Covid-19 wütet in Lebensmittelbranche, Logistikzentren und Produktionsbetrieben

Von Jerry White
24. Juni 2020

Das Coronavirus breitet sich in Fabriken, Logistikzentren und anderen Betrieben weiter aus. In den USA steigt die Zahl der Covid-19-Infektionen stark in allen Bundesstaaten, die ihre Maßnahmen gelockert und das Wirtschaftsleben wieder hochgefahren haben.

Neunundzwanzig US-Bundesstaaten verzeichneten am Montag einen Anstieg des Sieben-Tage-Durchschnitts an registrierten Neuinfektionen, wobei neun Bundesstaaten (Kalifornien, Texas, Arizona, Nevada, Oklahoma, Utah, Florida, South Carolina und Georgia) Rekordwerte verzeichneten. Beunruhigend ist insbesondere, dass viele der neuen Fälle bei jüngeren Menschen auftreten. Das Durchschnittsalter für neu diagnostizierte Coronavirus-Infektionen liegt in Florida inzwischen bei 37 Jahren.

Auch in den Landwirtschaftsregionen von Florida, wo tausende Saisonarbeiter Obst und Gemüse ernten, breitet sich die potenziell tödliche Krankheit besonders rasch aus. Die Arbeiter nutzen notgedrungen überfüllte Transportmittel und leben in beengten Unterkünften.

Aus Immokalee in Florida kommen die Tomaten im Winterhalbjahr, hier gibt es 1.207 gemeldete Fälle. Wenn die Erntesaison in Florida vorbei ist, machen sich Tausende Saisonarbeitern auf den Weg an die Ostküste und in den Mittleren Westen, wobei viele von ihnen das Virus nach Georgia, North Carolina, Michigan und in andere Staaten verschleppen.

Arbeiter in einem Schlachthof bei der Fleischverarbeitung (Wikipedia Commons)

Die Fleischverarbeitungsindustrie ist nach wie vor der größte Verbreiter von Covid-19, wobei Schätzungen zufolge mehr als 24.000 Beschäftigte infiziert wurden und mindestens 91 gestorben sind. Beide Zahlen sind um das Fünffache gestiegen, seit Trump Ende April das Defense Production Gesetz trotz nachgewiesener Infektionen in den Betrieben zur Wiedereröffnung von Schlachthöfen und Fleischverarbeitungsbetrieben nutzte.

In North Carolina, wo Fälle in mindestens 23 fleischverarbeitenden Betrieben festgestellt wurden, berichtete die Zeitung Raleigh News & Observer über die Äußerungen von führenden Vertretern des Bundesstaats, die eine Politik der „Herdenimmunität“ im Sinne der Wirtschaft befürworten. „Wir sollten besser damit beginnen, die wirtschaftliche Gesundheit dieses Staates anzugehen. Meiner Meinung nach werden wir alle das [Covid-19] bekommen, und je früher wir es bekommen, desto besser sind wir dran“, sagte Jimmy Dixon, Mitglied der Generalversammlung in North Carolina.

Die Infektionswelle in der Fleischverarbeitungsindustrie ist ein weltweites Phänomen: In der vergangenen Woche gab es größere Ausbrüche auch in Wales in Großbritannien, in Deutschland. wo mehr als 1.500 Arbeiter in einem Schlachthof der Tönnies-Gruppe in Nordrhein-Westfalen positiv getestet wurden, und in Brasilien, wo fast 24 Prozent aller Covid-19-Fälle im südlichen Bundesstaat Rio Grande do Sul bei Arbeitern in der Fleischindustrie aufgetreten sind.

Ein weiterer Brennpunkt ist die Bauindustrie, die in vielen Bundesstaaten vom Lockdown ausgenommen war oder wieder vorzeitig geöffnet wurde. 55 der 153 Bauarbeiter auf einer Baustelle auf dem texanischen A&M-Campus in College Station, Texas wurden letzte Woche positiv getestet.

Auch Bauarbeiter auf großen Sportstadien-Baustellen in den USA sind betroffen. Mindestens 18 Arbeiter auf der Baustelle für das SoFi-Stadion in Los Angeles, 15 Arbeiter auf der Baustelle für das Allegiant-Stadion in Las Vegas und mindestens 32 der 275 Bauarbeiter auf der Renovierungsbaustelle für den Mercedes Benz Superdome in New Orleans sind infiziert. Der Gouverneur von Louisiana John Bel Edwards (Demokratische Partei) hatte die Bauarbeiten für „unerlässlich“ erklärt.

Im Santa Clara County, in der San Francisco Bay Area, gab es 10 bestätigte Fälle auf einer Baustelle in Mountain View in der Nähe des Google-Hauptquartiers, zusammen mit mehreren anderen Infektionen auf Baustellen in San Jose und Milpitas.

Die Beschäftigten in Restaurants, im Einzelhandel und im öffentlichen Nahverkehr sind gefährdet, da die Großstädte die Maßnahmen lockern. Es wird erwartet, dass in dieser Woche etwa 300.000 Menschen wieder in New York City arbeiten werden, da die Behörden die Wiedereröffnung von Außengastronomie, Einzelhandel, Friseuren sowie weiteren Büroarbeitsplätze genehmigt haben. Die Fahrgastzahlen in der U-Bahn betragen derzeit zwar nur 17 Prozent des Niveaus vor der Pandemie, steigen jedoch wieder an. Mehr als 130 Beschäftigte der Verkehrsbetriebe sind an Covid-19 gestorben.

Große Menschenmengen werden zum Nationalfeiertag am 4. Juli und dem entsprechende Wochenende in den Kasinos in New Jersey und in Las Vegas erwartet. Die Zahl der Fälle in Nevada stieg nach der Wiedereröffnung der Kasinos Anfang Juni sprunghaft an. Zwei Casino-Angestellte wurden letzte Woche positiv getestet, dazu auch acht Beschäftigte in der Gastronomie von Las Vegas.

Auch größere Produktionsbetriebe und Logistikzentren sind vom Infektionsgeschehen betroffen. Die Arbeitsschutzbehörde hat angekündigt, die Bedingungen im Amazon-Zentrallager in Kenosha, Wisconsin zu untersuchen, wo mindestens 60 Arbeiter positiv getestet wurden. Der Riesenkonzern, dessen CEO Jeff Bezos seit Beginn der Pandemie um 33 Milliarden Dollar reicher geworden ist, wollte Informationen über Ansteckungen vermeiden. Die ehemalige Amazon-Mitarbeiterin Jana Jumpp hat jedoch eine Liste von fast 1.600 Infektionsfällen und mindestens neun Todesfällen in Ohio, Kalifornien, Missouri, New York, Texas, Illinois und Indiana zusammengestellt. Sie sagte gegenüber der WSWS: „Dies ist nur die Spitze des Eisbergs.“

In der Autoindustrie, die am 18. Mai die Produktion wiederaufnahm, gibt es weiterhin Infektionsfälle. BMW hat 14 Neuinfektionen in seinem Werk in Spartanburg, South Carolina bestätigt, und Toyota hat 40 Fälle in seinen US-Werken, darunter auch in Georgetown, Kentucky bestätigt. Zuvor hatte Hyundai einen Todesfall in seinem Werk in Montgomery, Alabama eingestanden.

Bei General Motors, Ford und Fiat Chrysler hat die Konzernleitung der drei Autohersteller aus Detroit mit voller Unterstützung der Gewerkschaft United Auto Workers Informationen über die Verbreitung des Virus verschwiegen. Dahinter steht die Sorge, dass sich Arbeitsniederlegungen und andere Aktionen der Belegschaft wiederholen könnten, die die Branche Mitte März stillgelegt hatten.

Die Beschäftigten des GM-Werks Wentzville, Missouri haben dem WSWS Autoworker Newsletter berichtet, dass mindestens zehn Mitarbeiter positiv getestet wurden. „Als ein Manager positiv getestet wurde, verließen 36 Personen das Unternehmen, auch wenn sie keine Symptome zeigten. Es endete damit, dass sie drei Tage lang draußen blieben, um sich testen zu lassen. Das hatte eine Menge Personalprobleme zur Folge.“

Ein Mitarbeiter des GM-Werks in Ft. Wayne, Indiana, das die rentabelsten Fahrzeuge des Unternehmens herstellt, berichtet: „Die Leute werden Stück für Stück krank, und es rückt immer näher an mich heran. GM nennt uns keine wirklichen Zahlen. Ich kenne kranke Menschen, die zu Hause in Quarantäne sind. Die [Gewerkschaft] UAW schaut auch weg. Heute waren es so viele, die ins Krankenhaus geschickt wurden, um sich testen zu lassen, dass wir die erste Schicht nicht fahren konnten. Es dauert 2-3 Tage, bis die Ergebnisse da sind! Niemand will über die Zahlen sprechen, man hat uns sogar gesagt, dass die Leute nur die Grippe hätten... Es ist alles sehr geheimnisvoll hier.“

Die Arbeitnehmer in der Autoteileindustrie beschreiben auch ihre unsicheren Arbeitsplätze. „Die Bedingungen bei Flex N Gate LLC in Battle Creek sind schlecht. Wir haben Reinigungskräfte, die das Werk nach der Schicht, nach jeder Schicht, mit Alkohol reinigen sollen, aber nach der dritten Schicht findet das nicht wirklich statt. Die Reinigungskraft verwendet keinen Alkohol, sondern wischt die Dinge nur mit einem Lappen ab! Sie haben super-blöde Einbahn-Wege geschaffen, die Hitze dort drinnen ist unerträglich, und wir müssen dabei eine Maske tragen! Sie reinigen nicht die Ventilatoren, die sie auf den Boden stellen! Sie stellen uns nur begrenzt kaltes Trinkwasser zur Verfügung! Das ist zum Kotzen, denn wir Arbeiter müssen da reingehen und unsere Gesundheit riskieren, und all das nur für einige Autos und Lastwagen, die höchstwahrscheinlich in absehbarer Zeit nicht einmal gekauft werden.“

Viele Menschen vermeiden die Rückkehr an den Arbeitsplatz, um sich und die eigene Familie nicht zu gefährden. Um mehr Arbeiterinnen und Arbeiter in die Auto- und Fleischverarbeitungsindustrie sowie an andere Arbeitsplätze zurückzuholen, schränken die Unternehmen die Möglichkeiten der Krankmeldung ein. Gleichzeitig hat die Trump-Regierung angekündigt, dass sie den Zuschlag von 600 Dollar pro Woche zum Arbeitslosengeld nicht verlängern wird. Die Regelung läuft zum 25. Juli aus. Den Zuschuss haben viele Arbeiterinnen und Arbeiter ohnehin nicht erhalten – zum Beispiel all diejenigen nicht, die sich ohne gültige Papiere in den USA aufhalten. Nichtsdestotrotz wird die Streichung dieses Zuschusses Millionen von Familien in Armut stürzen.

Während die beiden großen Parteien die Rettungsleine von 600 Dollar pro Woche für die Arbeitnehmer abschneiden wollen, haben sie durch die einstimmige Verabschiedung des CARES-Gesetzes und die Sanktionierung des Kaufs von Unternehmensanleihen durch die US-Notenbank Billionen von Dollar in die Wall Street und andere Großkonzerne geblasen. Beide Parteien treiben nun Arbeiterinnen und Arbeiter zurück in die Fabriken und an andere Arbeitsplätze, um die Gewinne zu erwirtschaften, die zur Bezahlung der enorm gestiegenen Staats- und Unternehmensverschuldung erforderlich sind.

Es gibt wachsenden Widerstand gegen diese mörderische Politik und die Pläne, die Pandemie und die Schaffung eines riesigen Pools arbeitsloser Arbeiter zu nutzen, um den Angriff auf Arbeitsplätze, Löhne und Arbeitsbedingungen zu beschleunigen. Im Gegensatz dazu fordert die Sozialistische Gleichheitspartei die Arbeiterinnen und Arbeiter auf, in jeder Fabrik und an jedem Arbeitsplatz Komitees zu wählen, um die Beschäftigten in den USA und international in einem Arbeitskampf und einer politischen Gegenoffensive zum Schutz von Leben und Lebensstandard zu vereinen. Der Kampf für sichere Arbeitsplätze erfordert einen Kampf gegen das kapitalistische System, das das Leben der Beschäftigten dem Profitinteresse opfert.