Amazon Winsen: 68 Beschäftigte an Covid-19 erkrankt

Von Marianne Arens
30. April 2020

Kaum ein Konzern zieht so massiv Profit aus der Corona-Pandemie wie der Versandhandel Amazon, dessen Besitzer und CEO, Jeff Bezos, sein Vermögen auf 120 Milliarden Dollar steigern konnte. Was die Amazon-Beschäftigten angeht, werden sie auch viele Wochen nach Beginn der Pandemie in den Logistikzentren großer Gefahr ausgesetzt.

Im Verteilzentrum HAM2 Winsen, südlich von Hamburg gelegen, haben sich bis zum 23. April mindestens 68 von 1800 Beschäftigten mit Covid-19 angesteckt. Darüber hat das Manager-Magazin am 24. April in einem (durch Paywall geschützten) Artikel berichtet. Erst an diesem Tag reagierte die Direktion, indem sie einige Masken an die Mitarbeiter austeilte.

Gerade Winsen ist ein neuer und hochmoderner Standort, der mit Robotern arbeitet. Er hätte die besten Bedingungen, sichere Arbeitsabläufe für die wirklich systemrelevanten Sendungen herzustellen. Dennoch werden auch an diesem Standort die Beschäftigten nicht ausreichend geschützt.

Wie überall ließ Amazon auch hier die Arbeit im Lockdown fast uneingeschränkt weiterlaufen, und das Virus konnte sich ungehindert ausbreiten. Die Beschäftigten waren die längste Zeit gezwungen, unter höchst unsicheren Bedingungen – ohne Mundschutz, Handschuhe, Schutzbrille und ohne Covid-19-Tests – zu arbeiten, und daran hat sich bis heute kaum etwas geändert.

Arbeiterin in einem Amazon Fulfillment Center (AP Photo/David McNew)

Schon vor zwei Wochen wurde bekannt, dass „mehr als ein Dutzend Mitarbeiter an Covid-19 erkrankt“ seien, wie das Elbe-Geest-Wochenblatt am 17. April berichtete. Bereits am 25. März hieß es in einem Spiegel-Bericht, dass es im Logistiklager Winsen mindestens drei bestätigte Coronafälle gegeben habe. Die Betriebsleitung reagierte bloß, indem sie zur räumlichen Trennung Markierungen auf den Fußböden anbrachte, die Start- und Pausenzeiten versetzte und mehr Werksbusse als bisher für den Weg zum Bahnhof einsetzte, um Staus zu vermindern.

Gleichzeitig setzte der Konzern in Deutschland und Österreich Prämien von zwei Euro, in Polen von 60 Cent für jede geleistete Stunde aus, um für Beschäftigte einen Anreiz zu schaffen, nicht krankzufeiern. Dies trug dazu bei, dass viele, die dringend auf das Geld angewiesen sind, auch dann nicht zuhause blieben, wenn sie bereits krank waren. In Winsen wurden bei der Eröffnung vor zwei Jahren viele Arbeitslose und Geflüchtete eingestellt, die auf jeden Cent angewiesen sind.

Fast alle Amazon-Beschäftigten treibt jetzt die Sorge um, dass sie sich und ihre Familien anstecken könnten. Das geht aus Zuschriften hervor, die das Portal amazon-watchblog.de und andere Medien erhalten haben. Mehrere Mitarbeiter kritisieren dort anonym, dass die Waschräume im Verteilzentrum viel zu selten gereinigt werden. An den Stechuhren, Drehkreuzen und Eingangsschleusen bilden sich immer noch Gedränge und Staus. Wer den Arbeitsplatz ein paar Minuten zu früh verlässt, um nicht in der Schlange zu stehen, dem wird die Zeit vom Arbeitszeitkonto abgezogen.

Auf die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi können sich die Amazon-Arbeiter in keiner Weise verlassen. Wie Mitarbeiter aus Winsen berichteten, haben Werksleitung und Betriebsrat den ersten positiv getesteten Covid-19-Fall im Versandzentrum fast 14 Tage lang verheimlicht.

Um von Amazon als Betriebsrat in einem der bundesweit dreizehn Versandzentren akzeptiert zu werden, stimmen die Verdi-Funktionäre allen Schweinereien zu. So wurde auch die Anwesenheitsprämie von zwei Euro pro Stunde, die offensichtlich zur Ausbreitung von Covid-19 beigetragen hat, von den Verdi-Betriebsräten mit abgesegnet. Der taz sagte ein Betriebsratsmitglied im Verteilzentrum Leipzig, der Betriebsrat habe für Corona kein Konzept und „warte auf den ‚worst case‘. Darauf, dass der Ernstfall eintritt. ‚Erst dann werden wir sehen, wie Amazon reagiert.‘“

Ein Prozess vor dem Arbeitsgericht Wesel hat aufgedeckt, dass sogar die Kamera-Überwachung in den Hallen mit Zustimmung von Verdi und Betriebsrat erfolgt. Amazon hatte sich damit gebrüstet, das „Social Distancing“ in den Hallen per Überwachungskamera zu kontrollieren, und hinzugefügt, die Daten würden ins Ausland übermittelt und dort anonymisiert.

Gegen diesen letzten Schritt – die Übermittlung der Daten auf Server im Ausland – hatte der Betriebsrat von Amazon Rheinberg offenbar mit Erfolg geklagt. In einem Bericht über das Urteil heißt es, das Gericht sei „davon ausgegangen, dass die Übermittlung der Daten ins Ausland der im Betrieb geltenden Betriebsvereinbarung zur Installation und Nutzung von Überwachungskameras widerspreche“; dies verletze „die Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats“. Mit andern Worten: Eine Vereinbarung mit dem Betriebsrat über die Kamera-Überwachung hatte es auch zuvor schon seit langem gegeben.

Wie viele der 13.000 Amazon-Mitarbeiter in den deutschen Logistikzentren sich mittlerweile an Covid-19 angesteckt haben, hat keine Statistik festgestellt, denn im Gegensatz zu den Profis der Fußball-Bundesliga werden sie wie alle Arbeiter höchstens dann getestet, wenn in ihrer Umgebung schon akute Fälle für Aufsehen sorgen.

In den Vereinigten Staaten, in Italien, Frankreich und Spanien haben schon mehrere Amazon-Belegschaften spontan die Arbeit verweigert, um sich der Corona-Gefahr nicht aussetzen zu müssen. Sie haben durch spontane Streiks auch Mitarbeiter verteidigt, die wegen mutiger Proteste entlassen worden waren. Nach New York City, Chicago und Detroit legten am 27. April auch in Minneapolis Amazon-Arbeiter die Arbeit nieder, um eine Kollegin, die sich gewehrt hatte, vor Entlassung zu schützen. Mindestens ein Amazon-Arbeiter ist in den USA bereits an Covid-19 gestorben.

In Frankreich wurde Amazon letzte Woche durch eine Gerichtsentscheidung gezwungen, sechs Versandzentren vorübergehend zu schließen und sie zu säubern, da die Infektionsgefahr durch das Coronavirus für beinahe 10.000 Beschäftigte derart offensichtlich war. Davor hatten hunderte Amazon-Arbeiter in Frankreich von ihrem rechtlich verbrieften Anspruch Gebrauch gemacht, bei Gefahr vom Arbeitsplatz fernzubleiben.

Das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI) und seine Sektion in Deutschland, die Sozialistische Gleichheitspartei (SGP), fordern die Amazon-Beschäftigten auf, sich in Aktionskomitees unabhängig von Verdi zusammenzuschließen, um gemeinsam mit Amazon-Kollegen auf der ganzen Welt den Kampf für folgende Forderungen aufzunehmen:

Der milliardenschwere Konzern hätte alle Mittel und Möglichkeiten, diese Forderungen leicht zu erfüllen, doch wie eine Amazon-Kollegin in den USA sagte: „Dem Konzern geht es nur um Profite, unser Leben ist ihm egal.“ Deshalb muss das Ziel sein, große Verteilzentren und Logistikkonzerne in öffentliche Betriebe umzuwandeln und unter die demokratische Kontrolle der Arbeiterklasse zu stellen – ohne Entschädigung für ihre milliardenschweren Besitzer und Aktionäre. Es gibt keinen Grund, warum sich diese hauchdünne oberste Schicht an der Verteilung von lebenswichtigen Gütern bereichern sollte.

Die World Socialist Web Site ruft alle Amazon-Beschäftigten auf: Schreibt uns, berichtet über die Situation in eurem Verteilzentrum und über die Reaktion von Direktion, Betriebsrat und Verdi auf die Corona-Pandemie!