Papier-Brigade: Eine Dokumentation über den Widerstand gegen die kulturelle Zerstörung der Nazis im Ghetto von Vilnius

Von Clara Weiss
15. Februar 2020

Der deutsch-französische Sender Arte strahlte Mitte Januar eine Dokumentation über die so genannte Papier-Brigade des Ghettos in Vilnius (Wilna) aus. Gestützt auf Interviews mit Mitgliedern der Brigade, ihren Nachkommen und Historikern beleuchtet die Dokumentation ein wenig bekanntes aber bedeutendes Kapitel des Widerstandes gegen den Versuch des Nationalsozialismus, nicht nur die jüdische Bevölkerung Europas zu ermorden, sondern auch unschätzbare Kulturgüter der menschlichen Zivilisation zu plündern und zu vernichten.

Vilnius galt vor dem Zweiten Weltkrieg als kulturelles Zentrum des europäischen Judentums und wurde auch als „Jerusalem Europas“ bezeichnet. Es hatte mit Abstand die umfassendsten Bibliotheksbestände, und eine der ältesten jüdischen Gemeinden der Welt. Im Jahr 1925 wurde hier das YIVO, das Jiddische Wissenschaftliche Institut, gegründet, das sich auf die Erforschung der jiddischen Sprache und Kultur spezialisierte.

Das Wilnaer Ghetto wurde im September 1941, wenige Monate nach dem Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni, von den Nazis errichtet. Der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR), unter dem Kommando von Alfred Rosenberg, der bereits in Frankreich, Polen und Griechenland für massive Plünderungen von Kunst- und Kulturgütern verantwortlich war, fiel nun auch über diese Regionen her.

Johannes Pohl, der zuvor bereits im griechischen Saloniki gewütet hatte, leitete die kriminellen Operationen des ERR im besetzten Wilna. Pohl wollte insbesondere Judaica für das Institut zur Erforschung der Judenfrage in Frankfurt plündern, dessen Motto die „Judenforschung ohne Juden war“.

Tätigkeitsgebiet des ERR im nationalsozialistisch besetzten Europa

Laut Vorgaben des ERR sollen 70 Prozent der Gesamtbestände der Bibliotheken und Sammlungen vernichtet werden. Der Rest sollte nach Deutschland in den Besitz von Rosenbergs Institut gebracht werden. Da keiner der Nazi-Professoren aus Rosenbergs Stab des Hebräischen oder Jiddischen mächtig war, zwang Pohl 40 führende jüdische Intellektuelle, die meisten von ihnen seit langem mit dem YIVO-Institut verbunden, die gesamten Bibliotheksbestände für die Nazis zu prüfen – jüdisch und nicht-jüdisch – und ihnen so beim Plündern und Zerstören zu helfen.

Geleitet wurde die Papier-Brigade von Herman Kruk, der eines der bedeutendsten Tagebücher über den Holocaust verfassen sollte, und Selig Kalmanowitsch, einem führenden Experten für jüdische Literatur und Bibliotheken. Der Chef-Bibliothekar der Straschun-Bibliothek, einer der bedeutendsten jüdischen Bibliotheken Europas, gehört ebenfalls zur Papier-Brigade. Weitere namhafte Mitglieder waren Abraham Sutzkewer, der bedeutendste Dichter der jiddischen Sprache, und Shmerke Kaczerginski, ebenfalls ein Dichter und Verfasser vieler berühmter jiddischer Lieder. Beide gehörten vor dem Krieg dem avantgardistischen Künstler-Kreis „Jung Vilne“ (Junges Wilna) an.

Abraham Sutzkewer und Shmerke Kaczerginski in den 1930er Jahren

Die Papier-Brigade begann bald unter Lebensgefahr, systematisch Tag für Tag Bücher, Manuskripte und Kunstwerke ins Ghetto zu schmuggeln, um sie vor der Zerstörung durch die Nazis zu retten. Im Ghetto wurden zehn Verstecke eingerichtet, wo diese unschätzbaren Güter nach dem Krieg wiedergefunden wurden. Zu den tausenden Kulturgütern, die so gerettet wurden, gehörten Dokumente, Gegenstände, und Bände aus Synagogen, Manuskripte des jüdischen Dichter Scholom Aleichem, Briefe von Romain Rolland, Maxim Gorki, Zeichnungen von Ilja Repin, Werke von Isaak Levitan und Marc Chagall, sowie eine Büste Leo Tolstois.

In einem Interview berichtet Sutzkewer später, dass Kalmanowitsch, der dank seines sagenhaften Gedächtnisses große Teile der Bibliotheksbestände auswendig kannte, ihm auftrug, welche Schriften und Manuskripte zu retten waren. Laut dem Historiker David Fischman, der 2017 ein Buch über die Papier-Brigade veröffentlichte, sah Kalmanowitsch Deutschland für viele der wichtigsten Schätze als besseren Ort an als Wilno, das direkt an der Front lag. Er verfolgte daher eine Doppelstrategie: Einerseits das Schmuggeln und Verstecken im Ghetto, andererseits den Versand wichtiger Bestände nach Nazi-Deutschland.

Sutzkewer schrieb später, „Die bedeutendsten Manuskripte verbargen wir unter unseren Kleidern und brachten sie auf diese Weise ins Ghetto. Einmal hatte ich Briefe von [Leo] Tolstoj bei mir, gefunden im Schnee unweit der Strashner Bibliothek. Auch seltene Ausgaben aus dem 15. oder 16. Jahrhundert, Zeichnungen von Marc Chagall und dutzende andere Dokumente, Bilder, und kulturelle Kleinodien.”

Der Film gibt einen Eindruck des reichen kulturellen Lebens, das sich trotz und entgegen der Nazi-Besatzung im Ghetto entwickelte, und an der die Mitglieder der Papier-Brigade sehr regen Anteil hatten.

Die Dokumentation zitiert einige Gedichte von Sutzkewer, der im Ghetto einzigartige Poesie von Weltrang schuf.

Keller zeigt mir eure Türen
Spalten soll’n sie sich unter meiner Axt
Eh mich die Kugel trifft
bringe ich Gaben im vollen Sack

…Wie einen zarten Säugling
beschütz ich das jiddische Wort,
schnuppre ich jeden Berg Papier
rette den Geist vor Mord
Grab ich und pflanz Manuskripte.

Auch Lieder von Kaczerginski, darunter sein berühmtes LiedShtiler, Shtiler über die Massenmorde im Ghetto und im Wald Ponary, wo die Nazis bis August 1944 72.000 Menschen ermordeten, erklingen.

Samuel Bak, heute ein bekannter Maler, spricht ausführlich über seine Bekanntschaft mit Sutzkewer im Ghetto. Er war damals ein Junge von nur zwölf bis dreizehn Jahren, aber zeichnete im Ghetto Werke, die damals schon ausgestellt wurden.

Während die Papier-Brigade tausende von Kulturschätzen vor der Vernichtung rettete, grassierten im Ghetto Hunger, Krankheiten und Tod. Von allen Ländern Europas verzeichnete das heutige Litauen mit 95 Prozent die höchste Todesrate unter der jüdischen Bevölkerung. Schon Ende 1941 war ein Großteil des litauischen Judentums vernichtet worden. Dies war nicht zuletzt ein Ergebnis der massiven Kollaboration von litauischen Nationalisten und Faschisten mit den Nazis. Das Wilnaer Ghetto wurde im September 1943 aufgelöst. Viele Mitglieder der Papier-Brigade wurden daraufhin ermordet. So wurden Herman Kruk und Selig Kalmanowitsch 1944 in estnischen Arbeitslagern getötet.

Der polnische-jüdische Historiker Emanuel Ringelblum, der ebenfalls für das YIVO arbeitete und mit Kalmanowitsch noch 1942 in Kontakt stand, während er im Warschauer Ghetto ein Untergrundarchiv betrieb, berichtete wenige Tage vor seiner eigenen Ermordung in seinem letzten Brief vom 1. März 1944 an das YIVO-Institut in New York, „Heute gibt es keine Juden in Vilnius mehr. Dieses große Zentrum der jiddischen Kultur und modernen Wissenschaft ist vollkommen zerstört.“

Sutzkewer und Kaczerginski hatten vor der Liquidierung des Ghettos fliehen können. Sie hatten sich noch im Ghetto dem bewaffneten Widerstand angeschlossen, zu dem auch Hirsch Glik, Verfasser der berühmten jüdischen Partisanen-Hymne Zog nit keynmol gehörte. Gemeinsam mit anderen Widerstandskämpfern waren sie aus dem Ghetto in die Wälder Weißrusslands geflohen und schlossen sich dort den sowjetischen Partisanen an.

Im März 1944 wurde Sutzkewer nach Moskau eingeladen, nachdem der berühmte sowjetische Journalist und Schriftsteller Ilja Ehrenburg, ein führendes Mitglied des jüdischen Anti-Faschistischen Komitees, auf seine Gedichte aufmerksam wurde. Die Doku behandelt diese Episode leider nur sehr kurz.

Ilja Ehrenburg (rechts) mit Soldaten der Roten Armee, 1942

Sutzkewer traf sich mit den führenden sowjetischen Schriftstellern Boris Pasternak, Wassilij Grossman und Ilja Ehrenburg. Sutzkewer, der erste Überlebende eines Ghettos in Moskau, sprach auf einer Versammlung des Komitees vor rund 3.000 Menschen und rief die jüdische Bevölkerung zum bewaffneten Kampf gegen die Nazis auf. Durch seine Berichte und Auftritte in Moskau erfährt die Welt erstmals von der Rettung von Kulturgütern durch die Papier-Brigade.

Nach dem Krieg fanden amerikanische Soldaten in Offenbach 3 Millionen von den Nazis des ERR geplünderte Bücher und Kulturgüter. Es folgte die größte Rückgabe geplünderter Bücher in der Geschichte der Menschheit, bei der die Philosophen Hannah Arendt und Gerschem Scholem die US-Armee berieten. Bedeutende Bestände des YIVO Instituts und der Straschun Bibliothek wurden nach New York geschickt, wohin das YIVO wegen des Krieges gezogen war. Eine halbe Million Bücher, die keinem Besitzer mehr zugeordnet werden konnten, wurden an jüdische Gemeinden in Israel und den USA und in DP-Lagern in Europa verteilt.

Sutzkewer und Kaczerginski versuchten anfangs, in der Sowjetunion ein Jüdisches Museum aufzubauen und das YIVO wiederzuerrichten. Doch die zunehmend antisemitische Politik der stalinistischen Sowjet-Regierung machte dies letztlich unmöglich. Bald begannen sie, Tagebücher und andere Dokumente aus dem Ghetto sowie Werke der jüdischen Literatur aus dem jüdischen Museum zu stehlen, das sie kurzfristig in ihrer Wohnung eingerichtet hatten, und sie nach Palästine, Polen, Frankreich und vor allem das YIVO-Institut in New York zu schicken. 1949 wurde das Museum offiziell geschlossen.

Der Film behandelt auch diese Episode nur sehr kurz und in einer Weise, die die Hintergründe und Implikationen dieser Wende der sowjetischen Politik nicht verständlich macht. Das Schicksal des YIVO-Instituts hing eng mit dem Beginn der antisemitischen Säuberungen von 1948-1953 zusammen, mit denen die sowjetische Bürokratie auf die enormen sozialen Spannungen und politische Unzufriedenheit in der Arbeiterklasse und Intelligenzija nach dem Kriegsende reagierte. Im Jahr 1948 löste Stalin das Antifaschistische Jüdische Komitte auf, zu dem Kaczerginski und Sutzkewer enge Verbindungen hatten.

Sein Leiter, der Schauspieler Solomon Michoels, wurde brutal vom NKWD ermordet. Zahlreiche jiddische Dichter wurden ebenfalls verhaftet und ermordet. Dieses antisemitische Politik der stalinistischen Regierung war letztlich ein Ergebnis der nationalistischen und konterrevolutionären Orientierung der Bürokratie, die im Rahmen des reaktionären Programm vom “Sozialismus in einem Land” auch antisemitische Feindbilder und Stereotypen wiederbelebte. (Siehe auch: Stalinismus, Kommunismus und Antisemitismus)

Das Ausmaß dieser Politik auch für das Schicksal des YIVO und seiner Mitglieder werden in der Dokumentation auch deshalb nicht klar, weil der Film größtenteils übergeht, dass fast alle führenden Mitglieder der Papier-Brigade Mitglieder oder Sympathisanten der sozialistischen Zionisten, des Bundes oder der Kommunistischen Partei waren. Alle diese Organisationen sahen sich vor allem nach dem erfolgreichen Kampf der Bolschewiki gegen antisemitische Pogrome im Bürgerkrieg der Oktoberrevolution und der Sowjetunion verbunden.

Das Wiederaufleben von Antisemitismus und die Gleichgültigkeit gegenüber der Erhaltung der jüdischen Kultur, die sie erst vor kurzem so mühsam hatten retten müssen, waren für jemanden wie Shmerke Kaczerginski, der Jahrzehnte Mitglied der KP gewesen war, ein tiefer Schock. So wie fast alle Überlebende wandte er sich schließlich von sozialistischer Politik ab. Er emigrierte schließlich nach Argentinien, wo er 1954 ums Leben kam. Sutzkewer emigrierte 1947 und verbrachte den Rest seines Lebens in Israel, wo er 2010 starb.

New York wurde das neue Zuhause des YIVO-Instituts, dessen Archiv und Bibliothek bis heute zu den bedeutendsten für die Erforschung jüdischer Geschichte und des Holocaust gehören. Max Weinreich, der beim Überfall der Nazis auf Polen 1939 zufällig im Ausland war und daraufhin im Exil blieb, schrieb hier kurz nach Kriegsende die Studie über Hitlers Professoren, zu denen auch viele Mitglieder des ERR zählten.

Trotz mancher Schwächen ist der Film bei Arte ein wichtiger und bewegender Beitrag dazu, diese zu Unrecht vor allem in Deutschland unbekannte Geschichte breiteren Schichten bekannt zu machen.

Der Film ist noch bis zum 19. Februar in der Arte-Mediathek verfügbar