„Wir sind keine Versuchskaninchen“

USA: Arbeiter streiken in den Unternehmen, die trotz Covid-19 die Produktion hochfahren

Von Jerry White
29. April 2020

„Ein Dollar mehr – dafür riskiere ich nicht mein Leben“, sagte Chetara Alexander, eine junge Näherin, die am 23. April mit ihren Kolleginnen in Selma (Alabama) die Arbeit bei American Apparel niederlegte. Sie hatten erfahren, dass mehrere Beschäftigte ihres Standorts an Covid-19 erkrankt waren.

„Was mit uns passiert, ist ihnen völlig egal. Das einzige, was sie wollen, ist dass wir arbeiten“, sagt Chetara in einem Video, das sie bei ihrem Protest vor der Fabrik aufnahm und auf Facebook stellte. American Apparel ist ein Textilkonzern, der Masken für die US-Armee herstellt.

Selma (Alabama) spielte schon in der Bürgerrechtsbewegung von 1965 eine Rolle. Die schlechtbezahlten Näherinnen von Selma rebellieren gegen den Versuch ihres Managements, die Ausbreitung der Virusinfektion zu vertuschen und die Frauen und Mädchen bei der Stange zu halten, indem sie ihnen Prämien von bis zu 1.000 Dollar versprechen, wenn sie keine Fehlzeiten haben.

„Ich habe noch keinen Stimulus-Check bekommen“, sagt Chetara Alexander in dem Video, „und das hier ist meine einzige Einkommensquelle.“ Sie habe zwei Kinder, fährt sie fort, „und die haben niemanden außer mir.“ Auf keinen Fall will sie die Infektion von der Arbeit mit nachhause bringen.

Streik bei Amazon in Romulus (Michigan), 1. April 2020. Rechts: Tonya Ramsay (AP-Foto/Paul Sancya)

In den Woche davor hatte die Unternehmensleitung zugegeben, dass eine Arbeiterin positiv getestet worden war. Doch es hieß, für den Rest der Belegschaft bestehe keine Gefahr, da die infizierte Person angeblich seit 12 Tagen nicht mehr in der Fabrik gewesen sei. Als die Näherinnen am nächsten Tag zur Frühschicht kamen, erfuhren sie jedoch, dass mindestens fünf weitere Kolleginnen sich angesteckt hatten.

„Eine Arbeiterin befindet sich in kritischem Zustand, und sie kämpft um ihr Leben“, sagt Chetara Alexander in dem Video. „Vom Betrieb haben wir nichts darüber erfahren. Aber ihre Familie hat Kontakt zu uns aufgenommen und es uns gesagt.“ Bei Schichtende habe die Unternehmensleitung dann ein Flugblatt ausgeteilt, in dem sie versprach, die gesamte Fabrik zu desinfizieren. Dazu Chetara: „Man kann nicht alles desinfizieren, denn das Material, das wir zusammennähen, geht von Mensch zu Mensch, und jeder fasst es an. Es braucht nur eine Person, um alle anzustecken. Keine Arbeit ist so viel wert wie unser Leben.“

Sie fuhr fort: „Der oberste Chef kam herbei und sagte: 'Wenn euch die Regeln nicht passen – hier ist die Tür.‘ Also haben wir heute die verdammte Tür gewählt. Das Virus ist real, aber wir müssen ihnen zeigen, dass auch wir real sind.“

Am Montag hat die Zahl der Covid-19-Fälle weltweit die Drei-Millionen-Marke überschritten. Weit über 200.000 sind daran gestorben. In den Vereinigten Staaten sind eine Million an Covid-19 erkrankt, und die Todesrate liegt bei 60.000.

In seinem Briefing am Montagmorgen forderte Präsident Donald Trump erneut eine rasche Wiedereröffnung der Wirtschaft. Er ging so weit, zu behaupten, es sei eine „gute Sache“, wenn Millionen von Schülern wieder zur Schule gehen würden, denn: „Kleine Kinder halten sich bei dieser Katastrophe sehr gut.“ Wissenschaftler warnen, dass eine solch rücksichtslose Rückkehr an den Arbeitsplatz unter Bedingungen, unter denen es keine universellen Tests gibt und auch keine geben wird, Zehntausende, wenn nicht noch mehr, unnötige Todesfälle nach sich ziehen werde.

Der spontane Streik von Selma ist Teil einer anhaltenden Welle von Protesten und Arbeitskämpfen, von den Busfahrern im irischen Dublin über die Autoteilefertiger in Mexiko bis hin zu den Amazon-Arbeitern und Pflegekräften in den USA. Überall fordern die Beschäftigten die Schließung der nicht lebenswichtigen Industrie und den Schutz vor dem Virus, dort wo sie eine systemrelevante Leistung erbringen.

Am Montag stimmten 10.000 Pflegekräfte in 40 Seniorenheimen in Illinois, vor allem im Großraum Chicago, für einen Streik am 8. Mai. Die Beschäftigten fordern Schutzausrüstung, Sicherheitsprotokolle, Gefahrenzulagen, einen vernünftigen Grundlohn, Lohnfortzahlung im Covid-Krankheitsfall, mehr Personal, Krankenversicherung und Transparenz über alle Covid-19-Fälle in den Pflegeheimen, wo sich 35 Prozent der fast 2.000 Todesfälle in Illinois konzentrieren.

Schon am Freitag (24. April) hatten 130 Pflegekräfte im St. Monica Center for Rehabilitation & Healthcare (einer Einrichtung mit 180 Betten in Süd-Philadelphia) für Streik gestimmt. Mindestens 19 Bewohner sind dort an der Krankheit gestorben, und 20 Beschäftigte sind positiv getestet worden. Schon am 4. Mai wollen Pflegekräfte und Beschäftigte in Hauswirtschaft, Diätassistenz und Bewegungstherapie die Arbeit niederlegen.

Nach Streiks bei Amazon in New York City, Chicago und Detroit legte eine Gruppe von Amazon-Arbeitern in Shakopee bei Minneapolis (Minnesota) am Sonntag die Arbeit nieder. Sie wehrten sich gegen die Entlassung einer Arbeiterin, die zu Hause geblieben war, um ihre Kinder vor dem Virus zu schützen. Berichten zufolge hat das Unternehmen einen Rückzieher gemacht und sich bereit erklärt, die Pickerin diese Woche wieder einzustellen. Mindestens ein Amazon-Arbeiter ist bereits gestorben, und die Infektion breitet sich in den 110 Standorten es Unternehmens weiter aus.

Auch in Deutschland kommt es zu Covid-19-Fällen bei Amazon. Im Lager Winsen bei Hamburg haben sich mittlerweile 68 von 1.800 Beschäftigten nachweislich mit dem Coronavirus infiziert. Im Internet fordern Beschäftigte die Schließung des Standorts bei vollem Lohnausgleich.

In Nordamerika wächst auch der Widerstand in der Autoindustrie, wo die Produktion in den nächsten Wochen wieder aufgenommen werden soll. Das Wall Street Journal berichtete am Montag, dass General Motors, Ford und Fiat Chrysler nach Gesprächen mit führenden Gewerkschaftsfunktionären der United Auto Workers (UAW) und der Gouverneurin von Michigan, Gretchen Whitmer, die Produktion am 18. Mai wieder aufnehmen will.

Die Autokonzerne haben in Zusammenarbeit mit den UAW bereits „Freiwillige“ herangezogen, um die Produktion in den Werken vorzubereiten. Deutsche und asiatische Autohersteller nehmen schon in dieser Woche ihre Aktivitäten im Süden der USA und in Mexiko wieder auf. Die Lieferkette für die nordamerikanische Autoindustrie ist jedoch durch Streiks von Autoteilearbeitern in Mexiko und den USA unterbrochen worden.

„Für einen flüchtigen Moment sah es in der vergangenen Woche so aus, als ob die nordamerikanische Autoindustrie kurz davor sei, wieder zum Leben zu erwachen“, schrieb die Branchenpublikation Automotive News und fügte bedauernd hinzu: „Das ist sie aber nicht.“

In dem Artikel heißt es: „Tesla möchte unbedingt wieder an seine jüngste Verkaufsdynamik anknüpfen und will deshalb seine amerikanischen Versorgungsketten mit Montagewerken im Mittleren Westen betreiben. Dazu gehört auch ein Faurecia-Spritzgusswerk in Saline (Michigan), 85 km von Detroit entfernt.“ Allerdings hätten die Fabrikarbeiter von Faurecia „sich geweigert, dem Rückruf zu folgen. Offenbar hatten viele von ihnen den Eindruck, zu einer Rückkehr in die Werke genötigt zu werden, obwohl ihre Fragen zu Covid-19 und ihrem eigenen Schutz nicht beantwortet wurden.“

„Von uns will keiner zurückgehen“, hatte ein Faurecia-Arbeiter, der anonym bleiben wollte, gegenüber Automotive News erklärt, „denn wir denken, dass es noch nicht sicher ist. Wir sind keine Versuchskaninchen.“

Streiks haben sich auch auf die Maquiladora-Fabriken in den nordmexikanischen Grenzstädten Ciudad Juarez, Matamoros, Reynosa und Mexicali ausgebreitet, nachdem mindestens 13 Arbeiter in den Werken der Lear Corporation aus Michigan ums Leben gekommen waren.

Mitte März begannen die Beschäftigten von Fiat-Chrysler (FCA) in Michigan, Ohio, Indiana und Windsor, Ontario, unabhängig von der UAW und der kanadischen Gewerkschaft Unifor eine Reihe spontaner Streiks und Arbeitskampfmaßnahmen, die die Schließung der Autoindustrie erzwangen.

„Davor ist nichts passiert“, sagte ein junger Arbeiter im FCA-Montagewerk Sterling Heights bei Detroit der WSWS. „Es waren die Arbeiter, die diese Sache ins Rollen brachten. In den Nachrichten und in den E-Mails ließen sie es so aussehen, als ob das Unternehmen etwas für uns tun würde. Aber als wir schließlich hinausgingen, waren wir alle, die alle zusammen hinausgingen.“

Weiter sagte der Arbeiter. „Der Hauptgrund, warum sie die Leute zurück an die Arbeit zwingen, ist, dass sie Geld verdienen wollen.“

Nach dem Tod von mindestens 24 FCA- und Ford-Arbeitern versucht die UAW nun, die Arbeiter davon zu überzeugen, dass es sicher sei, zurückzukehren, und zwar auf der Grundlage einiger kosmetischer Maßnahmen der „sozialen Distanzierung“, die sich meist auf den Eingangsbereich und den Pausenraum beschränken. Gleichzeitig beabsichtigen die Autogiganten, die Krise zu nutzen, um Tausende von Arbeitsplätzen abzubauen und neue, von den Gewerkschaften unterstützte Konzessionen durchzusetzen. Im Kampf um die Märkte für neue Elektro- und autonome Fahrzeuge wollen sie sich einen Wettbewerbsvorteil verschaffen.

Die UAW und die anderen Gewerkschaften haben nichts unternommen, um die Sicherheit der Arbeitnehmer zu gewährleisten. Sie arbeiten eng mit den Unternehmen zusammen, um die Beschäftigten wieder an ihren Arbeitsplatz zu bringen.

In jedem Betrieb müssen Sicherheitsausschüsse gebildet werden, die unabhängig von den korrupten Gewerkschaften arbeiten. Diese Komitees dürfen in nicht lebenswichtigen Industriezweigen keine Rückkehr zur Arbeit gestatten, und für die lebenswichtigen Arbeiter müssen sie eine massive Ausweitung der Schutzausrüstungen und Sicherheitsmaßnahmen fordern.

Gleichzeitig müssen sie die volle Lohnfortzahlung und einen Schuldenerlass für diejenigen fordern, die keine Arbeit mehr haben. Arbeiter müssen Gesundheit und Sicherheit in Absprache mit medizinischen Experten kontrollieren und kostenlose flächendeckende Tests und medizinische Behandlung für alle fordern.

Seit der letzten Rettungsaktion 2008/2009 sind Billionen für Aktienrückkäufe, Dividendenzahlungen und Managergehälter an die Konzerne und Banken verschwendet worden. Statt einer weiteren gigantischen Rettungsaktion an dieselben Unternehmen und Finanzhäuser müssen sie in öffentliche Unternehmen unter der Kontrolle der Beschäftigten umgewandelt werden, ohne Entschädigung für ihre superreichen Aktionäre.