Weihnachten 2019: Mehr als eine halbe Million Obdachlose in Amerika

27. Dezember 2019

Dieses Weihnachten haben in den USA etwa 568.000 Menschen in Unterkünften für Obdachlose, Zeltlagern oder auf der Straße die Feiertage verbracht.

Einige der Obdachlosen werden Weihnachten nicht mehr erlebt haben, da die Zahl der Todesopfer weiter steigt. In Los Angeles County, einem Brennpunkt der sozialen Krise, starben sowohl 2018 als auch 2019 etwa Eintausend der schätzungsweise 44.000 obdachlosen Menschen. Damit starben pro Tag fast drei von ihnen, während gleich nebenan der Glanz Hollywoods und der Reichtum und die Privilegien von Beverly Hills das Bild prägen.

Mann vor Wandgemälde mit Engelsflügeln („Africa Wings“ von Colette Miller) am 1. September 2017 in Skid Row, einem Viertel mit besonders vielen Obdachlosen in Los Angeles. (Quelle: AP-Foto/Jae C. Hong)

In diesem Jahr verzeichnete das Ministerium für Wohnen und Stadtentwicklung zum dritten Mal in Folge in seiner jährlichen Erhebung einen Anstieg der Zahl der Menschen, die im Freien leben. Es ist davon auszugehen, dass diese Zahlen die Realität bei weitem nicht abbilden. Sie kommen durch eine Zählung zustande, die in der kältesten Zeit des Jahres von Freiwilligen durchgeführt wird, die nicht in der Lage sind, alle Gebiete zu erfassen, in denen Obdachlose zu überleben versuchen.

Wie viele von ihnen an den Feiertagen durch die Witterung und andere Ursachen sterben werden, ist nicht klar. Tatsache ist jedoch, dass jedes Jahr tausende Menschen ohne Obdach auf den Straßen, in Lagern, verlassenen Häusern und in den Hinterhöfen im ganzen Land sterben. Zehntausende werden am Heiligabend auf den Straßen Amerikas eingeschlafen und Dutzende von ihnen morgens nicht mehr aufgewacht sein.

Mahnwachen und Protestmärsche, die jährlich stattfinden, wurden auch am Donnerstagabend vor einer Woche in mehreren hundert Städten in den USA abgehalten, um der obdachlosen Männer und Frauen zu gedenken, die in diesem Jahr gestorben sind. In Washington, D.C., haben in diesem Jahr bisher 117 Obdachlose ihr Leben in der Hauptstadt der USA verloren. Dies ist ein gewaltiger Sprung gegenüber den 54 Toten, die im Jahr 2018 registriert wurden. In Santa Clara County (Kalifornien), der Heimat des Silicon Valley, gab es 161 Todesopfer unter den Obdachlosen. Riverside County (Kalifornien) verzeichnete 95 Todesfälle; in Portland (Oregon) wurden 43 Todesfälle registriert, die höchste Zahl in dieser Stadt seit 2015; in Salt Lake City (Utah), wo erst kürzlich die Zahl der Betten in Notunterkünften um 400 reduziert wurde, starben 94 Obdachlose; Boulder (Colorado) verzeichnete 48 Todesfälle, eine Verdoppelung gegenüber 2018, und in Springfield, der Hauptstadt des Bundesstaates Illinois, starben in diesem Jahr 13 Obdachlose auf der Straße.

Während die herrschende Elite den anhaltenden Anstieg der Aktienkurse feiert und sich für die historisch niedrigen Arbeitslosenzahlen auf die Schulter klopft, steigt die Zahl der Menschen, die auf die Straße geworfen werden. Das ist kein Widerspruch: Die Rekorde an der Wall Street beruhen letztlich auf der zunehmend krassen Ausbeutung der Arbeiter durch den Einsatz neuer Technologien sowie die Bemühungen, die Löhne zu drücken. Ein Teil dieser Bemühungen besteht darin, dass eine neue und immer verzweifeltere Schicht in der Gesellschaft geschaffen wird, die bis an die absolute Grenze getrieben wird.

Die düsteren Zahlen zur Obdachlosigkeit sind eine Momentaufnahme, die nur einen Ausschnitt der sich vertiefenden sozialen Krise zeigt, in der Amerika am Ende des Jahres 2019 steckt. Die Drogen-Krise, Waffengewalt und eine steigende Selbstmordrate spiegeln sich in der sinkenden Lebenserwartung wieder – ein Phänomen, das in der Geschichte der führenden Volkswirtschaften und der USA ohne Beispiel ist.

Während der wirtschaftlichen Erholung seit der Rezession 2008 hat sich der Niedriglohnbereich in der sogenannten „Gig Economy“ ständig vergrößert. Millionen von Menschen stehen bei einem Notfall oder bei einem Unfall am Rande des Abgrunds. Die Arbeiter sind heute darauf angewiesen, sich an App-Dienstleister wie Uber und GrubHub für eine geringfügige Beschäftigung zu niedrigen Löhnen oder an Unternehmen wie Amazon zu wenden, wo sie für 15 Dollar pro Stunde bis zur Erschöpfung oder bis zum Tod in einem der Logistikzentren arbeiten.

Die soziale und wirtschaftliche Kluft zwischen den unteren 90 Prozent und den oberen 10 Prozent war noch nie so groß wie heute. Innerhalb der geographischen Grenzen der Vereinigten Staaten existieren zwei sehr unterschiedliche Gesellschaften. Unternehmensgewinne und Aktienrückkäufe auf Rekordniveau füllen weiterhin die Taschen der Reichen, während die Arbeiter gezwungen sind, den Gürtel enger zu schnallen und mehr Arbeit für weniger Geld zu leisten.

Eine kürzlich von Pew Trusts durchgeführte Analyse zu den Volkszählungsdaten ergab, dass die Armutsrate zwischen 2016 und 2018 in 30 Prozent aller US-Bezirke angestiegen ist. Der Anstieg wirkte sich auf alle arbeitenden Menschen – Schwarze, Weiße, Hispanoamerikaner und Ureinwohner – gleichermaßen aus.

Das reichste eine Prozent der Amerikaner mit Zugang zur besten Gesundheitsversorgung, die sich mit Geld kaufen lässt, lebt mehr als ein Jahrzehnt länger als das ärmste eine Prozent, zu dem auch diejenigen gehören, die auf der Straße sterben. Derweil waren die Lebensbedingungen für diejenigen an der Spitze der Gesellschaft noch nie so gut wie heute. Die drei wohlhabendsten Familien der USA – die Waltons, die Kochs und die Mars – kontrollieren 349 Milliarden Dollar. Ihr Nettovermögen ist damit mehr als 4 Millionen Mal so groß wie das einer durchschnittlichen amerikanischen Familie.

Die 400 reichsten Menschen in den USA verfügen zusammen über mehr Vermögen als die unteren 64 Prozent. Unter Präsident Donald Trump wurden die Unternehmens- und Erbschaftssteuern drastisch gesenkt, um sicherzustellen, dass immer mehr Vermögen an die Spitze der Gesellschaft gelangen. Im vergangenen Jahr zahlten 91 der größten Unternehmen keine oder sogar negative Einkommenssteuern, wobei die reichsten Personen erstmals einen niedrigeren Steuersatz zahlten als die ärmsten.

Die Medien und beide politischen Parteien in den USA haben immer wieder behauptet, dass es Amerika noch nie besser ging, und verweisen damit auf die wachsenden Vermögensberge an der Spitze. Doch die Mehrheit der Amerikaner ist in der Realität mit einer tiefen sozialen Krise konfrontiert.

Es ist bemerkenswert, dass immer mehr statistische Erhebungen die soziale Krise widerspiegeln, diese Daten aber weder in den Vorwahldebatten der Demokraten eine Rolle gespielt, noch in den Leitmedien ein Gefühl der Dringlichkeit ausgelöst haben. Während Trump verspricht, er werde dafür sorgen, dass „Amerika großartig bleibt“ (was für die Superreichen gilt), ignorieren die Demokraten schlichtweg die verzweifelten Bedingungen, mit denen die Arbeiterklasse konfrontiert ist. Stattdessen appellieren sie mit Identitätspolitik an die oberen zehn Prozent.

Bei der Debatte der Präsidentschaftskandidaten der Demokraten letzte Woche in Los Angeles – dem Epizentrum der nationalen Obdachlosen-Krise – wurde das Thema von allen Kandidaten auf der Bühne gemieden. Nicht einer verwies darauf, dass sich die Zahl der toten Obdachlosen in der Gegend von Los Angeles der Tausender-Grenze näherte, auch nicht der selbsternannte „demokratische Sozialist“ Bernie Sanders, der eigentlich die Politik eines gemäßigten Liberalen der 1960er Jahre verfolgt.

Angesichts der Ignoranz und der Gefühllosigkeit der heutigen herrschenden Klasse in den USA gegenüber den realen Lebensbedingungen von Millionen von Arbeitern zum Jahreswechsel erscheinen die französischen Aristokraten vor 1789 geradezu als Musterbeispiele für Weitsicht und Großzügigkeit.

Das oberste eine Prozent und die Politiker der Demokratischen und Republikanischen Parteien, die sie vertreten, sitzen auf einem sozialen Pulverfass. Das letzte Jahr war geprägt von einem Wiederaufleben des Klassenkampfes auf der ganzen Welt – von Frankreich über den Sudan, Algerien, Chile und Mexiko bis hin zu den Vereinigten Staaten selbst, wo die Zahl der Streiks ansteigt.

Es ist unvermeidlich, dass der Widerstand von Millionen von Menschen gegen immer unerträglichere Bedingungen in Massenkämpfen in den Vereinigten Staaten ausbrechen wird. Doch die großen sozialen Probleme, einschließlich der Obdachlosigkeit und Armut, werden nur unter der Führung einer politischen Partei der Arbeiterklasse gelöst werden können, die bewusst für den Sozialismus kämpft.

Niles Niemuth