„Prekarität tötet!“

Frankreich: Zwei Suizidversuche lösen Jugendproteste aus

Von Francis Dubois
3. Dezember 2019

Der Suizidversuch eines Studierenden in Lyon hat im ganzen Land Proteste ausgelöst. Die Verzweiflungstat und das vernichtende Urteil, das Anas K. über die Macron-Regierung und den Kapitalismus fällte, fanden bei Zehntausenden Studierenden in Paris, Lille, Marseille, Grenoble und Rennes einen eindrucksvollen Widerhall.

Am 8. November versuchte Anas K., Student der Politikwissenschaft an der Universität von Lyon, sich selbst zu verbrennen. Der 22-Jährige erlitt schwere Verbrennungen an 90 Prozent seines Körpers. Er liegt immer noch im Krankenhaus, ist aber stabil. Auch ein weiterer Suizidversuch ist ein Zeichen für die immense soziale Not, unter der viele Schüler und Studierende in Frankreich leiden. Die 18-jährige Oberstufenschülerin versuchte, sich am 25. November in einer Pariser Vorstadtschule selbst zu verbrennen.

In seinem Abschiedsbrief beschrieb Anas die Armutsbedingungen, unter denen die Schüler leben: „Als ich dieses Jahr zum dritten Mal das zweite Jahr meines Studiums absolvierte, erhielt ich keine staatliche Unterstützung mehr. Und selbst wenn ich’s bekommen hätte: Sind 450 Euro im Monat wirklich zum Leben genug?“

Dann prangerte er die Regierung direkt an: „Ich verurteile das Ministerium für Hochschulbildung und Forschung und damit die gesamte Regierung. Lasst uns diese wachsende Flut des Faschismus bekämpfen, die uns nur spaltet und den Liberalismus und die Ungleichheit schafft. Ich beschuldige Macron, Hollande, Sarkozy und die EU: Sie haben mich umgebracht.“

Anas lebte in sehr schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen, wie seine Freunde berichten. Im ersten Jahr seines Studiums lebte er bei seinen Eltern in St. Etienne und fuhr jeden Tag 55 km nach Lyon. Zwar hatte er im vergangenen Jahr ein Zimmer in einem Studentenwohnheim erhalten, verlor es jedoch dieses Jahr wieder, ebenso wie sein Stipendium und die Wohngeldzahlung. Das CROUS, die zuständige staatliche Stelle, hatte ihm die Unterstützung gestrichen, weil er einige Kurse wiederholen musste. Auch wurde ihm jede Sozialhilfe verweigert.

Sogar mit seinem Stipendium hatte Anas Schwierigkeiten, seine Rechnungen zu bezahlen. „Außerdem war seine Unterkunft ungesund und minderwertig. Es gab Bettflöhe und Schabe“, so eine Freundin. Seitdem lebte er teils bei seinen Eltern, teils bei seiner Freundin, die ihn als „stolz auf die Arbeitertradition seiner Heimatstadt“ bezeichnet.

Nach Anas’ demonstrativer Tat kam es zu dutzenden Studentenversammlungen und Demonstrationen. In zahlreichen Universitätsstädten wurden Barrikaden. gebaut.

In Lyon demonstrierten mehr als tausend Studierende und bauten Barrikaden, um Vorlesungen zu verhindern. Darauf fielen an der Universität Lyon Vorlesungen an mehreren Fakultäten aus. In Lille verhinderten die Studenten eine Konferenz mit dem ehemaligen französischen Präsidenten François Hollande (PS) über die „Krise der Demokratie“. Auf Plakaten bezeichneten die Studenten Hollande als „Mörder“.

Hollande hat während seiner Amtszeit die Polizeistaatsstruktur in Frankreich eingeführt und den Ausnahmezustand verhängt, unter dem die demokratischen Grundrechte aufgehoben wurden. Er hat die Politik von Vichy wiederaufleben lassen. Die Studenten in Lille organisierten auch eine Aktion der „kostenlosen Mahlzeit“, bei der sie die Kassen der Universitätskantine besetzten. Mehrere Pariser Universitäten wurden zum Ausgangspunkt von Demonstrationen.

In Tolbiac teilten Studenten ihre Emotionen und ihre Wut über die Behörden mit den WSWS-Reportern. Marius erklärte: „Ich kann gut verstehen, dass das Leben als Student in prekären und manchmal sehr komplizierten Situationen einige dahin bringen kann, so weit zu gehen. Solche Dinge könnten früher gestoppt werden, wenn man etwas mehr Hilfe und nicht nur finanzielle, sondern auch zum Beispiel psychologische Unterstützung leisten würde.“

Aissata fügte hinzu: „Ich denke, dass die Regierung und die Behördenleiter nicht nah genug an den Studenten sind, und ich denke, deshalb haben sie sich jetzt selbst die Finger verbrannt.“ Sie fügte hinzu: „An der Uni ist der Standard anspruchsvoller als an der High School. Die Universitätsdozenten korrigieren scharf, und die Studenten müssen wirklich hart arbeiten … Nach dem Unterricht gehe ich normalerweise direkt nach Hause und lerne dort weiter, um gute Noten zu bekommen, es ist wirklich schwierig.“

In ganz Frankreich gehen Studierende gegen die finanzielle Notlage auf die Straße, die ihnen die Finanzaristokratie und ihre politischen Lakaien auferlegen. Sie sind Teil der schnellen Radikalisierung von Studenten und Jugendlichen, die weltweit gegen soziale Ungleichheit rebellieren.

Auf der ganzen Welt steht die Jugend an der Spitze der jüngsten Massenbewegungen. Sie sieht sich mit blutiger polizeilicher Repression konfrontiert – ob im Irak, in Hongkong, Chile, Algerien und vielen anderen Ländern. Es geht ihnen nicht um Fragen des Geschlechts, der Rasse oder der persönlichen Identität. Sie rebellieren gegen die sozialen Angriffe, gegen die zutiefst ungerechte Art und Weise, wie die sozialen Ressourcen verteilt werden.

Erschrocken über die Perspektive einer vereinten Bewegung von Studierenden und Arbeitern gegen Macron versuchen verschiedene Mitglieder der Macron-Regierung, den politischen Charakter von Anas K.'s Tat zu leugnen. Gabriel Attal, Staatssekretär des Ministers für Bildung und Jugend, erklärte frech vor der Nationalversammlung: „Das eigene Leben zu beenden ist niemals ein politischer Akt.“ Er erhielt eine Ovation von den Abgeordneten der Regierungspartei.

Natürlich ist Anas K.'s schreckliches und tragisches Handeln kein Vorbild für die Millionen von Jugendlichen und Arbeitern, die jetzt gegen die Macron-Regierung auf die Straße gehen. Es ist jedoch offensichtlich, dass er mit seiner Geste ein starkes Urteil über die jugendfeindliche Regierungspolitik in Frankreich sprechen wollte.

Die Lebens- und Studienbedingungen für Schüler aus den weniger wohlhabenden Gesellschaftsschichten verschlechtern sich seit Jahren, was sich seit dem Beginn der Regentschaft Macrons noch beschleunigt hat. Jeder fünfte Schüler lebt heute am Rande der Armut. Jeder fünfte verzichtet mehrmals pro Woche auf eine Mahlzeit. Jeder Dritte kann sich aus Geldmangel nicht ausreichend um seine Gesundheit kümmern. Drei von vier haben keine Sozialhilfeansprüche.

Die Studienstipendien, die 38 Prozent der Studierenden erhalten, betragen durchschnittlich 234 Euro pro Monat. Sie reichen weder zum Leben noch zum Studieren aus. Viele Studierende sind zur Arbeit gezwungen, was entweder zu einer Verzögerung ihres Studiums führt oder sie behindert. Dies wiederum führt dazu, dass sie das Recht auf jegliche Unterstützung verlieren. Die Stipendien werden nur zehn Monate lang gezahlt. So sind viele Studierende gezwungen, ihr Studium vor dem Abschluss abzubrechen. Nach den Angaben einer Studie über das Thema arbeitet fast die Hälfte aller Studierenden (46 Prozent) neben ihrem Studium.

Nach Abzug des Wohngelds steht einem Studenten ein Schlafzimmer für 80 Euro pro Monat zur Verfügung, während ein möbliertes Apartment von 18 Quadratmetern laut CROUS zwischen 150 und 200 Euro kostet. CROUS verwaltet den Bestand an Studentenwohnheimen, die jedoch nur 6 Prozent aller Studierenden (2,3 Millionen) aufnehmen können.

In den Städten sind die Kosten für die Miete eines Zimmers exorbitant. Die 800.000 Studierenden, die Wohnhilfe (APL) erhalten, sind direkt von den Kürzungen betroffen, die Macron im Jahr 2017 vorgenommen hatte. Die Hälfte aller Studierenden kann keine Unterkunft außerhalb ihrer akademischen Einrichtung finanzieren. Auch kann jeder zweite aus Mangel an Mitteln nicht das studieren, was er oder sie gerne studieren möchte.

Bereits 2016 berichteten 22,7 Prozent der befragten Studierenden in einer Umfrage, dass sie im Laufe des Jahres mit „erheblichen finanziellen Schwierigkeiten“ konfrontiert seien. Etwa 60 Prozent litten unter Erschöpfung und Stress, 45 Prozent erwähnten Schlafstörungen und 32 Prozent waren depressiv.

Zahlreiche Interviews mit Schülern zeigen, welche unmöglichen Bedingungen sie ertragen müssen. „Wenn ich aufhöre, bevor ich meine Abschlussarbeit eingereicht habe, habe ich alle diese Jahre verloren und mir völlig umsonst chronische Krankheiten zugezogen“, erklärte eine Studentin, die bis zu 40 Stunden pro Woche arbeitet.

In der Nachricht eines Studenten auf Twitter stand: „Wir, die Prekären, haben die Pflicht, unsere Schwierigkeiten sichtbar zu machen, sie nicht mehr zu verbergen und uns nicht mehr für sie zu schämen. Denn es ist nicht unsere Schuld, wenn wir Sklaven sind, wenn wir in Panik geraten, wenn wir psychologische Probleme haben, die mit unserer materiellen Situation zusammenhängen. Der Staat treibt uns an die Grenze. Er bringt uns täglich um.“