Lufthansa: Ufo-Streik der Flugbegleiter

Von Marianne Arens
9. November 2019

Am Tag Zwei des 48-Stunden-Streiks ließen die Flugbegleiter der Lufthansa erneut hunderte Maschinen am Boden stehen. Mindestens 1300 Flüge konnten an den beiden Streiktagen nicht starten. Dabei hatte die Unabhängige Flugbegleiter Organisation (Ufo) zuletzt darauf verzichtet, auch das Eurowings-Kabinenpersonal zum Streik aufzurufen, und ein Lufthansa-Angebot über Schlichtungsgespräche für dieses Wochenende akzeptiert.

Demonstration vor die Lufthansazentrale am Frankfurter Flughafen

Am Rhein-Main-Flughafen bei Frankfurt versammelten sich rund tausend Stewardessen und Stewards, darunter sehr viele junge Beschäftigte, um an der Demonstration vor die Lufthansazentrale teilzunehmen. „Wir sind die Seele der Kabine“, stand auf ihren Schildern, oder auch (das Anspielung Lufthansa-Symbol): „Lieber gar nich‘ als Kranich“.

Beim Personal der Lufthansa-Kabine ist die Unzufriedenheit mit Händen zu greifen. Seit Jahren verkommt ihr verantwortungsvoller Beruf mehr und mehr zum schlecht bezahlten Knochenjob. Darauf spielten Sprüche an wie: „Habe Arbeit, brauche Geld“, oder auch: „Gehen Sie weiter: hier gibt es NICHTS mehr auszupressen!“

Auf der Kundgebung

Mehrere Aufschriften wie „Non Stop! Wir streiken für Ihre Sicherheit“ oder „evacuation after sleep deprivation???“ wiesen auf die potentiell verheerenden Folgen von Schlafmangel und Überausbeutung des Personals für die Sicherheit der Flugpassagiere hin.

Die allermeisten Schilder bezogen sich jedoch auf Arbeitsbedingungen, wie sie mit der Einführung der berüchtigten Saisonverträge bei Lufthansa überhand nehmen. In letzter Zeit werden praktisch alle neu eingestellten Flugbegleiter nach dem SMK (Saisonalitäts-Modell Kabine) beschäftigt, das bei weitem nicht an die Gehälter und Vergütungen herankommt, wie sie früher einmal gang und gäbe waren.

Darauf bezogen sich Schilder wie: „Vollzeit jetzt – Schluss mit Saisonverträgen“ oder „Ich bin SMK – holt mich hier raus!“ Wie mehrere Streikende erklärten, arbeiten sie im Sommer praktisch durch, und im Winter senkt die Lufthansa ihr Gehalt auf skandalöse tausend Euro netto ab.

Alex

Darüber berichtete Alex, der seit zwei Jahren als Flugbegleiter arbeitet. Er ist stark frustriert, weil er bei Lufthansa offenbar nicht über das saisonale Teilzeitmodell hinauskommt.

„Wir hängen alle in diesen SMK-Verträgen fest“, so Alex. Man komme nur an Vollzeitverträge, wenn man eine zusätzliche teure Schulung absolviere. „Dabei habe ich mit einem abgeschlossenen Studium hier angefangen“, so der junge Mann, der vor seiner Arbeit bei Lufthansa zwei Studiengänge, in Südostasien-Wissenschaften und in BWL, abgeschlossen hat.

Eine Vollzeitstelle sei so rar wie Schnee im Sommer: „Dieses Jahr wurden sie komplett ausgesetzt. Damit verweigert uns Lufthansa den Aufstieg in ein 100-prozentiges Arbeitsverhältnis. Für uns gilt nicht einmal der übliche Manteltarifvertrag“, so Alex. Für praktisch alle neu eingestellten Stewards und Stewardessen sei auf diese Weise bei 83 % Schluss.

Tatsächlich hatte Ufo diese Modelle mit eingeführt und unterschrieben. Ein Umstand, der den Flugbegleitern „bekannt“ sei, bestätigte Alex.

„Das SMK-Gehalt ist im Winter so niedrig, dass man nicht davon leben kann!“ sagt auch Lena, die in Frankfurt wohnt und Probleme hat, im Winter ihre Miete zu bezahlen. Wie sie berichtete, bekommt sie dann einen Nettolohn von gerade mal 1100 Euro raus. Das habe sie sich bei der Einstellung anders vorgestellt, so Lena, die bereits drei Jahre auf diese Weise hingehalten wird.

Protest gegen die schlechtbezahlten Saisonverträge bei Lufthansa

„Wir sind und bleiben Beschäftigte zweiter Klasse“, sagte Juliane, die ebenfalls im SMK-Verhältnis arbeitet. Dass Ufo auch eine kapitalistische Gewerkschaft sei, „das weiß hier jeder“, sagte sie. Sie sei aber der Meinung, man müsse jetzt „zusammenhalten“. Ein Kollege räumte jedoch ein, dass sich Ufo wohl jetzt entscheiden müsse, „ob sie unsern Interessen dient oder denen des Konzerns und der Aktionäre“.

Ufo verfolgt mit dem Streik in erster Linie das Ziel, von Lufthansa wieder als Gewerkschaft anerkannt zu werden. Nach heftigen inneren Streitereien hat der Konzernvorstand versucht, die Gewerkschaft, die aus Frustration über die verhasste Dienstleistungsgewerkschaft Verdi entstanden war, ganz auszubooten.

Zu den Gesprächen vom Wochenende hat der Lufthansa-Vorstand sowohl Ufo wie Verdi eingeladen, obwohl letztere unter den Flugbegleitern so gut wie keinen Rückhalt hat. Dagegen protestierten Demonstrationsteilnehmer mit Schildern: „No Verdi!“

Ufo-Sprecher Daniel Flohr (links) und Nicoley Baublies

Vor der LH-Zentrale luden Daniel Flohr und Nicoley Baublies den Lufthansa-Chef Klaus Froese, COO der LH Passage, und die Konzern-Personalchefin Dr. Martina Niemann ein, auf die Bühne zu steigen. Darauf schallte ihnen ein Pfeifkonzert und der Slogan „No more games!“ entgegen. Als der Manager behauptete: „Wir alle, einschließlich Ufo, haben es nicht geschafft, die Erwartungen von tausend Gästen …“ erstarb der Rest im ohrenbetäubenden Lärm.

Daraufhin versicherte Baublies, falls die Gespräche am Wochenende nicht zufriedenstellend verliefen, würden die Streiks fortgesetzt.

Allerdings schürt der Ufo-Vorstand damit Illusionen in den Lufthansa-Konzern, die völlig unbegründet sind. Das Management hat tausendmal bewiesen, dass es mit größter Härte gegen die Beschäftigten vorgeht, wenn die Möglichkeit dazu besteht. Erst vor zwei Tagen versuchte der Vorstand, Ufo durch Gerichtsbeschlüsse zur Aussetzung der Streiks zu zwingen. Den Ufo-Führern wurden persönliche Geldstrafen in Millionenhöhe angedroht. Auch gegen Cockpit ist Lufthansa schon mit großer Härte juristisch vorgegangen.

Sollte Ufo sich nicht willfährig genug erweisen, wird die Konzernführung erneut versuchen, das Streikrecht einzuschränken. Mit der Schützenhilfe der Bundesregierung und des DGB wird sie das Tarifeinheitsgesetz in Anwendung bringen, um Verdi als alleinige Vertretung zu bestätigen und Ufo auszuschalten.

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass sich Ufo erneut – wie schon vor drei Jahren – gemeinsam mit Verdi und Cockpit an den runden Lufthansa-Tisch setzt und Verträge unterschreibt, die demWettbewerbsinteresse des Konzerns am Weltmarkt entsprechen. Diese Verträge werden zwangsläufig auf Kosten der Beschäftigten gehen.

Aus diesem Grund hat die World Socialist Web Site schon vor Wochen geschrieben:

„Flugbegleiter, Bodenpersonal und Piloten benötigen, wie alle Arbeiterinnen und Arbeiter, eine neue Strategie, die der nationalstaatlichen, kapitalistischen Strategie der Gewerkschaften – der DGB- wie der Spartengewerkschaften – diametral entgegensteht. Um Rechte und Errungenschaften zu verteidigen, müssen sie von den Gewerkschaften unabhängige Aktionskomitees aufbauen und sich einer internationalen sozialistischen Perspektive zuwenden. Dies gilt umso mehr, als sich Konzerne und Regierungen weltweit auf Handelskrieg und Krieg vorbereiten und die Kosten dafür der Arbeiterklasse aufhalsen.“”