Coronakrise: Autowerke machen dicht

Von Dietmar Gaisenkersting
19. März 2020

Obwohl Europa inzwischen zum Zentrum der globalen Corona-Pandemie geworden ist und die Zahl der Infizierten rasant ansteigt, schließen zahlreiche Großbetriebe erst Ende dieser Woche ihre Werke.

Für die Manager und die Gewerkschaftsfunktionäre stehen dabei nicht die gesundheitlichen Interessen der millionenköpfigen Belegschaften im Vordergrund, sondern wirtschaftliche Erwägungen. Nachdem die Beschäftigten tagelang gezwungen worden sind, ihre Gesundheit und sogar ihr Leben zu riskieren, damit die Produktion weiterläuft, sollen sie nun durch Zwangsurlaub, das Abfeiern von Überstunden und schlecht bezahlte Kurzarbeit für die Absatzkrise und die Lieferschwierigkeiten der Konzerne bezahlen.

Der PSA-Konzern hat bereits Anfang der Woche angekündigt, in den nächsten Tagen 15 Autofabriken in Europa zu schließen, darunter die Werke des Tochterunternehmens Opel in Rüsselsheim, Eisenach und Kaiserslautern. Zuvor hatte schon Renault alle europäischen Autowerke geschlossen.

Volkswagen hat am Dienstagabend bekannt gegeben, dass die Bänder in den deutschen Produktionsstätten nach der Spätschicht am Donnerstag stillstehen. Allein im Stammwerk in Wolfsburg sind mindestens drei Arbeiter positiv auf Corona getestet worden, im Gesamtkonzern mindestens 25. Auch die VW-Standorte in Spanien, Portugal, der Slowakei und Italien stellen ihre Produktion ein.

Die VW-Tochter Audi will ihre Werke in Ingolstadt, Neckarsulm, Belgien, Mexiko und Ungarn zum Ende der Woche vorübergehend stilllegen. Auch Daimler stoppt in dieser Woche fast die gesamte europäische Produktion. Das Unternehmen zwingt fast alle Beschäftigten, Resturlaub zu nehmen und Überstunden abzubauen. Erst in zwei Wochen will der Premium-Hersteller entscheiden, ob den Belegschaften Kurzarbeit verordnet wird.

Am Montag hatte Ford bekanntgegeben, dass rund 10.000 Kölner Beschäftigte in der Verwaltung sowie in der Forschung und Entwicklung ins Homeoffice geschickt werden. Am Dienstag kam dann die Mitteilung, dass auch die Produktionsarbeiter ab heute (Donnerstag) zuhause bleiben müssen. Die Fiesta-Produktion in Köln ist komplett stillgelegt, frühestens am 20. April soll sie wieder aufgenommen werden. Betroffen sind insgesamt fast 18.000 Beschäftigte. Auch bei Ford im Saarland und in anderen europäischen Werken stehen bald die Bänder still.

Zuletzt haben BMW und Porsche bekannt gegeben, ihre Werke runterzufahren. BMW war eines der ersten Unternehmen, das einen Corona-Fall melden musste. Doch bis zuletzt hatte der bayerische Autohersteller keine Anstalten gemacht, die Produktion zu drosseln. „Ab heute fahren wir unsere europäischen Automobilwerke und das Werk Rosslyn in Südafrika herunter“, sagte BMW-Vorstandschef Oliver Zipse gestern auf einer Online-Bilanzpressekonferenz.

Laut Personalchefin Ilka Horstmeier müssen die rund 30.000 BMW-Arbeiter für die vier Wochen Zwangspause ihre Arbeitszeitkonten mit bis zu 300 Minus-Stunden belasten. Die Motorradproduktion in Berlin wird bis auf weiteres fortgesetzt, wie ein Unternehmenssprecher betonte.

Der ebenfalls zum VW-Konzern gehörende Sportwagenhersteller Porsche teilte gestern mit, erst ab kommenden Montag (23. März) die Produktion zunächst für zwei Wochen auszusetzen. Das Stammwerk Zuffenhausen und der Produktionsstandort Leipzig bleiben ab Samstag geschlossen.

Die Sorge um die Gesundheit der Belegschaften kommt in den Reden und Statements der Konzernvorstände entweder gar nicht oder nur am Rande als Alibi vor. „Ford exportiert seine Wagen in 80 Länder. Doch die Nachfrage ist durch die Corona-Krise stark gesunken“, erklärte beispielsweise Ford-Sprecherin Ute Mundolf. Beiläufig fügte sie hinzu: „Außerdem müssen wir auf die Gesundheit aller Mitarbeiter Rücksicht nehmen.“ Bei PSA/Opel hieß es, Unterbrechungen in der Zulieferkette und ein deutlicher Rückgang des Absatzes seien für den Produktionsstopp verantwortlich.

Auch VW-Chef Herbert Diess machte die sinkende Nachfrage, vor allem aber die unterbrochenen Lieferketten für die Einstellung der Produktion verantwortlich. BMW-Vorstandschef Oliver Zipse erklärte im Interview mit dem Fernsehsender ntv, dass weniger die sinkende Nachfrage und auch nicht unterbrochene Zulieferketten der Grund für den Produktionsstopp seien, sondern die Tatsache, dass viele Händler in Europa schließen; und „da kann man halt einfach nicht ausliefern“.

Viele BMW-Arbeiter sind wütend auf den IG-Metall-Betriebsrat um Betriebsratschef Manfred Schoch. Kaum jemand glaubt, dass es im Werk nur die offiziell mitgeteilten zwei Corona-Fälle gibt. Selbst ein Betriebsrat stehe im Verdacht, sich mit dem Virus infiziert zu haben, teilte ein BMW-Arbeiter der WSWS mit. Er berichtete auch, dass ein Bandarbeiter, der sich mit dem Corona-Virus infiziert habe, zwar nach Hause geschickt wurde, seine Kollegen, mit denen er eng zusammengearbeitet hatte, aber weiter am Band stehen mussten.

Auch dass viele Arbeiter von BMW weiterhin auf die Werksbusse angewiesen waren, um etwa von Augsburg ins Münchener Werk zu kommen, hat die Arbeiter verunsichert. Schließlich sitzen darin 50 bis 60 Beschäftigte auf engstem Raum. Viele sahen keine andere Möglichkeit, sich und andere zu schützen, als sich krank zu melden.

Während Betriebsratschef Schoch in der Presse lobend erwähnt, dass BMW das Kurzarbeitergeld auf 93 Prozent des letzten Nettogehalts erhöht, verschweigt er, dass das Kurzarbeitergeld erst greift, wenn Überstunden abgebaut und noch nicht geplanter Urlaub eingesetzt worden sind.

Und Überstunden haben gerade die über 4000 Produktionsarbeiter im Münchener BMW-Werk zur Genüge angehäuft. Denn eigentlich sollte ihr Werk in zwei Wochen für ganze 16 Wochen wegen Umbau geschlossen werden. Dafür mussten sie Urlaub und Überstunden einsetzen. Da kommt BMW jetzt die Corona-Schließung und das staatliche Kurzarbeitergeld in Höhe von 60 Prozent des letzten Nettogehalts, bzw. 67 Prozent bei Beschäftigten mit Kindern, gerade recht.

Die Corona-Pandemie wird auf jeden Fall einschneidende Folgen für die Autoindustrie haben. Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach, hofft auf eine Beruhigung innerhalb von einigen Wochen. Dann könnte für Europa am Ende ein Umsatzminus von über 20 Prozent stehen, im Idealfall stünden anstatt Milliardengewinnen zumindest keine Verluste an.

Der Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer – bis vor kurzem Direktor des von ihm gegründeten Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen – prognostiziert massive Einbrüche beim Autoabsatz, vor allem in Italien, aber auch auf den anderen Hauptmärkten wie Deutschland, Frankreich und Spanien.

Die Absatzeinbrüche in der Autoindustrie haben Auswirkungen auf viele Industrien, die als Rohstoff-, Vormaterial- und Komponenten-Lieferanten fungieren. So sorgen sich aktuell etwa die Stahlarbeiter bei Thyssenkrupp Steel Europe in Duisburg (TKSE) um ihre Gesundheit und ihre Arbeitsplätze.

Auf Facebook diskutieren die Arbeiter unmissverständlich über die Corona-Krise. Es sei unglaublich, dass sich weder Vorstand noch Betriebsrat und dessen Chef Tekin Nassikol zur wirtschaftlichen und zur gesundheitlichen Krise äußerten.

„Für uns in der Produktion läuft es, als würde es Corona nicht geben!“ schreibt einer. „Die Seife wird mit Wasser gestreckt damit wieder was drin ist...“. Er dürfe keine Hände mehr schütteln, aber dürfe Tastatur, Knöpfe und Co. im fliegenden Wechsel übernehmen. Seine Frage, was „TKSE genau für seine Leute in der Produktion getan“ habe, beantwortet er selbst: „Ach stimmt! Kündigt 12-Stunden-Schichten im Härtefall an. Wirtschaft vor Gesundheit.“

Es ist offensichtlich, dass die Konzerne und ihre Betriebsräte nicht davor zurückschrecken, die aktuelle tragische Situation skrupellos zu nutzen, um erneute Angriffe auf die Belegschaften zu fahren. Sie sollen mit ihrer Gesundheit, ihren Arbeitsplätzen, ihrem Urlaub und ihren Löhnen für die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie bezahlen.

Daher müssen dringend von den Gewerkschaften unabhängige Komitees auf Betriebsebene gegründet werden, die sich für folgende Forderungen einsetzen:

· Sofortige Stilllegung der Autoindustrie und anderer nicht lebensnotwendiger Großbetriebe! Vor der Wiederinbetriebnahme müssen sie nach dem vollständigen Abklingen der Pandemie gründlich gereinigt werden. Die gesundheitsgefährdenden hygienischen Zustände, wie jahrzehntealte Sanitäranlagen, müssen ein für alle Mal beseitigt werden.

· Voller Lohnausgleich unter Einbeziehung von Zuschlägen während der gesamten Zeit der Fabrik- und Betriebsschließungen, finanziert aus den Milliardengewinnen der letzten Jahre. Keine Verrechnung von Überstunden oder Anrechnung von Urlaub!

· Für eine global koordinierte Reaktion auf die Pandemie! Für die Bewältigung der Krise müssen Billionen Dollar für die arbeitende Bevölkerung und nicht für die Aktionäre und Herrschenden bereitgestellt werden. Dazu gehören vor allem die Bereitstellung von genügend Corona-Tests und der zügige Ausbau der Krankenhausinfrastruktur.

· Für Arbeiterkontrolle über die Sicherheit und Gesundheit in den Fabriken! Solange diese Fragen in den Händen des Managements und der Betriebsräte bzw. Gewerkschaften bleiben, werden die Arbeiter nicht nur ständig der Gefahr von Krankheiten ausgesetzt sein, sondern auch von schweren Unfällen am Arbeitsplatz.