Kaufhauskette Real mit 34.000 Beschäftigten wird zerschlagen

Von Dietmar Gaisenkersting
28. Februar 2020

Nachdem die Metro AG in der letzten Woche den Verkauf ihre Kaufhauskette Real an einen Immobilieninvestor bekanntgegeben hat, beginnt nun deren stückweise Zerschlagung.

Der Vorstandsvorsitzende des Großhandelsriesen Metro, Olaf Koch, verkaufte Real an den russischen Investor SCP Group, der mit dem deutschen Immobilieninvestor X+Bricks zusammenarbeitet. Der 300-Millionen-Deal umfasst 276 Filialen, das Digitalgeschäft mitsamt dem Online-Marktplatz real.de und 80 Immobilien.

„Alle rund 34.000 Mitarbeiter werden mit ihren gültigen Verträgen zu den bisherigen Konditionen übernommen“, hat die Großhandelskette Metro am Freitag letzter Woche großspurig erklärt. Doch die Arbeitsplätze der 34.000 Beschäftigten sollen den Immobilienhaien nicht im Weg stehen. Die neuen Besitzer haben angekündigt, wenn nötig nicht eine einzige Filiale länger als zwei Jahre zu behalten.

Im Handelsblatt-Interview kündigte die Chefin der SCP Gruppe, Marjorie Brabet-Friel, mehr oder weniger offen die Zerschlagung an. „Real so wie es heute ist, ist nicht zukunftsfähig“, sagte sie. Daher sollen die meisten der 276 Filialen an Konkurrenten weiterverkauft werden, etwa an Kaufland und Edeka.

Ein anderer Teil der Real-Kaufhäuser soll für eine variable Nutzung umgebaut werden, damit mehrere Geschäfte – etwa Lebensmittel- und Drogeriemarktketten wie Rewe, Aldi, Lidl und DM – einziehen können. Mindestens 30 Filialen werden geschlossen. Auch das Digitalgeschäft gibt die SCP Gruppe auf.

Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Werner Klockhaus warnte vor unmittelbar „etwa 10.000 Arbeitslosen“ – also der Entlassung von nahezu jedem dritten Beschäftigten.

Nicht einmal jede fünfte Filiale soll unter dem Namen Real weitergeführt werden. Rund 50 Märkte bleiben zunächst für zwei Jahre unter dem Dach der SCP Gruppe. Einsparungen sollen vor allem über niedrigere Preise beim Einkauf erzielt werden. Hier sollen also die Beschäftigten der Zulieferer – Arbeiter bei Großhändlern und in den Fleischfabriken sowie Landwirte – die Profite der Immobilienhaie sichern. Werfen die Geschäfte bis dahin kaum Gewinne ab, werden auch sie geschlossen oder weiterverkauft. Angesichts des schon jetzt ruinösen Preiskampfs sieht es daher auch für diese Filialen düster aus.

Alle Beschäftigten, deren Arbeitsplätze mitsamt ihrer Filiale verkauft werden, müssen sich auf erneute Lohnverluste einstellen, denn die Real-Konkurrenten sollen noch schlechter zahlen. Die Süddeutsche Zeitung schrieb, dass die ohnehin schon niedrigen Tariflöhne Reals gegenüber „marktbeherrschenden Konkurrenten“ wie Edeka und Rewe nicht „wettbewerbsfähig“ seien. Diese zahlten ihren Kassiererinnen und Lageristen bis zu 30 Prozent weniger.

Aktuell ist nicht einmal bekannt, welcher Real-Markt geschlossen, verkauft oder umgebaut werden soll. „Man muss sich jeden Standort separat anschauen“, erklärte Brabet-Friel im Handelsblatt. „Manche sind jetzt schon sehr erfolgreich, andere brauchen einen neuen Partner, um wieder erfolgreich zu werden.“

Noch vier bis fünf Monate werden die Beschäftigten hingehalten, dann soll zumindest klar sein, welche Real-Filialen schließen werden.

Die Konkurrenten umkreisen den angeschlagenen Konzern derweil wie die Geier. Kaufland habe bereits eine Liste mit Filialen, für die sich der Konzern, der Teil des Lidl-Imperiums ist, interessiert, berichtet die Lebensmittel Zeitung. Kaufland wolle mindestens 100 Standorte übernehmen, vor allem in Nordrhein-Westfalen und Norddeutschland, wo der Konzern bislang nur wenige eröffnet habe. Im Zentrum des Interesses stehen offenbar kleinere Filialen mit im Schnitt 5500 Quadratmeter Verkaufsfläche. Aber auch zwei große Real-Häuser in Baden-Württemberg plant Kaufland zu übernehmen, in Karlsruhe-Durlach und Böblingen-Hulb.

Den Real-Beschäftigten droht ein ähnliches Schicksal wie den 25.000 Schlecker-Frauen, die 2012 bei der Pleite der Drogeriemarktkette ihre Arbeitsplätze verloren.

Und genau wie bei Schlecker hat die Gewerkschaft Verdi dies alles mitgetragen und vorbereitet. Im Jahr 2007 hatte Real noch fast 350 Filialen, heute sind es 276. Gegen die Filialschließungen und dann die Lohnsenkungen, die Real in den letzten Jahren durchgesetzt hat, protestierte Verdi zwar immer lautstark. Aber niemals hat sie Real-Beschäftigte bundesweit zu Arbeitskampfmaßnahmen aufgerufen, von einer Mobilisierung der Unterstützung aus anderen Branchen einmal ganz zu schweigen.

Die Metro AG kann sich seit Langem auf die Gewerkschaften stützen, mit denen sie hinter dem Rücken der Arbeiter zusammenarbeitet. So ist Betriebsratschef Werner Klockhaus stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats der Metro AG. Er steht in engem Austausch mit der Unternehmensleitung und auch mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Jürgen Steinemann, der laut Süddeutscher Zeitung mit seiner Doppelstimme in dem 20-köpfigen Gremium den Beschluss zum Verkauf der Realkette durchgesetzt hat.

Klockhaus und Verdi haben die Real-Beschäftigten jahrelang mit immer neuen Forderungen an die Konzernbesitzer, das Management und die „Bundespolitik“ vertröstet. Im Juli letzten Jahres forderten knapp 600 Real-Betriebsräte in einer Petition an die Bundesregierung, „einen sozialverträglichen Verkauf von Real”.

Die Betriebsräte wussten, dass der Verkauf fest steht. „Nach dem heutigen Stand sieht es nach einer Zerschlagung aus,“ schrieben sie. Angeleitet von Verdi hatten sie nichts Besseres zu tun, als die Bundesregierung aufzufordern: „Stellen Sie sich Ihrer Verantwortung und unterstützen Sie uns.“ Als seien CDU/CSU und SPD Vertreter von Beschäftigten- und nicht von Wirtschaftsinteressen!

Es war daher nicht schwer vorherzusehen, dass Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) sein Versprechen nicht einhält, das er 2018 vor protestierenden Real-Arbeitern gemacht hatte. Heil hatte versprochen, er wolle „ein Zeichen gegen Tarifflucht setzen“ und sich „für den Flächentarif stark machen“. Damals schrieb die World Socialist Website: „Bis heute ist nichts geschehen, und das wird es von Seiten der Bundesregierung auch nicht.“

Die Bundesregierung und die gesamte „Bundespolitik“, wie es in der Petition auch heißt, vertritt die politischen und wirtschaftlichen Interessen der herrschenden Eliten, der Banken, Aktien- und Immobilienfonds und Großkonzerne. Die Gewerkschaften vertreten seit vielen Jahren die gleichen Interessen. Sie haben sich mit Haut und Haar „ihren“ nationalen Regierungen und Konzernen verschrieben.

Jetzt, nachdem der Verkauf besiegelt ist, macht Verdi weiter wie gewohnt. „Hier scheint sich alles nur um Handelsimmobilien und andere profitable Objekte zu drehen“, klagt die Gewerkschaft in einem aktuellen Flugblatt über den Verkauf der Real-Kette. Metro und Real hätten sich um ihre sozialen Verpflichtungen gedrückt. „Jetzt kommt es auf die aktuellen und die künftigen Erwerber an, ein anderes Verhalten an den Tag zu legen und Verantwortung zu zeigen“, legen sie den milliardenschweren Immobiliengesellschaften nahe.

Vor etwa einem Monat schrieben wir: „Arbeiter müssen aus dieser Situation politische Konsequenzen ziehen. Den Gewerkschaften muss jede Berechtigung, in ihrem Namen zu sprechen, verweigert werden. Stattdessen müssen Real-Mitarbeiter ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und einen Kampf zur Verteidigung ihrer Jobs und ihres Lebensstandards aufnehmen. Die Voraussetzungen für einen solchen Kampf liegen vor – entscheidend ist jedoch, sich unabhängig von den Gewerkschaften zu organisieren. Deren Vertretern darf keinerlei politisches Vertrauen entgegengebracht werden.“

Die Initiative für eine Alternative zu Verdi und den anderen Gewerkschaften muss von den Belegschaften ausgehen. Unabhängige Aktionskomitees müssen gegründet werden. Diese müssen sich gegen international agierende Großkonzerne international aufstellen und kompromisslos die sozialen Interessen der Arbeiterklasse vertreten. Die Interessen der Immobiliengesellschaften, Banken, Großkonzerne und Aktionäre sind nicht in Einklang zu bringen mit denen der Real-Beschäftigten.

Wir wiesen bereits im Januar darauf hin, dass die Notwendigkeit für eine internationale Strategie sich gerade im Falle der Metro AG besonders deutlich zeige. „Der Konzern hatte erst im vergangenen Oktober sämtliche Unternehmensteile in China abgestoßen und die chinesischen Mitarbeiter von 97 Großmarktfilialen damit in eine Situation gebracht, die sich kaum von derjenigen der Real-Belegschaft unterscheiden dürfte.“