Auch BMW kündigt Milliardenkürzungen an

Von Dietmar Gaisenkersting
29. November 2019

Kurz nachdem Daimler und Audi Milliardenkürzungen und Personalabbau bekannt gegeben haben, hat auch der bayerische Premiumhersteller BMW ein Milliarden-Sparprogramm angekündigt.

Am Mittwoch stellten Konzernchef Oliver Zipse und der Gesamtbetriebsratschef Manfred Schoch auf einer Betriebsversammlung in München den Beschäftigten die Einzelheiten der Einsparungen vor. Die gut 90.000 BMW-Arbeiter in Deutschland müssen Einschränkungen bei ihren Löhnen erwarten, der Arbeitsplatzabbau trifft v. a. die Leiharbeiter.

Seit Monaten hat der IG-Metall-geführte Betriebsrat unter Leitung von Schoch mit der Konzernspitze die Kürzungen und Einsparungen ausgearbeitet. Im Ergebnis sind den Arbeitern am Mittwoch 15 Betriebsvereinbarungen und Protokollnotizen vorgestellt worden.

Schoch ist der dienstälteste Gesamtbetriebsratsvorsitzende in der deutschen Automobilindustrie. Seit 1987 steht er dem Gremium vor. Als solcher ist er auch seit Jahrzehnten stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats, dem er seit 1988 bis mindestens 2024 angehören wird. Dort ist er gemeinsam mit seinem Kollegen Stefan Schmid Mitglied des Präsidiums, des Personal-, des Prüfungs- und des Vermittlungsausschusses.

Schmid ist Betriebsratsvorsitzender des Werks im bayerischen Dingolfing und stellvertretender Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats. Auch er ist wie Schoch stellvertretender Vorsitzender im BMW-Aufsichtsrat. Die beiden erhalten allein für ihre Aufsichtsratstätigkeit jährlich 430.000 Euro.

Schmid zeigte daher Verständnis für Sparmaßnahmen: „BMW verkauft zwar viele Autos, aber die Margen sinken“, sagte er der Landauer Neuen Presse, einer Lokalzeitung. „Das heißt: Wir haben zwar eine Umsatzsteigerung, aber wir verdienen aktuell nicht mehr so viel Geld. Diese Tatsache müssen die Mitarbeiter auch erfahren und verstehen.“

Es wäre daher nicht abwegig gewesen, wenn der Vorstandsvorsitzende Zipse gesagt hätte, dass es nicht so gut laufe und daher keine Erfolgsbeteiligung gebe, sagte Schmid im Interview. „Das hätte viele Anteilseigner begeistert – Zipse, ein Manager, der durchgreift.“ Dass es dazu nicht gekommen sei, mache ihn froh.

Zipse selbst lobte Schmid ausdrücklich: „Im Fußball gibt es ja oft das Problem, dass ein Trainer zu nett ist, so nett, dass die Mannschaft nicht mehr gut spielt. Bei Herrn Zipse ist das nicht so. Ich bin überzeugt, dass er die Balance zwischen klaren Ansagen und Empathie sehr gut trifft.“

Die Millionäre Schoch und Schmid sehen den Konzern aus dem gleichen Blickwinkel wie die Aktionäre und Zipse. Sie, und folglich auch die Medien, haben das Sparprogramm als das mildeste aller derzeit kursierenden Sparprogramme in der Automobilindustrie verkauft. Doch das ist nur auf den ersten Blick so. BMW will bis 2022, also in den nächsten drei Jahren, zwölf Milliarden Euro einsparen. Das geht nur mit großen Einschränkungen bei den Personalkosten.

Doch Konzern-Vorstand und IGM-Betriebsrat haben sich darauf geeinigt, dass nicht die Stammbelegschaft, sondern die Leiharbeiter den größten Teil dieser Kürzungen verkraften müssen. Dennoch spart BMW auch bei der Stammbelegschaft zukünftig einen dreistelligen Millionenbetrag. So wird die jährlich anfallende Erfolgsbeteiligung in Deutschland nach einer neuen Formel berechnet, die eine rund 20-prozentige Kürzung beinhaltet. Ein typischer Bandarbeiter würde im nächsten Jahr laut BMW nicht wie im vergangenen Jahr 9100, sondern 7600 Euro bekommen.

Zudem reduziert BMW bei den Beschäftigten, die freiwillig 40 statt 35 Stunden arbeiten, das Weihnachtsgeld und die Erfolgsbeteiligung. Der Betriebsrat hat es als Erfolg gemeldet, dass BMW dafür mehr für die Altersvorsorge zahlt. Pro Cent der Aktiendividende sollen künftig 2,40 Euro in die Altersvorsorge, maximal aber 1200 Euro pro Beschäftigtem und Jahr.

BMW-Arbeiter sind skeptisch. „Keiner blickt wirklich durch.“ Alle vermuten irgendeinen Haken.

Die Leidtragenden der Einsparungen bei BMW sind die Leiharbeiter und die Beschäftigten in der Zulieferindustrie sowie bei den externen Dienstleistern. Bereits Ende September, kurz nach der Übernahme des Postens des Vorstandsvorsitzenden, hatte Zipse angekündigt, die Zahl der damals rund 10.000 Leiharbeitskräfte gegen Null zu drücken. In der Verwaltung wird Personal abgebaut, indem Verträge nicht verlängert bzw. freiwerdende Stellen nicht wiederbesetzt werden.

In diesem und im kommenden Jahr soll auch für jeden neuen Arbeitsplatz in Zukunftsbereichen wie Elektromobilität und Autonomem Fahren ein vorhandener Arbeitsplatz in der Verwaltung oder der Produktion wegfallen. Audi hatte einen Tag zuvor angekündigt, in diesen Bereichen maximal 2000 neue Jobs zu schaffen. So bleibt bei BMW zwar die Zahl der Stammbeschäftigten in etwa gleich, fast 135.000 weltweit, aber es werden nicht mehr die gleichen Arbeiter sein. Einige werden gehen müssen, um neuen Fachkräften Platz zu machen.

Ein Sprecher des Konzerns hatte angekündigt, dass der weitaus größere Teil der Kostensenkungen auf Einsparungen bei den Materialkosten, beim Einkauf für Bereiche außerhalb der Produktion und eine deutliche Verkürzung der Entwicklungsprozesse fällt. Zipse und Finanzvorstand Nicolas Peter wollen neben den Kürzungen bei Personal- und Materialkosten auch ganze Modellreihen und Motorvarianten streichen.

Das heißt, dass erneut Einsparungen auf die Beschäftigten in der Zulieferindustrie, einschließlich der Stahl-, Metall- und Chemieindustrie sowie auf weitere externe Lieferanten und Dienstleister abgewälzt werden.

Das insgesamt zwölf Milliarden Euro schwere „Effizienzprogramm“ dient nur einem Zweck – auch unter den Bedingungen des Rückgangs der Neuwagenverkäufe (BMW verkauft dieses Jahr voraussichtlich 100.000 Autos weniger als geplant), der Umstellung auf Elektromobilität und eines weltweiten verstärkten Konkurrenzkampfs die Rendite und damit den Aktienkurs und die Dividende der Aktionäre zu stabilisieren.

Die Analysten jammern, dass sich der BMW-Aktienkurs seit Mai 2015 fast halbiert habe, von 67,20 Euro pro Aktie auf 41,30 Euro. Die Umsatzrendite müsse daher zwingend wieder steigen. BMW strebt mittelfristig weiter acht Prozent Umsatzrendite an. Zurzeit liegt der Wert bei 6,6 Prozent, wenn man die Rückstellung von 1,4 Milliarden Euro für eine zu erwartende hohe Kartellstrafe einberechnet, bei 4,1 Prozent.

Im letzten Jahr hatten allein die beiden Hauptaktionäre, die Geschwister Susanne Klatten und Stephan Quandt, 1,1 Milliarden Euro Dividende von BMW auf ihre Konten überwiesen bekommen. Vorstand und Aufsichtsrat, in dem zehn Mitglieder der IG Metall und des Betriebsrats sitzen, hatten vorgeschlagen, 30 Prozent des Gewinns in Höhe von 8,7 Milliarden Euro als Dividende an die Aktionäre zu zahlen, über 2,6 Milliarden Euro. Stephan Quandt erhielt davon 622 Millionen Euro, seine Schwester Susanne Klatten 504 Millionen Euro.

Diese Bereicherungsorgie soll nun fortgesetzt werden. Nicht noch einmal soll der Gewinn wie im letzten Jahr „nur“ 7,2 Milliarden Euro betragen. Denn die Dividende wurde daraufhin um 12,5 Prozent auf 3,50 Euro pro Aktie gekürzt. Quandt und Klatten erhielten 2019 zusammen „nur“ eine Milliarde Euro.

Die global operierenden Autokonzerne nutzen die internationale Absatzkrise, die Umstellung auf Elektromobilität und den Einsatz künstlicher Intelligenz systematisch aus, um Arbeitsplätze abzubauen, die Löhne zu senken, die Arbeitshetze zu erhöhen und so die Profitrate zu steigern.

Allein in diesem Jahr hat die Autoindustrie bislang den Abbau von insgesamt rund 50.000 Arbeitsplätzen in Deutschland angekündigt, berichtete kürzlich der Direktor des CAR-Instituts an der Universität Duisburg-Essen, Ferdinand Dudenhöffer. Zuletzt hatten Daimler und Audi ihre Sparprogramme bekannt gegeben.