70. Berlinale: „Speer goes to Hollywood“ – ein Weckruf gegen die Verharmlosung von NS-Verbrechen

Von Verena Nees
9. März 2020

Speer goes to Hollywood. The Unbelievable Second Career of the Good Nazi. Israel 2020, Regie: Vanessa Lapa

Der Titel macht stutzig – Hitlers Star-Architekt und Rüstungsminister ein Hollywoodliebling? Wie passt das zusammen? Oder handelt es sich um eine bitterböse Satire in einer Zeit, in der die Neofaschisten ihr Haupt erheben und brutale Morde begehen, wie gerade erst in Hanau?

Es ist die bittere Realität, die das Publikum bei der Weltpremiere dieses dokumentarischen Films bei der 70. Berlinale einholt.

Die israelische Regisseurin Vanessa Lapa, selbst Kind von Holocaust-Überlebenden, rührt an eine offene Wunde: Albert Speer gilt in Teilen der Öffentlichkeit bis heute, trotz mittlerweile gegenteiliger historischer Forschungen, als harmloserer, als „guter Nazi“ – einer, der lediglich Technokrat in der Regierung Hitler gewesen sei, nur opportunistischer Mitläufer in der Mühle der Nazi-Bürokratie, kein brutaler Organisator der Massenvernichtungen in den KZs.

Vanessa Lapas Dokumentation räumt mit diesem Mythos nun auch filmisch auf, und zwar gründlich.

Speer beim Nürnberger Prozess 1946

Albert Speer, der ranghöchste Nazi, der im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess der Todesstrafe entging, hatte selbst diesen Mythos geschaffen und dabei Hilfe von bekannten Historikern, Verlegern und Journalisten erhalten. Insbesondere der Hitler-Biograph Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler halfen ihm bei seinen Büchern Erinnerungen und Spandauer Tagebücher, die er bereits während der 20-jährigen Gefängnisstrafe in Spandau entworfen hatte. Darin stilisierte sich Speer sogar als Hitlergegner, der angeblich einen Anschlag auf ihn geplant habe.

Nach seiner Entlassung verschafften ihm diese bei Ullstein verlegten Bücher, zahllose Interviews im In- und Ausland, allen voran im Spiegel und Stern, zudem heimliche Verkäufe von Gemälden aus Nazi-Raubkunst ein Millionenvermögen und ein sorgloses Leben in der Familienvilla in Heidelberg. Speer starb 1981, doch die Mär vom „noblen Nazi“ setzte sich fort und fand in einer Reihe Filme ihren Niederschlag, selbst noch in Bernd Eichingers Der Untergang von 2004, in dem ein verzerrtes Bild von Speer als einsichtiger Mahner und Befehlsverweigerer gezeigt wird.

Davon bleibt nach „Speer Goes to Hollywood“ nichts übrig.

Vanessa Lapa dokumentiert die Pläne einer Verfilmung von Speers „Erinnerungen“ im Jahr 1971 durch Paramount Pictures, bei deren Drehbuch Albert Speer selbst mitwirkte. Die Regisseurin stieß auf diese Geschichte bei der Premiere ihres vorherigen Films Der Anständige über Heinrich Himmler, der bei der Berlinale 2014 gezeigt wurde. Ein Produzent machte sie auf die Korrespondenz zwischen Himmler und Speer sowie auf Andrew Birkin aufmerksam, der 1971 als damals 26-jähriger Drehbuchautor in Heidelberg monatelange Gespräche mit Albert Speer geführt hatte.

Nach einem Treffen mit Vanessa Lapa stellte der inzwischen über 70-jährige Birkin die 40 Stunden Tonaufnahmen jener Gespräche zur Verfügung. Dies bildet die Grundlage des Films, ergänzt durch seltene Archivaufnahmen, die Speer vor dem Zweiten Weltkrieg, in Kriegszeiten und später als mehr oder weniger zurückgezogen lebenden Ruheständler auf dem Land zeigen.

Die Gesprächsaufnahmen zeigen, wie absolut skrupellos Speer seine Vergangenheit reinzuwaschen versucht. Er präsentiert sich völlig offen als jemand, der in kalkulierter Weise die tatsächlichen Ereignisse verdreht, manipuliert, ja selbst ihre Chronologie verändert, um seine eigene verbrecherische Rolle zu vertuschen. Als der noch junge Drehbuchautor Birkin, der sich von der kultivierten und eloquenten Redeweise seines Gegenübers beeindrucken lässt, mit dem Regisseur Carol Reed über die einzelnen Kapitel des geplanten Films spricht, wird dieser zunehmend kritisch und hält den Film für verantwortungslos. Paramount Pictures stoppt schließlich das Projekt.

Vanessa Lapa kontrastiert die Gespräche 1971 mit historischen Aufnahmen, darunter langen Sequenzen des Nürnberger Prozesses in einer bislang nicht gekannten, hervorragenden Qualität. Lapas Produktionsfirma Realworks in Tel Aviv hat „nahezu sämtliche Tonaufnahmen des Prozesses in rund sechs bis sieben Monaten Arbeit digitalisiert“, erzählt sie der WSWS. Auch die Bild- und Filmaufnahmen mussten akribisch bearbeitet werden.

Besonders erschütternd sind die Bilder von der menschenverachtenden Behandlung der Zwangsarbeiter bei Krupp. Beim Verhör von Speer wurden Lichtbilder von einer langen Reihe eiserner Schränke auf dem Krupp-Gelände gezeigt. Sie dienten als Strafkammern für Zwangsarbeiter, wenn ihnen zu langsames Arbeiten oder Verspätungen bei Schichtbeginn vorgeworfen wurde. Diese „Bummelanten“, wie sie Speer selbst bezeichnete, mussten 48 Stunden im Stehen in diesen extrem engen, fensterlosen Schränken zubringen, Frauen wie Männer, mehrere zusammengepfercht. Auch ihre Notdurft mussten sie dort verrichten.

Albert Speer 1971

In seinen selbstbeschönigenden Aussagen nach dem Krieg hatte Speer immer behauptet, er sei nicht für die Zwangsarbeiter verantwortlich gewesen. Dies klingt nun in den Tonaufnahmen von Andrew Birkin anders: „Soll ich Ihnen sagen, wieviel Arbeiter ich hatte?“ hört man Speer voller Stolz sagen. „1942 waren es 2,6 Millionen Arbeiter. Im Frühjahr 43 waren es 3,2 Millionen. Im September 43 hatte ich 12 Millionen Menschen, die für mich arbeiteten.“ Etwa ein Drittel dieser Arbeiter starb.

Er habe beim Bevollmächtigten für den Arbeitseinsatz Fritz Sauckel immer neue Kontingente von Zwangsarbeitern für die Rüstungsproduktion angefordert, erzählt Speer weiter, darunter sämtliche arbeitsfähigen sowjetischen, sowie polnische und französische KZ-Häftlinge und Kriegsgefangenen. Sauckel ließ diese Menschen auf Geheiß von Speer in Viehwaggons nach Deutschland deportieren.

Amüsiert setzt Speer hinzu: Bei der Urteilsverkündung in Nürnberg hätten „seine Gegner unter den Angeklagten“ protestiert: Göring habe gemurmelt, eigentlich hätte er, Speer, die Todesstrafe erhalten müssen, nicht Sauckel.

Zu Speers Behauptung, er habe kein KZ von innen gesehen, zeigt Lapas Film die Zeugenaussage eines jungen Zwangsarbeiters vom KZ Mauthausen im Prozess. Auf die Frage, ob er jemanden von der Anklagebank in Mauthausen gesehen habe, zeigt der Zeuge auf Speer: „Ja, der dort.“ Dieser Mann sei mehrfach da gewesen und immer sehr freundlich von der Lagerleitung begrüßt worden.

Mit Heinrich Himmler, den er nach 1945 gerne und medienwirksam als „Monster“ bezeichnete, vereinbarte Speer den Einsatz von KZ-Häftlingen für seine Bauprojekte, wie Lapas Film mit historischen Aufnahmen belegt. Das Geld für die von der SS gegründete Firma „Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH (DEST)“ kam aus Speers Haushalt und floss direkt in den Aufbau von KZs in der Nähe von Steinbrüchen und Tongruben.

Speer zeichnete nicht nur verantwortlich für rund 1000 Zwangsarbeiterlager rund um Berlin, von denen einige seine Baubehörde in eigener Regie betrieb, sondern auch für die „Entmietung“ von Juden in Berlin ab 1939 und die Schaffung „judenreiner“ Viertel, die er für seine Bauprojekte nutzen wollte. Die Listen der aus ihren Wohnungen vertriebenen Juden bildeten die Basis für die späteren Deportationen nach Riga.

Und anders als er später glauben machen wollte, war Speer selbst Antisemit. Dies erläutert er auf die entsprechende Frage von Birkin mit entlarvender Offenheit: Er habe die Juden nicht gemocht. Insbesondere die Ostjuden seien neureiche Aufsteiger gewesen, die die Deutschen übervorteilen wollten – ein Standardargument aller Antisemiten.

Am Ende des Films wird Speers Entlassung 1966 aus dem Spandauer Gefängnis gezeigt. Die Presse umringt ihn, und er sonnt sich sichtlich in diesem Rummel, nicht ohne in der ihm eigenen höflichen Art die gute Versorgung im Gefängnis zu loben. Seine Popularität ging durch alle Medien und politischen Parteien. Zur Entlassung aus der Haft schickte sogar der SPD-Vorsitzende Willy Brandt Blumen.

Die Tatsache, dass Albert Speer in der Nachkriegszeit derart hofiert wurde, zeigt die braune Kontinuität der Geschichte nach der sogenannten Stunde Null. Bis heute werden immer neue Fakten aufgedeckt, wie stark das alte Nazi-Personal in den neuen Staat integriert wurde, sei es in Justiz, Polizei, Bundeswehr, Universitäten, Ministerien oder, wie beim Auftakt der diesjährigen Berlinale bekannt wurde, auch in Kulturinstitutionen. Der erste Leiter des Berlinale-Festivals Alfred Bauer war hoher Nazi-Filmfunktionär und SA-Mitglied.

Ein Spiegel-Artikel vom 26. September 1966, kurz vor der Entlassung Speers aus dem Gefängnis, unter dem Titel „Hitlers Freund und Gegner Albert Speer“ machte deutlich, was die neue herrschende Elite in der Bundesrepublik an Speer so faszinierte: Speer sei ein unpolitischer Architekt, der „niemanden terrorisiert“ und dabei „ein unvorstellbares deutsches Rüstungswunder“ vollbracht habe, der „die deutsche Industrie vor dem selbstzerstörerischen Zugriff Hitlers“ rettete und damit „sogar zum Wirtschaftswunder Ludwig Erhards“ beitrug. (zitiert nach Magnus Brechtken, „Albert Speer: Eine deutsche Karriere“, 2017, S. 365)

Anders ausgedrückt: Speers brutale Ausbeutung von vielen Millionen Zwangsarbeitern, mit denen er die Rüstungsproduktion in den letzten Jahren des Kriegs ankurbelte, ermöglichte dem deutschen Imperialismus zugleich den wirtschaftlichen Neustart nach der Kriegsniederlage. Seine Inszenierung als Hitler-Gegner diente zugleich der Illusion, ab nun wäre die deutsche Bourgeoisie demokratisch und antifaschistisch.

Gerade Albert Speer war dafür geeignet. Er sei ein „Prototyp für die gesellschaftliche Gruppe der Funktionseliten, die sich bewusst für Hitler entschieden und dem Nationalsozialismus durch ihre Fachkenntnisse erst seine eigentliche Dynamik gegeben haben. Ohne die ganzen Mediziner, Juristen und Verwaltungsfachleute hätte die Herrschaft gar nicht so gut funktionieren können.“ Dies bemerkte Magnus Brechtken anlässlich der Veröffentlichung seines Buchs. Speer sei nur einer der „Engagiertesten, Ehrgeizigsten“ gewesen und deshalb nach 1945 „auch die ideale Figur für alle, die sagen wollten: ‚Ich habe zwar mitgemacht, aber von den Verbrechen habe ich nichts mitbekommen.‘“

Ob der Film „Speer goes to Hollywood“ bald seinen Weg in die Kinos schafft, ist noch nicht bekannt. Bereits beim Versuch, finanzielle Förderung für seine Produktion zu erhalten, gab es in Deutschland lauter Absagen. Sobald ein Kinostart feststeht, ist dieser Film jedoch ein Muss für alle, die gegen die Verharmlosung der Nazis und die Rückkehr des Faschismus kämpfen wollen.

Siehe auch: „Wir müssen die Gefahr des Umschreibens der Geschichte sehr ernst nehmen“, Interview mit Vanessa Lapa