„Wieviel ist ein Menschenleben wert?“

Bericht einer Kita-Erzieherin in Schweden

Von Martin Nowak
2. Mai 2020

„Wieviel ist ein Menschleben wert?“ – die Frau, die diese Frage aufwirft, erlebt den schwedischen Sonderweg als Kita-Erzieherin hautnah mit. Der World Socialist Web Site gab Kerstin* [Name von der Redaktion geändert] ein schriftliches Interview über eine Facebookgruppe von Erziehern und Sozialpädagogen. Darin schildert sie die aktuell schwierige Lage in dem skandinavischen Land, in dem das sozialrelevante Personal eine große Last an Covid-19 zu tragen hat.

Kerstin arbeitet in einem Kindergarten im schwedischen Landkreis Dalarne, rund 200 km nordwestlich von Stockholm. Schweden, das lange als Modell für einen „liberalen“ Umgang mit dem Coronavirus gepriesen wurde, zeigt sich mittlerweile von seiner bedrohlichen Seite: Das Land zählt über 2600 Covid-19-bedingte Todesfälle, 21.500 registrierte Infizierte und – bei geringer Testkapazität – zweifellos eine hohe Dunkelziffer.

Nach Dalarne habe sie „ganz klischeehaft die Liebe“ verschlagen, berichtet Kerstin. Doch in Schweden habe sie sich „auf Anhieb so wohl gefühlt, dass ich auch hiergeblieben bin. Jetzt haben wir ein typisches schwedisches rotes Holzhäuschen am Wald und ein kleines blondes Mädchen“, witzelt sie. Kerstin, die kurz nach ihrem Abitur in Deutschland nach Schweden ausgewandert war und dort das Grundschullehramt studierte, arbeitet seit sechs Jahren im Kita-Bereich und betreut derzeit Vorschulkinder im Alter von 5 und 6 Jahren.

Der größte Unterschied zu Deutschland, so Kerstin, bestehe wohl darin, „dass hier in Schweden so gut wie alle Kitas (die hier Vorschule, ‚Förskola‘ genannt werden) verstaatlicht sind. Es gibt ein paar private Vorschulen, aber das ist eher die Ausnahme.“ Darüber hinaus sei der Personalschlüssel besser als in Deutschland: „Auch da gibt es Unterschiede, aber hier kommen etwa 4–6 Kinder auf einen Erzieher.“ In ihrer eigenen Gruppe hätten drei Erzieher 17 Kinder zu betreuen, und in den jüngeren Gruppen seien es 12 Kinder auf drei Erzieher.

Am Beginn der Covid-19-Pandemie habe man sich in Schweden noch „keine größeren Gedanken gemacht“. Aber Ende Februar habe ihr Schwager ihr dringend von einer Flugreise nach Deutschland abgeraten. „Wir waren da 15 Minuten vom Flughafen in Stockholm entfernt … Mein Schwager, selbst Arzt, sagte uns übers Telefon, dass er sich Sorgen um dieses Coronavirus mache, und wir dachten erst bloß: wie bitte? Das war genau die Zeit, als Italien bereits viele Ausbrüche verzeichnete. Wir haben also die Reise abgeblasen, und im Nachhinein sind wir darüber sehr erleichtert. Aber zu der Zeit wurden wir von den meisten noch belächelt und als ängstlich dargestellt.“

Auch in Schweden habe sich seither vieles verändert. Wie viele andere, treffen auch Kerstin und ihr Partner zurzeit keine Freunde oder Familienangehörige. Sie geht aber wie gewohnt weiter arbeiten, während er sich auf Elternzeit um die fast 2-jährige Tochter kümmert. „In dieser Hinsicht hat sich nichts weiter verändert, außer dass man ängstlicher und vorsichtiger geworden ist.“

Schwedens liberaler Sonderweg

Kerstin bestätigt, dass Schweden viel „liberaler“ mit der Pandemie umgehe als beispielsweise Deutschland oder Italien. „Schweden ist an sich ein sehr liberales Land, wo Selbstbestimmung groß geschrieben wird. Die Leute sind hier auch keine größeren Katastrophen gewöhnt, oder dass ihnen Vorschriften gemacht werden. Ich denke, all das trägt zu Schwedens Sonderweg in der Pandemie bei.“

Mittlerweile seien jedoch auch in Schweden die weltweit üblichen Schutzmaßnahmen angesagt: „Soziale Distanzierung, gute Handhygiene, keine älteren Menschen treffen, keine unnötigen Reisen unternehmen. Wer kann, soll von zuhause aus arbeiten, und wer Symptome zeigt, muss zuhause bleiben. Restaurants, Geschäfte, Friseure sind jedoch größtenteils geöffnet, und bei schönem Wetter sind die Restaurants auch relativ gut besucht. Menschenansammlungen bis 50 Personen sind erlaubt.“

Gleichzeitig sei die Testkapazität im Vergleich zu Deutschland sehr gering. „Hier werden nur Leute getestet, die zur Behandlung schwerer Symptome ins Krankenhaus müssen, sowie das Personal im Gesundheitssystem. Mittlerweile wird auch über Antikörpertests gesprochen, ich weiß jedoch nicht, wie weit das im Moment schon im Gange ist, und wie verlässlich diese Tests tatsächlich sind.“

Offiziell heiße es, die Politik halte sich zurück und lasse sich von der Wissenschaft in Gestalt der schwedischen Gesundheitsbehörde führen, „was ich an sich gut finde, denn Epidemiologen und Virologen haben ja mehr Ahnung vom Fach als ein Politiker“. Dennoch sei es momentan sehr schwierig, da Schweden wegen Covid-19 sehr viele Todesfälle zu verzeichnen habe, „Tendenz steigend“.

Kerstin erklärt, offiziell verfolge die Regierung zwei Ziele: „die Kurve flach zu halten, und die Risikogruppen zu schützen“. Aber: „Nummer zwei ist ja schon Mal gescheitert, wenn man sieht, dass so gut wie alle Altenheime jetzt ‚durchseucht‘ sind, und sehr viel Pflege- und Krankenhauspersonal infiziert ist. Schutzkleidung ist sehr knapp, wie auch Anästhesie-Medikamente, z.B. Propofol, für die Intensivstationen.“

Dies habe in letzter Zeit unter Erziehern und Lehrern „Unsicherheit und Verzweiflung“ ausgelöst. „Momentan sind alle Kitas und Schulen bis zur neunten Klasse wie gewohnt auf, ohne größere Einschränkungen. Abiturienten und Universitäten betreiben Fernunterricht.“ Zwar begrüße sie es, dass die Schulen weiter geöffnet seien, und „die Kinder in dieser schwierigen Zeit ihre gewohnte Routine beibehalten“. Obwohl viele Eltern Homeoffice machen, seien nur wenige Kinder zuhause. Die Grundregel laute bisher: Nur Kinder, die Symptome zeigten, müssten zuhause bleiben.

In der Kita würden wir uns schärfere Richtlinien wünschen

Die Anweisungen des staatlichen Gesundheitsamts für die Kitas unterscheiden sich kaum von denen für die ganze Gesellschaft. Die verordneten Abstandsregeln seien jedoch unmöglich einzuhalten. Die größte Sorge bereite ihr selbst und anderen Erziehern, dass sie auch Kinder betreuen müssten, deren Eltern oder Geschwister mit Covid-19 diagnostiziert worden seien.

Kerstin berichtet: „Wir hatten in den letzten Wochen mehrere solche Fälle, da mehrere Eltern beispielsweise im Gesundheitssystem arbeiten. Das Problem ist doch leider, dass infizierte Kinder oft frei von Symptomen sind. Dabei ist das Risiko, dass wir als Personal infiziert werden könnten, sehr hoch. Kleine Kinder sind nun mal nicht in der Lage, die erforderlichen Hygiene-Maßnahmen zu befolgen oder Abstand einzuhalten. Das geht auch gar nicht, denn kleine Kinder in diesem Alter brauchen viel Trost und nahen Körperkontakt.“

Schon mehrmals sei es vorgekommen, dass Kinder in der Kita angefangen hätten, Symptome zu zeigen. „Dann ist das Risiko der Ansteckung natürlich groß.“

Tatsächlich habe sie im näheren Umkreis sehr viele Infizierte. „Schon allein in meinem Umfeld, unter Bekannten und im Familienkreis kenne ich mehrere Fälle. Der Onkel meines Freunds lag gerade drei Wochen auf der Intensivstation im Respirator. Er ist aber zum Glück jetzt wieder fit. In meinem Freundeskreis gibt es zwei Freunde, die auf der Intensivstation mit Covid-19 Patienten tätig sind, und sie berichten von schlimmen Zuständen. Alle sind sehr gestresst.“

Nach ihrer persönlichen Einschätzung gefragt, schreibt Kerstin: „Wie würden uns sehr wünschen, dass die Richtlinien etwas verschärft würden. Zum Beispiel müssten Familien, bei denen ein Mitglied Symptome zeigt oder positiv getestet wurde, doch als Ganzes bis zur Genesung in Quarantäne versetzt werden.“ Das wäre „das Mindeste, was getan werden kann, um uns ein wenig zu schützen“.

Auch unter dem Personal gebe es schließlich Risikopatienten oder Familienangehörige, die als solche eingestuft werden müssten. Seit Wochen sei in ihrem Landkreis die Rede davon, die Kita zu schließen, die Eltern mit nicht lebensnotwenigen Berufen zuhause zu lassen und nur eine Notbetreuung weiterlaufen zu lassen. Davon habe aber Schweden bisher keinen Gebrauch gemacht.

„Wir Lehrer und Erzieher mussten Papiere ausfüllen, wann und wo wir im Zweifelsfall eingesetzt werden könnten. Das heißt, wir könnten in anderen Berufsfeldern eingesetzt werden, je nach Erfahrung und Ausbildung.“ Sie selbst habe Erfahrung in der Altenpflege, und einige Kolleginnen seien auch als Krankenschwester einsetzbar. Gerade das nähre jedoch die Besorgnis, dass sie im Notfall „auf einer Intensivstation oder dergleichen zur Arbeit ‚gezwungen‘ werden könnten. Ob es soweit kommt, weiß keiner.“

Sie wünsche sich schärfere Richtlinien der Behörden, sagt Kerstin. „Es muss doch auch daran gedacht werden, das Personal zu schützen. Denn sind wir krank, wer soll sich dann um die Kinder kümmern? Das ist ein Teufelskreis.“

Sie berichtet: „Ich war neulich mit Covid-19-Symptomen drei Wochen krankgeschrieben. Natürlich wurde ich nicht getestet, und es kann auch eine normale Influenza gewesen sein. Nichtsdestotrotz haben mich die drei Wochen Krankheit knapp 8000 Kronen (ca. 800 Euro) Lohn gekostet.“

Auch fehle es an persönlicher Schutzausrüstung. „Die allermeisten anderen Berufsgruppen sind doch irgendwie geschützt, sei es durch Schutzkleidung, Plexiglas an den Kassen, Abstand zu Menschen, etc. Wir jedoch in unsere Berufsgruppe haben Null Schutz. Und doch arbeiten wir, tagein tagaus, in direkter Nähe zu sehr vielen Menschen. Der ‚Symptomfrei-Regelung‘ zum Trotz haben wir immer mal Kinder mit Rotznase oder Husten/Nießen, bevor wie die Chance haben, die Eltern anzurufen, damit sie ihr Kind abholen. Von Schutzkleidung oder Abstandhalten kann gar keine Rede sein. Wir alle wissen ja, wie phantastisch hygienisch Kleinkinder sind …“

Wenn außerdem jemand vom Personal erkranke, bekomme ihre Kita kein Hilfspersonal. „Dies passiert häufig, denn auch wir müssen wegen jedem noch so kleinen Husten zuhause bleiben. Nun ist die Situation häufig die, dass wir viele Kinder haben, aber Personalmangel. Dies bereitet noch mehr Stress und Sorgen, als wir ohnehin in dieser Situation schon haben.“

Seit einigen Wochen werde darüber diskutiert, dass Risikopersonen mit Bezahlung freigestellt werden könnten. „Das wäre sehr gut, und dennoch: Selbst eine gesunde Person kann sich anstecken, und wenn es dumm kommt, schwer krank werden. Also die Angst bleibt natürlich bestehen.“

Experimente mit dem Personal – um die Wirtschaft zu schützen

Kerstin zieht das Fazit: „Ich finde, in Schweden wird momentan etwas zu viel mit uns experimentiert, nur um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Das ist zwar auch wichtig, aber sicher nicht um jeden Preis … Alles in Allem, ich und meine Kollegen sind der Ansicht, dass wir in unserer Berufsgruppe nicht ernst genommen werden, obwohl wir eine unglaublich wichtige und tragende Rolle für die Aufrechterhaltung einer funktionierenden Wirtschaft und Gesellschaft spielen.“

Lange Zeit habe sie Schweden für ein „sozialistisches Land“ gehalten, in dem man zwar relativ hohe Steuern bezahle, aber dafür auch einen Sozialstaat geboten bekomme: „Gesundheitsversicherung für alle ohne Zusatzbeiträge wie in Deutschland, Gratisessen und Lernmaterial in den Schulen, freie Schulwahl und Gesamtschulen mit anschließendem Gymnasium.“ Allerdings sei Schweden in der letzten Zeit „mehr und mehr kapitalistisch geworden“, und im Gesundheitsamt habe man, wie auch an einigen Schulen „viel privatisiert“.

Jetzt in der Pandemie zeige sich, dass das schwedische Gesundheitssystem längst nicht so gut sei, wie viele glauben. „Das war einmal. Es wurde über die Jahre sehr heruntergewirtschaftet.“ So habe Schweden zu Beginn der Pandemie gerade mal 526 Intensivbetten fürs ganze Land gehabt. „Ich glaube, die Kapazitäten wurden mittlerweile auf etwa 1050 Intensivbetten erweitert, welche bisher schon zu rund 70 Prozent besetzt sind. Dies könnte vermutlich nicht ausreichen.“

Ein „ganz großes No-No“ sei die rasche Ausbreitung der Krankheit unter dem Pflegepersonal von Krankenhäusern und Altenheimen. „Dies zusammen mit einem erschöpften Gesundheitswesen ist offensichtlich keine gute Kombination.“ Darüber mache sie sich große Sorgen.

„Ganz ehrlich? Ich bin geschockt“, schreibt Kerstin zum Schluss. „Ich denke, hier werden viele Leute den Hunden vorgeworfen, um die Wirtschaft am Laufen zu halten.“ Natürlich sei das eine „äußerst komplexe Frage“, doch von einem „humanitären“ Blickwinkel aus finde sie es „unverantwortlich, wie Schweden momentan mit der Lage umgeht“. Sie sei sich unsicher, wie das Ergebnis am Ende aussehen werde, aber: „Die jetzige Situation und die Todeszahlen sehen nicht gerade vielversprechend aus. Wir haben unsere Intensivplätze noch nicht ausgereizt, aber was ist in zwei, drei oder vier Wochen? Dann kann es, wenn wir Pech haben, sehr schnell sehr übel werden.“