Widerstand gegen Wiedereröffnung der US-Wirtschaft wächst:

Streiks der Arbeiter in Landwirtschaft und Textilindustrie

Von Jerry White
15. Mai 2020

In den USA steigt die Zahl der Streiks und Arbeitskampfmaßnahmen für den Schutz vor der tödlichen Covid-19-Krankheit weiter an, obwohl die Trump-Regierung, Bundesstaatsregierungen und Konzerne auf eine schnelle Wiederöffnung der amerikanischen Wirtschaft drängen.

In den letzten Tagen haben u.a. die Arbeitsmigranten von Obst verarbeitenden Unternehmen im Bundesstaat Washington, Textilarbeiter in einer Kissenfabrik in Mississippi und Beschäftigte eines privaten Abfallentsorgungsbetriebs in New Orleans aus Protest gegen die gefährlichen Bedingungen die Arbeit niedergelegt.

Streikender Arbeiter der Obstindustrie im Yakima Valley (Quelle: Familias Unidas por la Justicia)

Laut der Website Paydayreport.com gab es seit Anfang März in den USA mehr als 200 Streiks und andere Arbeitskampfmaßnahmen. Die Website sammelt Informationen von lokalen Nachrichtenagenturen über die Streiks, die von den landesweiten Nachrichtenmedien weitgehend ignoriert werden.

Genau wie ähnliche Kämpfe in Frankreich, Deutschland, Mexiko, Brasilien und anderen Ländern beteiligen sich auch in den USA an den Streiks Arbeiter aus vielen verschiedenen Industrien und öffentlichen Diensten. In all diesen Kämpfen beharren die Arbeiter auf ihr Recht auf Leben und den Schutz ihrer Angehörigen vor der Krankheit, die weltweit über 300.000 Todesopfer gefordert hat, darunter mehr als 85.000 in den USA.

Obstplantagen und Verarbeitungsbranche

Im Bundesstaat Washington sind Arbeiter in vier Obstverarbeitungsbetrieben im Yakima Valley, etwa 240 Kilometer südöstlich von Seattle, in den Streik getreten. Auf ihren Schildern war auf Englisch und Spanisch u.a. zu lesen: „Farmarbeiter sind systemrelevant und nicht entbehrlich“, „Wir sind Menschen“, „Keine Sklaverei mehr“ oder „Wir brauchen Schutz“.

Der Streik begann letzten Freitag, als die Arbeiter eines Betriebs von Allan Bros. in Naches die Arbeit niederlegten. Zuvor hatte das Unternehmen versucht, vor ihnen zu verheimlichen, dass zwölf Arbeiter positiv getestet wurden.

Arbeiter der Obstindustrie im Bundesstaat Washington fordern Schutzmaßnahmen (Quelle: Familias Unidas por la Justicia)

Diese Woche schlossen sich den Arbeitern Kollegen aus drei anderen Obstverarbeitungsbetrieben an: von Jack Frost aus Yakima, sowie Matson und Monson, die beide in Selah liegen. Sie fordern eine Gefahrenzulage von zwei Dollar pro Stunde sowie Schutzausrüstung und sichere Arbeitsbedingungen.

Die Arbeiter, die Äpfel, Birnen und Kirschen verarbeiten, werfen den Unternehmen Verstöße gegen die Abstandsregel von 2 Metern vor. Außerdem würden sie infizierten Arbeitern erlauben, wieder zur Arbeit zu kommen. Viele Farmarbeiter schlafen in überfüllten Räumen in Stockbetten und werden dicht gedrängt in Bussen auf die Felder gefahren.

In den Bundesstaaten Washington, New York, North Carolina und Kalifornien gab es mehrere Streikausbrüche unter Farmarbeitern, u.a. in Monterey County, einer wichtigen Salatanbauregion, die auch als „Salatschüssel der Welt“ bekannt ist. Dort war fast ein Viertel aller Infizierten in der Landwirtschaft tätig. Obwohl sie als „systemrelevante Arbeiter“ gelten, hat die Trump-Regierung den Mindestlohn für Arbeiter mit Einwanderungsvisum, der ohnehin schon auf Armutsniveau lag, um zwei bis fünf Dollar pro Stunde gesenkt.

Fleischverarbeitung

Auch in der Fleisch verarbeitenden Industrie wächst der Widerstand gegen die tödlichen Arbeitsbedingungen weiter an. Laut dem Food and Environment Reporting Network (FERN) wurden bisher mindestens 12.000 Arbeiter positiv getestet, mindestens 48 sind an Covid-19 gestorben.

„Erst testen, dann wieder öffnen.“ Arbeiter im Schlachthof von Smithfield Foods in Sioux Falls, South Dakota (Quelle: ¿Que Pasa Sioux Falls?)

Nachdem eine Welle von Streiks und anderen Arbeitskämpfen in Georgia, Kalifornien, Iowa, Nebraska und weiteren Bundesstaaten die Schließung von zahlreichen Betrieben erzwungen hat, wandte Trump den Defense Production Act (Gesetz aus der Zeit des Koreakriegs, um Industrien zur Produktion zu verpflichten) an, um ihre Wiedereröffnung zu erzwingen. In der Woche nach diesem Schritt breitete sich das Virus laut Daten der Johns Hopkins University in Landkreisen mit großen Fleischverarbeitungsbetrieben um mehr als das Zweifache der nationalen Infektionsrate aus.

Letzten Mittwoch legten zwanzig Arbeiter eines Geflügelbetriebs in West Columbia (South Carolina) die Arbeit nieder. Anthony Furman, der im dortigen Werk von House of Raeford arbeitete, erklärte gegenüber dem Lokalsender WLTX: „Das ist ein Sicherheitsrisiko. Wir stehen in diesem Werk dicht nebeneinander, ohne Sicherheitsabstand.“

Das Unternehmen „behandelt uns wie Sklaven“, fügte die Arbeiterin Naesha Shelton hinzu.

Am Mittwoch wurde außerdem ein Betrieb von Johnsonville in Holton (Kansas) geschlossen, nachdem fünf Arbeiter positiv getestet wurden. Dr. Drew Miller, ein Hausarzt in Lakin (Kansas), erklärte gegenüber Associated Press, die Arbeiter des Fleischverarbeitungsbetriebs würden „ihre Eltern oder andere Mitbewohner mit anderen chronischen Krankheiten“ gefährden. Es sei „ein beängstigender Gedanke, aber während alle über die Wiederöffnung reden, fühlt es sich noch immer an, als würden wir Covid-19 direkt ins Auge sehen.“

Textilarbeiter

In einer Kissenfabrik im Norden von Mississippi legten dreihundert Textilarbeiter, überwiegend Afroamerikanerinnen, die Arbeit nieder, nachdem ein Kollege positiv getestet wurde und das Management dies vertuschen wollte.

In der Kissenfabrik von Brentwood Originals kam es zum Streik, nachdem eine Arbeiterin berichtet hatte, ihr Ehemann – der ebenfalls in der Fabrik arbeitet – habe sich mit der Krankheit angesteckt. Doch anstatt die Arbeiter zu warnen, verheimlichten die Vorgesetzten die Information. Dies erklärten sie später damit, dass sie keine ärztlichen Befunde von dem infizierten Arbeiter erhalten hätten.

Die sechsfache Mutter Carolyn Vardaman, die seit vier Jahren in dem Werk arbeitet, erklärte gegenüber dem lokalen Ableger von Fox News, obwohl sie befürchte, ihren Job deswegen zu verlieren: „Weil die Leute daran sterben und ich denke, dass die Leute jetzt den Mund aufmachen müssen … Wenn ich diejenige sein muss, die das macht, okay. Ich liebe mein Leben.“

Beschäftigte bei American Apparel in Selma, Alabama (Quelle: Alabama News Network)

Letzten Monat hatten bereits Textilarbeiter bei American Apparel in Selma (Alabama) die Arbeit niedergelegt. Sie hatten dort Gesichtsmasken für US-Soldaten genäht, bekamen aber selbst keine, um sich vor der Infektion zu schützen. Im Süden finden noch weitere Arbeitskämpfe statt, u.a. von Arbeitern eines Abfallentsorgungsbetriebs in New Orleans.

Autoindustrie

Auch unter den mehr als 150.000 Autoarbeitern, die bei GM, Ford und Fiat Chrysler in Michigan und anderen Bundesstaaten nach einem siebenwöchigen Lockdown am 18. Mai wieder an die Arbeit gezwungen werden, wächst die Wut.

Facharbeiter und Teamleiter wurden, mit Billigung der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW), in die Werke geschickt, um diese für das Anfahren der Produktion vorzubereiten. Mehrere von ihnen wurden jedoch bereits wieder nach Hause geschickt, weil sie sich mit Covid-19 angesteckt haben.

Laut einem Bericht von WXYZ 7 Action News wurde in dem Fertigungswerk von Fiat Chrysler in Sterling Heights, einem Vorort von Detroit, mindestens ein Teamleiter nach Hause geschickt.

Die Arbeiterin Tina erklärte gegenüber Reportern, die beiden Arbeiter, die heimgeschickt wurden, seien positiv getestet worden. Sie erklärte: „Jetzt kommen 3.000 Leute zurück. Was glauben Sie, wird passieren? Es wird hier einen verdammten Ausbruch geben.“

Seit März sind mindestens 22 Beschäftigte von Fiat Chrysler gestorben, darunter mindestens drei aus dem Werk in Sterling Heights. Das Werk war eines von mehreren FCA-Werken in Michigan, Ohio, Indiana und Windsor (Kanada), in dem sich die Arbeiter über das Management und die UAW hinwegsetzten, ihre Arbeit niederlegten und dadurch Mitte März die Schließung der nordamerikanischen Autoindustrie erzwangen.

Ford-Arbeiter des Werks in Dearborn (Michigan)

Jetzt behauptet die UAW, eine Rückkehr in die Werke sei ungefährlich, obwohl die Arbeiter nicht getestet werden – im Gegensatz zu den hohen UAW-Funktionären, die vor der Rückkehr in die Gemütlichkeit ihrer Büros getestet werden.

Ein Arbeiter des GM-Teilelagers in Burton (Michigan), der am Montag wieder zur Arbeit erschien, erklärte gegenüber der World Socialist Web Site: „Sie haben ein paar Leute an der Tür wegen Husten ohne Bezahlung nach Hause geschickt. Eine junge Frau hatte gestern 39 Grad Fieber, also wurde sie zum Betriebsarzt geschickt, aber während unserer Schicht arbeitete dort niemand. Man ließ sie 45 Minuten sitzen, nahm nochmal ihre Temperatur und erklärte dann, ihr Fieber sei gesunken. Also schickten sie sie ohne Angabe von Gründen in unsere Abteilung.“

„Unsere Pausenräume sind wegen der Kontaktregeln gesperrt, sodass wir jetzt keinen Ort mehr haben, wo die Leute zur Pause oder zum Essen hinkönnen. Wir müssen draußen stehen. Das alles zeigt, dass es, was die Beschäftigten angeht, zu früh ist für effizientes Arbeiten.“

Ein Arbeiter des Lastwagenwerks in Louisville (Kentucky), wo Ford 12.000 Arbeiter in zwei Werken wieder an die Arbeit zwingt, erklärte gegenüber der WSWS: „Es ist noch lange nicht ungefährlich, wieder zur Arbeit zu kommen. Sie denken nicht an das Leben und die Sicherheit der Menschen. Sie rechtfertigen die Wiedereröffnung mit finanziellen Gründen: um die Profite auf Kosten unserer Leben und der Leben unserer Familien zu erhöhen.“

Die Trump-Regierung hat die Veröffentlichung der Richtlinien der US-Seuchenbehörde CDC für die Wiederöffnung von Unternehmen blockiert und die staatlichen Sicherheitsinspektionen in Betrieben eingestellt, die Beschwerden von Arbeitern über unsichere Bedingungen und Vertuschungen des Managements untersuchen sollten. Sie will Unternehmen von jeder juristischen Verantwortung für die Gefährdung oder Tötung ihrer Arbeiter befreien. Regierungen der Bundesstaaten drohen allen Arbeitern, die nicht an einen unsicheren Arbeitsplatz zurückkehren wollen, mit dem Verlust ihres Anspruchs auf Arbeitslosenhilfe.

Angesichts von Massenarbeitslosigkeit und sozialem Elend übt die herrschende Klasse enormen Druck auf die Arbeiter aus, in nicht lebensnotwendigen Fabriken wieder an die Arbeitsplätze zurückzukehren. Ihr Ziel ist es, die notwendigen Profite zu gewährleisten, um die immense Verschuldung auszugleichen, die Regierungen und Konzerne durch die billionenschwere Rettungsaktion für die Wall Street angehäuft haben.

Gegen das koordinierte Vorgehen der Konzerne, beider Parteien des Großkapitals und der korrupten Gewerkschaften müssen die Arbeiter Sicherheitskomitees aus den Reihen der Belegschaften gründen, um die rücksichtslose Wiederöffnung von nicht lebensnotwendigen Betrieben zu verhindern und volles Einkommen und medizinische Leistungen für alle betroffenen Arbeiter zu fordern, bis die Pandemie eingedämmt ist.

Gleichzeitig müssen für systemrelevante Arbeiter im Gesundheitswesen, der Lebensmittelproduktion und Logistikkonzernen wie Amazon oder UPS Schutzausrüstung, allgemeine Tests und eine sichere Arbeitsumgebung garantiert werden. Dies muss durch Sicherheitskomitees aus der Belegschaft überwacht werden, die mit Experten für öffentliche Gesundheitsversorgung zusammenarbeiten.

Der wachsende Widerstand der Arbeiter in den USA muss mit dem der Arbeiter im Rest der Welt vereinigt und von einer internationalen und sozialistischen Perspektive geleitet werden. Diese umfasst u.a. die Umwandlung der riesigen Banken und Konzerne in öffentliches Eigentum unter der Kontrolle der Arbeiterklasse.