlig unbegründet. Im Gegenteil, Ostermeiers Inszenierung ist wesentlich authentischer und besser, weil sie auf die Rückkehr der Geschichte verweist.

Allerdings weist auch sie eine Schwäche auf. Sie tendiert dazu, den Aufstieg der AfD aus dem angeblich rückständigen Denken der Arbeiter zu erklären. Warum lässt Ostermeier, anders als Horváth, zu Beginn des Theaterstücks den Brief eines NSDAP-Anhängers aus Braunschweig von 1935 zitieren, der Hitler für die Beseitigung seiner Arbeitslosigkeit dankt? Jörg Hartmann tritt in modernem Outfit vor das Publikum und liest diesen Brief, als wäre es seine eigene Meinung. Am Ende zieht er sich um und legt das braune Outfit der Nazi-Zeit für seine Lehrerrolle an.

Nicht zufällig haben Ostermeier bzw. sein Drehbuchautor Florian Borchmeyer auch die schöne Stelle im Dialog zwischen dem Lehrer und dem Direktor gekürzt, in der die Beziehung von Kapitalismus und Faschismus aufgezeigt wird. Auf die Bemerkung des Direktors „Wir leben in einer plebejischen Welt“, sagt der junge Lehrer: „Soviel ich weiß, regieren bei uns doch keine armen Plebejer, sondern es regiert einzig und allein das Geld.“ Der Direktor weist ihn zurecht, es habe im alten Rom auch reiche Plebejer gegeben.

Darauf sinniert der Lehrer: „Natürlich! Die reichen Plebejer verließen das Volk und bildeten mit den bereits etwas dekadenten Patriziern den neuen Amtsadel, die sogenannten Optimates.“ Und später erklärt er: „Als die reichen Plebejer im alten Rom fürchteten, dass das Volk seine Forderung, die Steuern zu erleichtern, durchdrücken könnte, zogen sie sich in den Turm der Diktatur zurück.“

Hier ist Horváth der Schaubühne voraus, indem er die Diktatur als Reaktion auf die Radikalisierung der Bevölkerung erklärt.

Auch der Aufstieg der AfD ist in Wirklichkeit nicht ein Ergebnis einer Rechtsentwicklung der Arbeiter, sondern eine Reaktion der Herrschenden auf die Linksentwicklung und den zunehmenden sozialen Widerstand.