Coronavirus: Berliner Schüler und Lehrer großer Gefahr ausgesetzt

Von Carola Kleinert
17. März 2020

Lehrer, Schüler und Eltern reagieren mit Wut auf die viel zu späten und inkonsequenten Schulschließungen in Berlin. Erst am Montag und Dienstag wurden die Kinderbetreuungs- und Bildungseinrichtungen der Hauptstadt in zwei Schritten flächendeckend geschlossen.

Während bereits am vergangenen Freitag sämtliche Präsenzlehrveranstaltungen für Studierende an den Hochschulen und Universitäten abgesagt wurden, durften die Berufsbildungseinrichtungen erst am Montag schließen. Seit heute haben auch die Kindertagesstätten und allgemeinbildenden Schulen geschlossen. Tagespflegeeinrichtungen für Kinder bleiben nach wie vor geöffnet.

Wie die Bundesregierung mit Ignoranz und Unwilligkeit auf das Heranrollen der Coronavirus-Pandemie reagiert, so verschleppte die rot-rot-grüne Berliner Regierung unter Michael Müller (SPD) bewusst die Einleitung Pandemie-eindämmender Maßnahmen.

Trotz der extrem schnellen globalen Ausbreitung des Virus hat die seit 2011 zuständige Berliner Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) zusammen mit der rot-rot-grünen Regierung fahrlässig die Gesundheit von Tausenden Kindern, Pädagogen und Erziehern sowie deren Familienangehörigen aufs Spiel gesetzt. Noch vor fünf Tagen hatte Scheeres in Abstimmung mit den Bundeskultusministern und dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller erklärt, dass keine Notwendigkeit für Schulschließungen bestünde.

Obwohl bereits acht Schulen geschlossen und in weiteren fünf Schulen einzelne Klassen nach Hause geschickt werden mussten, bestand Scheeres jedoch weiterhin auf die Durchführung des Unterrichts. Der Schulalltag sollte lediglich „auf das Nötigste beschränkt und von freiwilligen Veranstaltungen“ abgesehen werden. In dasselbe Horn stieß Hendrik Nitsch, stellvertretender Vorsitzender des Interessenverbands Berliner Schulleitungen. Für ihn waren landesweite Schulschließungen „nicht zielführend“.

Dabei gingen von den Berliner Schulen aufgrund der katastrophalen hygienischen Bedingungen in den Toilettenräumlichkeiten, auf den Fluren und in den Klassenzimmern besondere Gefährdungen aus.

So berichtete Miguel Gongora, Abiturient und Mitglied im Landesschülerausschuss, im Interview mit dem rbb: „66 Prozent der Schülerinnen und Schüler sagen, es gibt keine Seife in ihren Toiletten oder keine Seifenspender. Und 51 Prozent der Schülerinnen und Schüler melden, dass sie keine Handtücher zum Trocknen“ hätten. Deswegen könne die Einhaltung der hygienischen Maßnahmen gar nicht vollzogen werden.

Auch die Stimmung unter den Kollegen in der Schule ist sehr angespannt. Einige, vor allem ältere Kollegen, sind wegen der erhöhten Erkrankungsgefahr und ihrer eigenen höheren Gefährdung höchst alarmiert.

Viele Lehrer zeigen völliges Unverständnis dafür, dass die Schulplflicht auch am Montag noch nicht aufgehoben worden war. Der Unterricht konnte weder konzentriert durchgeführt werden noch konnte den Schülern die umfangreichen Aufgaben für die Wochen gemäß Lehrplan zur Verfügung gestellt werden, was eine der offiziellen Begründung für

die Schulpflicht gewesen war. Die Senatslosung war, dass die Schüler die Lehrpläne von ihren Lehrern für die nächsten vier bis fünf Wochen erhalten sollten. Doch das war schon technisch nicht möglich.

Dafür hat sich für alle am Montag noch einmal die Ansteckungsgefahr erhöht. Es war eine unverantwortliche Zumutung, „in die komplett verseuchten Schulen zu kommen. Die hygienische Situation ist katastrophal, selbst Schüler vermeiden es, auf die Toiletten zu gehen“, erklärt eine Lehrerin in Berlin-Rudow.

Viele Lehrer müssen in diese Schulen kommen, auch wenn sie nicht zu denen gehören, die eine Notversorgung für die Kinder von Mitarbeitern etwa der Gesundheitseinrichtungen bereitstellen. Ob Lehrer von zu Hause aus arbeiten dürfen oder freigestellt werden, entscheidet die jeweilige Schulleitung nach eigenem Ermessen.

Unklar ist zudem noch, ob die Prüfungen fürs Abitur und am Ende der 10. Klasse trotz erheblicher Gesundheitsgefahr für Schüler und Lehrer sowie deren Familien stattfinden werden. Eine offizielle Absage gibt es noch nicht.

Die Wut über die viel zu späten und unzureichenden Schulschließungen äußerte sich auch bei Eltern. Als Scheeres am 12. März im rbb behauptete, ihre höchste Priorität sei der „Schutz der Kinder und Jugendlichen sowie des pädagogischen Personals“, wirbelte in den Kommentaren ein Sturm der Entrüstung. „Einfach nur sprachlos vor Wut“ oder „absolut unverantwortlich mit Schul- und Kita-Schließungen noch zu warten“. „40 Kinder in einem Hortraum. Und dann Ausflüge und Sport wegen der großen Risiken verbieten“, kommentiert ein anderer. Zu den angeprangerten hygienisch völlig haltlosen Bedingungen heißt es an anderer Stelle: „Das ist ein grober Verstoß gegen die allgemeine Fürsorgepflicht, die die Senatorin gegenüber den Schüler/innen hat“.

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