Massivster Kursrutsch an den Aktienmärkten seit dem Crash vom Oktober 1987

Von Nick Beams
14. März 2020

Die Wall Street erlebte ihre wohl schwärzeste Woche aller Zeiten. Am Donnerstag verzeichneten die Aktienmärkte auf der ganzen Welt die größten Verluste seit dem Börsen-Crash von Oktober 1987. Die Kurse stürzten ab, zudem mehren sich deutliche Anzeichen für eine zunehmende Krise des gesamten Finanzsystems.

Der globale Abverkauf begann an der amerikanischen Terminbörse und während des Börsenhandels in der Asien-Pazifik-Region, als US-Präsident Donald Trump am Mittwochabend seine Rede an die Nation hielt. Trump nannte keine Notfallmaßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus, sondern kündigte einen wirtschaftlich schädigenden 30-tägigen Einreisestopp für Europa an.

Daraufhin breitete sich der Börsensturz nach Europa aus, wo die Börsen am Donnerstag ihren schlimmsten Tag seit Jahrzehnten erlebten. Die Marktindizes in Frankreich und Deutschland fielen um etwa zehn Prozent, die Banken waren am stärksten betroffen. Der Euro Stoxx Bank Index fiel um 16 Prozent, was zu einem Gesamtverlust von ca. 42 Prozent für dieses Jahr führte.

Der Börsentag begann an diesem Donnerstag an der Wall Street mit einem deutlichen Minus, das bereits zum zweiten Mal in dieser Woche einen Stromkreisunterbrecher auslöste und den Handel für 15 Minuten aussetzte. Die Talfahrt hielt den ganzen Tag an. Zum Börsenschluss war der Dow Jones um 2.352 Punkte bzw. zehn Prozent gesunken. Der S&P 500 fiel um 9,5 Prozent, der Nasdaq verlor 9,4 Prozent.

Ein Börsenmakler an der Wall Street (AP Photo)

Die Talfahrt der Aktienmärkte führt jetzt zu einer Krise für das ganze Finanzsystem. Die Bank of America (BofA) veröffentlichte am Donnerstag einen Bericht, laut dem die Finanzmärkte von „Liquiditätsproblemen überwältigt“ werden, was „die Funktionsfähigkeit des Staatsanleihenmarktes behindern könnte“. Weiter heißt es dort: „Wenn das passiert, geht es um die nationale Sicherheit.“

Die Bank bezeichnete den amerikanischen Staatsanleihenmarkt als Fundament aller anderen Finanzmärkte. Wenn es dort zu größeren Liquiditätsproblemen komme, wären andere Märkte nicht mehr in der Lage, effektiv Preise zu bestimmen. Das bedeutet, sie würden faktisch nicht mehr funktionieren.

Die BofA erklärte, alle Wertpapiere seien gefährdet, einschließlich Aktien, Unternehmensanleihen und hypothekengestützten Wertpapieren. Ein Portfolio-Manager bei einer großen Kapitalverwaltungsgesellschaft erklärte gegenüber der Financial Times: „Wir betreiben keinen Handel mehr.“

Ein Hypothekenbanker erklärte gegenüber dem Wall Street Journal: „Unser Markt ist jetzt vollständig eingestellt. Es gibt keine Kaufangebote für Hypothekenkredit-Produkte irgendeines Typs.“

Die amerikanische Zentralbank Federal Reserve hat interveniert und erklärt, sie werde mindestens 1,5 Billionen Dollar in die kurzfristigen Anlagenmärkte pumpen. Die New Yorker Fed, welche die Geldmarktgeschäfte der Zentralbank führt, erklärte: „Diese Veränderungen sollen den höchst ungewöhnlichen Störungen in den Anleihefinanzmärkten im Zusammenhang mit dem Ausbruch des Coronavirus entgegenwirken.“

Die Intervention der Fed unterstreicht, genau wie bei der globalen Finanzkrise 2008, die grundlegende Klassenreaktion des Staates und seiner Finanzbehörden. Während die Regierung nichts unternimmt, um die sich anbahnende gesundheitspolitische Katastrophe für Millionen von Menschen aufzuhalten, wird Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um der Wall Street und dem Finanzkapital zu helfen.

Doch solange es keine nennenswerten Maßnahmen im Kampf gegen die zugrundeliegende Krise gibt, werden finanzpolitische Maßnahmen zur Stärkung der Märkte nur das Gegenteil bewirken.

Wenn Trumps Rede die „teuerste Rede der Geschichte“ war, wie es ein Kommentator formulierte, dann blieb die Stellungnahme der Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, am Donnerstag nicht weit dahinter zurück.

Darin kündigte die EZB an, sie werde das Programm der quantitativen Lockerung ausweiten und bis Ende des Jahres Anleihen im Wert von weiteren 120 Milliarden Euro kaufen – zusätzlich zu den aktuellen Aufkäufen im Wert von 20 Milliarden Euro pro Monat. Außerdem werde sie für die Banken die Bedingungen zur Aufnahme von Krediten erleichtern.

Doch eine Äußerung von Lagarde während der Ankündigung der neuen Maßnahmen löste einen Sturm aus, weil die Unterschiede zwischen den Renditen für Staatsanleihen, die von den Ländern der Eurozone herausgegeben werden, immer größer werden.

Sie erklärte: „Wir sind nicht dazu da, die Spannen zu verringern, das ist nicht die Funktion oder Aufgabe der EZB. Für diese Probleme gibt es andere Werkzeuge und andere Akteure.“

Der Verweis auf „andere Akteure“ drückt Lagardes Auffassung aus, der zufolge die EZB, nachdem sie die Zinsen in den negativen Bereich gesenkt und die quantitative Lockerung wieder aufgenommen hat, nicht mehr viel weiter tun könne.

Sie erklärte, sie habe nicht die Absicht, es ihrem Vorgänger Mario Draghi gleichzutun. „Ich strebe kein ‚whatever it takes 2.0‘ an“, so Lagarde. Damit meinte sie die berühmte Äußerung Draghis im Jahr 2012 inmitten der Schuldenkrise der Eurozone, die den Rückgang der Renditen auf spanische und italienische Staatsanleihen ausgelöst hatte.

Letzte Woche erklärte Lagarde, die europäischen Regierungen müssten die Ausgaben erhöhen, um die Coronavirus-Krise zu bekämpfen. Dies wiederholte sie auf ihrer Pressekonferenz und betonte, die Reaktion müsse „zuallererst finanzpolitisch sein“.

Allerdings stößt sie damit auf den Widerstand der niederländischen und der deutschen Regierung, die höhere Ausgaben als eine Art Rettung der schwächeren Volkswirtschaften der Eurozone, vor allem Italiens, betrachten.

In Italien lösten Lagardes Äußerungen Empörung aus, weil sie die Sorge nährten, Italiens Fähigkeit zur Finanzierung seiner Schulden könnten beeinträchtigt werden, wenn die Wirtschaft aufgrund des Coronavirus und der Abriegelung des Landes tief in die Rezession rutscht.

Nach Lagardes Rede sanken die Preise für italienische Staatsanleihen um einen Rekordbetrag, und die Kluft zwischen den Erträgen auf italienische und deutsche Anleihen (Spread) weitete sich. Dies gilt als Indikator dafür, dass italienische Staatsanleihen riskant werden.

Lagarde war zum ersten Mal in der Geschichte der EZB gezwungen, ihre Äußerungen öffentlich zu korrigieren. In einem Fernsehinterview erklärte sie ihre „volle Bereitschaft, in einem für den Euroraum schwierigen Moment jede Zersplitterung zu vermeiden“.

Die Aktienmärkten und das Finanzsystem der USA sind zwar das Auge des Sturms, doch die Liquiditätsverknappung auf den amerikanischen Märkten könnte sich schnell über die ganze Welt ausbreiten, da der Dollar die Grundlage des weltweiten Handels- und Finanzsystems ist.

Crédit Suisse warnte letzten Monat in einer Analyse vor größeren Verwerfungen bei der Nachfrage nach Dollarfinanzierungen.

In der Analyse heißt es, die größte Sorge seien „versäumte Zahlungen für Dollars weltweit“. Dies könnte eine Kettenreaktion auslösen, die für einzelne Banken und regionale Bankensysteme schwerwiegende Folgen haben würde.

Forderungen nach der Wiedereinführung der so genannten „Dollar-Swap-Lines“ wurden laut, durch welche die Fed anderen Zentralbanken Geld zur Verfügung stellen kann. Diese Maßnahmen haben im Jahr 2008 eine wichtige Rolle gespielt, um einen vollständigen Zusammenbruch des Finanzsystems zu verhindern, auch wenn damals wenig darüber berichtet wurde.

Doch angesichts des „America First“-Nationalismus, den Trump personifiziert, gibt es Zweifel, ob sich solche Maßnahmen wiederholen lassen. Trump sagte in seiner Rede kein Wort über Coronavirus als globales Problem, das eine globale Lösung erfordert.

Stattdessen erklärte er, das Coronavirus sei ein „ausländisches Virus“, das „in China begann“, und er warf der EU Untätigkeit vor. Die Krankheitsfälle in den USA seien von Reisenden aus Europa „gesät“ worden.

Dass die Kurseinbrüche an den Börsen am Donnerstag die größten seit Oktober 1987 waren, ist nicht allein von symbolischer Bedeutung. Als die Fed damals einschritt, den Geldhahn öffnete und die Märkte stärkte, begann sie eine Politik, die sie seit dreißig Jahren fortgeführt hat.

Im Rahmen dieser Politik hat sie den Reichtum an die oberen Schichten der Gesellschaft umverteilt, indem sie immer größere und gefährlichere Finanzblasen schuf. Das geschah auf Kosten der sozialen Bedingungen der Arbeiterklasse.

Der Ausbruch des Coronavirus und die Reaktion der herrschenden Eliten hat Milliarden Menschen auf der ganzen Welt die Bösartigkeit vor Augen geführt, die das Profitsystem durchdringt.