Istanbul: Millionen Menschen durch bevorstehendes Erdbeben in Lebensgefahr

In der Großregion Istanbul sind Millionen Menschen von einem bevorstehenden Erdbeben bedroht. Trotz der jüngsten, alarmierenden Berichte bleibt die Regierung untätig.

Am 18. Februar stellten die Stadtverwaltung von Istanbul (IBB) und die Gemeinden der Stadtbezirke Esenler und Avcılar der Regierungskommission für Erdbebenmaßnahmen neue Studien vor. Die Bezirke Esenler und Avcılar sind im Falle eines Erdbebens besonders gefährdet.

Rettungshelfer suchen in den Trümmern eines eingestürzten Gebäudes nach Überlebenden. Izmir, Türkei, 31. Oktober 2020. (AP Photo/Emrah Gurel)

Ihre Erklärungen machen deutlich, dass die Zerstörung, die das bevorstehende Erdbeben in Istanbul verursachen würde, viel größer werden könnte als bislang angenommen.

In der Kommissionssitzung sagte der stellvertretende IBB-Generalsekretär Mahir Polat voraus, dass schätzungsweise 200.000 Gebäude in Istanbul bei dem zu erwartenden Erdbeben mittlere bis schwere Schäden erleiden werden. Infolgedessen könnten etwa drei Millionen Menschen davon betroffen sein.

Er sagte, dass die Zahlen, die auf Messwerten an den Gebäuden in der Avcılar-Region basieren, viermal so groß wie die vorherigen Schätzungen seien, und diejenigen für die Silivri-Region doppelt so hoch. „Wir sagen voraus, dass die Anzahl der beschädigten Gebäude in ganz Istanbul doppelt so hoch sein wird wie die optimistischste Zahl“, sagte Polat und fügte hinzu: „In Istanbul sind 790.000 Gebäude vor dem Jahr 2000 gebaut worden.“

Laut Tayfun Kahraman, dem Leiter der IBB-Abteilung für Erdbebenrisikomanagement und Stadtverbesserung, gibt es in Istanbul 1,16 Millionen Gebäude. Ein Fünftel davon würde nach einem möglichen schweren Erdbeben nicht mehr bewohnbar sein, und vielen droht der komplette Einsturz.

Kahraman gab an, dass bei einem Erdbeben der Stärke 7,5 in Istanbul voraussichtlich 48.000 Gebäude beschädigt würden und einsturzgefährdet seien, und er fügte hinzu, dass bei einem schweren Erdbeben Schäden an den Wasser-, Abwasser- und Erdgasleitungen zu erwarten seien. Sollte sich ein Erdbeben inmitten einer wütenden COVID-19-Pandemie ereignen, würde den Einwohnern auch die Gefahr schwerer Epidemien drohen.

Haluk Sur, Präsident der Stiftung für Stadterneuerung und Urbanisierung (KENTSEV) zitierte die Daten des Kandilli-Observatoriums und Erdbebenforschungsinstituts und gab bekannt, dass 1.164.000 Gebäude in Istanbul registriert sind und 4.500.000 Bewohner in diesen Gebäuden leben.

Wie Sur im Interview mit der Agentur Anadolu am 23. Februar sagte, wurden 22% aller Gebäude in Istanbul vor 1980 gebaut. Es wird geschätzt, dass es 1.051.000 dieser Wohnungen gibt und 3.152.000 Menschen in diesen Gebäuden leben. Da selbst die neuesten dieser Gebäude über 40 Jahre und viele sogar 50 bis 60 Jahre alt sind, stehen ihre Bewohner im Falle eines größeren Erdbebens vor einem ernsthaften Risiko.

Tatsächlich sind viele weitere Gebäude und Menschen gefährdet. Nach dem Marmara-Erdbeben am 17. August 1999 wurden die Bauvorschriften in der Türkei geändert. In den bisherigen Auswertungen hinsichtlich eines möglichen Erdbebens in Istanbul wird das Jahr 2000, in dem die neuen Vorschriften und Gesetze in Kraft traten, als ein Meilenstein in Bezug auf den Gebäudebau angesehen.

Die 790.000 Gebäude, die vor dem Jahr 2000 gebaut wurden, werden aus materieller und technischer Sicht als riskant eingestuft. In diesen Gebäuden befinden sich 3.054.123 Wohneinheiten. Bei einer durchschnittlichen Einwohnerzahl von 3,3 pro Wohneinheit, wie im Raum Istanbul üblich, könnte die Zahl der bei einem Erdbeben gefährdeten Personen dreimal so hoch ausfallen wie die von Sur angegebene Zahl.

Zudem sind diese Gebäude in den Istanbuler Arbeitervierteln konzentriert.

Die Türkei ist ein erdbebengefährdetes Land mit einer wirklich verheerenden Erdbebenbilanz. Viele türkische Städte sind auf aktiven Verwerfungen gebaut. Bei dem Marmara-Erdbeben von 1999 verloren nach offiziellen Angaben etwa 18.000 Menschen ihr Leben, mehr als 25.000 wurden verletzt. Inoffiziellen Berichten zufolge wird die tatsächliche Zahl der Todesopfer auf 50.000 und die der Verletzten auf 100.000 geschätzt.

Bei einem Erdbeben 2011 in der östlichen Provinz Van gab es mehr als 600 Tote und ungefähr 4.200 Verletzte. Bei dem Erdbeben der Stärke 6,8 in Elazığ am 24. Januar letzten Jahres starben 41 Menschen und mehr als 1.600 wurden verletzt. Nach dem Erdbeben der Stärke 6,9 vor der griechischen Insel Samos am 30. Oktober 2020 starben 117 Menschen, 1.034 wurden verletzt und 15.000 wurden in der türkischen Stadt Izmir obdachlos.

Während Wissenschaftler weiterhin vor den drohenden Gefahren warnen, vergeuden die nationale Regierung der Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) und die Kommunalregierungen, einschließlich derer, die unter der Kontrolle der Oppositionsparteien stehen, wertvolle Zeit. Auf kriminelle Weise beschönigt die Regierung von Recep Tayyip Erdoğan die Bilanz der bisherigen Erdbeben und verharmlost die bevorstehende Erdbebengefahr.

Während die Regierung zweifellos die Hauptverantwortung für diese große Zerstörung und den Tod von Millionen von Arbeitern trägt, machen sich die Oppositionsparteien ebenso mitschuldig an den Erdbebenkatastrophen, deren verheerendes Ausmaß durch das kapitalistische Profitsystem verursacht wird. Letztes Jahr behauptete ein Bericht des von der Republikanischen Volkspartei (CHP) kontrollierten IBB, dass es nach einem Erdbeben der Stärke 7,2 in Istanbul, wo 16 Millionen Menschen leben, nur 14.000 Tote geben würde.

„Das ist nicht wahr“, stellte der bekannte Geologe Professor Naci Görür unverblümt fest. Er beschrieb die Gefahren, die Millionen von arbeitenden Menschen in Istanbul drohen. „Eine einfache Rechnung: Es gibt 1,6 Millionen Gebäude. Reduzieren wir alle tödlichen Fälle in Istanbul auf ein Prozent. Das bedeutet 16.000 Gebäude. Nehmen wir an, dass jedes Gebäude vier Stockwerke hat. Das bedeutet 64.000 Stockwerke. Nehmen wir an, dass sich in jedem Stockwerk zwei Wohnungen befinden, dann sind das 128.000 Wohnungen. Setzen Sie vier Menschen in jede Wohnung. Sind das etwa nicht mehr als 400.000 [Todesfälle]?“

Untersuchungen, die insbesondere nach dem Erdbeben von 1999 durchgeführt wurden, zeigen, dass das bevorstehende Erdbeben an der Nordanatolischen Verwerfungszone im Marmarameer vor Istanbul wahrscheinlich mindestens die Stärke 7,2 haben wird. Dies würde nicht nur in der größten Stadt der Türkei, sondern auch in benachbarten Industriestädten wie Kocaeli, Bursa und Tekirdağ eine Katastrophe auslösen.

Dennoch unternehmen die herrschende Klasse und die Regierungen aller etablierten Parteien nichts gegen diese kommende Katastrophe in Istanbul, wo 16 Millionen Menschen leben, also fast 20% der türkischen Bevölkerung. Anstatt sich auf ein massives Erdbeben vorzubereiten, vor dem Wissenschaftler seit Jahrzehnten warenen, hat die Kapitalistenklasse den Reichtum, den die Arbeiter erwirtschaftet haben, in ihre Taschen fließen lassen.

Seit Jahren wird besonders in Istanbul die „Stadterneuerung“ prominent als Maßnahme zur Erdbebenvorbereitung präsentiert. Sie dient dazu, die Bewohner der Arbeiterklasse aus dem Stadtzentrum zu vertreiben und Luxuswohnungen für die Wohlhabenden zu bauen. Das zugrundeliegende Ziel dieser Politik ist es nicht, die Bewohner vor Erdbeben zu schützen, sondern die Profite der Baufirmen zu steigern und die wohlhabendsten Schichten der Gesellschaft zu bereichern.

Gleichzeitig werden die Arbeiter in Stadtteile abgeschoben, in denen die Gebäude größtenteils älter sind und bei einem größeren Erdbeben zur Todesfalle werden könnten.

Dies ist politisch umso krimineller, als in Istanbul Zehntausende von Wohnungen leer stehen und sowohl die Technologie als auch die Arbeitskräfte vorhanden sind, um schnell Hunderttausende von Wohnungen zu bauen. Solche Lösungen werden aber von der herrschenden Klasse und ihren politischen Vertretern nicht umgesetzt, weil sie die Profitinteressen der Baufirmen und die politischen Ziele des kapitalistischen Staates durchkreuzen.

Die Erdoğan-Regierung stellt Milliarden von türkischen Lira für ein Kanalprojekt zwischen dem Schwarzen Meer und dem Marmarameer zur Verfügung, den „Kanal Istanbul“. Gleichzeitig erhalten Bauunternehmer Milliarden von Lira an Steuererleichterungen, und Hunderte von Milliarden werden der Finanzoligarchie nach der Pandemie in Form von Rettungsgeldern in den Rachen geworfen. Dann wird behauptet, es sei kein Geld für die Umgestaltung der Städte vorhanden, um Hunderttausende, ja Millionen von Menschenleben zu retten.

Der Kontrast zwischen dem kapitalistischen System, das auf privatem Profit basiert, und den Grundbedürfnissen der Gesellschaft zeigte sich kürzlich im katastrophalen Umgang aller Regierungen mit der COVID-19-Pandemie und dem jüngsten Zusammenbruch der Stromversorgung im US-Bundesstaat Texas.

Ein tiefgreifender Plan öffentlicher Bauvorhaben ist notwendig, um die weltweit von Naturkatastrophen bedrohten Städte auf der Grundlage wissenschaftlicher Planung und höchster Sicherheit zu erneuern, damit allen das Grundrecht auf eine sichere Unterkunft ermöglicht wird. Die Umsetzung eines solchen Plans erfordert den bewussten Kampf der Arbeiterklasse um die Macht. Dieser Kampf muss auf dem internationalen Sozialismus basieren, was bedeutet, dass das globale Wirtschaftsleben auf der Grundlage sozialer Bedürfnisse und nicht des privaten Profits geplant wird.

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