Schlimmster Einbruch der Märkte seit der Krise 2008

Von Nick Beams
11. März 2020

Die globalen Aktienmärkte erlebten am Montag den schlimmsten Ausverkauf seit der globalen Finanzkrise von 2008. Dabei gibt es Anzeichen dafür, dass noch Schlimmeres bevorstehen könnte. Das zeigt der Rückgang an den asiatischen Märkten zu Beginn des darauf folgenden Handelstages.

Nach Rückgängen im asiatisch-pazifischen Raum, wo die Märkte in Tokio und Sydney um rund 7 Prozent nachgaben und ähnliche Ausverkäufe in Europa stattfanden, brach die Wall Street am Montag schon bei der Eröffnung des Handels ein. Der Rückgang war so groß, dass er einen Stromkreisunterbrecher auslöste, der den Handel für 15 Minuten zwangspausieren ließ, um Panikverkäufe zu unterbinden.

Der Rückgang setzte sich im Laufe des Tages fort, und der Dow schloss mehr als 2.000 Punkte niedriger, was den größten Ein-Tages-Punkt-Rückgang in einer Geschichte darstellt. Es gab einen Rückgang von mehr als 7 Prozent bei allen Marktindizes, wodurch die Wall Street nahe an den Eintritt in eine Baisse - definiert als ein Rückgang von 20 Prozent - seit ihrem Hoch Mitte Februar geriet.

Stacey Cunningham, Präsidentin der New Yorker Börse, in Beratung mit Experten Peter Giacchi (links), 9.März 2020. (AP-Foto/Alex Brandon)

Der Abschwung, der durch die wirtschaftlichen Auswirkungen des Coronavirus ausgelöst wurde, trat am Wochenende in eine neue Phase ein, als Saudi-Arabien einen Ölpreiskrieg begann. Nach dem Scheitern eines Abkommens mit Russland zur Begrenzung des Angebots und zur Aufrechterhaltung der Preise steigerte Saudi-Arabien die Produktion und bot Preisnachlässe an.

Diese Entscheidung ließ die Ölpreise bei der Marktöffnung in dieser Woche um 25 bis 30 Prozent fallen.

Während der Einbruch der Ölpreise den Aktienausverkauf auslöste, liegt die eigentliche Ursache in der völligen Trennung der Aktienmarktbewertungen - begünstigt durch das anhaltende Angebot an billigem Geld von der US-Notenbank und anderen Zentralbanken - von der zugrunde liegenden Realwirtschaft.

In der vergangenen Woche reagierte die US-Notenbank Fed auf den starken Rückgang der Märkte wie in der Vergangenheit, indem sie eine Notfallzinssenkung um 0,5 Prozent ankündigte und darauf hinwies, dass noch mehr kommen würde. Aber der Schritt hat den Aktienkursen keinen Auftrieb gegeben. Als ehemaliger stellvertretender Vorsitzender der Fed kommentierte Alan Blinder: „Die Märkte waren etwa 15 Minuten lang glücklich darüber und dann war die Luft wieder raus.“

Die Kollision zwischen der Markteuphorie, die durch den Glauben genährt wird, dass die Zentralbanken für immer jedem signifikanten Abschwung entgegenwirken könnten, und den zugrunde liegenden rezessiven Tendenzen in den USA und der Weltwirtschaft hat zu Angst und Panik geführt.

Die Leiterin der US-Aktienabteilung von Aviva Investors Susan Schmidt sagte der Financial Times: „Das ist die totale Panik.“

Schroders' Chef für globale Aktien Alex Tedder sagte der gleichen Zeitung: „Das Mantra im Moment ist, dass man die Kapitalrendite vergessen kann, es geht um den Ertrag der Investition - bekomme ich mein Geld zurück? Das ist alles, was Investoren interessiert“

Paul O'Connor, ein Portfoliomanager bei Janus Henderson Investors, sagte, dass die Stimmung der Anleger in etwas mehr als zwei Wochen von Selbstgefälligkeit in Panik umgeschlagen ist.

„Was als virengesteuertes De-Risking begann, ist nun zu einer breit angelegten, anlagenübergreifenden Kapitulation mutiert“, sagte er.

Der Ausverkauf auf dem Markt wird durch die dysfunktionale, man könnte auch sagen: wahnsinnige Reaktion von US-Präsident Trump noch verschärft.

Nachdem er jede Gefahr durch die Ausbreitung des Coronavirus abgestritten hatte, behauptete er, der Rückgang des Ölpreises sei gut für die US-Wirtschaft.

„Saudi-Arabien und Russland streiten sich über den Preis und den Fluss des Öls. Das und die Fake News sind der Grund für den Markteinbruch“, schrieb er auf twitter und noch dazu: „Gut für den Verbraucher, die Benzinpreise sinken!“

Inzwischen haben zig Millionen amerikanischer Arbeitnehmer gesehen, wie Milliarden von Dollar aus ihren börsennotierten Rentenplänen verloren gehen. Ähnliche Verluste treffen Millionen Arbeiter auf der ganzen Welt, die von ähnlichen Systemen abhängig sind.

Die tief verwurzelte Krise in der Realwirtschaft tritt in einer Reihe von Bereichen deutlich zutage.

Der Ölpreiskrieg selbst ist das Ergebnis eines erheblichen Nachfragerückgangs, der wiederum direkt mit dem Abschwung in der chinesischen Wirtschaft und der deutlichen Verlangsamung in der Eurozone zusammenhängt. Der Knick in der chinesischen Wirtschaft hatte sich bereits vor dem Ausbruch des Coronavirus bemerkbar gemacht, und Deutschland steht zusammen mit Frankreich und Italien am Rande einer Rezession oder ist bereits in eine Rezession eingetreten.

Es wird auch erwartet, dass Japan ein weiteres Quartal mit negativem Wachstum verzeichnet, nachdem das Land im letzten Quartal 2019 einen Rückgang von 6,1 Prozent erlebt hat.

Die weltweite Nachfrage nach Öl ist im ersten Quartal dieses Jahres um 2,5 Millionen Barrel pro Tag gesunken, was auf die Kontraktion der chinesischen Wirtschaft, dem größten Verbraucher weltweit, zurückzuführen ist.

Die Internationale Energiebehörde hat ihre globale Nachfrageprognose für den Rest des Jahres gesenkt. Sie sagte, es werde einen Rückgang der täglichen Nachfrage um 90.000 Barrel geben, verglichen mit der erst im letzten Monat prognostizierten Zunahme von 825.000 Barrel pro Tag.

Ein weiterer klarer Indikator für zukünftige Trends ist der steile Rückgang der Rendite von 10- und 30-jährigen US-Staatsanleihen, da Investoren auf der Suche nach einem sicheren Hafen deren Kurs in die Höhe treiben.

Gestern fiel die Rendite der 10-jährigen Anleihe an einem Punkt auf ein Tief von 0,3 Prozent, bevor sie auf 0,5 Prozent stieg. Die Rendite der 30-jährigen Anleihe fiel zum ersten Mal unter 1 Prozent, was bedeutet, dass die Rendite auf dem gesamten Markt unter 1 Prozent liegt.

Der Rückgang des Anleihenmarktes macht es praktisch sicher, dass die Fed die Zinsen erneut senken wird, wahrscheinlich um 0,5 Prozentpunkte, wenn sie das nächste Mal am 17. und 18. März oder vielleicht sogar schon vorher zusammenkommt. Im April werden sie wahrscheinlich erneut gesenkt.

Wie die Reaktion des Marktes auf die Notfallkürzung der letzten Woche zeigt, werden weitere Zinssenkungen jedoch nur sehr begrenzte Auswirkungen haben, da sie nicht zur Ankurbelung der Realwirtschaft beitragen.

Es wächst die Einsicht, dass eine Reihe von Mechanismen, die nicht erst seit der globalen Finanzkrise von 2008, sondern bereits seit Ende der 1980er Jahre zum Einsatz kommen, sich auflösen.

Mit dem Börsencrash im Oktober 1987 wurde eine Politik umgesetzt, bei der die Fed auf jeden signifikanten Rückgang der Aktien mit der Öffnung des Finanzzapfhahns reagierte, um weitere Spekulationen zu ermöglichen.

Dieser Prozess wurde nach 2008 durch Zinssenkungen und die so genannte quantitative Lockerung beschleunigt. Billionen von Dollar wurden in die Finanzmärkte geblasen, um die fortgesetzte Abschöpfung des Reichtums durch die obersten Prozent der Gesellschaft zu ermöglichen.

Gleichzeitig wurde die Arbeiterklasse durch Sparmaßnahmen bei der sozialen Grundversorgung - Gesundheit, Bildung und andere Bereiche – konfrontiert. Stagnierende oder sinkende Reallöhnen waren und sind für die Arbeiterklasse ebenso an der Tagesordnung wie der Wegfall von Vollzeitarbeitsplätzen zugunsten von Teilzeit-, Leiharbeit oder freiberuflicher Tätigkeit, zum großen Teil in der so genannten Gig-Economy.

Die endlose Bereitstellung billigen Geldes hat nun die Voraussetzungen für eine weitere Finanzkrise geschaffen, die noch schwerwiegender ist als die vor zehn Jahren und die, wie man aus der Geschichte weiß, noch tiefere Angriffe auf die Arbeiterklasse mit sich bringen wird.

Eine der wichtigsten Entwicklungen im Finanzsystem ist die Anhäufung von Unternehmensanleihen, die zum großen Teil von geringer Qualität sind. Die Unternehmen haben die Vorteile des extrem billigen Geldes genutzt, um immer risikoreichere Operationen sowie Fusionen, Übernahmen und Aktienrückkäufe zu finanzieren.

Das Ergebnis ist, dass etwa 70 Prozent der Unternehmensanleihen, die in den USA auf bis zu 10 Billionen Dollar geschätzt werden, entweder unter Investment Grade, dem so genannten Junk-Status, liegen oder ein BBB-Rating haben, eine Stufe über Junk, und im Falle einer Rezession oder einer Finanzkrise auf Junk-Status abgeschrieben werden können.

Die Verwendung von risikoreichen Schrottanleihen war besonders in der US-Schieferölindustrie verbreitet, die von der Aufrechterhaltung höherer Ölpreise und der Erzielung von Einnahmen für Zinszahlungen abhängig ist.

Der Aufstieg dieser Industrie - finanziert durch risikoreiche Schulden, aber von Trump gepriesen, weil sie die wirtschaftliche Unabhängigkeit der USA vom globalen Ölmarkt ermöglicht - wird nun zu einem der Übertragungsmechanismen für eine finanzielle Kernschmelze.

Wie die Financial Times bemerkte, war der Zugang zu den Anleihemärkten für diese Unternehmen bereits angespannt, „was das Risiko erhöht, dass sie nicht in der Lage sein werden, ihre Schulden zu refinanzieren, was sie in den Bankrott treibt“.

Die wachsende Besorgnis ist, dass hochverzinsliche und risikoreiche Unternehmensanleihen insgesamt betroffen sind.

Diese Bedenken spiegeln sich in der sinkenden Bewertung der von Energieunternehmen emittierten Anleihen und den steigenden Kosten für die Versicherung gegen das Risiko des Ausfalls von Schrottanleihen auf breiter Front.

Der Analyst der Deutschen Bank Craig Nichol sagt, der Ausbruch des Konflikts auf dem Ölmarkt hätte nicht zu einem schlechteren Zeitpunkt für den gesamten US-Hochertragsmarkt kommen können.

„Die große Frage ... ist die Ansteckung der breiteren Hochertragsmärkte außerhalb des Energiebereichs. Unserer Ansicht nach ist das unvermeidlich.“

Wie auch immer die Drehungen der Märkte in den nächsten Tagen und Wochen aussehen mögen, es ist klar, dass ein Wendepunkt erreicht ist. Genau die Prozesse und Mechanismen, die in der vergangenen Zeit zur Aufrechterhaltung der Weltwirtschaft und des Finanzsystems eingesetzt wurden, brechen nun zusammen. Statt ein Mittel zur Sicherung der Stabilität zu sein, haben sie sich als Quelle einer neuen und sich rasch entwickelnden Krise erwiesen.