Tausende erweisen George Floyd die letzte Ehre

Polizist aus Minneapolis wegen Mordes angeklagt

Von Kevin Reed
10. Juni 2020

Tausende versammelten sich am Montag in der Fountain of Praise Church in Houston, um George Floyd die letzte Ehre zu erweisen. Der Mord an Floyd am helllichten Tag durch vier Polizisten aus Minneapolis hat vor zwei Wochen eine internationale Bewegung gegen Polizeigewalt und Ungleichheit entzündet, an der sich Millionen Menschen weltweit beteiligen.

Die Trauergäste aller Altersgruppen und unterschiedlichster Herkunft trafen in Floyds Heimatstadt ein, wo sie am aufgebahrten Sarg ihre Anteilnahme zeigten, bevor am Abend die Trauerfeier stattfand. Anwesend waren auch Angehörige anderer junger afroamerikanischer Männer, die in den letzten Jahren Opfer von Polizeigewalt wurden, so die Familien von Eric Garner, Michael Brown, Ahmaud Arbery und Trayvon Martin.

Floyd, der zum Zeitpunkt seines Todes 46 Jahre alt war, wuchs in Houston auf und besuchte dort die High School. Er lebte im kommunalen Wohnkomplex Cuney Homes im dritten Bezirk der Stadt. Floyd war ein herausragender Sportler an der High School und spielte Basketball am South Florida Community College und an der Texas A&M University-Kingsville.

Floyd war in der Gegend auch als Hip-Hop-Künstler bekannt und trug seit 1994 den Künstlernamen „Big Floyd“. Er zog 2014 nach Minneapolis, auf der Suche nach Arbeit und einem Neuanfang, und arbeitete als Lkw-Fahrer und Türsteher.

Trauernde am Sarg von George Floyd, Houston, 8. Juni 2020 (AP Foto/David J. Phillip, Pool)

Viele Politiker und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens nahmen ebenfalls an der Trauerfeier in Houston teil, darunter der republikanische Gouverneur von Texas Greg Abbott und der Polizeichef von Houston Art Acevedo. Sie gaben vor, sich von dem schlimmen Alltagsleben in Amerika zu distanzieren, das die brutale Tötung von George Floyd und vielen anderen hervorgebracht hat.

Der ehemalige Vizepräsident und Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei Joe Biden nahm nicht persönlich teil, traf sich jedoch privat mit der Familie und zeichnete eine Videobotschaft auf, die bei der Gedenkfeier gezeigt wurde. Biden ist bekannt für seine jahrzehntelange Zusammenarbeit mit Rassisten im Senat. Er ist auch verantwortlich für die Neufassung des Strafrechts, was Massenverhaftungen und die Verfolgung von Minderheiten begünstigt.

Floyds Leichnam war aus seinem Geburtsort nach Houston transportiert worden, wo Hunderte ihm die letzte Ehre erwiesen. Er wurde neben seiner Mutter in Houston beigesetzt.

Ebenfalls am Montag wurde Derek Chauvin, der ehemalige Polizist aus Minneapolis, der Floyd am 25. Mai erstickt hatte, vor Gericht wegen vorsätzlicher Tötung angeklagt. Seine Kaution wurde auf 1,25 Millionen Dollar festgesetzt.

Chauvin, ein ehemaliger Soldat, der seit 19 Jahren Polizist war, wurde per Videoübertragung angehört. Die zehnminütige Anklageverlesung erfolgte durch Richterin Jeannice M. Reding.

Chauvin trug einen orangefarbenen Gefängnisoverall und eine Mundschutz und erhob über seinen Anwalt Eric Nelson keine Einwände gegen den Kautionsantrag von Staatsanwalt Matthew Frank. Frank sagte, die Kaution sei aus zwei Gründen hoch angesetzt worden: „Erstens wegen der Wahrscheinlichkeit, sich der Strafverfolgung zu entziehen, nicht nur wegen der Schwere der Anklagepunkte, sondern auch wegen der starken öffentlichen Meinung. Zweitens rechtfertigt auch die Schwere der Vorwürfe eine beträchtliche Höhe der Kaution.“

Chauvins Kaution wurde höher angesetzt als die 750.000 Dollar der anderen drei Mitangeklagten, die der Beihilfe zu Floyds Tod beschuldigt werden. Alle vier Polizisten wurden gefeuert, nachdem auf Facebook ein Smartphone-Video veröffentlicht worden war, das zeigt, wie Chauvin 8 Minuten und 46 Sekunden lang sein Knie auf Floyds Hals drückt und ihn dadurch erstickt. Floyd lag dabei mit dem Gesicht nach unten und mit auf dem Rücken gebundenen Händen auf der Straße.

Die Massenproteste für Gerechtigkeit und gegen Polizeigewalt gingen am Montag den vierzehnten Tag in Folge weiter. Größere Proteste fanden in Seattle, Los Angeles, Dallas, New Orleans, Atlanta und Philadelphia statt. In New York City wurden am Montag 24 Proteste, Märsche, Kundgebungen und Mahnwachen in Manhattan, Brooklyn, Queens und der Bronx gezählt, die von früh morgens bis abends stattfanden.

In Washington D.C. hieß es, dass der Zaun, der um das Weiße Haus gezogen wurde, vorübergehend sei und bis Mittwoch wieder entfernt würde. Dies ist zumindest teilweise eine Reaktion darauf, dass Demonstranten den Zaun in eine Wand aus handgemachten Plakaten verwandelt haben, auf der Polizeigewalt angeprangert und Gerechtigkeit für Floyd gefordert wird.

Während die Massenproteste der letzten Tage weitgehend friedlich verlaufen sind, prallen die gesellschaftliche Wut und Energie von Millionen Menschen weiterhin auf den Widerstand des politischen Establishments und rechtsextremer Elemente. Obwohl die Ordnungshüter nicht mehr so massiv präsent auftreten, die Ausgangssperren aufgehoben wurden und Übergriffe der Polizei auf Demonstrationen seltener geworden sind, haben rechte und faschistische Personen – mit Verweis auf die Trump-Regierung - Gewalttaten gegen Demonstranten verübt.

Am Montag wurde Harry H. Rogers, der Leiter des Ortsverbandes Virginia des Ku-Klux-Klan, von der Polizei wegen versuchter mutwilliger Körperverletzung (ein Kapitalverbrechen), Zerstörung von Eigentum (ebenfalls ein Kapitalverbrechen) und Körperverletzung (ein Vergehen) angeklagt, nachdem er am Sonntag in Lakeside bei Richmond mit seinem Lastwagen in eine Menschenmenge von Demonstranten gefahren war.

Nach einem Augenzeugenbericht fuhr Rogers rücksichtslos die Lakeside Avenue hinunter, auf die Demonstranten zu, gab nochmals Gas und raste in die Menge. Wie durch ein Wunder wurde niemand schwer verletzt. Bezirksstaatsanwalt Shannon L. Taylor sagte: „Der Angeklagte ist nach eigenem Eingeständnis und nach einem flüchtigen Blick in die sozialen Medien ein anerkannter Führer des Ku-Klux-Klan und ein Propagandist der Konföderierten-Ideologie.“

Die Polizei von Seattle verhaftete am Montag einen Mann, der mit seinem Auto zunächst in die Demonstranten und danach gegen eine Barrikade fuhr, dann ausstieg und auf einen der Demonstranten mit einer Handfeuerwaffe schoss. Er heißt, dass der angeschossene 27-jährige Dan Gregory in ein Krankenhaus gebracht wurde und sich in einem stabilen Zustand befindet.

Kommunale Behörden und andere Institutionen haben präventive Maßnahmen ergriffen, um Symbole von Rassismus in der Öffentlichkeit zu entfernen. In Dearborn (Michigan) wurde zum Beispiel die Statue von Orville Hubbard, einem ehemaligen Bürgermeister der Stadt und Befürworter der Rassentrennung, am Freitag von ihrem prominenten Platz auf dem Gelände des örtlichen historischen Museums entfernt.