Fauci warnt vor Herdenimmunität: „Die Zahl der Todesopfer wäre enorm“

Von Bryan Dyne
17. August 2020

Anthony Fauci, der Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Disease (NIAID), wurde gestern vom Schauspieler Matthew McConaughey (Free State of Jones) zum Stand der Coronavirus-Pandemie in den Vereinigten Staaten interviewt.

Im Verlauf des Interviews fragte McConaughey: „Wenn sich alle Menschen auf der Welt mit der Krankheit anstecken, was passiert dann mit ihr? Verschwindet sie von alleine?“ Fauci warnte entschieden: „Wenn sich alle anstecken... werden viele Menschen sterben.“

Am Tag zuvor warnte der Direktor der Centers for Disease Control and Prevention (CDC), Robert Redfield, in einem Interview mit WebMD in ähnlicher Weise: Da „wir im Herbst Covid haben werden und die Grippe“, könnte das Land „aus Sicht der öffentlichen Gesundheit den schlimmsten Herbst erleben, den wir je hatten“. Diese Kombination wird mit ziemlicher Sicherheit „bestimmte Krankenhaussysteme über das hinaus belasten“, was sie bewältigen können.

Dr. Anthony Fauci, Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Disease, bei seiner Aussage zur Coronavirus-Krise vor dem Unterausschusses des Repräsentantenhauses (Kevin Dietsch/Pool via AP)

In seiner zurückhaltenden Art wies Fauci auf die unmittelbare Gefahr einer Politik der „Herdenimmunität“ hin, die dadurch erreicht wird, dass das Land oder die Weltbevölkerung mit dem Virus infiziert wird. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt die Sterblichkeitsrate von Covid-19 derzeit auf mindestens 0,6 Prozent, und mindestens die Hälfte der Bevölkerung muss immun werden, um die Ausbreitung der Krankheit auf diese Weise zu stoppen. Zusammengenommen bedeutet dies mindestens 23 Millionen Tote durch die Pandemie weltweit, davon mehr als 993.000 allein in den USA.

Wie Fauci es ausdrückte: „Die Zahl der Todesopfer wäre enorm und völlig inakzeptabel.“ Die aktuelle Zahl der Todesopfer in den USA beträgt mehr als 171.000. Zusammen mit den 5,4 Millionen Infizierten ist das bereits eine erschreckende Zahl. Um die geschätzte Mindestzahl für eine Herdenimmunität zu erreichen, wäre ein Ausmaß an Todesfällen notwendig, das sechsmal höher liegt als die Zahl der bisherigen Todesopfer.

Das Interview von McConaughey mit Fauci fand am selben Tag statt, an dem die CDC neue Prognosen zur Zahl der Todesopfer in den Vereinigten Staaten veröffentlichte. Die Schätzungen gehen davon aus, dass es bis zur ersten Septemberwoche 200.000 gemeldete Todesfälle geben wird, wenn die täglichen Sterberaten in allen Bundesstaaten gleich bleiben oder leicht zurückgehen. Wenn die Sterberaten wieder ansteigen, könnte es bis zum Labor Day (1. Montag im September) bis zu 225.000 Tote geben. Die CDC berücksichtigt dabei die Schätzung des Institute for Health Metrics and Evaluation, die letzte Woche prognostiziert hat, dass bis zum 1. Dezember 295.000 Menschen sterben werden.

Die Mindestzahl an Todesopfern in den USA, die notwendig ist, um die Schwelle zur Herdenimmunität gegen den Coronavirus zu erreichen (Quelle: eigene Grafik)

Fauci sprach auch einige Zeit über den Unterschied zwischen der Reaktion auf die Pandemie in Asien und in den Vereinigten Staaten: „Als [asiatische Länder] das öffentliche Leben heruntergefahren haben“, seien ihre täglichen Coronavirus-Fälle „auf einen sehr, sehr niedrigen Ausgangswert zurückgegangen“. Die Vereinigten Staaten hingegen „gingen nach oben, und anstatt ganz nach unten zu gehen, stagnierten wir bei 20.000 Fällen pro Tag, was völlig inakzeptabel ist“. Und dann, als wir begannen, „Amerika wieder zu öffnen ... haben wir das nicht in einheitlicher Weise getan. Als wir anfingen wieder zu öffnen, stieg die Zahl der Fälle auf dreißig-, vierzig-, fünfzig-, sechzigtausend, und wir erreichten einen Höchststand von siebzigtausend [neuen Fällen] pro Tag. Wir sind jetzt runter auf fünfzigtausend, aber wir hätten praktisch auf Null runtergehen sollen, und das haben wir nicht getan.“

Was Fauci jedoch nicht sagt, ist, dass „wir“, die Bevölkerung als Ganzes, nicht die Entscheidung getroffen haben, Fabriken, Büros und Geschäfte wieder zu eröffnen und damit Millionen von Infektionen und Zehntausende von Toten zu verursachen. Die Finanzoligarchie, die dieses Land regiert und die das Coronavirus auf eine völlig andere Art und Weise als die Arbeiterklasse erlebt hat, ignorierte die ausdrücklichen Warnungen der Pandemieexperten und traf diese Entscheidung.

Von Anfang an bestand das zentrale Anliegen der Wirtschaftselite und ihrer politischen Lakaien in der Demokratischen und der Republikanischen Partei darin, ihren Reichtum und das kapitalistische Profitsystem, auf dem er basiert, zu schützen. Als sich die Pandemie im März über die USA auszubreiten begann, war die Zahl der Todesopfer kein Grund zur Sorge, wohl aber der rasante Einbruch am Aktienmarkt.

Als Reaktion darauf verlangte diese Schicht von der Regierung der Vereinigten Staaten einen Blankoscheck, um die Finanzmärkte zu stützen und die Tresore der Unternehmen zu füllen. Während Trump und seine Kumpane ständig wiederholten, es sei „kein Geld“ vorhanden, um in den Vereinigten Staaten ein System von Massentests und Kontaktverfolgung einzurichten, um die tödliche Ansteckung einzudämmen und auszurotten, arbeitete der Präsident unermüdlich mit dem Kongress zusammen, um eine Rettungsaktion in Höhe von 6.000.000.000.000 Dollar zu beschließen.

Selbst die großzügigsten Schätzungen von Wirtschaftswissenschaftlern, darunter einer von Politico, zeigen, dass höchstens acht Prozent der Rettungsaktion auf Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus selbst entfielen, u.a. die Herstellung von mehr persönlicher Schutzausrüstung, die Arbeit an Therapien, die Ausweitung der Kontaktverfolgung, die Einführung von Massentests und die Arbeit an einem Impfstoff. Etwa ein Zwanzigstel entfiel auf die Checks, mit denen Amerikaner ohne Arbeit angeblich monatelang überleben sollten. Alles andere ging in die ohnehin schon überquellenden Tresore der Superreichen.

Gleichzeitig muss für solche Summen bezahlt werden. So wie Billionen an die Wall Street ausgezahlt wurden, müssen nun Billionen aus der Arbeit der Arbeiterklasse herausgepresst werden. Trump begann fälschlicherweise zu behaupten, dass „unser Volk wieder arbeiten will“. Die Tatsache, dass diese rücksichtslosen Maßnahmen nachweislich zur Ausbreitung der Pandemie beigetragen und Tausende von Menschenleben gekostet haben, ist für Trump und die von ihm vertretenen sozialen Interessen von geringem Interesse.

Stattdessen werden die Arbeiter im Rahmen einer De-facto-Politikder Herdenimmunität in kontaminierte Betriebe und infizierte Fabriken zurückgezwungen. Um für die Krise zu bezahlen, hat die herrschende Elite Millionen von Menschen unter tödlichen Bedingungen zurück an die Arbeit geschickt. Diese Bedingungen ermöglichen es der Pandemie, sich in der Gesellschaft auszubreiten und Tausende von Menschen zu töten und zu verstümmeln. Wenn Trump so weitermachen darf, werden die Warnungen Faucis zu einem wahr gewordenen Alptraum werden.

Diese mörderische, man könnte auch behaupten völkermörderische, Politik wird jetzt, da der Herbst gekommen ist und Trump zufolge „die Schulen geöffnet werden müssen!!!", immer energischer verfolgt. Trump weiß, dass die einzige Möglichkeit, eine vollständige Wiedereröffnung der Wirtschaft zu erreichen, darin besteht, die Kinder wieder in die Schule zu schicken, damit man ihre Eltern wieder an die Arbeit schicken kann. Die Ausrede, dass Kinder weniger anfällig für die tödlicheren Folgen der Pandemie zu sein scheinen, wird benutzt, um eine massenhafte Wiedereröffnung von Schulen zu rechtfertigen. Dies hat bereits zu einer massiven Ausbreitung von Covid 19 geführt, sowohl unter Kindern als auch unter ihren anfälligeren älteren Freunden und Verwandten.

In einer rationalen Welt hätte die herrschende US-Elite, statt Kinder zur Verbreitung von Krankheiten zu benutzen, eine Bilanz ihrer Wiedereröffnungspolitik gezogen und auf die medizinischen Experten gehört, wie zum Beispiel diejenigen, die einen Brief mit dem Titel „Aufhören, neu anfangen, es richtig machen“ verfasst haben. Das von Hunderten von Ärzten, Krankenschwestern und anderem medizinischen Personal unterzeichnete Dokument stellt fest, dass weniger als 2000 Amerikaner gestorben wären, wenn die Antwort der US-Regierung „so effektiv gewesen wäre wie die von Südkorea, Australien oder Singapur“. In dem Brief heißt es weiter, dass „99 Prozent dieser Covid-19-Todesfälle“ hätten verhindert werden können.

In einem ähnlichen Appell forderte die Weltgesundheitsorganisation am Donnerstag umfangreiche zusätzliche Mittel zur Bekämpfung der Pandemie. Im Namen der Organisation erklärte Generaldirektor Dr. Tedros: „Bevor wir weitere zehn Billionen US-Dollar für die Folgen der nächsten Welle ausgeben, gehen wir davon aus, dass die Welt mindestens 100 Milliarden US-Dollar für neue Mittel ausgeben muss, insbesondere für neue Impfstoffe, die entwickelt werden.“

Dazu bräuchte man ein massiv ausgeweitetes Testprogramm in den USA, statt eins, das ständig reduziert wird und zwar schon seit Ende Juli, obwohl sich die Pandemie weiter ausbreitet. Brett Giroir, Vize-Gesundheitsminister und Leiter der Teststrategie der Trump-Regierung, fuhr Reporter unfreundlich an, die am Donnerstag den Rückgang der Tests hinterfragten. Er behauptete: „Wir führen jetzt die angemessene Menge an Tests durch, um die Ausbreitung zu reduzieren, die Kurve abzuflachen und Leben zu retten.“ Dann wies er Kritiker ab als „Leute, die mit Zahlen hausieren gehen“.

Dass so viele gestorben sind und so viel Geld an die Finanzelite geflossen ist, ist jedoch keine Frage der korrekten Politik, sondern wird von der Logik des Kapitalismus selbst gefordert. Es ist letztlich billiger, Arbeiter sterben zu lassen und sie zu ersetzen, als die notwendigen Maßnahmen zum völligen Stillstand der Pandemie umzusetzen – Tests, Kontaktverfolgung, Quarantäne, Herstellung von Schutzausrüstung usw. Solche Dinge kosten Geld, und es ist im Grunde kostenlos, zusätzliche Arbeitskräfte zu bekommen, vor allem angesichts der Tatsache, dass Dutzende von Millionen Menschen jetzt arbeitslos sind.

Um diese lebensrettenden Maßnahmen tatsächlich umzusetzen, bedarf es einer neuen politischen Orientierung, die nicht auf die verkommene und mörderische Politik der Kapitalistenklasse und ihrer politischen Parteien ausgerichtet ist, sondern auf die Arbeiterklasse. Nur durch den Übergang der politischen Macht auf die Arbeiter selbst, verbunden mit dem Kampf für sozialistische Politik und gegen den Kapitalismus, kann die Coronavirus-Pandemie eingedämmt und schließlich beendet werden.