Sicherheit und die Vierte Internationale

Die Rolle Sylvia Ageloffs beim Mord an Leo Trotzki

Teil 3

Dies ist Teil 3 der Serie. Teil 1 wurde am 9. Februar und Teil 2 am 28. Februar 2021 veröffentlicht. Der vierte und letzte Teil wird am 14. März an dieser Stelle erscheinen.

Am 20. August 1940 wurde Leo Trotzki in Coyoacán, einem Vorort von Mexiko-Stadt, von dem stalinistischen Agenten Ramón Mercader ermordet. Den Zugang zu dem großen Revolutionär hatte sich Mercader über seine Beziehung zu Sylvia Ageloff verschafft, die Mitglied der Socialist Workers Party (SWP) war. Nach dem Attentat stellte sich Sylvia Ageloff als unschuldiges Opfer von Mercaders Doppelzüngigkeit dar – eine Behauptung, die von der SWP nie in Frage gestellt wurde.

In dieser Artikelserie wird die Rolle Ageloffs erstmals von der trotzkistischen Bewegung im Einzelnen beleuchtet. Sie ist eine Fortsetzung der Untersuchung „Sicherheit und die Vierte Internationale“, die das Internationale Komitee der Vierten Internationale durchgeführt hat.

13. bis 30. Juni 1940: Jacson-Mornard hält in New York Treffen mit der GPU ab

Nachdem sie Jacson-Mornard zur Einreise in die USA verholfen hatte, wohnte Ageloff mit ihm in einem Hotel in Brooklyn. Dort halfen ihm seine Vorgesetzten von der GPU, ein Alibi für den Fall seiner Verhaftung zu konstruieren.Ageloff und Jacson-Mornard hielten sich vom 14. bis 30. Juni gemeinsam im Hotel Pierrepont auf. Auch Leonid Eitingon war nach New York gereist. Jacson-Mornard traf sich während seines Aufenthalts mit seiner Mutter, Caridad del Rio, sowie mit Gaik Owakimjan von der GPU. [94] Außerdem trafen sich Ageloff und Jacson-Mornard mit den Rosmers, die kurz zuvor aus Vera Cruz eingetroffen waren.

Luri schreibt:

Am 14. Juni checkten Frank Jacson (Ramón Mercader) und seine Frau (Sylvia Ageloff) als „F. Jacson und Frau“ im Hotel Pierrepont in Brooklyn ein. Für 15 Dollar pro Woche bezogen sie das Zimmer 737 und blieben dort bis zum 30. Juni. Während dieser Zeit hatten sie Gelegenheit, sich mit den Rosmers zu treffen, die nur für ein paar Tage nach New York gekommen waren. [95]

Pierrepont St. 55, Brooklyn (vormals Hotel Pierrepont)

In einem von Julián Gorkin verfassten Kapitel des Buchs Mord in Mexiko erklärt der ehemalige POUM-Führer, dass ein zentraler Zweck der Reise nach New York darin bestand, ein Alibi für den Attentäter zu basteln. Es fand Eingang in das „Bekennerschreiben“, das Jacson-Mornard nach seiner Verhaftung den Behörden übergab.

In diesem von der GPU diktierten Schreiben legte Jacson-Mornard sein angebliches Motiv für die Ermordung Trotzkis dar: Er sei ein Trotzkist, der sich mit Trotzki überworfen habe, weil dieser ihm befohlen habe, seine Frau Sylvia zu verlassen, nach Shanghai zu fahren und eine Gruppe Trotzkisten anzuführen, die in die UdSSR einreisen, die sowjetische Industrie sabotieren und führende Regierungsbeamte ermorden sollten. Nach seiner Verhaftung erschien es dem polizeilichen Ermittler Sanchez Salazar höchst verdächtig, dass Jacson-Mornard nicht in der Lage war, den Inhalt des Schreibens zu wiederholen, und unsinnigerweise behauptete, er habe es im Wald von Chapultepec bei Mexiko-Stadt verfasst. [96]Folgendermaßen erklärt Gorkin die Bedeutung des „Bekennerschreibens“ für die GPU, einschließlich Art und Ort seines Entstehens:

Ja, alles ist Lüge und Betrug an diesem menschlichen Roboter. Vor allem der Brief, den man bei ihm fand. Es besteht kein Zweifel, dass es in New York geschrieben, redigiert, diskutiert und aufs Neue geschrieben wurde. Um dies zu verheimlichen, musste sich der Mörder die Geschichte mit der Schreibmaschine ausdenken. Das bewies das handgeschriebene Datum, das er in letzter Minute mit Bleistift einsetzte, und ferner die Tatsache, dass er sich in seinen Aussagen nicht mehr genau des Inhalts erinnerte. Die Agenten der GPU in New York hatten den Brief so sorgfältig ausgearbeitet, als sei er ein Dokument von höchstem politischen Wert, von dem die Zukunft der Sowjetunion abhing, wichtiger noch als alle Theorien der Komintern. Ein Hauptgedanke beherrschte dabei die Verfasser: ihren Führern und vornehmlich ihrem höchsten Führer Genugtuung zu verschaffen.

Während Jacson-Mornard ihn wohlverborgen wie eine Zeitzünderbombe bei sich trug, wurde zweifellos eine Kopie davon nach Moskau gesandt. Natürlich mit einem diplomatischen Kurier. Nach alten GPU-Gewohnheiten sollte dieser Brief zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: erstens Trotzki als einen terroristischen Feind des russischen Volkes und den Organisator eines Mordanschlags auf Stalin darstellen und zweitens den Trotzkismus moralisch und politisch zerstören. Die Trotzkisten würden ohne Führer sein. Einer seiner Anhänger war „enttäuscht“ und hatte ihn getötet. Bei fast allen Taten der GPU stößt man auf die gleiche Duplizität und Perfidie: sie gibt sich nicht mit dem Mord zufrieden, sondern entehrt das Opfer und schiebt die Schuld auf einen Dritten. Aber gerade dieser Machiavellismus ist das Zeichen und der Stempel der GPU. Dieser Brief ist eine ungeheure Dummheit: erstens, weil er überhaupt geschrieben wurde, und zweitens wegen seines Inhalts. Es ist dasselbe, als hätte die GPU dem Mörder ihre Visitenkarte in die Tasche gesteckt. [97]

Die große Bedeutung, die der Konstruktion dieser Falschdarstellung beigemessen wurde, erklärt, weshalb Jacson-Mornards Besuch in New York zwei volle Wochen dauerte. Offenbar war äußerste Geheimhaltung erforderlich, um dieses falsche Geständnis zu besprechen, zu schreiben und immer wieder umzuschreiben. In diesen entscheidenden Tagen wohnte Jacson-Mornard mit Ageloff in Zimmer 737 im Hotel Pierrepont.

Wie Gorkin erklärt, diente der Brief noch einem weiteren Zweck: Jacson-Mornard sollte daran gehindert werden, etwas über die Planung des Attentats preiszugeben:

Zweifellos wurde er in der leisen Hoffnung geschrieben, dass dieser [Jacson-Mornard] ebenfalls getötet würde. Dann hätte die GPU sogar drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Der Agent tot und dies, sein „Testament“, als einziges Beweisstück. Dass Trotzki, obwohl er schwer verwundet war, seine Sekretäre daran hinderte, den Mörder zu töten, war außerordentlich klug von ihm. Bis zum Schluss bewahrte er seinen klaren politischen Verstand. So konnten denn beinahe alle Lügen und Verrätereien enthüllt werden. [98]

30. Juni 1940: Ageloff hilft Jacson-Mornard bei der Rückkehr nach Mexiko

Am Ende des Aufenthalts von Ageloff und Jacson-Mornard in New York sorgte die GPU dafür, dass Jacson-Mornard unauffällig wieder in Mexiko einreisen konnte. Vom Hotelzimmer aus rief Jacson-Mornard in Anwesenheit Ageloffs bei Eastern Air Lines an und arrangierte seinen Rückflug. [99]

Er würde nicht bis nach Mexiko-Stadt fliegen, obwohl er über genügend Geld verfügte. Stattdessen buchte er Flugtickets nach New Orleans und von dort nach San Antonio. Von San Antonio aus sollte er zur US-mexikanischen Grenze bei Laredo reisen, die er zu Fuß überqueren würde. [100] Auf der mexikanischen Seite der Grenze würde er einen Zug nach Mexiko-Stadt nehmen.

Nach seiner Ankunft in San Antonio rief Jacson-Mornard Ageloff an und teilte ihr mit, dass er im Begriff war, nach Mexiko einzureisen. [101] FBI-Aufzeichnungen bestätigen, dass er New York „am 30. Juni 1940 mit Eastern Air Lines in Richtung Laredo, Texas“ verließ. In Laredo sei er eigenen Aussagen zufolge über die International Bridge gelaufen und habe die mexikanische Eisenbahn nach Mexiko-Stadt genommen. [102]

Bericht an J. Edgar Hoover vom 4. September 1940

In einem weiteren Bericht des FBI heißt es:

Indem er die International Bridge in Laredo überquerte und seine ursprüngliche Touristenkarte benutzte, um mit dem Zug nach Mexiko-Stadt zu reisen [d. h. die Touristenkarte, die er bei seiner ersten Einreise nach Mexiko erworben hatte], konnte er nach Mexiko-Stadt zurückkehren, ohne dass seine Wiedereinreise erfasst wurde, da die Schaffner keine Aufzeichnungen über Touristen führen, die ihre Touristenkarten vorzeigen. [103]

Dieser ausgefeilte Plan ermöglichte es ihm, unerkannt und ohne Zollkontrolle nach Mexiko einzureisen. So vermied er einen offiziellen Eintrag der Einwanderungsbehörde, der bewiesen hätte, dass er zum Zeitpunkt des Attentats in Mexiko war.

Juli 1940: Jacson-Mornard verhält sich zunehmend erratisch

Wolkogonow schreibt, dass Jacson-Mornard sein neuer Auftrag ängstigte, doch: „Nach einer kurzen depressiven Phase im Juni erholte sich Ramón rasch wieder.“ [104] Nach seiner New-York-Reise wurde Jacson-Mornard bewusst, dass der Erfolg seines Auftrags eine Frage von Leben oder Tod für alle Beteiligten war – für ihn selbst, für seine Mutter, Caridad del Rio, und für Eitingon. Wolkogonow schreibt:

Im Mai war ein Anschlag versucht worden, aber ein Wunder hatte den Führer der Weltpartei der sozialen Revolution gerettet. Eitingon wusste, dass es keine weiteren solchen Fehler mehr geben durfte. Auf dem Spiel stand nicht nur das Leben des Mannes, der sich in seiner mexikanischen Villa verbarrikadiert hatte, sondern auch das von Eitingon und seiner Familie. Er musste einen Weg finden, seinen Mann in Trotzkis Haus einzuschleusen. [105]

Dokumente, die mittlerweile im nationalen Generalarchiv Mexikos verfügbar sind, machen deutlich, dass Jacson-Mornard durch seinen neuen Auftrag in eine Krise gestürzt wurde.

Das genaue Datum der Ankunft von Jacson-Mornard in Mexiko-Stadt ist nicht bekannt. Erst am 5. Juli bezog er sein neues Hotel in der Hauptstadt. Puigventós schreibt: „Nach dem, was Jac später sagte, war er in einer Stadt in der Nähe von Puebla krank geworden und ruhte sich dort aus.“ [106]

Puigventós berichtet:

Nach seiner Rückkehr nach Mexiko ließ sich Ramón Mercader nach Informationen der Polizei von Mexiko-Stadt weder im Hotel „Hamburg“ nieder, in dem er zuvor mit Sylvia gewohnt hatte, noch in den Shirley Courts Apartments, wo er diverse Begegnungen oder Gespräche mit Eitingon und seiner Mutter gehabt hatte. Er bezog das Maria Cristina, wo er zunächst sein Gepäck abstellte und wo er sich dann vom 5. bis zum 14. Juli, am 16. Juli und vom 18. Juli bis zum 9. [August] endgültig niederließ. [107]

Die Ermittlungen der mexikanischen Polizei nach dem Mord bestätigten, dass Jacson-Mornards Verhalten unberechenbar war. An den Abenden des 15. und 17. Juli kehrte er nicht in sein Hotel zurück, und das Personal des Maria Cristina sagte aus, Jacson-Mornard habe sich von jeder Kommunikation nach außen abgeschottet. In einem Polizeibericht heißt es: „Er erhielt keine an ihn gerichtete Korrespondenz, keine Anrufe und keine Besuche. Es war einzig zu beobachten, dass er tagsüber schlief und nachts wegging. Es war seine Gewohnheit, jeden Tag zwischen 4 und 5 Uhr morgens zurückzukehren. [108]

Ageloffs damalige Briefe spiegeln wider, dass Jacson-Mornards Verhalten im Juli und Anfang August sie irritierte. Die GPU wusste nicht, wie es um ihren Agenten und das Geständnis, das er bei sich trug, stand. Puigventós schreibt: „Während der nächsten drei Wochen [nachdem er New York verlassen hatte] erhielt Sylvia keine Nachricht von ihm und machte sich zunehmend Sorgen.“ [109]

Juli-Anfang August 1940: Trotzkis Umgebung wird misstrauisch

Nach seiner Rückkehr aus New York erregte Jacson-Mornard mit seinem seltsamen Verhalten Besorgnis bei den Mitgliedern von Trotzkis Haushalt. Deutscher beschreibt Jacson-Mornards Reaktion auf seinen neuen Auftrag folgendermaßen:

Aber selbst dieser Meistersimulant (während der zwanzig Jahre seiner Haft gelang es ihm, alle Vernehmungsbeamten, Richter, Ärzte und Psychoanalytiker, die seine wahre Identität und seine Verbindungen in Erfahrung bringen wollten, zum Narren zu halten) begann die Nerven zu verlieren, als das entscheidende Datum heranrückte. Er kehrte aus New York, wo er wahrscheinlich die letzten Instruktionen für sein Unternehmen erhielt, in trübsinniger Stimmung zurück. Er, der gewöhnlich robust und guter Dinge war, wurde nervös und übellaunig; seine Gesichtsfarbe war grün und blass; er zuckte mit dem Gesicht, und seine Hände zitterten. Er verbrachte den größten Teil des Tages im Bett, war verstockt und verschlossen und wollte selbst mit Sylvia nicht sprechen. Dann konnte es wieder vorkommen, dass er in eine Lustigkeit und Redseligkeit ausbrach, die Trotzkis Sekretäre bestürzt machten.

Er rühmte sich seiner alpinistischen Heldentaten und der Kraft, mit der er „einen riesigen Eisblock mit einem einzigen Schlag seines Eispickels spalten konnte“. Bei einer Mahlzeit demonstrierte er die „chirurgische Geschicklichkeit“ seiner Hände, indem er ein Huhn mit ungewöhnlicher Gewandtheit tranchierte. (Monate später entsannen sich jene, die dieser „Demonstration“ beiwohnten, dass er auch behauptet hatte, Klement gut gekannt zu haben, Klement, dessen Leiche man mit solch „chirurgischer Geschicklichkeit“ zerstückelt aufgefunden hatte.) [110]

Die genauen Daten und Umstände von Jacson-Mornards Besuchen bei Trotzkis Sekretären im Juli 1940 sind nicht bekannt. Neben seinem provokativen Verhalten gab es den Wachen auf Trotzkis Grundstück auch Rätsel auf, warum er das Auto nicht abholte, das er vor seiner Reise nach New York abgestellt hatte. Puigventós schreibt:

Auch im Haus in der Avenida Viena haben sie [sein seltsames Verhalten] schnell bemerkt. In erster Linie fragten sie sich, weshalb er so lange fort gewesen war. Alles deutete darauf hin, dass er nach seiner Rückkehr nach Mexiko viele Tage gewartet hatte, bis er das Auto, das er ihnen geliehen hatte, wieder abholte. War er wirklich krank gewesen? Spielten seine Nerven ihm einen Streich? Hatte er mit den Vorbereitungen auf einen Angriff begonnen? [111]

Puigventós zitiert dann eine Aussage von Natalja Sedowa gegenüber der Polizei:

Er kehrte jedoch erst etwa einen Monat später zurück. Er wirkte sehr abgemagert und schien krank zu sein. Wir fragten ihn, warum es so lange gedauert hatte, und er erzählte uns, dass er von seiner vorherigen Reise zurückgekehrt war, aber noch innerhalb des Landes reisen musste. Er fügte hinzu, er habe eine Leberkrankheit durchgemacht. Er blieb nur ganz kurz, holte sein Auto und fuhr weg. [112]

Es gibt eindeutige Hinweise darauf, dass die GPU begann, an der Zuverlässigkeit von Jacson-Mornard zu zweifeln. Mehr als ein Monat war seit seiner Rückkehr nach Mexiko vergangen, doch er hatte noch nichts unternommen, um seinen Auftrag zu erfüllen. Trotzki lebte noch und arbeitete energisch daran, die Rolle der GPU beim Anschlag auf sein Leben vom 24. Mai aufzudecken. Moskau wurde ungeduldig.

Am 7. oder 8. August erhielt Jacson-Mornard ein Telegramm in englischer Sprache, das laut Puigventós von Eitingon stammte.

Das Telegramm enthielt die Art von Nachricht, die jeder GPU-Agent fürchtete. Sie lautete: „BITTE KOMMEN SIE SOFORT ZURÜCK NACH NEW YORK.“ [113]

8–9. August 1940: Ageloff fliegt nach Mexiko-Stadt

Es ist nicht bekannt, ob oder wie Jacson-Mornard auf dieses Telegramm reagierte, aber Ageloff machte sich sofort auf den Weg nach Mexiko-Stadt. Puigventós schreibt: „Angeblich hat er [Jacson-Mornard] dann Sylvia gebeten, nach Mexico-Stadt zu reisen, um sich mit ihm zu treffen und sich um ihn zu kümmern.“ [114]

Ageloffs abrupte Entscheidung, nach Mexiko-Stadt zu fliegen, unterstreicht die Dringlichkeit ihrer Reise. Im Jahr 1940 war die Flugverbindung von New York in die mexikanische Hauptstadt sehr teuer und dauerte mehr als 16 Stunden. Aber Ageloff scheute keine Kosten, um so schnell wie möglich dorthin zu gelangen, obwohl die Kosten mit dem Gehalt einer Staatsbediensteten in Zeiten der Depression kaum zu bestreiten waren. Sie nahm Urlaub und reiste an einem Donnerstag ab, ohne auch nur das Ende der Arbeitswoche abzuwarten. Zu diesem Zeitpunkt war sie ihrem Arbeitsplatz im laufenden Jahr bereits drei Monate ferngeblieben.

Es ist nicht glaubwürdig, dass ihre eilige und kostspielige Rückkehr nach Mexiko-Stadt nur dazu diente, einen erwachsenen Mann zu trösten, den eine Magenverstimmung oder die Höhenkrankheit plagte, wie sie später behaupten sollte.

Erst im Februar 1940 – sechs Monate vor Ageloffs Reise – war eine relativ schnelle Flugverbindung zwischen den beiden Städten eingerichtet worden. Im Februar schlossen zwei der größten Fluggesellschaften – Eastern und Pan American – ein Joint Venture, um eine Nachtverbindung zu betreiben. Im Jahr 1940 betrug der Preis von Hin- und Rückflügen innerhalb der Vereinigten Staaten den Gegenwert von 4.500 heutigen Dollar. [115] Auslandsflüge auf einer neuen Strecke dürften noch teurer gewesen sein.

Der neue Service, den Ageloff nutzte, genannt „Mexican Flyer“, wurde feierlich eröffnet. Die großen überregionalen Zeitungen berichteten. [116] Der Washington Evening Star meldete am 26. Februar 1940: „Die Zeremonie zur Eröffnung der Nachtflugverbindung zwischen Washington und Mexiko-Stadt über Brownsville, Tex, findet am Mittwoch um 21 Uhr auf dem Washingtoner Flughafen statt. Mitglieder des diplomatischen Korps und Beamte des Außenministeriums werden zugegen sein.“ [117] Der mexikanische Botschafter in den USA fand sich ebenfalls ein, und seine Tochter „taufte das erste Flugzeug“.

Der Flugplan des „Mexico Flyer“ von 1940

FBI-Dokumente belegen, dass Ageloff mit dem „Mexican-Flyer“-Service von Eastern-Pan Am reiste. Sie startete am 8. August um 19:15 Uhr in New York City mit einer DC-3 der Eastern Airlines, die Zwischenstopps in Washington, Atlanta, New Orleans, Houston, Corpus Christi und Brownsville, Texas einlegte. Am nächsten Morgen kam sie um 8:10 Uhr in Brownsville an und stieg in einen Pan-American-Flug um, der Brownsville um 9:10 Uhr verließ und in Tampico, Mexiko, zwischenlandete, bevor er um 12:35 Uhr in Mexiko-Stadt eintraf. [118] Laut Passagierliste befanden sich nur zehn weitere Fluggäste an Bord, was den exklusiven Charakter dieser neuen Nachtlinie unterstreicht. [119]

Im Gegensatz zu den hohen Kosten, die Ageloff für eine, wie sie behauptete, „private“ Reise auf sich nahm, fuhren die SWP-Führer, die Trotzki aus politischen Gründen besuchten, für gewöhnlich den ganzen Weg von Minneapolis oder New York nach Mexiko-Stadt mit dem Auto – eine Strecke von über 2.000 Meilen. Während des Prozesses, der 1941 in Minneapolis wegen „Landesverrats“ gegen die SWP-Führung geführt wurde, legte die Staatsanwaltschaft Beweisstücke aus einer texanischen Autowerkstatt vor, die zeigten, dass der alte Pontiac der SWP-Delegation während der Fahrt eine Panne hatte und die SWP-Führer gestrandet waren. [120]

Kurz nachdem er erfahren hatte, dass Ageloff plante, nach Mexiko zu kommen, kehrte Jacson-Mornard zu Trotzkis Haus zurück und erzählte Sedowa, dass Sylvia zurückkomme und die Trotzkis besuchen wolle. Er versuchte, einen Termin für ein Treffen mit dem Paar zu vereinbaren. Sedowa erklärte in einem Polizeiverhör nach dem Attentat:

Zwei Tage später [d. h., nachdem er das Auto abgeholt hatte] kam er zurück, um uns (auf der Terrasse) mitzuteilen, dass Sylvia Urlaub hatte und sie mit dem Flugzeug nach Mexiko kommen würde, um das gute Klima zu genießen. An diesem Tag brachte er auch eine schöne Schachtel mit Süßigkeiten mit und sagte, dass Sylvia sie geschickt habe und dass es ihm leidtue, dass er sie bei seinem ersten Besuch vergessen habe. Meinem Mann brachte er ein Buch mit dem Titel Hitler und Stalin mit, an dessen Autor ich mich jetzt nicht mehr erinnere. Er sagte uns auch, dass Sylvia am nächsten Tag kommen müsse, und fragte, ob wir sie am Samstag empfangen könnten. Da es an diesem Tag nicht möglich war, schlugen wir einen Besuch am Montag oder Dienstag vor. [121]

Nach der Ankunft Ageloffs verließ Jacson-Mornard das Hotel Maria Cristina. Das Paar checkte gegen 13:30 Uhr in ein neues Hotel, das Hotel Montejo, ein. [122] In einem Polizeiprotokoll von Ende August 1940 heißt es: „Während ihres Aufenthalts erhielt Jacson keinen Besuch, und es wurden keine Karten für ihn abgegeben.“ [123]

Das Hotel Montejo in Mexico-Stadt (Foto: David North)

Am 10. August, dem Tag nach ihrer Ankunft in Mexiko-Stadt, stattete Ageloff Trotzkis Haushalt einen Besuch ab. Laut Angaben der mexikanischen Polizei antwortete sie später auf die Frage nach dem Zweck dieses Besuchs: „Nur, um Hallo zu sagen und sie wissen zu lassen, dass sie in der Stadt ist.“ [124] Nach Ageloffs Eintreffen in Mexiko-Stadt, erklärte Sedowa später, begann Jacson-Mornard „uns immer öfter zu besuchen“. [125]

Anfang/Mitte August 1940: Ageloff lügt Sedowa vor, dass sie und Jacson-Mornard verheiratet oder verlobt seien

Bei einem dieser ersten Besuche erzählte Ageloff Sedowa, dass sie mit Mornard verlobt sei und dass die beiden heiraten wollten. Luri schildert die Lage nach ihrer Ankunft in Mexiko-Stadt folgendermaßen:

Sylvia hatte den Eindruck, dass es Ramón sehr schlecht ging. An ihre Schwester Hilda schrieb sie: „Jac hat Durchfall oder etwas noch Schlimmeres.“ Er wirkte erschöpft, hatte Gewicht verloren und war sehr reizbar. Ihr Liebesleben schien jedoch gut zu verlaufen. Sie gestand Natalja Sedowa, dass Jac ihr einen Heiratsantrag gemacht hatte. Natalja gab ihr daraufhin Ratschläge über das Eheleben. [126]

Sedowas späteren Aussagen zufolge sagte ihr Ageloff, dass sie und Jacson-Mornard bereits verheiratet waren und nicht, dass sie verlobt waren. Sedowa schrieb, dass Jacson-Mornard „von uns in erster Linie als der Ehemann von Sylvia Ageloff empfangen wurde, der in unseren Augen völlig vertrauenswürdig war“. (Hervorhebung im Original) [127]

Ageloffs Ehe mit Jacson-Mornard war für Sedowa ausschlaggebend, um einem Treffen mit ihm im August zuzustimmen. Aber die entsprechende Behauptung Ageloffs war eine Lüge. In ihrer polizeilichen Vernehmung nach dem Attentat gab Ageloff an, dass sie und Jacson-Mornard nicht verheiratet waren. Die Abschrift des Verhörs weist sie als „ledig“ aus. Marie Craipeau sagte, Ageloff habe ihr vor ihrer Rückkehr aus Paris nach New York im Februar 1939 erzählt, dass sie verlobt sei. [128] Das war über ein Jahr, bevor sie Sedowa diese „Neuigkeit“ eröffnete.

Mit ihrer falschen Behauptung gegenüber Sedowa im August stärkte Ageloff Jacson-Mornards Vertrauenswürdigkeit genau in dem Moment, als er unter erhöhten Verdacht geriet.

Ageloff bringt ihren „Ehemann“ auf Trotzkis Grundstück

Eine Woche vor dem Attentat vom 20. August brachte Ageloff Jacson-Mornard auf Trotzkis Grundstück. Als Anlass diente die einzige politische Diskussion, die je zwischen Trotzki und dem Attentäter zustande kam. Sedowa schrieb, dass sie und Trotzki über die immer häufigeren Besuche von Sylvia und ihrem „Mann“ in der Zeit unmittelbar vor Trotzkis Tod irritiert waren:

LD [Lew Dawidowitsch – Trotzki] war nicht im Geringsten geneigt, seine Ruhezeit für „Jacson“ zu opfern. Es war sehr wohl bekannt, dass für ernsthafte Diskussionen Tag und Uhrzeit im Voraus mit LD abgesprochen werden mussten. „Jacson“ hat nie darum gebeten. Er kam immer ohne Vorankündigung, und immer zur gleichen Stunde. Die einzige politische Diskussion, zu der es je kam, fand – zu Ihrer Information – eine Woche vor dem Verbrechen statt. Er hatte mit mir einen Besuch seiner Frau, Sylvia Ageloff, vereinbart. Ich habe genau die gleiche Stunde, nämlich 5 Uhr, als die günstigste festgelegt. Aber Sylvia kam nicht allein, sondern mit ihrem Mann; wir trafen sie im Innenhof, und ich lud sie zum Tee ins Esszimmer ein.

Dies war die erste und letzte Gelegenheit, bei der ein politisches Gespräch stattfand. Sylvia Ageloff verteidigte die Position der Minderheit hitzig und aufgeregt. LD antwortete ihr ruhig und auf freundliche Weise. Ihr Mann warf ein paar nicht sehr scharfsinnige oder scherzhafte Kommentare ein. All dies dauerte höchstens 15 Minuten. Dann entschuldigte sich LD; er hatte im Haus zu tun, er musste die Tiere füttern. Wir standen alle auf. Die „Jacsons“ verabschiedeten sich von uns und eilten davon, mit dem Hinweis, dass sie wie immer etwas Dringendes zu erledigen hätten. Wir hielten sie nicht auf, nicht einmal aus Höflichkeit. Wir wussten, dass diese „Besuche“ bald enden würden, da „Jacson“ Mexiko verlassen würde ... Wenn nicht heute, dann morgen, und im Stillen sagten wir uns: „Soll er gehen, je früher, desto besser.“ (Betonung hinzugefügt) [129]

Diese Diskussion, in der Ageloff „hitzig und aufgeregt“ die Positionen der Minderheit um Shachtman vertrat, verschaffte Jacson-Mornard die Möglichkeit, sich als „orthodoxer“ Marxist zu präsentieren.

17. August 1940: Jacson-Mornards „Generalprobe“ oder gescheiterter Versuch?

Ein paar Tage später, am 17. August, erschien Jacson-Mornard unangemeldet bei Trotzki zu Hause und äußerte den Wunsch, Trotzki möge einen von ihm verfassten Artikel über den Fraktionskampf mit der kleinbürgerlichen Minderheit um Shachtman innerhalb der SWP prüfen. Dieser Artikel, erklärte Jacson-Mornard, gehe auf die jüngste Diskussion mit Ageloff, Sedowa und Trotzki zurück. Die kurze Diskussion vom 17. August war das erste Mal, dass Jacson-Mornard und Trotzki allein zusammentrafen.

Bislang wurde angenommen, dass am 17. August eine „Generalprobe“ für den bevorstehenden Angriff stattfand. Aber könnte der Zweck dieses Besuchs auch darin bestanden haben, den Angriff selbst durchzuführen? Ist es möglich, dass Jacson-Mornard am 17. August die Nerven verlor, nachdem er unangemeldet und ohne Sylvia gekommen war? An diesem sonnigen Tag brachte er den Regenmantel mit, in dem er drei Tage später eine Pistole, einen Dolch und den Eispickel verstecken sollte, mit dem er das Attentat schließlich verübte. Warum sollte er den Regenmantel mitbringen und das Risiko eingehen, wegen einer Generalprobe enttarnt zu werden?

Es gelang Jacson-Mornard, sich mit Trotzki allein zu treffen. Es war eine Gelegenheit, die sich wahrscheinlich nicht noch einmal bieten würde, besonders in Anbetracht der Verdächtigungen, die bereits über seine wahre Rolle kursierten. Deutscher erklärte, dass Trotzki schon vor dem Treffen vom 17. August misstrauisch geworden war:

Er [Jacson-Mornard] sprach vom „Finanzgenie“ seines Chefs im Geschäft und machte sich erbötig, mit ihm zusammen einige Transaktionen an der Börse vorzunehmen, um der Vierten Internationale finanziell zu helfen. Eines Tages, als er mit Trotzki und Hansen die „Befestigungswerke“ in der Avenida Viena [Trotzkis Haus] betrachtete, bemerkte er, dass sie wertlos wären, weil „die GPU beim nächsten Überfall ganz andere Wege beschreiten würde“; und als man ihn fragte, welche, zuckte er nur mit den Schultern.

An diese und ähnliche Vorfälle erinnerten sich die Mitglieder des Haushaltes erst drei und vier Monate später, als sie verstanden, wie vorbedeutungsvoll sie waren. Inzwischen erblickten sie darin nichts Schlimmeres als Symptome der unberechenbaren Art „Jacsons“. Nur Trotzki, der ihn so wenig kannte, wurde misstrauisch … Aber „Jacsons“ Gerede über seinen „Boss“, das „Finanzgenie“ und die Börsenspekulationen, die er für die „Bewegung“ unternehmen wollte, machten Trotzki stutzig. [130]

Deutscher zitiert Natalja Sedowas Buch Leben und Tod von Leo Trotzki:

„Diese kurzen Unterhaltungen“, sagt Natalja, „schienen mir unerfreulich; auch Leo Dawidowitsch war betroffen. ,Wer ist dieser schwerreiche ‚Boss‘?‘, sagte er zu mir. ‚Man müsste dahinterzukommen suchen. Es könnte sich am Ende um einen Spekulanten von der faschistischen Art handeln – vielleicht sollten wir Sylvias Mann nicht mehr einladen …‘“ [131]

Das Treffen vom 17. August vertiefte Trotzkis Misstrauen und veranlasste ihn, kategorisch zu erklären, dass er „Sylvias Mann“ nie wieder sehen wolle. Deutscher schreibt:

Ungern, aber pflichtbewusst bat Trotzki „Jacson“ in sein Arbeitszimmer. Dort blieben sie allein und besprachen den Artikel. Nach zehn Minuten erst kam Trotzki verstört und beunruhigt heraus. Sein Argwohn hatte sich plötzlich verstärkt; er sagte Natalja, dass er „Jacson“ nicht mehr zu sehen wünschte. Was ihn so aufregte, war nicht, was der Mann geschrieben hatte – ein paar plumpe und verworrene Banalitäten –, sondern sein Benehmen. Während sie beim Schreibtisch waren und Trotzki den Artikel durchlas, setzte sich „Jacson“ auf den Tisch, wo er über dem Haupte seines Gastgebers thronend bis ans Ende der Besprechung blieb! Und die ganze Zeit über behielt er den Hut auf und presste er seinen Mantel an sich! Trotzki war nicht nur durch die Unhöflichkeit des Besuchers irritiert; er merkte, dass mit dem Mann etwas nicht stimmte, dass er ein Betrüger war.

Zu Natalja sagte er, dass „Jacson“ in „seinem Benehmen nichts „Französisches“ habe, obgleich er sich als Belgier ausgab, der in Frankreich aufgewachsen war. Wer war er wirklich? Man müsste dahinterzukommen suchen. Natalja war verdutzt; es schien ihr, dass Trotzki „an ‚Jacson‘ eine neue Seite entdeckt hatte, aber noch nicht zu einer endgültigen Schlussfolgerung gelangt war und es auch wohl nicht eilig damit hatte“. Dennoch war die Bedeutung seiner Äußerung alarmierend: Wenn „Jacson“ sie bezüglich seiner Nationalität betrog, warum tat er das? Und betrog er sie nicht auch in anderen Dingen? In welchen? [132]

In seiner Artikelserie über „Trotzkis letztes Jahr“ zitiert David North ein auf Tonband aufgenommenes Interview, das er 1977 mit dem bekannten mexikanischen Excelsior-Journalisten Eduardo Tellez Vargas führte. Letzterer erinnerte sich an sein letztes Treffen mit Trotzki am 17. August 1940, nur drei Tage vor dem Attentat.

Eduardo Tellez Vargas, Dezember 1976 (Foto: David North)

Tellez Vargas empfand aufrichtige Bewunderung für den großen Revolutionär und war zutiefst beunruhigt über das, was Trotzki ihm erzählte. Tellez Vargas berichtete North: „Es kam ein Moment, in dem Trotzki absolut niemandem mehr vertraute. Er vertraute niemandem. Er nannte keine Namen, aber er sagte zu mir: ‚Ich werde entweder von einem von ihnen hier drinnen getötet werden oder von einem meiner Freunde von draußen, von jemandem, der Zugang zum Haus hat. Denn Stalin kann mein Leben nicht verschonen.‘“

In Anbetracht der Tatsache, dass auch dieser Besuch am 17. August stattfand, ist es wahrscheinlich, dass Jacson-Mornard einer derjenigen war, denen Trotzki misstraute. [133]

Jacson-Mornard hat Trotzki am 17. August nicht getötet. Stattdessen verhielt sich der Attentäter in einer Weise, die Trotzkis Misstrauen verstärkte und ihn zu der Aussage veranlasste, „dass er ‚Jacson‘ nicht mehr zu sehen wünschte“. Diese Erkenntnis bedeutete einen herben Rückschlag für die Verschwörung der GPU. Aber bemerkenswerterweise sollte dies nicht die letzte Gelegenheit für Jacson-Mornard bleiben, Trotzki zu ermorden.

Der Morgen und Nachmittag des 20. August 1940

Luri erklärt, dass Jacson-Mornard am Morgen des 20. August um 9 Uhr das Hotel Montejo verließ, aber „um die Mittagszeit in veränderter seelischer Verfassung dorthin zurückkehrte“. [134] Ageloff behauptete später, dass Jacson-Mornard in der US-Botschaft gewesen sei, um ihre gemeinsame Rückreise in die Vereinigten Staaten zu planen. „Sylvia fragte ihn, warum er so spät komme“, schreibt Luri. „Er antwortete, dass es [in der Botschaft] lange Schlangen gegeben habe. Sie schlug vor, einen Spaziergang zu machen, um seine Nerven zu beruhigen. Sie könnten vor dem Mittagessen noch einen Drink nehmen.“ [135]

Bei ihrem Spaziergang in der Innenstadt begegnete das Paar Otto Schüssler und seiner Frau und verabredete sich mit ihnen zum Abendessen. Schüssler, seit Anfang 1939 einer von Trotzkis Wächtern in Mexiko, kannte Trotzki länger als fast alle anderen Bewohner des Anwesens. [136]

Geboren 1905 in einer Arbeiterfamilie in Deutschland, war Schüssler 1932 Trotzkis Sekretär, als dieser auf der türkischen Insel Prinkipo im Exil lebte. Im November desselben Jahres begleitete er Trotzki als sein Sekretär und Mitglied seiner Leibwache nach Kopenhagen. Laut Pierre Broué war Schüssler von November 1933 bis April 1934 erneut als Trotzkis Sekretär tätig, diesmal im Exil im französischen Barbizon.

Schüssler wurde nach dem Anschlag vom 20. August von der Polizei befragt. Im Protokoll heißt es:

Gegen 13 Uhr am 20., in der Nähe des Palacio de Bellas Artes, traf der Befragte [Schüssler] Frank Jackson [sic] und Silvia [sic] Ageloff [137]. Sie grüßten ihn und begannen zu plaudern. Silvia erzählte dem Befragten, dass sie am nächsten Tag in die Vereinigten Staaten zurückkehren würden, und aus diesem Grund würden sie heute Nachmittag nach Coyoacán fahren, um sich von Trotzki und seiner Frau zu verabschieden. Als Erklärung für ihre Reise [in die USA] führten sie an, dass Jackson die Höhenluft der Stadt und die Ernährung nicht vertrage. [138]

Ageloff wollte wissen, ob Schüssler an diesem Abend bei Trotzki zu Hause sein würde. Schüssler sagte Ageloff und Jacson-Mornard, dass er plane, sich außerhalb des Grundstücks aufzuhalten. Daraufhin lud Ageloff ihn zum Essen ein. Schüssler versuchte, die Einladung abzuwehren, und forderte sie auf, einen Tag später zu Trotzki zu kommen, wenn er anwesend sein würde, aber Ageloff bestand darauf, dass sie an diesem Abend ein Abendessen vereinbarten. Weiter heißt es im Protokoll:

Selbst als besagte Person [Schüssler] meinte, dass sie am nächsten Tag vorbeikommen könnten, antwortete Silvia, dass dies aufgrund ihrer Abflugzeit nicht möglich sei, da sie ihr Gepäck holen mussten. Sie fragte den Befragten, ob er heute Abend in Coyoacán sein würde, um sich zu verabschieden, er [Schüssler] antwortete, da dies sein freier Tag sei, werde er hier in der Stadt sein, woraufhin Silvia ihn fragte, ob er sie an diesem Abend zum Abendessen treffen wolle. Auf die Einladung hin sagte Jacson, dass er mit einem Treffen am Abend einverstanden sei. Nachdem er die Einladung angenommen hatte, sich um 19:30 Uhr an der Ecke Francisco Madero Ave./San Juan de Letran zu treffen, erklärte Jackson, dass er keine Zeit mehr habe, die Unterhaltung fortzusetzen, und ging. [139]

Luri charakterisiert das Gespräch mit den Schüsslers folgendermaßen:

Er [Jacson-Mornard] verhielt sich weiterhin nervös. Plötzlich bemerkte er, dass er etwas Wichtiges vergessen habe, drehte sich um und ging. Sylvia versuchte, seine Unhöflichkeit mit seinem schlechten Gesundheitszustand zu entschuldigen: „Es geht ihm gesundheitlich nicht gut. Er verträgt die Höhenluft und die Art der Ernährung nicht. Deshalb reisen wir ja auch ab.“ [140]

Nachdem sie den Termin vereinbart hatten, kehrten Jacson-Mornard und Ageloff zum Hotel Montejo zurück. Die Abschrift eines späteren Polizeiverhörs mit Ageloff lautet wie folgt:

Auf die Frage, wie spät es war, als sie Jacson an diesem Tag zum letzten Mal sah, gab sie an, es sei etwa 10 Minuten nach 14 Uhr gewesen, und bemerkte, dass sie ihn, als er aufstand, fragte, ob er seinen Regenmantel tragen würde. Er antwortete, dass er nicht wisse, ob er ihn mitnehme oder zurückkomme, um ihn zu holen, und entschied sich schließlich, zu dem Schrank zu gehen, wo er lag, und ihn zu nehmen. [141]

In dem Regenmantel waren der später zur Tatausführung benutzte Eispickel sowie ein Dolch und eine Pistole versteckt.

Schüssler versucht, in Trotzkis Haus anzurufen

Später am Abend, um 18:30 Uhr, kamen Schüssler und seine Frau im Restaurant Swastica an, wo sie sich mit Ageloff und Jacson-Mornard verabredet hatten. Schüssler erklärte später gegenüber der mexikanischen Polizei:

Nach etwa 15 oder 20 Minuten kam Silvia und sagte ihm [Schüssler], dass sie nicht wisse, was mit Jackson [sic] passiert sei. Nachdem sie zusammen gegessen hätten, sei er gegangen und habe erklärt, dass er dringend Alfredo Viñas treffen müsse … und er habe zugestimmt, später wiederzukommen, um Trotzki zu besuchen und sich von ihm zu verabschieden, und dann danach zum Abendessen zu gehen, wie sie es vereinbart hatten. [142]

Jacson-Mornard war nicht zum Abendessen gekommen, weil er in Coyoacán war. Er war bereits bei Trotzkis Haus angekommen. Er teilte Trotzki und den Wachen mit, dass Ageloff in Kürze eintreffen werde, um sich vor der Abreise des Paars am nächsten Tag zu verabschieden. [143] Die Wachen gewährten im Einlass. Es war ja üblich, dass sich Sylvia vor der Abreise in die USA verabschiedete. Vor dem Hintergrund ihres bisherigen Verhaltens erschien Jacson-Mornards Besuch ganz natürlich.

In der Zwischenzeit machte sich Schüssler, der sich mit Ageloff in der Innenstadt aufhielt, wegen Jacson-Mornards Abwesenheit immer größere Sorgen. Er ließ sich von Ageloff Viñas‘ Adresse geben. Dieser Mann arbeitete augenscheinlich in der Paseo de la Reforma 1329 oder 1331. [144] Schüssler erklärte gegenüber der Polizei, dass Ageloff ihn drängte, nicht bei Trotzki anzurufen, um zu fragen, ob Jacson-Mornard dort sei:

Wegen der offensichtlichen Nervosität von Ageloff schlug er [Schüssler] vor, bei Trotzki anzurufen, um herauszufinden, ob Jackson dort sei, um sich zu verabschieden. Sylvia sagt ihm jedoch: „Tu das nicht, denn ich bin mir sicher, dass er nicht dort ist, wir haben bereits vereinbart, zusammen dorthin zu gehen.“ [145]

Schüssler wollte Ageloff zu der Adresse bringen, an der sich angeblich das Büro von Herrn Viña befand, aber diese Adresse gab es nicht. Sie gab noch weitere Adressen an, aber Jacson-Mornard war nicht aufzufinden.

Schließlich rief Schüssler in Coyoacán an und erfuhr, dass Trotzki angegriffen worden war. Daraufhin, so Schüssler, „wurde Sylvia sehr unruhig und begann zu weinen“. [146] Sie nahmen ein Taxi zur Calle Viena 55 in Coyoacán.

Die mexikanische Polizei war bereits vor Ort, und Trotzki war eilends ins Krankenhaus gebracht worden. Laut Trotzkis mexikanischem Wachmann Melquiades Benitez Sanchez wurde Trotzkis Transport ins Krankenhaus verzögert, weil Joseph Hansen das Telefon besetzte und „erfolglos versuchte, das Grüne Kreuz anzurufen“. [147] Schließlich wurde ein anderes Mitglied der Wache, Charles Cornell, losgeschickt, um einen Arzt zu holen, der 20 Minuten später eintraf. Entscheidende Minuten waren verloren gegangen.

Ageloff, jetzt auf dem Gelände, schien in Panik zu geraten. Luri schreibt:

Sylvia lief verwirrt durch die Zimmer. Sie trug ein weißes Matrosenhemd und einen braunen Mantel aus altem Leder. Ihre Erscheinung hatte etwas sehr Kindliches an sich, was durch die den Umständen nicht angemessene Kleidung noch unterstrichen wurde. Sie war wie ein Kind, das sich in der Unordnung seines eigenen Lebens verloren hat. Gelegentlich hielt sie inne und schrie: „Ich wurde nur ausgenutzt!“ [148]

Ageloff wird verhaftet

Die Mexikaner kauften Ageloff ihre Schauspielerei nicht ab. Octavio Fernández, ein führender mexikanischer Trotzkist und Organisator von Trotzkis Unterkunft im Exil, schilderte der mexikanischen Wissenschaftlerin Olivia Gall, was geschah, als Ageloff auf Trotzkis Grundstück ankam: „Nachdem der Krankenwagen Trotzki ins ‚Mexiko‘ [das Krankenhaus] gebracht hatte, sagte Kommandant Galindo zu Sylvia: „Sie sind verhaftet.“

Octavio Fernández (Foto: CEIP)

Fernández erklärte, seiner Meinung nach habe Ageloff für die GPU gearbeitet. Er berichtete:

Ich überredete ihn [Kommandant Galindo], mich in dem Polizeiauto mitfahren zu lassen, in das sie einsteigen musste. Darin saßen der Fahrer, Sylvia und ich, hinter uns waren Kommandant Galindo und zwei Geheimpolizisten. Ich kannte Sylvia seit 1934. Ich versuchte schließlich, mit ihr zu reden. Sie weinte, erlitt einen Anfall von Hysterie und wiederholte nur immer wieder: „Warum haben sie Jacson hineingelassen? Warum haben sie Jacson hineingelassen?“, und ich sagte: „Aber Jacson ist doch dein Mann, oder?“ „Ja“, wiederholte sie ohne Unterbrechung, „aber warum haben sie ihn hineingelassen?“ Daraus schloss ich, dass sie etwas wusste, dass ihr mindestens ein Grund bekannt war, warum wir Jacson nicht ins Haus hätten lassen sollen. Auf meine Fragen konnte sie nur die immer gleiche Antwort geben: dass sie wusste, dass er in „verdächtige Dinge“ mit einem Typen namens Bills oder so ähnlich verwickelt war, der sich im Ermita-Gebäude befand … „Aber wenn du das wusstest, wenn nach dem Prozess [gegen Siqueiros, wegen des Anschlags im Mai] veröffentlicht wurde, dass Siqueiros ein Büro im Ermita-Gebäude hatte, warum hast du uns nicht gewarnt?“ Sie gab keine Antwort. Wir kamen auf dem Revier an, sie nahmen sie mit, und ich konnte nicht mehr mit ihr reden. [149]

Nach dem Attentat: Ageloff täuscht Hysterie vor

Nach der Verhaftung von Ageloff und Jacson-Mornard trennte die mexikanische Polizei die beiden, um sie nach Möglichkeit einzeln zu befragen. Mit dieser polizeilichen Standardtaktik, so hofften die Behörden, würden sie die beiden Aussagen vergleichen können, um festzustellen, ob die Geschichten der Verdächtigen übereinstimmten, und um Ungereimtheiten für weitere Ermittlungen zu nutzen.

„Ich möchte sofort den Konsul sprechen - Sylvia Ageloff“, von Julián Gorkin veröffentlichte Notiz

Nach seiner Verhaftung bestritt Jacson-Mornard sofort jede Verbindung zur GPU und gab vor, ein enttäuschter Trotzkist zu sein, der Trotzki angegriffen habe, weil dieser gegen seine Heirat mit Ageloff war. Wieder steht Sylvias Name im Mittelpunkt seiner Lüge.

Sylvia Ageloff zeigte sich als nicht vernehmungsfähig. Luri schreibt: „Sylvia verbrachte die Tage nach dem Angriff im Bett, ohne das weiße Matrosenhemd auszuziehen. Wenn jemand den Raum betrat, schrie sie sofort und kehrte ihm den Rücken zu.“ [150]

Das FBI und die mexikanische Polizei bemühten sich, sie zu befragen, doch ohne Erfolg. Am 22. August versuchte George Shaw vom US-Konsulat in Mexiko „mit ihr zu sprechen, aber sie verfiel in eine Nervenkrise“. [151]

Nach Ansicht der mexikanischen Polizei täuschte sie Hysterie vor, um keine Fragen zu beantworten und die Ermittlungen zu blockieren. Doktor Moisés Orozco, der Amtsarzt, der Ageloff während ihrer Inhaftierung betreuen sollte, äußerte gegenüber der mexikanischen Zeitung Novedades am 24. August die Einschätzung, Ageloff sei zweifellos „eine große Komödiantin“. Doktor Orozco erklärte, dass Ageloffs Puls nicht anstieg, als sie Panik vortäuschte. Sie log offenbar, da bei Personen, die unter extremem Stress, Angst oder Panikattacken leiden, der Puls ansteigt. [152]

Doktor Orozco erklärte gegenüber Novedades:

Sie ist Professorin für Psychologie. Mit ihrem Wissen ist ihr bekannt, wie sie Verhöre vermeiden und sich als Opfer darstellen kann. Sie versteht die Psychologie der Vernehmungsbeamten besser, als diese umgekehrt ihre Psychologie verstehen; das müssen Sie wissen. Ihr Puls ist normal, wenn die Anfälle kommen. Das beweist, dass es sich um einen reinen Trick handelt. [153]

Am 26. August veröffentlichte Novedades einen weiteren Artikel, in dem es heißt: „Je mehr Tage vergehen und in Anbetracht des seltsamen Verhaltens dieser Frau, ihrer angeblichen Hysterieanfälle und der Umstände, die sich im Leben und den Wundern des Mörders des ehemaligen Roten Kommissars der Sowjets fügen, fällt es zunehmend schwer, an ihre Unschuld zu glauben.“ [154]

Sylvia Ageloff (links) und Mercader (rechts) nach dem Attentat

Ageloffs Hysterie war eine billige Inszenierung. Sie verzögerte die Ermittlungen der Polizei und behinderte deren Bemühungen, Jacson-Mornard mit Ageloffs Version der Ereignisse zu konfrontieren. Das gab Jacson-Mornard Zeit, sich zu sammeln und das Alibi zusammenzustellen, das er mit seinen GPU-Vorgesetzten in New York City ausgearbeitet hatte.

Die ersten Vernehmungen Ageloffs durch die mexikanische Polizei

Irgendwann begann Ageloff, Fragen zu beantworten. Leiter der Ermittlungen war Leandro Sanchez Salazar, der Ageloff mehrfach verhörte und Gelegenheit hatte, ihr Verhalten zu studieren und ihre Antworten mit den Erkenntnissen zu vergleichen, die in den Anfangsstadien der Ermittlungen gewonnen worden waren.

Er war von ihrer Schuld als GPU-Komplizin von Jacson-Mornard überzeugt. Luri berichtet:

Oberst Leandro Salazar, der die Ermittlungen leitete, erteilte einem Wachmann die Anweisung, Sylvia Ageloff so zu beobachten, als wäre sie eine Komplizin bei dem Attentat gewesen. Er hielt es für unmöglich, dass jemand so naiv sein könnte, nicht zu begreifen, was um ihn herum geschah. Wie konnte sie glauben, dass Ramón ein Sportjournalist war, wenn er doch weder Sportwettkämpfe besuchte noch jemals eine Zeile über Sport schrieb? Wie konnte sie keinen Verdacht schöpfen, nachdem der Mann, der sich in Paris als Journalist ausgegeben hatte, in Mexiko versuchte, als Maschinenbauingenieur, als auf Diamanten spezialisierter Bergbauingenieur (wie er Natalja Sedowa erzählte) oder als Zucker- und Ölverkäufer (wie er Otto Schüssler erzählte) durchzugehen? Wie konnte sie nicht an ihm zweifeln mit all seinen diversen Identitäten und unglaubwürdigen Geschichten, wie die der Argus-Agentur? Auf all diese Fragen gab Sylvia völlig konfuse Antworten. [155]

Andere polizeiliche Ermittler zogen die gleichen Schlussfolgerungen. Am 26. August berichtete die englischsprachige Palm Beach Post, „dass sie [Ageloff] nach Angaben des Polizeichefs José Manuel Núñez ‚wahrscheinlich‘ in den Sachverhalt verstrickt war“. [156] Es zeichnete sich ab, dass ihre Haft von längerer Dauer sein würde.

Leandro Sanchez Salazar

Am 30. August wurde Sylvia Ageloff wegen ihrer Rolle bei dem Attentat von ihrem Arbeitgeber entlassen. William Hodson, Leiter der New Yorker Sozialbehörde, „teilte offiziell mit, dass er ihren Arbeitsvertrag gekündigt habe, weil ihr Urlaub sechs Tage zuvor zu Ende gegangen war und keine Nachricht über ihre Rückkehr zur Arbeit eingetroffen war, und wegen der öffentlichen Berichte über das Geschehen in Mexiko. Hodson erklärte gegenüber der Presse, dass dies angesichts der moralischen Verworfenheit von Sylvia unvermeidlich war.“ [157]

Die Gegenüberstellung von Ageloff und Mercader

Im Rahmen ihrer Ermittlungen brachte die Polizei Ageloff und Jacson-Mornard einmal in denselben Raum, um zu sehen, wie sie reagieren würden, wenn sie sich zum ersten Mal seit dem 20. August von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen würden. Jacson-Mornard vergrub den Kopf in die Hände und flehte die Polizei an, ihn wegzuführen. Ageloff wurde wieder hysterisch. Sie stellte ihm keine Fragen über ihre Beziehung und forderte ihn nicht auf, die Lügen zu erklären, die er ihr im Laufe ihrer Beziehung aufgetischt hatte. Auch sie verlangte, die Zusammenkunft zu beenden.

Wäre Ageloff daran interessiert gewesen, Jacson-Mornards Verbindungen zur GPU aufzudecken, dann hätte sie diese direkte Begegnung genutzt, um ihn mit den zahlreichen Vorfällen zu konfrontieren, die nun eindeutig bewiesen hätten, dass er ein GPU-Agent war. Von allen SWP-Mitgliedern, die ihn kannten, war sie am besten in der Lage, ihn auf die Ungereimtheiten seiner Geschichten anzusprechen. Sie hätte ihm Fragen stellen können zu dem Ermita-Vorfall, zu der stalinistischen Veranstaltung im März 1940, an der sie angeblich mit ihm teilgenommen hatte, zu seiner Anwesenheit bei der Gründungskonferenz der Vierten Internationale 1938, zur Argus-Presse oder zu seinen Eltern und seinen Geldquellen. Sie hätte ihm Fragen zu seinem Bekanntenkreis stellen können und dazu, wer noch beteiligt war. All dies hätte den polizeilichen Ermittlungen sehr geholfen und den mexikanischen Behörden entscheidende Hinweise geliefert.

Stattdessen schrie sie: „Bringt den Mörder weg! Tötet ihn! Er hat Trotzki ermordet! Schlagt ihn tot!“ [158]

Dies entsprach dem Ziel der Stalinisten, die laut Gorkin Jacson-Mornards falsches Geständnis in der Hoffnung verfasst hatten, Trotzkis Wachen dazu anzustiften, ihn zu töten und so am Reden zu hindern. Unmittelbar nachdem er den Eispickel in Trotzkis Schädel getrieben hatte, sagte Jacson-Mornard selbst zu Trotzkis Wache: „Töte mich, aber dann gleich richtig. Ich verdiene nicht weiterzuleben. Schlagt zu! Ich habe es nicht auf Befehl der GPU getan, aber tötet mich!“ [159]

Indem sie seinen Tod forderte, behinderte Ageloff nicht nur die Ermittlungen, ihr Verhalten war auch völlig unvereinbar damit, wie sich ein Mitglied der trotzkistischen Bewegung unter diesen Umständen verhalten hätte.

1940 hatte Ageloff bereits eine sechsjährige Geschichte in der sozialistischen Politik und stellte sich als loyale Trotzkistin dar. Ihre Tätigkeit erstreckte sich über die Jahre des stalinistischen Großen Terrors, in denen die trotzkistische Bewegung die stalinistische Methode der systematischen Ermordung politischer Gegner anprangerte und sie als Ausdruck des konterrevolutionären Charakters der stalinistischen Bürokratie brandmarkte. Die trotzkistische Bewegung setzte diesen Methoden nicht Terrorismus, Gewalt und physische Vergeltung entgegen, sondern die Methoden der politischen Entlarvung und Aufklärung. Aus diesem Grund wies Trotzki seine Wache an, den Attentäter am Leben zu lassen, damit die Rolle der GPU aufgedeckt werden konnte: „Sagt den Jungs, sie sollen ihn nicht töten ... Er muss reden.“ [160]

Ageloff dagegen verlangte, dass man ihn tötet und zum Schweigen bringt. Diese Theatralik ähnelte der Reaktion eines Stalinisten viel eher als der eines Mitglieds der trotzkistischen Bewegung. Es war nicht die Reaktion einer Person, die erfahren wollte, wer der Attentäter wirklich war und mit wem er zusammenarbeitete.

Fortsetzung folgt

Anmerkungen:

(An dieser Stelle nicht nochmals in Langform angegebene Quellen sind in den Anmerkungen zu Teil 1 oder Teil 2 aufgeführt.)

[94] FBI-Bericht von J. Edgar Hoover vom 24. August 1940.

[95] Luri, S. 245.

[96] Sanchez Salazar, S. 199.

[97] Ebd., S. 304–305.

[98] Ebd., S. 305–306.

[99] FBI-Bericht vom 23. August 1940.

[100] FBI-Bericht des Agenten N. O. Scott, 13. September 1940.

[101] Puigventós, Position 2.541.

[102] FBI-Bericht für B. E. Sackett vom 4. September 1940.

[103] Memorandum des US-Generalkonsulats in Mexiko-Stadt, 1. September 1940.

[104] Wolkogonow, Dimitri. Trotzki: Das Janusgesicht der Revolution, Edition Berolina. Kindle-Version, S. 369.

[105] Volkogonov (englische Ausgabe), S. 456.

[106] Puigventós, Position 4.503.

[107] Ebd., Position 4.526.

[108] Ebd., Position 4.545. Unter Hinweis auf Dirreción General de Investigaciones Políticas y Sociales, Box 127. Verfahren 27, S. 108–109.

[109] Puigventós, Position 4.503.

[110] Issac Deutscher, Trotzki. Der verstoßene Prophet 1929–1940, Stuttgart 1972, S. 457–458.

[111] Puigventós, Position 4.527.

[112] Ebd. Unter Hinweis auf Archivo General de la Nación. Tribunal Superior de Justicia del DF. Jahrgang 1940. Box 3.265. Band 602993, S. 41.

[113] Ebd., Position 4.546.

[114] Ebd., Position 4.503.

[115] „What flights used to cost in the ‚golden age‘ of air travel“, in: Travel+Leisure, 13. August 2017, hier verfügbar.

[116] FBI-Bericht des Agenten R. N. Hosteny vom 25. September 1940.

[117] „Overnight Air Service to Mexico City to Start“, in: Washington Evening Star, 26. Februar 1940, hier verfügbar.

[118] FBI-Bericht des Agenten R. N. Hosteny vom 25. September 1940.

[119] Ebd.

[120] Eric London, „Der Smith-Act-Prozess und die staatliche Unterwanderung der trotzkistischen Bewegung“, in: Agenten. Das FBI und die GPU in der trotzkistischen Bewegung, Essen 2020.

[121] Puigventós, Position 4.532.

[122] Ebd., Position 4.546.

[123] Ebd.

[124] Barrón Cruz, S. 165.

[125] „Natalia Trotsky Answers A Foul Slander“,in: Socialist Appeal, 26. Oktober 1940.

[126] Luri, S. 245.

[127] „Natalia Trotsky Answers A Foul Slander“.

[128] L. Mercader, G. Sanchez, Мой брат убил Троцкого (Mein Bruder tötete Trotzki), Moskau 2011, S. 159.

[129] „Natalia Trotsky Answers A Foul Slander“.

[130] Deutscher, S. 458.

[131] Ebd., S. 458–459.

[132] Ebd., S. 459.

[133] David North, „Trotzkis letztes Jahr“, World Socialist Web Site, 26. September 2020.

[134] Luri, S. 246.

[135] Ebd., S. 246–247.

[136] Siehe Biografie von Otto Schüssler, hier verfügbar.

[137] Die mexikanische Polizei verwendet durchgängig die Schreibweisen „Jackson“ und „Silvia“.

[138] Barrón Cruz, S. 47.

[139] Ebd.

[140] Luri, S. 247.

[141] Barrón Cruz, S. 166.

[142] Ebd., S. 47–48.

[143] Joseph Hansen, „With Trotsky Until the End“, in: Fourth International Magazine, Oktober 1940, S. 117.

[144] Barrón Cruz, S. 48.

[145] Ebd.

[146] Ebd.

[147] Ebd., S. 53.

[148] Luri, S. 250–251.

[149] Gall, S. 354–355.

[150] Luri, S. 261.

[151] Ebd., S. 262.

[152] Der britische National Health Service erklärt zum Beispiel: „Die körperlichen Symptome einer Panikattacke werden dadurch verursacht, dass der Körper in den „Kampf-oder-Flucht“-Modus schaltet. Da der Körper versucht, mehr Sauerstoff aufzunehmen, beschleunigt sich die Atmung. Der Körper schüttet auch Hormone aus, wie z. B. Adrenalin, wodurch sich der Puls beschleunigt und die Muskeln sich anspannen.“ Hier verfügbar.

[153] Luri, S. 262.

[154] Ebd., S. 264.

[155] Ebd., S. 252.

[156] Ebd., S. 264–265.

[157] Ebd., S. 267–268.

[158] Sanchez Salazar, S. 217.

[159] Ebd., S. 207.

[160] Hansen, S. 116.

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