70. Berlinale: Die Irak-Lüge des BND und Persischstunden im Konzentrationslager

Von Stefan Steinberg
24. März 2020

Ohne Titel

Ohne Titel (Curveball) des deutschen Regisseurs Johannes Naber streut Salz in eine Wunde, von der viele in den amerikanischen und deutschen Geheimdiensten und Regierungen zweifellos hofften, sie sei schon lange verheilt– es geht darum, wie die von den USA geführte Invasion in den Irak im Jahr 2003 auf völlig betrügerischen und erlogenen Rechtfertigungen beruhte.

Dar Salim, Sebastian Blomberg in "Ohne Titel" von Johannes Naber (Bild: Sten Mende)

Naber hat eine Reihe von bemerkenswerten Filmen gedreht, darunter das Immigranten-Drama Der Albaner (2009), Zeitalter der Kannibalen (2013) und Herz aus Stein(2019).

Bei der Premiere seines zunächst Curveball genannten Films bei der 70. Berlinale erklärte ein Mitarbeiter des Festivals zu Beginn, er könne den Titel nicht vorlesen. Das Festival führe ihn lediglich als „Ohne Titel“ auf. Denn der Name „Curveball“ sei noch Gegenstand eines US-Klageverfahrens. Nachdem man den Filmgesehen hat, kann man verstehen, warum sowohl die amerikanischen als auch die deutschen Geheimdienste erheblichen Einfluss ausüben, um seine Verbreitung zu verhindern.

Ohne Titel ist eine politische Satire, die auf Tatsachen beruht, die der Regisseur und sein Team sorgfältig recherchiert haben. Die Handlung beginnt im Irak, wo der deutsche Biologe Dr. Arndt Wolf „Wüstenfuchs" (Sebastian Blomberg), ein Spezialist für biologische Kriegsführung im Auftrag des Bundesnachrichtendienstes (BND), keine Beweise für Saddam Husseins angebliche Massenvernichtungswaffen finden kann.

Der Chef des BND, Schatz (Thorsten Merten), will die CIA übertrumpfen und als erster beweisen, dass der Irak über gefährliches Nervengas verfügt. Eine Chance eröffnet sich ihm, als ein Iraker, der in Deutschland Asyl sucht, Rafid Alwan (Dar Salim), behauptet, er habe als Chemieingenieur im Irak gearbeitet und verfüge über Insiderwissen über das Chemiewaffenprogramm des Landes.

Wolf erhält den Auftrag, „Curveball", der Deckname des irakischen Ingenieurs, zu verhören. Als Gegenleistung dafür, dass er sein Wissen -- in Wirklichkeit ein Bündel von Lügen -- preisgibt, bittet Alwan darum, aus einem deutschen Asylbewerberheim, in dem er festsitzt, entlassen zu werden und die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten.

Nach einer Reihe von Verhören nimmt Alwan einen Hinweis von Dr. Wolf selbst auf und „enthüllt“, der Grund für das Scheitern aller Geheimdienste bei der Suche nach irakischen Massenvernichtungswaffen sei der „geniale“ Einsatz von Lastwagen und Eisenbahnzügen seitens des Hussein-Regimes, um die riesigen chemischen Fässer mit gefährlichen Gasen durch das Land zu bewegen. Als Beleg soll absurderweise ein grobes, kindliches Diagramm auf einer Papierserviette dienen, das angeblich einen Lastwagen mit den riesigen Fässern zeigt. Schließlich kann nun die BND-Führung ihren amerikanischen „Kollegen“ einen Knüller präsentieren – und es gibt Champagner für alle Beteiligten. Auch der damalige SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder gratuliert dem BND.

Auf der verzweifelten Suche nach Anhaltspunkten, die eine US-Intervention im Irak rechtfertigen könnten, ist die CIA nur allzu bereit, die Krümel vom Tisch des BND zu akzeptieren. Sie organisiert die Entführung von „Curveball" in Deutschland, um ihn als ihre eigene Quelle darzustellen. Der BND-Mann Wolf fühlt sich dem irakischen Betrüger gegenüber verpflichtet und versucht, ihn in einer urkomischen Fluchtszene zu retten.

Wolf stellt die für den Entführungsplan verantwortliche CIA-Agentin zur Rede und argumentiert, man müsse erst verlässliche Beweise haben. Die CIA-Agentin zeigt keinerlei Reue: „Die Wahrheit zählt nicht, nur die Gerechtigkeit zählt.“ Wolf fragt weiter, was der CIA das Recht gebe, die Fakten zu verdrehen. „Wir machen die Fakten“, antwortet die Agentin.

Gegen Ende des Filmswird die berüchtigte Rede von US-Außenminister Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat im Februar 2003 eingeblendet, in der er Curveballs Lügen wiederkäute, um den kommenden US-Angriff auf den Irak zu rechtfertigen. In seinem Bericht stellte Powell fest, dass das irakische Waffenprogramm „biologische Waffenfabriken auf Rädern und Schienen", ein „ausgedehntes geheimes Netzwerk" zur Versorgung „seiner tödlichen biologischen und chemischen Waffenprogramme" und die Beschaffung „ausreichender Mengen an spaltbarem Material zur Erzeugung einer nuklearen Explosion" umfasse. All dies, so der Außenminister, seien „Fakten und Schlussfolgerungen, die auf solider Geheimdienstarbeit beruhen“.

Powells Präsentation enthielt die Skizze eines mit chemischen Fässern beladenen Lastwagens, die auf Curveballs ursprünglicher Serviettenzeichnung basierte. Laut einem hochrangigen US-Beamten waren Curveballs Lügen „die Hauptsäule" von Powells Bericht an die UNO. In der UNO-Sitzung sitzt auch der deutsche Grünen-Chef und damalige Außenminister der rot-grünen Regierung Joschka Fischer, der Powells Bericht in aller Ruhe anhört. Der inzwischen entlassene BND-Biologe Wolf sieht Fischer zu Hause im Fernsehen und ruft aufgebracht aus: „Warum sagt der nichts?“

Nabers Film zeigt anschaulich die Verlogenheit und Kriminalität der deutschen Politik im Irak-Krieg. Während Schröder als Bundeskanzler öffentlich erklärte, dass die deutsche Regierung keinen neuen Krieg im Nahen Osten wolle, lieferte der deutsche Geheimdienst BND die Lügen, mit denen Washington seinen Angriff auf den Irak im Namen des „Kriegs gegen den Terror" legitimierte.

Regisseur Naber will dem entgegentreten, was er als „falsches Bild, als idealisierte Vorstellung davon, wie wir Deutschen in der Welt operieren,“ bezeichnet. Es sei wichtig, der Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen und die Rolle der Geheimdienste und der damals verantwortlichen Politiker Joschka Fischer, Gerhard Schröder und Frank-Walter Steinmeier zu hinterfragen: „Damit den Kindern in der Schule nicht mehr beigebracht werden kann, dass wir in Sachen Irak-Krieg die Guten waren.“

Um die komödiantische Wirkung seines Films zu verstärken, stellt Naber die führenden BND-Figuren als provinzielle Karrieristen vor, die ihren amerikanischen Kollegen unterlegen sind. Allerdings ist dies eine gefährliche Unterschätzung, zu welchen Methoden die deutsche herrschende Elite bereit ist, die seit der Wiedervereinigung 1989/90 eine größere Unabhängigkeit von den USA zu erreichen sucht und wieder ihre imperialistischen Muskeln spielen lässt.

Dabei knüpft sie an die Traditionen ihrer NS-Vergangenheit an. Der BND ist aus der Organisation Gehlen hervorgegangen, deren Leiter Reinhard Gehlen bis Kriegsende Hitlers Aufklärungschef der Abteilung „Fremde Heere Ost“ war. Gehlen wurde von der amerikanischen Besatzungsbehörde für den Aufbau eines Nachrichtendiensts gegen die Sowjetunion eingesetzt und war auch der Leiter des 1956 gegründeten BND bis 1968.

Die US-Bombardierung und die Invasion des Iraks begannen einen Monat nach Powells Bericht. Nabers Film endet mit einer Statistik, die die massiven Verluste an Menschenleben im Irak-Krieg zeigt, einem Blutbad, für den die deutsche Regierung mitverantwortlich war.

Im Abspann heißt es zudem: „Der damalige Chef des Kanzleramts ist der amtierende Bundespräsident", also der Sozialdemokrat Frank-Walter Steinmeier. Auf die Entlarvung dieses scheinheiligen Kriegstreibers reagierte das Publikum mit lautem Applaus.

Nabers Film kommt am 10. September als Film ohne Titel in die deutschen Kinos.

Persischstunden

Ein weiterer Film voll schwarzem, bitterem Humor, der von tragischen Ereignissen handelt, ist Persischstunden (Persian Lessons)von Vadim Perelman (Haus aus Sand und Nebel, 2003, Das Leben vor meinen Augen, 2007). Der Film basiert auf einer Kurzgeschichte von einem der führenden deutschen Drehbuchautoren, Wolfgang Kohlhaase, und beginnt im besetzten Frankreich im Zweiten Weltkrieg mit dem Transport einer Gruppe von Juden in ein Konzentrationslager.

Nahuel Pérez Biscayart und Lars Eidinger in "Persischstunden" (Bild: Hype Film)

Ein junger Mann auf dem Rücksitz des mit den Juden beladenen Lastwagens bittet einen anderen jungen Mann, Gilles (Nahuel Pérez Biscayart), ein wertvolles Buch in Farsi oder Persisch anzunehmen, wenn er dafür etwas zu essen bekäme. Gilles ist einverstanden. Kurz darauf hält der Lastwagen in einem Wald und die Insassen werden von den deutschen SA-Truppen, die für den Transport in die Todeslager verantwortlich sind, kurzerhand erschossen.

Angesichts seiner bevorstehenden Hinrichtung fleht Gilles die Soldaten an, ihn nicht zu erschießen – schließlich sei er kein Jude, argumentiert er. Er sei Perser und habe ein Buch, das dies beweisen könne. In einer bizarren Wendung der Erzählung erklärt einer der Soldaten, er kenne einen Kommandanten im nächsten Lager, der die persische Sprache lernen wolle, und biete jedem, der ihm einen Lehrer zur Verfügung stellen könne, zehn Dosen Fleisch an.

Um zu überleben, muss Gilles eine falsche Sprache erfinden, die er dem Lagerkommandanten Klaus Koch (Lars Eidinger) in täglichen Dosen als „Persisch“ verabreichen kann. Angesichts der Aufgabe, die Neuaufnahmen ins Lager aufzuzeichnen, entdeckt Gilles eine Formel, um sich seinen Bestand an fiktiven Wörtern einzuprägen. Der Lagerkommandant übt seinerseits seine neu gewonnene Fremdsprache, indem er stolz die Namen der jüdischen Lagerinsassen ausspricht, die schließlich alle von ihren Nazi-Unterdrückern hingerichtet werden. Die Schauspieler, die die beiden Hauptprotagonisten des Films, Biscayart als Gilles und Eidinger als Koch, darstellen, sind hervorragend.

Gelegentlich klingt in den Gesprächen zwischen Gilles und dem Lagerkommandanten in Persischstunden ein schmerzhaft absurder Humor an, ohne dass man auch nur einen Moment lang das tragische Schicksal der Opfer des Lagers durch die Hand ihrer brutalen Entführer vergessen kann. Die spielerische Verknüpfung von Humor und dem tragischen Schicksal der Juden unter der deutschen Besatzung erinnert an den herausragenden Film des rumänisch-französischen Regisseurs Radu Mihăileanu, Train de Vie (Zug des Lebens) aus dem Jahr 1998.

Persischstunden kommt am 7. Mai in die deutschen Kinos.

Weitere Artikel zur Berlinale hat die WSWS am 20. Februar, am 9. März und am 20. März veröffentlicht.