Europa löst China als Epizentrum des Coronavirus ab

Von Alex Lantier
19. März 2020

Die Regierungen in Frankreich, Spanien, Österreich und Belgien haben Ausgangssperren verhängt, wie sie in Italien schon seit über einer Woche gelten. In Deutschland sind die Schulen, Geschäfte und öffentlichen Treffpunkte geschlossen, die Grenzen dicht. Doch das Coronavirus breitet sich immer weiter auf ganz Europa aus.

Während die Zahl der Fälle auf dem amerikanischen Doppelkontinent und in Afrika ebenfalls rapide ansteigt, hat sich Europa fürs Erste zum Krisenherd Nr. 1 der globalen Pandemie entwickelt. Diese Entwicklung hat den labilen Zustand der Krankenhaus- und sozialen Infrastruktur offengelegt. Der jahrzehntelange Austeritätskurs der Europäischen Union hat sie zu Grunde gerichtet.

Am Mittwoch wurden in ganz Europa über 16.000 Neuansteckungen gemeldet; damit stieg die Gesamtzahl der Fälle in Europa auf 90.620. Da fast alle diese Fälle noch immer in Behandlung oder unter Beobachtung stehen, hat Europa jetzt jedenfalls den größten Anteil an den weltweit 122.073 Fällen aktuell infizierter Menschen. Die meisten Neuerkrankungen wurden gestern im europäischen Epizentrum der Pandemie, in Italien (4.207) entdeckt. Darauf folgen Deutschland (2.960), Spanien (2.943), Frankreich (1.404) und Großbritannien (676). Auch die Zahl der Toten nahm zu: 475 in Italien, 105 in Spanien, 89 in Frankreich, 15 in den Niederlanden, 33 in Großbritannien und zwei in Deutschland.

In den letzten drei Monaten hat sich gezeigt, dass die europäischen Behörden völlig unfähig sind, umgehend zu reagieren, die Bevölkerung vor der Schwere der Krankheit zu warnen, ausreichende Tests bereitzustellen, die notwendigen Eindämmungs- und Behandlungsmaßnahmen zu koordinieren und die Ausbreitung des Coronavirus wirksam aufzuhalten.

Coronakontrollen von Polizisten und Soldaten am Mailänder Hauptbahnhof, 9.März 2020 (Claudio Furlan/LaPresse via AP)

Darin zeigt sich ein auffälliger Unterschied zu asiatischen Ländern wie China oder Singapur. Dort haben die Gesundheitsbehörden deutlich konsequenter gehandelt, um Quarantänen durchzusetzen, die Bevölkerung systematisch zu testen, die Kranken zu identifizieren und zu behandeln und so die Ausbreitung des Virus aufzuhalten.

Die Gesamtzahl der Coronavirus-Patienten in Europa hat am Mittwoch diejenige in China, dem ursprünglichen Epizentrum, deutlich überholt, – und dies, obwohl in ganz Europa nur halb so viele Menschen leben wie in China. Mittlerweile ist die Ausbreitung in China weitgehend eingedämmt, und 69.755 der insgesamt 81.102 Patienten gelten wieder als gesund. 3.241 (vier Prozent) sind gestorben, und es werden täglich noch etwa hundert Neuansteckungen registriert.

In Europa hat sich ein viel größerer Anteil der Bevölkerung mit dem Virus angesteckt als in China, weshalb die Folgen für die überlasteten und unterfinanzierten europäischen Gesundheitssysteme noch schwerer sein werden. Während in China von einer Million Menschen 56 das Coronavirus haben, liegt dieses Verhältnis in Deutschland bei 147 pro Million, in Frankreich bei 140 pro Million, in Spanien bei 316 pro Million, in Norwegen bei 292 pro Million, in der Schweiz bei 355 pro Million und in Italien bei 591 pro Million.

Das Virus hat eine lange Inkubationszeit von bis zu 14 Tagen, in der die Kranken zwar keine Symptome aufweisen, aber andere anstecken können. Deshalb werden die Ausgangssperren in Italien, Spanien, Frankreich und Teilen von Nordrhein-Westfalen die Ausbreitung nicht sofort aufhalten. Man muss damit rechnen, dass viele Menschen, die sich erst vor kurzem infiziert haben und jetzt zu Hause sind, innerhalb der nächsten zwei Wochen erste Symptome zeigen werden. Das bedeutet, selbst in den Teilen Europas, in denen die drakonischsten Maßnahmen ergriffen werden, ist ein deutlicher Anstieg der Zahl der Infektionen zu befürchten.

In Italien sind zwar nur 0,6 Prozent der Bevölkerung infiziert, doch in dem am stärksten betroffenen Norden des Landes liegen in den Krankenhäusern bereits mehr Patienten mit Lungenentzündung in kritischem Zustand, als es Beatmungsgeräte gibt. Deshalb stehen die Ärzte vor der barbarischen Entscheidung, welche Patienten sie zu retten versuchen, und welche sie sterben lassen. Die Todeswahrscheinlichkeit in Italien ist auf bis zu acht Prozent gestiegen. Zudem haben Krankenhäuser in anderen stark betroffenen Regionen Europas, u.a. im französischen Elsass, ebenfalls erklärt, sie müssten bald die Pflege rationieren, wenn sie kritische Coronavirus-Patienten nicht in andere Gebiete verlegen können.

Dr. Fabiano di Marco, der in einem Krankenhaus in Italien gearbeitet hat, einer der am stärksten betroffenen Städte, nun aber selbst infiziert ist, erklärte: „Es stehen nicht unbegrenzt Betten zur Verfügung, und sie werden nicht an die schwersten Fälle vergeben, sondern an diejenigen mit der größten Überlebenschance. In der Lombardei gibt es 1.100 Intensivpflegebetten, von denen jetzt etwa 900 mit Coronavirus-Patienten belegt sind. Wir stehen vor sehr schwierigen Entscheidungen … Das alleine belastet die Ärzte, genauso wie der Verlust von Patienten, die oft Verwandte oder Bekannte des Personals sind.“

Er warnte: „Unterschätzen Sie dieses Virus nicht … Ärzte und Beatmungsgeräte werden es nicht aufhalten. Das wird allein unsere Fähigkeit, soziale Kontakte zu verringern … Halbherzige Maßnahmen werden nicht ausreichen, um es aufzuhalten. Entweder man tut alles oder nichts. Wenn man nichts tut, wird es Hunderttausende Tote geben … Leider muss ich feststellen, dass der Rest der Welt weiterhin halbherzig handelt.“

Das Coronavirus hat die Kluft zwischen der Arbeiterklasse und der herrschenden Klasse sehr deutlich gemacht. Die Vertreter der Kapitalistenklasse fordern die Arbeiter mit erschütternder Verachtung für Menschenleben dazu auf, die Tatsache zu akzeptieren, dass sich Dutzende Millionen mit dem Virus anstecken könnten, während sie nichts gegen die Ausbreitung der Pandemie unternehmen.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel empfahl anfangs der Bevölkerung kaltschnäuzig, sich darauf einzustellen, dass sich 60 bis 70 Prozent der Deutschen mit der Krankheit anstecken werden. Der wissenschaftliche Berater der britischen Regierung, Sir Patrick Vallance, erklärte, es sei „nicht wünschenswert“, zu verhindern, dass sich 60 Prozent der britischen Bevölkerung mit dem Coronavirus anstecken. Als Rechtfertigung führte er das faschistoide Argument an, eine massive Infektion sei wünschenswert, damit die Überlebenden „eine gewisse Immunität“ aufbauen, ohne dass sich die Finanzaristokratie auch nur von einem Teil ihrer Milliarden trennen muss. In Frankreich haben mehrere hohe Regierungsvertreter versucht, die Arbeiter mit der Behauptung ruhigzuhalten, das Coronavirus sei nicht gefährlicher als die saisonale Grippe.

Während Regierungspolitiker faschistische Hetzreden verbreiteten, wurden wertvolle Wochen verloren, in der keine koordinierten Maßnahmen ergriffen wurden, um in Europa zu testen, zu isolieren und die Ausbreitung des Virus zu verhindern.

Erst der weltweite Wutausbruch unter Arbeitern in der letzten Woche – als spontane Streiks Italien, die kanadische Autoindustrie, die britische Post und die französischen Busbetriebe erschütterten – vollzog die staatliche Politik einen halbherzigen Kurswechsel. Während wissenschaftliche Berater vor Millionen von Toten warnen, erließ als erstes die Regierung in Rom Ausgangssperren, gefolgt von Madrid, Paris, Wien und Brüssel.

Die Arbeiterklasse muss der Pandemie eine bewusste und von den Kapitalisten politisch unabhängige Antwort erteilen. Die Politik der herrschenden Klasse wird nur noch weitere Katastrophen für die Arbeiter schaffen. Die EU-Mächte haben für die Arbeiterklasse nur Feindschaft und Verachtung übrig. Ihre willkürliche, nationalistische und unkoordinierte Reaktion auf die Pandemie darf nicht akzeptiert werden.

Es finden bereits Massenentlassungen statt. Die Fluggesellschaft SAS hat 10.000 Entlassungen angekündigt, Norwegian Air 7.300 oder 90 Prozent der Belegschaft. IAG, die Muttergesellschaft von British Airways, wird 75 Prozent ihrer Flüge streichen, Air France-KLM 70 bis 90 Prozent und die Lufthansa bis zu 90 Prozent. Die Autoindustrie nutzt den Stillstand für Stellenstreichungen. Bisher hat der französische Autobauer PSA den Betrieb in ganz Europa eingestellt; Renault hat den Betrieb in Spanien angehalten. VW stoppt heute die Arbeit in mehreren Werken, da die Schließungen in andern Ländern seine Lieferketten beeinträchtigen.

In ganz Europa sind Millionen von Studenten und Selbstständigen von der kollabierenden Dienstleistungs- und Tourismusbranche abhängig. Für sie und für die ganze Arbeiterklasse ist der potenzielle Einkommensverlust immens.

Während die Europäische Zentralbank 120 Milliarden Euro in die Finanzmärkte gepumpt hat und die EU-Regierungen hunderte Milliarden Euro versprechen, um Konkurse von Unternehmen zu verhindern, sind die Arbeiter mit einem Flickwerk aus staatlich finanzierten Entlassungen und andern Maßnahmen konfrontiert, die massive Lohnsenkungen bedeuten. Zudem wird in den EU-Ländern der Bau von Krankenhäusern und die Produktion von medizinischem Gerät mit großer Verspätung aufgenommen. Dasselbe gilt für großflächige Tests, die in Südkorea und China massiv durchgeführt worden sind. Während in Europa zehntausende von Arbeitern um medizinische Behandlung kämpfen, werden gerade Hunderttausende von Soldaten und Bereitschaftspolizisten mobilisiert, um die Ausgangssperren durchzusetzen.

Die wichtigste Aufgabe für Arbeiter in ganz Europa und der Welt ist es, sich in Aktionskomitees unabhängig von den wirtschaftsnahen Gewerkschaften zu organisieren, um für eine sozialistische Politik zu kämpfen. Dazu gehört die sofortige Schließung aller Schulen und Arbeitsplätze, die für den Kampf gegen die Pandemie nicht notwendig sind, mit voller Lohnfortzahlung für alle betroffenen Arbeiter. Dazu gehören auch allgemeine Tests und die kostenlose Behandlung der Kranken. Notwendig ist auch ein Programm zum Aufbau einer neuen Gesundheitsinfrastruktur und das Ende aller Sanktionen, Grenzschließungen und Handelskriegsmaßnahmen, die einem vereinten internationalen Kampf gegen das Virus im Wege stehen.