Das „Umweltsau“-Video und die Selbstgleichschaltung der Medien

Von Dietmar Gaisenkersting
8. Januar 2020

Der Umgang des Westdeutschen Rundfunks (WDR) mit dem sogenannten „Umweltsau“-Video ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich die Medien auf den geringsten Druck von rechts selbst zensieren und die Ideologie der Rechten verbreiten.

In dem Abrufvideo, das der WDR in der Woche vor Weihnachten online stellte, singt der Dortmunder Kinderchor des WDR eine umgedichtete Version des absurden Spottlieds „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“, die jeweils im Refrain „Meine Oma ist ´ne alte Umweltsau“ endet.

Es handelt sich um eine harmlose Satire, die, so die Autoren, „mit Überspitzung und Humor den Konflikt zwischen den Generationen aufs Korn nehmen“ sollte. Die Kinder singen von der Discounterfleisch-essenden, SUV-fahrenden und Kreuzfahrt-reisenden Oma. Am Ende des Videos zitiert ein Mädchen Greta Thunberg: „We will not let you get away with this“ – zu Deutsch etwa: Wir werden euch das nicht durchgehen lassen.

Spiegel Online hat gestützt auf eine Twitter-Auswertung des Social-Media-Analysten Luca Hammer nachgezeichnet, wie rechte Trolle einen Shitstorm gegen das Video entfachten.

„Seine Auswertung zeigt, dass erste Accounts am 27. Dezember zu dem Video twittern“, heißt es in dem Artikel. „Die ersten Tweets dazu bekommen jedoch kaum Aufmerksamkeit. Doch dann springt der Funke über zu reichweitenstarken Accounts, die sich dem rechten Spektrum zuordnen lassen. Viele Tweets beklagen eine ‚Instrumentalisierung von Kindern‘ oder sprechen abwertend von ‚Staatsfunk‘. Von ihnen ausgehend verbreitet sich die Empörung schnell weiter – bis sie schließlich rechtskonservative Multiplikatoren erreicht und erste Medienberichte erscheinen.“

„Das ‚Oma-Gate‘ ist ein ganz typisches Beispiel rechter Empörung und Mobilisierung – sowohl, was die Struktur, als auch, was die Themen und Argumente anbelangt“, zitiert Spiegel Online Patrick Stegemann, Autor eines Buchs über „Die rechte Mobilmachung“. „Umweltthemen sind in der letzten Zeit in der rechten Mobilisierung wahnsinnig beliebt, Greta ist der personifizierte Feind der Rechten.“

Das „Umweltsau“-Lied, so Stegemann, sei kein Einzelfall. Rechte Influencer und Gruppen versuchten immer wieder, Empörung auszulösen. „Es werden sehr viele Köder ausgeworfen – und sobald etwas verfängt, geht die Maschine so richtig los, dann geht es rund.“

Die Rechten ließen es nicht beim Shitstorm bewenden. Am 28. Dezember demonstrierten in Köln rund hundert Rechte vor dem Gebäude des Senders. Es folgte weitere Demonstrationen, zu denen unter anderem das Umfeld der „Bruderschaft Deutschland“, AfD-Kreise sowie Gruppen aus dem Umkreis der Identitären Bewegung aufgerufen hatten.

Dem Chorleiter Zeljo Davutovic wurde die „Instrumentalisierung“ der singenden Kinder vorgeworfen, AfD-Verbände bezeichneten ihn als „Kinderschänder“ und twitterten seine Telefonnummer. Der rechte Blogger Jürgen Fritz veröffentlichte auf seinem Facebook-Profil die Mitarbeiter des Produktionsteams mit Namen und Fotos. Einige der WDR-Mitarbeiter erhielten Morddrohungen, die angesichts der rechtsextremen Morde der vergangenen Jahre – vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) über den Lübcke-Mord bis zum Anschlag auf die Synagoge in Halle – ernst zu nehmen sind.

Doch anstatt sich schützend vor die WDR-Journalisten zu stellen und die Freiheit von Medien, Meinung und Satire zu verteidigen, fielen ihnen die Leitung des Senders, die Landesregierung und andere Medien in den Rücken.

Der WDR entfernte das Video zügig von all seinen Internet-Plattformen. WDR-Intendant Tom Buhrow, der seit Jahresbeginn turnusgemäß auch ARD-Vorsitzender ist, entschuldigte sich ausdrücklich dafür. Noch am Abend des 28. Dezembers strahlte der WDR eine Radio-Sondersendung aus, in der sich Buhrow zuschalten ließ, um sich „ohne Wenn und Aber“ für das Video zu entschuldigen.

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) schaltete sich persönlich ein und twitterte, „die Debatte um den besten Klimaschutz“ werde vom WDR zum Generationenkonflikt „eskaliert“. Niemals dürften „Kinder von Erwachsenen für ihre Zwecke instrumentalisiert“ werden. Der WDR habe mit dem Lied „Grenzen des Stils und des Respekts gegenüber Älteren überschritten“. In einem Gastbeitrag für die Wochenzeitung Zeit schrieb Laschet: „In diesen Zeiten brauchen wir dringend einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der dem Zusammenhalt dient, wie es seinem Auftrag entspricht.“

Auch der stellvertretende Ministerpräsident Joachim Stamp (FDP) rügte das Video: „Vielleicht sollten wir uns für das neue Jahrzehnt gemeinsam vornehmen, Menschen generell nicht als ‚Säue‘, ‚Schweine‘ usw. zu bezeichnen.“

Im Boulevardblatt Bild meldete sich der Chefredakteur persönlich zu Wort, um gegen das Video, seine Macher und den WDR zu hetzen. Das Blatt zitierte Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP) mit den Worten: „Dass ein Kinderchor missbraucht wird, um zu denunzieren und Umerziehung zu betreiben, spricht gegen die ‚Fernsehmacher‘ und erinnert fatal an die untergegangene DDR.“

In einem offenen Brief an Buhrow solidarisierten sich darauf über 40 TV-Autorinnen und -Autoren mit den Machern des Videos, forderten seine sofortige Wiederonlinestellung und warfen dem WDR-Intendanten vor, er sei in eine Falle rechter Trolle getappt und habe seine Mitarbeiter alleingelassen. Zu den Unterzeichnern der der Solidaritätserklärung gehören Autoren von Sendungen wie „Neo Magazin Royale“, „Dark“ und der „heute Show“.

„Der Streit um das Lied entbehrt jeder rationalen Grundlage“, heißt es darin. „Selbst das Wort ‚Satirefreiheit‘ scheint unangemessen, wenn die Empörungsschwelle so niedrig liegt, dass sie auch von jedem zweiten Popsong gerissen wird. Eine (!) fiktionale Oma diskriminiert genau so wenig eine ganze Generation wie der Alkoholiker-Vater aus ‚Papa was a Rollin‘ Stone‘ nicht alle Männer für untauglich erklärt.“

Über Tom Buhrow heißt es weiter in dem Brief: „Ein Medienmanager, dessen Umgang mit moderner, rechter Propaganda von so viel Naivität und Ungeschicktheit zeugt und der nicht in der Lage ist, sich in einfachsten Fragen der Presse- und Meinungsfreiheit vor seine MitarbeiterInnen zu stellen, gefährdet eben diese Freiheiten. Er sollte die Konsequenzen ziehen.“

Auch die Redakteursvertretung des WDR stellte sich in einem Statement hinter die Produzenten des Videos und kritisierte Buhrow scharf. „Wir sind fassungslos,“ heißt es darin, „dass der Programmchef von WDR 2 ein Video mit einem satirischen Kinderlied löschen lässt, und vor allem auch darüber, dass Intendant Tom Buhrow einem offenbar von Rechtsextremen orchestrierten Shitstorm so leicht nachgibt, sich vorschnell redaktionell distanziert und sich nicht nur persönlich entschuldigt, sondern dabei mehrfach öffentlich (u. a. live bei WDR 2) Redakteurinnen und Redakteuren in den Rücken fällt, statt ihnen in Zeiten inszenierter Empörungswellen gegen den WDR und den ÖRR [öffentlich-rechtlichen Rundfunk] den Rücken zu stärken.“ Damit, so die Redakteursvertreter, sei die innere Rundfunkfreiheit verletzt worden.

Am gestrigen Dienstag fand beim WDR eine nicht öffentliche Redakteursversammlung statt, auf der sich Buhrow der Kritik von rund 700 Mitarbeitern stellte. Rund 30 Redner hätten sich in emotionalen Beiträgen zu Wort gemeldet, berichtete eine Teilnehmerin dem Spiegel. Für manche habe sich die Frage gestellt, ob man sich künftig überhaupt noch an eine Satire heranwagen könne. Buhrow habe zwar betont, dass alle so weitermachen sollten wie bisher, im Prinzip habe er aber auch gesagt, dass er noch einmal genauso handeln würde.

Die Selbstzensur des WDR im Falle des „Umweltsau“-Videos ist symptomatisch für den Rechtsruck der herrschenden Eliten. Angesichts wachsender sozialer Spannungen rüsten sie nach innen und außen auf und sind nicht mehr bereit, Kritik und abweichende Meinungen zu tolerieren – und sei es auch nur in Form von Satire.

Wer sich nicht an Selbstbeschränkung und -zensur hält, wird eingeschüchtert und angegriffen. Die Verfolgung von Julian Assange und Chelsea Manning, die im Gefängnis sitzen, weil sie Kriegsverbrechen entlarvt haben, steht international als Präzedenzfall für diese Entwicklung. Nicht die Verursacher von Verbrechen und Missständen werden verfolgt, sondern diejenigen, die sie aufdecken und kritisieren.