Vereinigte Staaten

Die Botschaft der Großkonzerne zur Coronavirus-Pandemie: Rettet Profite, nicht Leben

25. März 2020

Die Coronavirus-Pandemie breitet sich weiter auf der ganzen Welt aus und in den Vereinigten Staaten steigt die Zahl der gemeldeten Fälle schneller als in jedem anderen Land. Gleichzeitig zeichnet sich eine klare Linie der herrschenden Klasse in Amerika ab, die lautet: „Das Heilmittel ist schlimmer als die Krankheit.“ Mit anderen Worten, das Leben von Millionen Arbeiterinnen und Arbeitern soll im Interesse der Unternehmensprofite geopfert werden.

„Wir können nicht zulassen, dass das Heilmittel schlimmer ist als das Problem selbst“, erklärte Trump am Sonntagabend auf Twitter. „Am Ende der 15-Tage-Frist [die vor einer Woche begann] werden wir eine Entscheidung treffen, welchen Weg wir gehen wollen.“

Auf einer Pressekonferenz am Montag sagte Trump, er wolle, dass die amerikanischen Betriebe in wenigen „Wochen, nicht Monaten“ wieder öffnen werden. „An einem bestimmten Punkt müssen wir öffnen und wir müssen in Bewegung kommen. Wir wollen diese Unternehmen nicht verlieren.“

Trump spielte die Bedeutung der Pandemie herunter, die jetzt bereits das Gesundheitssystem in den USA an den Rand des Zusammenbruchs bringt. Er sagte: „Wir haben eine sehr aktive Grippesaison, aktiver als die meisten... Und schauen Sie sich die Autounfälle an, das sind weitaus größere Zahlen als das, worüber wir hier reden. Das bedeutet nicht, dass wir allen sagen, dass sie nicht mehr Auto fahren sollen. Wir müssen also Dinge tun, um unser Land zu öffnen.“

Wenn Millionen von Menschen sterben, dann sei es so. Das sind die Kosten der unternehmerischen Tätigkeit. So spricht die Konzern- und Finanzelite. Lloyd Blankfein, ehemaliger CEO von Goldman Sachs, schreibt auf Twitter, dass es notwendig ist, „innerhalb weniger Wochen diejenigen, die ein geringeres Risiko für die Krankheit haben, an ihren Arbeitsplatz zurückkehren zu lassen.“

Ein Autoarbeiter bei Ford in Kansas City (AP Photo/Charlie Riedel)

Diese Aussagen geschehen vor dem Hintergrund des weiteren Rückgangs an der Wall Street am Montag. Die Aktienkurse fielen auf den niedrigsten Stand seit der Wahl von Trump im Jahr 2016, obwohl die US-Notenbank den Finanzmärkten unbegrenzte Geldsummen zur Verfügung stellt.

Die Vorbereitung der herrschenden Klasse darauf, die Beschränkungen für Unternehmen schnell zu beenden, um die Wall Street zu stärken, widerspricht den Empfehlungen von Epidemiologen und Ärzten. Die New York Times schrieb in einem am Montagabend veröffentlichten Artikel, dass „Trump, führende Wall Street-Vertreter und viele konservative Ökonomen anfangen, die Frage zu stellen, ob der Staat zu weit gegangen ist“, obwohl „eine Lockerung dieser Beschränkungen die Zahl der Todesfälle durch das Virus erheblich erhöhen könnte, warnen Vertreter des öffentlichen Gesundheitswesens“.

Die Times verschweigt jedoch, dass sich unter den „Zurück an die Arbeit“-Vorkämpfern auch die Redaktion der New York Times selbst befindet, das mediale Sprachrohr für die Demokratische Partei. Die klarste Argumentation, dass man Menschen im Namen des „Wirtschaftswachstums“ sterben lassen muss, kommt vom führenden Kolumnisten der Times Thomas Friedman.

In seinem Beitrag von Montag fragt Friedman: „Aber da so viele unserer Betriebe schließen und Millionen von Mitarbeitern entlassen werden, beginnen einige Experten zu fragen: ‚Moment mal! Was zum Teufel tun wir uns selbst an? Und unserer Wirtschaft? Und der nächsten Generation? Ist dieses Heilmittel - selbst für eine kurze Zeit - schlimmer als die Krankheit?‘“

Friedman türmt in seinem Beitrag dann eine Lüge auf die nächste.

Lüge Nr. 1: Es ist unmöglich, die Krankheit einzudämmen

Friedman argumentiert, dass die Regierungen die Bemühungen zur Eindämmung der Pandemie aufgeben sollten. Er schreibt, „zu diesem Zeitpunkt kommen wir nicht mehr um die Tatsache herum, dass viele, viele Amerikaner das Coronavirus bekommen werden oder es bereits haben. Der Zug ist abgefahren.“ Weiter zitiert er seinen Kollegen bei der Times David L. Katz mit den Worten, dass „wir die Gelegenheit zur bevölkerungsweiten Eindämmung verpasst haben“.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die weltweit anerkannte Autorität auf dem Gebiet von Infektionskrankheiten, erklärt klar, dass eine Abkehr von Bemühungen um die „Eindämmung“ von COVID-19 unangemessen und inakzeptabel ist. „Die Idee, dass Länder von der Eindämmung zur Milderung der Folgen übergehen sollten, ist falsch und gefährlich“, sagt der WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus.

Die Sterblichkeitsrate von COVID-19 variiert von Land zu Land. In Korea, wo ein großer Teil der Bevölkerung getestet wurde und umfangreiche Ressourcen zur Behandlung der Pandemie eingesetzt wurden, liegt die Sterblichkeitsrate bei 1,2 Prozent. In Italien, wo das Gesundheitssystem von der Krankheit überfordert ist, liegt die Sterblichkeitsrate bei 9,4 Prozent und wächst täglich.

Ausgehend von dieser Bandbreite möglicher Verläufe würde Friedmans Vorschlag, die Mehrheit der Bevölkerung mit COVID-19 infizieren zu lassen, zwischen einer Million und 18 Millionen Menschenleben in den USA kosten.

Lüge Nr. 2: Soziale Distanzierung rettet keine Leben

Friedman geht noch weiter und argumentiert nicht nur gegen Bemühungen, die Pandemie durch Nachverfolgung von Kontakt- und Infektionsketten, Isolierung und Quarantäne einzudämmen, sondern fordert im Namen der Stabilisierung der „Wirtschaft“ das Ende der sozialen Distanzierungsmaßnahmen

Friedman sagt, dass „Gouverneure und Bürgermeister, indem sie ... im Grunde alle für eine unbestimmte Zeit nach Hause geschickt haben, die Ansteckungsgefahr für die am meisten gefährdeten Personen tatsächlich erhöht haben könnten“.

Dies ist eine weitere falsche und unbegründete Aussage, die in völligem Widerspruch zu den Leitlinien der WHO steht. Nach diesen wird die soziale Distanzierung als notwendig erachtet, um Leben zu retten, indem sie die Krankenhäuser vor einer Überlastung bewahrt.

Lüge Nr. 3: Leben retten „zerstört die Wirtschaft“

Friedman weiter: „Aber wir müssen uns auch – ebenso dringend – fragen, wie wir die Chancen für so viele Amerikaner wie möglich maximieren, so schnell wie möglich wieder sicher an die Arbeit zu gehen. Ein Experte, mit dem ich weiter unten spreche, glaubt, dass dies bereits in einigen Wochen geschehen könnte.“

Dieser „Experte“ ist Dr. David L. Katz, zu dessen veröffentlichten Werken u.a. ein fragwürdiger Diät-Ratgeber zählt. Katz vertritt Quacksalberansätze wie Homöopathie und „Energiemedizin“ und sagt, dass die Ärzteschaft „ein fluideres Evidenzverständnis“ annehmen muss. Der chirurgische Onkologe David Gorski urteilt über Katz, dass dieser „Pseudowissenschaften mit Wissenschaft, Unsinn mit Sinn und Quacksalberei mit der echter Medizin vermengt“.

In einem früheren Beitrag in der Times plädierte Katz dafür, „dass der Großteil der Gesellschaft wieder ins normale Leben zurückkehrt und vielleicht weite Teile der Wirtschaft vor dem Zusammenbruch bewahrt. Gesunde Kinder könnten in die Schule zurückkehren und gesunde Erwachsene wieder ihre Arbeit aufnehmen. Theater und Restaurants könnten wieder öffnen.“

Friedman zitiert der Katz und sagt: „Wie bei der Grippe wird die große Mehrheit innerhalb von Tagen darüber hinwegkommen, eine kleine Zahl wird ins Krankenhaus kommen und ein sehr kleiner Prozentsatz der am stärksten gefährdeten Personen wird tragischerweise sterben.“

Tatsächlich kann die für das Funktionieren der Gesellschaft notwendige Wirtschaftstätigkeit unter sicheren Bedingungen mit massiven Investitionen in die Infrastruktur aufrechterhalten werden. Alle nicht-kritische Produktion kann für eine Zeitspanne, die zur Eindämmung der Pandemie notwendig ist, ausgesetzt werden. Dies setzt jedoch voraus, dass das Prinzip, das alle Handlungen der Regierungen bestimmt - die Profitinteressen der Reichen zu sichern – außer Kraft gesetzt wird.

Die Aussagen von Katz und Friedman werden von führenden Epidemiologen nicht unwidersprochen hingenommen. In einem Brief an die Times verurteilt eine Gruppe von vier Epidemiologen aus Yale, Sten H. Vermund, Gregg Gonsalves, Becca Levy und Saad Omer, Katz' „Einschätzung, dass die Weltgemeinschaft auf Covid-19 überreagiert“ und seinen Vorschlag, „der Pandemie ihren Lauf zu lassen“.

Gonsalves, ein Assistenzprofessor für Epidemiologie in Yale, der jahrzehntelang über Infektionskrankheiten geforscht hat, war auf Twitter sogar noch direkter und erklärte, dass weder der leitende Redakteur der New York Times Jim Dao noch der Herausgeber James Bennet erwogen hätten, „mit einem Epidemiologen, sprich Experten für Infektionskrankheiten über all dies zu sprechen, bevor sie diesen unverantwortlichen Müll veröffentlichen“.

Er schreibt, dass die Artikel von Katz und Friedman „die Bemühungen um die öffentliche Gesundheit mit einem Haufen heißer Luft untergraben und auf keinerlei Beweisen, keiner Analyse beruhen.“

Und weiter: „Im @WhiteHouse haben wir @realDonaldTrump, der bei der Reaktion auf die Epidemie versagt hat, bei der @nytimes haben wir Männer der oberen Mittelschicht, die kaum mehr wissen als der Präsident und die, wie er, gerne sagen, was ihnen gerade durch den Kopf geht. Sie sollten sich schämen: @DrDavidKatz @tomfriedman @jimdao & @JBennet.“

Die New York Times fördert in Zeiten der Pandemie absichtlich Quacksalberei und setzt damit Leben aufs Spiel. Diese Taten haben einen eindeutigen sozialen Inhalt. Wie Trump ist es das Hauptanliegen der Times , Betriebe wieder zu öffnen und die Aktienwerte um jeden Preis zu steigern. Wenn es bedeutet, dass die Arbeiter, die unter unsicheren Bedingungen zur Arbeit gezwungen werden, „tragischerweise sterben“ - dann sei es so.

Diesem Prozess liegt eine Logik zugrunde. Die massive Geldspitze für das Finanzsystem muss unterfüttert werden durch Mehrwert, der aus der Arbeiterklasse gezogen wird.

Die Aufhebung der Ausgangssperre wird die Menschen kaum zum Shoppen und ins Restaurant bringen. Aber wenn sie fällt, wird die Entscheidung, nicht zu arbeiten, zur individuellen Entscheidung – und Arbeiterinnen und Arbeiter, die sich weigern, unter unsicheren Bedingungen zu arbeiten, haben dann keinen Anspruch auf Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung.

Von Anfang an hat die herrschende Klasse die Pandemie nicht als eine Frage der öffentlichen Gesundheit, sondern als ein potentielles Hindernis für die Profitmaximierung betrachtet. Ihre einzige Sorge war, wie sich dies auf ihr Konto auswirken wird. Jetzt, da sie eine massive Rettungsaktion der Regierung sichergestellt hat, will die herrschende Klasse möglichst schnell erreichen, dass die Wirtschaft wieder zur Normalität zurückkehrt.

Diese Form der gesellschaftlich sanktionierten Euthanasie hat einen ausgesprochen faschistischen Charakter, nicht unähnlich der Ansicht der Nazis, dass die Behinderten „unwertes Leben“ und zu beseitigen seien. Angesichts der größten Krise, vor der der amerikanische Kapitalismus steht, erweist sich die herrschende Klasse nicht nur als parasitär, sondern auch als mörderisch.

Diese Politik entspringt dem Grundsatz, der nie infrage gestellt wird, dass keine Maßnahmen dem Profitsystem entgegenstehen dürfen. Selbst inmitten einer globalen Pandemie, die das Leben von Millionen von Menschen bedroht, besteht die Priorität der Regierungen weltweit darin, um jeden Preis den Reichtum der herrschenden Klasse und die Interessen der Konzern- und Finanzelite zu verteidigen.

Alle wirtschaftlichen Ressourcen der Gesellschaft müssen jetzt zur Bekämpfung der Pandemie mobilisiert werden, nicht zur Rettung der Wall Street! Die Forderungen der herrschenden Klasse, dass Arbeiterinnen und Arbeiter ihr Leben und das Leben ihrer Familien opfern, indem sie unter Druck an die Arbeit zurückkehren, werden enormen Widerstand hervorrufen.

Die Entwicklung einer Massenopposition gegen die Forderungen der Wall Street, der Medien und der Trump-Administration muss auf dem Verständnis basieren, dass der Kampf gegen die Pandemie und die Umsetzung von Maßnahmen zur Sicherung der Gesundheit und Sicherheit der Arbeitnehmer gleichzeitig ein Kampf gegen den Kapitalismus ist.

Andre Damon