Trump bezeichnet 200.000 Corona-Tote in den Vereinigten Staaten als Ergebnis „guter Arbeit“

Von Patrick Martin
1. April 2020

Bei einer Pressekonferenz, die am Montag im Rosengarten des Weißen Hauses stattfand, sagte US-Präsident Donald Trump, dass eine Zahl von 100.000 bis 200.000 Todesopfern in den Vereinigten Staaten als Folge der COVID-19-Pandemie eine „gute Arbeit“ seiner Regierung bedeuten würde.

Trumps Zurschaustellung selbstgefälliger Gleichgültigkeit angesichts eines erwarteten Massensterbens folgte auf Äußerungen der Koordinatorin für Coronavirusmaßnahmen Dr. Deborah Birx. Sie sagte am Montag, dass 100.000 bis 200.000 amerikanische Todesopfer ein „Best-Case“-Szenario für den Verlauf der Pandemie in den Vereinigten Staaten seien und dass die Zahl der Corona-Toten deutlich über diese Zahl hinausgehen könnte – in die Millionen - es sei denn, „wir machen die Dinge fast perfekt“.

Die Bemerkungen von Dr. Birx schockierten ihre Interviewerin Savannah Guthrie von der NBC-Sendung Today. „Sie rauben mir den Atem“, bemerkte sie im Laufe des Gesprächs.

Im Folgenden der bemerkenswerte Wortwechsel.

Birx: Das schlimmste Szenario liegt zwischen 1,6 Millionen und 2,2 Millionen Todesfällen, wenn wir nichts unternehmen. Wenn wir die Dinge gut, fast perfekt machen, dann könnten wir in der Größenordnung von 100.000 bis 200.000 Todesfällen liegen. Wir wollen noch nicht mal das wahrhaben.

Guthrie: Ich weiß, aber Sie rauben mir damit den Atem, wenn Sie sagen, dass dies der günstigste Fall ist. Wenn alles funktioniert und die Menschen die angeordneten Dinge umsetzen, dann können Sie vielleicht die Zahl der Todesfälle in diesem Land auf ein- bis zweihunderttausend begrenzen.

Birx: Das beste Szenario wäre, dass 100 Prozent der Amerikaner genau das tun, was erforderlich ist. Aber wir sind uns nicht sicher, dass ganz Amerika einheitlich reagiert und sich gegenseitig schützt, denn die Daten, die man aus der ganzen Welt erhält, legen das nicht nahe und auch nicht diese Bilder [von Menschen an Stränden und in Gottesdiensten]. Das müssen wir also auch berücksichtigen.

Die von Dr. Birx vorgelegte Schätzung ist wesentlich schlimmer als die von Dr. Tony Fauci, dem wichtigsten wissenschaftlichen Berater für Infektionskrankheiten der US-Regierung. Tags zuvor hatte Fauci in Fernsehinterviews die Zahl von 100.000 bis 200.000 Todesfällen als ein Ergebnis im mittleren Bereich dargestellt, das noch deutlich reduziert werden könnte, wenn die richtigen Maßnahmen ergriffen würden. Birx bezeichnete die gleiche Anzahl als „best case scenario“, also als die niedrigst denkbare Zahl von Toten, die wahrscheinlich deutlich übertroffen wird.

Die prognostizierte Mindestzahl von 100.000 bis 200.000 Todesopfern in den Vereinigten Staaten ist mehr als die Summe aller amerikanischen Todesopfer in den imperialistischen Kriegen der letzten 75 Jahre - dem Koreakrieg, dem Vietnamkrieg, dem Krieg am Persischen Golf, den anhaltenden Konflikten in Afghanistan und im Irak. Es ist mehr als die offizielle Zahl von 116.500 Todesopfern im Ersten Weltkrieg. Die Opferstatistik könnte sich, wenn man Birx folgt, schnell der Zahl von 405.000 US-Toten im Zweiten Weltkrieg nähern.

Mit anderen Worten: Die Coronavirus-Epidemie ist eine riesige Katastrophe von historischen Ausmaßen für die Vereinigten Staaten, für große europäische Länder wie Italien, Spanien und Frankreich und für die Welt als Ganzes.

Die Zahl der Todesopfer weltweit nähert sich nun 42.000, mit 3.657 neuen Todesfällen gegenüber dem Vortag. In Spanien gab es 553, in Italien 837, in den USA 437 und in Frankreich 499 neue Todesfälle - das bedeutet, dass sich die Hälfte aller Todesfälle weltweit in vier Ländern mit angeblich fortgeschrittener „Erste-Welt“-Gesundheitsinfrastruktur ereignete.

Die Zahl der Todesopfer in den USA zeigt das völlige Versagen auf jeder Ebene des kapitalistischen Staates in Amerika - der Bundesregierung, der Bundesstaaten und der verschiedenen Kommunen - und aller Teile der herrschenden Elite, einschließlich der Demokratischen und Republikanischen Parteien, des Militär- und Geheimdienstapparates und der Unternehmens- und Finanzelite.

Seit über einem Jahrzehnt existieren zahlreiche Warnungen vor der Gefahr globaler Pandemien und es gab die Erfahrungen mit Beinahe-Katastrophen wie SARS, MERS und der H1N1-Grippe. Trotzdem wurden von der amerikanischen Bourgeoisie oder anderen Teilen der Kapitalistenklasse auf der ganzen Welt keine ernsthaften Vorkehrungen gegen ein solches Ereignis getroffen.

Die Reaktion auf die Äußerungen von Dr. Birx bestand darin, alles unter einer Flut von „frohen Nachrichten“ über mögliche Durchbrüche bei Tests, Therapien und Impfstoffen zu begraben, bei denen das Weiße Haus von den unterwürfigen und gefügigen Medien unterstützt wurde.

Bei der Pressekonferenz im Weißen Haus am späten Montagnachmittag gab es ein deutliches Bemühen, die „Optik“ der Veranstaltung zu verändern, da Trump and Pence allein, mit zwei Metern Abstand und ohne den üblichen Hintergrund von Helfern und Experten auftraten. Pence setzte sich, als Trump allein ans Mikrofon ging und sagte, dass nun mehr als eine Million Menschen in den Vereinigten Staaten getestet wurden.

Trumpf sagte nichts über den Anstieg der positiven Testergebnisse, über die 17.000 neuen und gesamt mehr als 180.000 Fälle in Amerika und die vielen Todesfälle. Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hat man in den Vereinigten Staaten solche Opferzahlen nicht vernommen. Zusammengenommen hat das Coronavirus nun mehr als 3.500 Todesfälle gefordert und damit die Zahl der Opfer vom 11. September überschritten.

Aber anstatt ernsthafte Maßnahmen vorzuschlagen, um die enormen Ressourcen der amerikanischen Wirtschaft und der arbeitenden Bevölkerung gegen die Pandemie zu mobilisieren, inszenierte Trump eine Reihe von kindischen Fototerminen. Dabei forderte er zunächst mehrere seiner eigenen Gesundheitsexperten auf, ihm unterwürfigst für seine Führung zu danken, und lud dann eine Gruppe von Firmenchefs ein, die ihm Unterstützung im Kampf gegen das Coronavirus zusagen durften. Einer der Unternehmer konnte sich angesichts der Tragödie nicht die Mahnung verkneifen, das amerikanische Volk müsse „zu Gott zurückkehren“.

Die Reaktion der Demokratischen Partei und ihrer Partner in den Medien auf die Äußerungen von Dr. Fauci und Dr. Birx bestand praktisch in völligem Schweigen. Der ehemalige US-Vizepräsident und angehende Präsidentschaftskandidat der Demokraten Joe Biden forderte Trump auf, den Streit mit den Demokratischen Gouverneuren in Michigan, Washington und anderen Bundesstaaten zu beenden und die Bundespolitik auf den Rat von Fauci und anderen Experten zu stützen.

„Sie sollten Dr. Fauci und die Experten die Show leiten und mehr sprechen lassen. Sie sollen genau erklären, was passiert“, sagte Biden am Montagnachmittag gegenüber MSNBC. Aber er sagte nichts über die von Fauci und Birx geschätzte massive Zahl an Todesopfern. Und er deutete auch nicht an, dass man etwas tun könnte, um dies zu verhindern.

Ebenso veröffentlichte die New York Times einen langen Leitartikel unter der Überschrift „How America Can Reopen“, in dem die von der Trump-Regierung prognostizierte historische Zahl der Opfer nicht erwähnt wird und auch nicht, wie man einer solchen Katastrophe vorbeugen könnte. Stattdessen rügt der Leitartikel das Weiße Haus dafür, dass es die Wiedereröffnung der US-Wirtschaft überstürzt, bevor angemessene Vorbereitungen getroffen werden können. Es wird stattdessen vorgeschlagen – ganz im Sinne des New Yorker Gouverneurs Andrew Cuomo - dass Arbeiterinnen und Arbeiter in den USA systematisch getestet werden sollten, damit die Nicht-Infizierten sofort wieder ihre Arbeit aufnehmen können.

Das Hauptanliegen aller Teile der amerikanischen Führungselite ist es, den Prozess der Gewinnung von Profiten aus der Arbeit von zig Millionen amerikanischer Arbeiter wieder in Gang zu bringen, unabhängig von den Auswirkungen auf ihre Gesundheit.

Unterdessen wurde das Ausmaß der durch die Pandemie ausgelösten Wirtschaftskrise durch eine Schätzung des Federal Reserve Board der US-Notenbank in St. Louis unterstrichen. Demnach könnten in den kommenden Monaten 47 Millionen Beschäftigte ihren Arbeitsplatz verlieren und die Arbeitslosenquote auf 32,1 Prozent steigen.