Die Ausbreitung der Coronavirus-Pandemie: ein Faktencheck

10. Juni 2020

Die herrschenden Eliten in den Vereinigten Staaten und in ganz Europa, Asien und Lateinamerika tun nicht einmal mehr so, als wollten sie die Coronavirus-Pandemie durch soziale Distanzierungsmaßnahmen und das Herunterfahren der nicht lebensnotwendigen Produktion stoppen. Das Virus breitet sich jedoch weiterhin rasch auf der ganzen Welt aus.

Mehr als 400.000 Männer, Frauen und Kinder haben ihr Leben verloren, und fast 7,2 Millionen wurden infiziert, viele davon mit gesundheitlichen Folgen, die sich noch Jahre bemerkbar machen können. Das Leben unzähliger weiterer Millionen Menschen ist zudem in Gefahr, da die Zahl der Infektionen weiter steigt.

Die Lage in den Vereinigten Staaten ist besonders schlimm. Inzwischen gibt es mehr als zwei Millionen Infektionen und 112.000 Tote, mehr als in jedem anderen Land der Welt. Jeden Tag stecken sich Zehntausende neu an und mehrere Hundert sterben, wobei diese offiziellen Zahlen in den USA und anderen Ländern die Realität bei weitem nicht in vollem Ausmaß abbilden.

Der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation Tedros Adhanom Ghebreyesus berichtete Anfang dieser Woche, dass am letzten Sonntag der größte Zuwachs an Neuinfektionen bislang verzeichnet worden sei. „Nach mehr als sechs Monaten Pandemie ist dies für kein Land die Zeit, in den Anstrengungen nachzulassen“, sagte er. Solche Ratschläge stoßen jedoch auf taube Ohren.

Der New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo beschloss gestern, über die düstere Realität von 205.000 Infektionen und 22.000 Todesopfern in der Stadt hinwegzugehen und sich vielmehr über die Tatsache zu freuen, dass die Restaurants, Geschäfte und U-Bahnen jetzt wieder geöffnet sind. Dabei sind allein in New York City, einem weltweiten Epizentrum der Krankheit im April, Hunderte von Beschäftigten im öffentlichen Nahverkehr gestorben.

Zweiundzwanzig Bundesstaaten in den USA verzeichnen einen Anstieg der Coronavirus-Fälle. Die Zahl der Neuinfektionen in Florida ist in der vergangenen Woche um durchschnittlich 46 Prozent gestiegen. Starke Zuwächse gibt es in Utah, Arkansas und Arizona.

Texas verzeichnet gerade eine Rekordzahl von Krankenhauseinweisungen wegen Covid-19. „Während Texas eine neue Phase des Plans von Gouverneur Greg Abbot zur Wiedereröffnung des Wirtschaftslebens einleitet“, berichtete die Texas Tribune, „ist die tägliche Zahl der bestätigten Coronavirus-Fälle stetig im Aufwärtstrend … Die 14-tägige Trendlinie zeigt, dass die Neuinfektionen in Texas in den vergangenen zwei Wochen um etwa 71 Prozent gestiegen sind.“

Die Trump-Regierung und die Gouverneure der von Demokraten wie Republikanern regierten Bundesstaaten verfolgen de facto eine Politik der „Herdenimmunität“. Wenn sie verwirklicht wird, sterben letztlich schätzungsweise 1,6 Millionen Menschen im Land. Die Politik der herrschenden Klasse lautet: Was auch immer passiert, passiert.

Die tödliche Gefahr der Pandemie manifestiert sich vielleicht am schärfsten in den Schlachthöfen und Fleischfabriken. USA Today berichtet, dass als Folge der von Trump Ende April erlassenen Verordnung, die Schlachthöfe und Fleischverarbeitung in Betrieb zu halten, „die Zahl der Coronavirus-Fälle, die in der Fleischindustrie aufgetreten sind, sich mehr als verdoppelt haben … Infiziert sind mehr als 20.400 Personen in 216 Betrieben in 33 Staaten, wie das Midwest Center for Investigative Reporting feststellte. Mindestens 74 Menschen sind gestorben.“

Unternehmen, die unter dem Schutz der Regierung stehen, missachten grundlegende Hygiene- und Schutzmaßnahmen. Der USA Today-Artikel zitiert eine Mitarbeiterin der Aufsichtsbehörde, die bei Inspektionen feststellte, dass die Arbeiter „keine Masken trugen und nur eine begrenzte soziale Distanzierung praktizierten. Einige, sagte sie, waren auch vor kurzem positiv auf Covid-19 getestet worden.“

Das Coronavirus respektiert keine nationalen Grenzen, und die globale Ausbreitung wird für jedes Land verheerende Folgen haben.

Europa hat 2,25 Millionen Infektionen und fast 185.000 Todesfälle erlitten. Während das Virus in frühen Epizentren wie Spanien, Italien, Deutschland und Frankreich etwas zurückgedrängt werden konnte, nehmen Infektionen und Todesfälle in Großbritannien und Osteuropa weiter zu. In Russland gibt es heute fast 485.000 Infektionen und offiziell über 6.100 Todesfälle. Das Land hat eine der höchsten Raten von Neuinfektionen und neuen Todesfällen in der Welt.

Andere Epizentren der Pandemie sind Südasien und Südamerika. Inzwischen gibt es in Indien pro Tag mindestens 10.000 Neuinfektionen und 250 Todesfälle, Tendenz steigend. Das Land verzeichnet derzeit 276.000 Fälle und 7.750 Todesfälle.

Noch schlimmer ist die Situation in Brasilien, wo in den letzten vierzehn Tagen täglich zwischen 15.000 und 30.000 Neuinfektionen sowie zwischen 500 und 1.500 Todesfälle zu verzeichnen waren. Der rechtsextreme brasilianische Präsident Jair Bolsonaro versucht, die offiziellen Fallzahlen zu Infektionen und Todesopfern zu zensieren. Sie belaufen sich derzeit auf 720.000 bzw. 38.000.

Tausende von Arbeiterinnen und Arbeitern in der mexikanischen Automobilzulieferindustrie haben sich angesteckt, und Hunderte von ihnen sind seit der Wiederaufnahme der Produktion im Mai gestorben. Dutzende von Beschäftigten im öffentlichen Nahverkehr in London sind gestorben, auch nach dem Lockdown im Vereinigten Königreich, mit dem die weitere Ausbreitung des Virus gestoppt werden sollte. Diese düstere Situation wird sich nicht verbessern, wenn die Regierungen ihre Pläne zur Wiedereröffnung der Volkswirtschaften weiter durchsetzen.

Der Politik der herrschenden Klasse muss ein organisierter Widerstand der Arbeiterklasse entgegengesetzt werden. In der Erklärung der Sozialistischen Gleichheitspartei vom 23. Mai heißt es:

„Um Infektionen, Krankheit und Tod zu verhindern, müssen neue Organisationen am Arbeitsplatz aufgebaut werden, die für sichere Arbeitsbedingungen sorgen und diese überwachen.

Die Sozialistische Gleichheitspartei rät den Beschäftigten, in jeder Fabrik, in jeder Verwaltung und an jedem Arbeitsplatz, Aktionskomitees für Sicherheit zu bilden. Diese Komitees, die von den Arbeitern selbst demokratisch kontrolliert werden, müssen Maßnahmen ausarbeiten, umsetzen und überwachen, die zum Schutz der Gesundheit und des Lebens der Beschäftigten, ihrer Familien sowie der Allgemeinheit notwendig sind.“

Die Gründung solcher Organisationen, nicht nur in den USA, sondern auf der ganzen Welt, ist dringend notwendig, um das Leben der Arbeiterinnen und Arbeiter zu schützen.

Zum Zeitpunkt der Pandemie sind Millionen von Arbeiterinnen und Arbeiter mit einer beispiellosen sozialen und wirtschaftlichen Krise konfrontiert. Auch wenn die Regierungen einen neuen Aufschwung versprechen, sind doch zig Millionen Menschen arbeitslos und haben keinen Arbeitsplatz, an den sie zurückkehren könnten. Die amerikanische Regierung hat mit Unterstützung von Demokraten und Republikanern Billionen Dollar in die Wall Street und die Finanzmärkte gepumpt, um den Aktienmarkt wieder auf die Höchststände vor der Pandemie hochzutreiben.

Die brodelnde Wut in der Gesellschaft über die Reaktion der herrschenden Klasse auf die Pandemie ist ein zentraler Faktor, und er treibt auch den Ausbruch der weltweiten Massenproteste an, deren unmittelbarer Auslöser der Polizeimord an George Floyd war. Darauf reagiert die Polizei voller Brutalität. Die Trump-Regierung versucht, eine Militärdiktatur zu errichten und die Opposition in der Bevölkerung gewaltsam zu unterdrücken. Dahinter steht die Auffassung der herrschenden Klasse, dass sie schon bald mit weit heftigeren sozialen Erschütterungen konfrontiert sein wird.

Der Kampf für die Verteidigung der demokratischen Rechte und gegen Diktatur muss mit den Kämpfen der Arbeiterklasse gegen Ungleichheit und Ausbeutung verschmolzen werden. Die Pandemie hat die Realität und den Bankrott des Kapitalismus aufgedeckt, der ein Hindernis für den menschlichen Fortschritt und das Überleben der Spezies Mensch selbst darstellt.

Gegen die mörderische Politik der kapitalistischen herrschenden Eliten müssen und werden die Arbeiter klar machen: „Workers‘ lives matter“ (Das Leben der Arbeiter zählt). Doch der Kampf, um das Leben von Arbeiterinnen und Arbeitern gegen die Coronavirus-Pandemie zu verteidigen, ist untrennbar mit einem Kampf der gesamten Arbeiterklasse gegen die herrschende Klasse und das kapitalistische Profitsystem verbunden.

Bryan Dyne