Zum Tod von Bertrand Tavernier (1941-2021), Veteran und Meister der französischen Filmkunst

Der Tod des französischen Regisseurs, Drehbuchautors, Produzenten und Filmhistorikers Bertrand Tavernier am 25. März, wenige Wochen vor seinem 80. Geburtstag, hat eine Flut von Ehrungen in ganz Frankreich und international ausgelöst.

Ein Tweet des ehemaligen Präsidenten der Filmfestspiele von Cannes, Gilles Jacob, brachte etwas von der allgemeinen Stimmung zum Ausdruck. „Das französische Kino trauert“, schrieb Jacob. „Der Filmemacher, der Cinephile, die Erinnerung, all dies hat zur Ausübung einer Kunst beigetragen, der er sein Leben gewidmet hat. Er wird uns seine Geschichten nicht mehr mit jener kraftvollen Überzeugung erzählen können, die ihn zu einem so wertvollen Auteur machte.“ Das Institut Lumière, der den Kinopionieren Auguste und Louis Lumière gewidmete Museumskomplex in Taverniers Geburtsstadt Lyon, dessen Präsident auf Lebenszeit er sozusagen war, erhielt Tausende von Kondolenznachrichten.

Der 1941 geborene Tavernier war ein führendes Mitglied der Generation europäischer Filmemacher, die in den frühen 1970er Jahren aufkam. Während seiner mehr als vier Jahrzehnte andauernden Karriere führte er bei über 30 Spiel- und Dokumentarfilmen Regie.

Taverniers Filme deckten ein breites Spektrum an Themen und Genres ab -- von historischen Dramen, Antikriegsfilmen, dunklen Komödien, zeitgenössischen Kriminalgeschichten und sogar einem Science-Fiction-Film, das in Glasgow spielt („Der gekaufte Tod“, 1980), bis hin zu einfühlsamen, komplexen Porträts von Künstlern, Musikern, Lehrern, Arbeitern.

Zu Taverniers Dokumentarfilmen gehören „Philippe Soupault“ (1982), ein dreistündiges Werk über den französischen surrealistischen Schriftsteller und Dichter; „Mississippi Blues“ (1983), ein Überblick über die Musik des amerikanischen Südens; und der vierstündige Film „Der Krieg ohne Namen“ (1992) über den Algerienkrieg. Empört über die Angriffe der französischen Regierung auf Immigrantenfamilien, drehten Tavernier und sein Sohn Nils „De l’autre côté du périph‘“ (1997, dt.: „Auf der anderen Seite der Bahngleise“) und Histoires de vies brisées: les 'double peine' de Lyon“ (2001; dt. „Geschichten zerstörter Leben: die doppelte Strafe von Lyon“), die ihre Notlage eindringlich dokumentieren.

Bertrand Tavernier (Foto: Senses of Cinema)

 

Der Regie-Veteran, der über ein enzyklopädisches Wissen über alle Aspekte des Kinos verfügte, verfasste zwei wichtige Bücher: 50 Years of American Cinema („50 Jahre amerikanisches Kino“), ein 1.247-seitiges Werk, und Amis Américains („Amerikanische Freunde“), eine 998-seitige Sammlung von Interviews mit und Kommentaren zu bedeutenden Hollywood-Filmemachern, darunter viele, die während der antikommunistischen Hexenjagd zu Opfern wurden.

Tavernier setzte sich auch für vergessene, vernachlässigte oder derzeit „unmodische“ Filmemacher ein und forderte alle an Filmkunst Interessierte auf, John Ford, William Wellman, Michael Powell und viele andere bahnbrechende Regisseure zu studieren.

„Es ist einfach, John Ford abzutun, indem man sagt, dass er kein Marxist ist – dann muss man keine weitere Zeile schreiben“, sagte er einem Journalisten Mitte der 1970er Jahre. „Früher sagte man, Dickens sei ein weniger klassenbewusster Schriftsteller als manche zeitgenössischen Marxisten -- na und! Es ist interessant und notwendig, zu sehen, wie fortschrittlich Dickens für seine eigene Zeit war.“

Obwohl es unmöglich ist, Taverniers erstaunliches Werk in einem einzigen Nachruf vollständig zu rezensieren, werden wir uns bemühen, auf seine besten Werke hinzuweisen und diese zu würdigen. Dies ist besonders für das Publikum in den USA, Australien und anderen Ländern wichtig, in denen seine Filme nur einen begrenzten Vertrieb erhielten.

Tavernier sprach dreimal mit der World Socialist Web Site - im Juli 1999, im Januar 2009 und im Juli 2019. Jedes der Gespräche war interessant und informativ. Während des letzten Interviews prangerte der französische Regisseur leidenschaftlich die rachsüchtige Entscheidung der Bowling Green State University in Ohio an, den Namen der legendären Schauspielerin Lillian Gish aus ihrem Filmtheater zu entfernen, weil sie -- mehr als ein Jahrhundert zuvor -- in „The Birth of a Nation“ (1915) mitgewirkt hatte, dem notorisch rassistischen Film von D.W. Griffith. In diesem Telefoninterview beklagte Tavernier, dass „The Birth of a Nation“ eine „schreckliche“ Sichtweise habe, fügte aber hinzu: „Man kann eine klare Einschätzung der damaligen Epoche und des Films nicht dadurch entwickeln, dass man die Namen der beteiligten Schauspieler entfernt.“

Tavernier wurde während der deutschen Besatzung großer Teile Frankreichs 1940-44 geboren. Lyon war ein Zentrum der Nazi-Herrschaft. Klaus Barbie, der berüchtigte „Schlächter von Lyon“, war hier bis 1944 Gestapo-Chef. Taverniers Eltern stammten aus wohlhabenden Lyoner Familien -- sein Vater René war Dichter und Philosoph, seine Mutter Geneviève kam aus einer alteingesessenen Seidenfabrikantenfamilie.

René Tavernier war Gründungsmitglied von Montchat Confluences, einer Literatur- und Kunstzeitschrift „im Dienste des Humanismus“, und veröffentlichte die Gedichte von Pierre Emmanuel, Henri Michaux, Paul Éluard und dem stalinistischen KP-Schriftsteller Louis Aragon. Als Mitglieder der politisch nicht einheitlichen Widerstandsbewegung gegen die Nazis, der Résistance, gewährten Taverniers Eltern Aragon und seiner Frau Elsa Triolet Zuflucht und nutzten ihr Haus für Treffen mit anderen Gegnern der faschistischen Behörden.

Tavernier erkrankte in jungen Jahren an Tuberkulose und wurde in ein Sanatorium eingewiesen, wo einige Mitglieder des Pflegepersonals zur Unterhaltung der Patienten Filme vorführten. „Es hat mir das Leben gerettet“, sagte er 2017 dem National Public Radio in den USA: „Das Kino hatte etwas -- es ließ mich träumen; es weckte meine Leidenschaft. Ich glaube, das Kino hielt mich am Leben. Es gab mir Hoffnung“.

Nachdem die Familie 1947 nach Paris gezogen war, ging Tavernier regelmäßig ins Kino und gründete mit ein paar Schulfreunden, darunter Volker Schlöndorff, der spätere führende deutsche Filmemacher, eine Filmgesellschaft. Sie sahen sich zahlreiche Filme an, darunter Hollywood-Klassiker und andere Filme, die während der Nazi-Okkupation verboten waren, aber in Taverniers Teenager-Zeit die französischen Kinos eroberten.

Entgegen der Hoffnung seiner Eltern, er würde ein Jurastudium an der Sorbonne absolvieren, entschied sich der junge Tavernier, Regisseur zu werden. Er begann, Filmkritiken für lokale Publikationen und schließlich für die Magazine Positif, Cahiers du Cinéma und Télérama zu schreiben.

1960 interviewte Tavernier den Regisseur Jean-Pierre Melville, der ihn als Regieassistent für Léon Morin, Priest (1961) engagierte. Obwohl ihn der temperamentvolle Melville wieder entließ, verschaffte er dem 19-Jährigen einen Job als Filmkritiker.

Nach einigen Kurzfilmen in den frühen 1960er Jahren brachte Tavernier 1974 seinen ersten Spielfilm, „Der Uhrmacher von St. Paul“, heraus. Der Film basiert auf einem Roman von Georges Simenon nach einem von Jean Aurenche, Pierre Bost und Tavernier entwickelten Drehbuch. Gedreht in Lyon, war es ein selbstbewusstes und beeindruckendes Debüt.

Der Film thematisiert die komplexe und wechselhafte Beziehung zwischen Michel Descombes, einem bescheidenen Uhrmacher und Witwer (brillant gespielt von Philippe Noiret), und seinem Sohn Bernard (Sylvain Rougerie), den er kaum kennt. Bernard wird nach dem Mord an einem Wachmann in einer Fabrik, in der er arbeitete, gefasst und vor Gericht gestellt.

Der Film suggeriert zwar keine politischen Motive für den Mord, zeichnet aber sorgfältig Michels sich verändernde Einstellung zum Prozess gegen seinen Sohn, zu den Methoden der Polizei und der Staatsanwaltschaft nach. Tavernier vermittelt die aufgestauten Spannungen und Frustrationen unter den einfachen Menschen im Frankreich der frühen 1970er Jahre, nur wenige Jahre nach dem verratenen Generalstreik von 1968.

Noiret und Tavernier bei den Dreharbeiten von „Der Uhrmacher von St. Paul“ (1974)

Taverniers Entscheidung, mit Jean Aurenche und Pierre Bost zu arbeiten, die zur älteren Generation der französischen Filmemacher gehörten, war bedeutsam und stellte ihn bewusst in Widerspruch zum Programm der Nouvelle Vague (Neue Welle) im französischen Kino, das von François Truffaut und Jean-Luc Godard vertreten wurde.

Truffaut hatte 1954 in seiner bekannten Polemik „Eine gewisse Tendenz des französischen Kinos“ argumentiert, dass es notwendig sei, die „literarischen“ Traditionen des französischen Kinos abzulehnen. Aurenche, Bost und andere ältere französische Filmregisseure und Drehbuchautoren, so Truffaut, steckten in der „Qualitätstradition“ (la tradition de qualité) fest und produzierten „Papas Kino“. Junge Filmemacher müssten mit diesem Ansatz brechen, insistierte er.

Im Gegensatz zu Truffauts verworrenen und einseitigen Vorschlägen war „Der Uhrmacher von St. Paul“ ein kritischer und kommerzieller Erfolg für Tavernier, der den Weg für weitere Drehbücher mit Aurenche und Bost sowie für viele weitere preisgekrönte Kooperationen mit dem Schauspieler Philippe Noiret ebnete.

Tavernier nahm sich in den folgenden Filmen einer vielfältigen, fast eklektischen Palette von Geschichten und Themen an. Nicht alle waren künstlerische oder Publikumserfolge, aber seine Filme enthielten immer wichtige soziale und psychologische Einsichten. Die Protagonisten in Taverniers Filmen waren komplexe Individuen, oft Außenseiter und in der Regel im Zwiespalt mit den Behörden und der offiziellen öffentlichen Meinung.

„Der Richter und der Mörder“, der im Frankreich des späten 19. Jahrhunderts spielt und lose auf realen Personen und Ereignissen basiert, bleibt ein interessantes und fesselndes Werk. Taverniers 1976 veröffentlichter Film handelt von Joseph Bouvier (Michel Galabru), einem verwundeten ehemaligen Soldaten, der, von seiner Verlobten zurückgewiesen, einen Nervenzusammenbruch erleidet und in eine Nervenheilanstalt eingewiesen wird.

„Der Richter und der Mörder“ (1976)

Bouvier wird von den Anstaltsleitern schlecht behandelt und entlassen. Darauf wandert er durch das ländliche Frankreich und begeht eine Reihe von Sexualmorden an jungen Landarbeitern. Ein ehrgeiziger Richter und Staatsanwalt (Philippe Noiret) versucht, diese grausamen Verbrechen und die sensationslüsternen Medien zu nutzen, um seine eigene Karriere zu fördern.

Das Drama, das zur Zeit der antisemitischen Hexenjagd und des Komplotts gegen Alfred Dreyfus spielt und sich auf die blutige Niederschlagung der Pariser Kommune 1871 bezieht, entlarvt den brutalen Charakter des französischen Staates -- die Armee, die Kirche, die Gefängnisse und die Anstalten -- und seine Angst vor der rebellischen Arbeiterklasse.

Einer von Taverniers meistverbreiteten und populärsten Filmen, „Der Saustall“ (1980), ist eine schwarze Komödie, die auf dem „Hardboiled“-Kriminalroman Pop 1280 (1964) des linksgerichteten US-Autoren Jim Thompson basiert. Der Film handelt von einem rassistischen Sheriff im amerikanischen Süden in den 1910er Jahren.

Bertrand Tavernier las Thompsons Roman in den 1960er Jahren und versuchte über mehrere Jahre erfolglos, ein Drehbuch zu entwickeln, in dem die Handlung nach Frankreich verlegt wurde. Nach der Lektüre von Louis-Ferdinand Célines Reise ans Ende der Nacht (1932) beschloss Tavernier jedoch, die Geschichte in eine Kleinstadt im kolonialen Französisch-Westafrika zu verlegen und 1938, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, spielen zu lassen.

„Der Saustall“ (Coup de Torchon, 1980)

Lucien Cordier (wieder Philippe Noiret), der einzige Polizist in der Stadt, wird von den meisten seiner Landsleute mit Verachtung behandelt. Alle, einschließlich seiner untreuen Frau Huguette (Stéphane Audran), halten ihn für einen Narren.

Korrupt, faul und von Selbstzweifeln geplagt, unterhält Cordier selbst eine Affäre mit Rose Marcaillou (Isabelle Huppert). Sie wird unwissentlich in seine kleinlichen Intrigen hineingezogen, was sich schließlich zu einer wahnsinnigen Mordserie entwickelt.

Taverniers düsterer Film sagt viel über das französische Kolonialleben und „französische Kolonialbeamte, die durch ihre Gier abgestumpft sind“ aus, wie Leon Trotzki 1933 in seinem Kommentar zu Célines Roman bemerkte.

„Das Leben und nichts anderes“ (1989), ebenfalls mit Philippe Noiret, und „Hauptmann Conan und die Wölfe des Krieges“ (1996), mit Philippe Torrenton, sind starke Anti-Kriegsfilme, die in den Nachwehen des Ersten Weltkriegs spielen. Beide Hauptfiguren -- der eine ein ziemlich hochrangiger Armeeoffizier, der andere ein Militärkommandant -- kämpfen darum, sich von den Schrecken des Krieges zu erholen, während sie versuchen, ihre militärischen Pflichten in der Zeit des sogenannten Friedens zu erfüllen.

„Das Leben und nichts anderes“ (1989)

Im Mittelpunkt von „Das Leben und nichts anderes“ steht Major Dellaplane (Noiret), der mit der Suche nach dem Verbleib von schätzungsweise 350.000 vermissten Soldaten betraut ist, einschließlich der Identifizierung von Tausenden von Leichen, die noch auf den Schlachtfeldern vergraben sind.

Dellaplane freundet sich mit zwei Frauen an -- Irène de Courtil (Sabine Azéma), die aus einer wohlhabenden Industriellenfamilie stammt, und Alice (Pascale Vignal), eine junge arbeitslose Lehrerin --, die verzweifelt darauf hoffen, ihre lange vermissten Liebhaber zu finden.

Während eines Gesprächs sagt Dellaplane zu de Courtil: „Du hast den Krieg aus der Ferne gesehen. Der Krieg ist schlimmer, so viel schlimmer. Hektar um Hektar bedeckt mit verrottenden Kadavern, keine Bäume und mit Fliegen bedeckte Köpfe, die aus Wasserlöchern ragen ... Es stinkt. Es wimmelt von Ratten ...“

De Courtil: „Halt die Klappe!“

Dellaplane: „Wir tun nichts, außer die Klappe zu halten! Wer würde uns schon zuhören? Wer würde es drucken? Die Zeitungen wollen nur Lügen und offiziellen Blödsinn.“

De Courtil verliebt sich später in Dellaplane, aber er ist nicht in der Lage, ihre Zuneigung zu erwidern, und sie zieht schließlich in die USA. Der Film endet mit Aufnahmen des inzwischen pensionierten Majors auf dem Lande, der im Off einen poetischen Brief liest, in dem er ihr seine Liebe gesteht und sie bittet, wieder zu ihm nach Frankreich zu kommen.

Sein schöner Brief schließt mit einem erschreckenden Postskriptum: „Im Vergleich zum dreistündigen Siegesmarsch der Alliierten über die Champs-Élysées hätte der Marsch der Gefallenen bei gleicher Geschwindigkeit, gleichem Schritt und gleichen militärischen Formationen 11 Tage und 11 Nächte gedauert. Verzeihen Sie mir diese niederschmetternde Genauigkeit.“

Bei Hauptmann Conan handelt es sich um den Anführer einer spezialisierten französischen Kommandoeinheit, die aus rauen Charakteren besteht -- einige wurden aus Militärgefängnissen rekrutiert – und die im Rahmen der imperialistischen Intervention gegen die russische Revolution auf dem Balkan eingesetzt wird. Conan wird während des Konflikts als Held gefeiert, aber von den Militärs mit Verachtung behandelt und nach Kriegsende kurzerhand entsorgt.

Weitere einfühlsame und denkwürdige Tavernier-Filme aus den 1980er und 90er Jahren sind „Ein Sonntag auf dem Lande“ (1984), ein wehmütiger Film über einen älteren Künstler aus dem späten 19. Jahrhundert und seine Familie; „Um Mitternacht“ („Round Midnight“, 1986), eine Hommage an die afroamerikanischen Jazzmusiker, die in den 1950er Jahren in Paris lebten und auftraten; und „Daddy Nostalgie“ (1990), Michael Powell gewidmet, über die Beziehung zwischen einem herzkranken englischen Geschäftsmann im Ruhestand (Dirk Bogarde, sein letzter Film) und seiner Tochter (Jane Birkin).

„Um Mitternacht“ („Round Midnight“, 1986)

„Um Mitternacht“ ist zweifellos das intelligenteste Filmdrama über Jazzmusiker und konzentriert sich auf den alternden Saxophonisten Dale Turner (Dexter Gordon) und seine Beziehung zu einem französischen Illustrator, Francis (François Cluzet), einem alleinerziehenden Elternteil, und dessen junger Tochter.

Turner, eine fiktive Kombination aus Bud Powell, Lester Young und anderen, kämpft mit Drogen- und Alkoholproblemen und zweifelt an seiner Fähigkeit, seine musikalische Kreativität aufrecht zu erhalten. Der hintergründige und schillernde Dexter Gordon, der diese Dämonen aus eigener Erfahrung kennt, wurde für einen Oscar nominiert und erhielt mehrere Schauspielpreise für seine überzeugende Darstellung.

In einer denkwürdigen Szene gesteht Turner einem Psychiater nach einem weiteren, fast tödlichen Saufgelage: „Ich bin von allem müde, außer von der Musik, [aber] mein Leben ist Musik, meine Liebe ist Musik, sie ist 24 Stunden am Tag. Das ist ein schweres Urteil, dem man sich stellen muss. Es ist wie etwas, das sich nicht abschalten lässt und nicht von dir ablässt."

„Um Mitternacht“ gewann sowohl den britischen als auch den Academy Award für die beste Filmmusik von Herbie Hancock, der zusammen mit den Musikern Wayne Shorter, Tony Williams, Ron Carter und John McLaughlin auch im Film mitwirkte.

Trotz des Kritiker- und Kassenerfolgs von „Um Mitternacht“ und „Das Leben und nichts anderes“ ignorierten amerikanische und australische Verleiher beschämenderweise Taverniers letzte sieben Filmdramen. Die besten – „Es beginnt heute“ (1999), „Laissez-passer“ (2002) und „Mord in Louisiana“ (2009) -- wurden nie in den amerikanischen Kinos gezeigt.

„Es beginnt heute“ (1999)

„Es beginnt heute“ ist einer von Taverniers leidenschaftlichsten und klassenbewusstesten Filmen. Der 1999 veröffentlichte Film folgt Daniel Lefebvre (Torrenton), einem sozial engagierten Kindergartenleiter in einer nordfranzösischen Bergbaustadt, die von hoher Arbeitslosigkeit und großer Armut gezeichnet ist.

Daniel befindet sich im täglichen Konflikt mit den Bildungs- und Kommunalbehörden um die stark unterfinanzierte Einrichtung. Abgesehen von einer Handvoll professioneller Schauspieler stammen die meisten Darsteller, einschließlich der Kinder, aus der Stadt.

„Laissez-passer“ basiert auf den Erfahrungen der beiden Hauptfiguren, die unter dem Vichy-Regime, das im Zweiten Weltkrieg mit den Nazis kollaborierte, in der französischen Filmindustrie tätig waren. Die Geschichte spielt in Paris und folgt dem Regieassistenten und Widerstandskämpfer Jean Devaivre (Jacques Gamblin) und dem Drehbuchautor Jean Aurenche (Denis Podalydès), die beide versuchen, ihre künstlerische und politische Integrität zu wahren, während sie für die von Deutschland kontrollierten Continental Film Studios arbeiten.

Tommy Lee Jones in „Mord in Louisiana“ (2009)

„Mord in Louisiana“ ist eine starke und überzeugende Leistung. Der Film wurde vor Ort in Louisiana nach dem Hurrikan Katrina gedreht und basiert auf einem Kriminalroman von James Lee Burke. Tommy Lee Jones spielt die Rolle von Dave Robicheaux, einem fiktiven Sheriff-Detektiv, der in einem Verbrechen ermittelt. Robicheaux wird vom Bürgerkrieg und seinen Folgen heimgesucht. Die Musiker Buddy Guy und Levon Helm haben im Film kleine Rollen. Tavernier geriet mit seinen Produzenten aneinander, die darauf bestanden, etwa zehn Minuten zu kürzen und den Film dann direkt auf DVD zu veröffentlichen. Tavernier brachte seine Version schließlich in Europa heraus, wobei die Kürzungen wiederhergestellt wurden.

Seine intelligente und sozial fortschrittliche künstlerische Einstellung war von einer allgemeinen, aber akuten Feindseligkeit gegenüber sozialer Ungerechtigkeit und den Mächtigen beseelt, untermauert von dem Aphorismus des antiken römischen Dramatikers Terenz (Publius Terentius Afer): „Nichts Menschliches ist mir fremd.“ Während Tavernier diesen humanistischen Ansatz über weite Strecken seiner Karriere beibehalten konnte, war das erste Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts für ernsthafte Künstler in allen Ländern, einschließlich Tavernier, schwierig und politisch desorientierend.

1978 erzählte Tavernier einem Cineaste-Journalisten, dass er „seit einiger Zeit“ Trotzkist sei und lobte Trotzkis „schöne Schrift über Kunst in Literatur und Revolution“. Aber Taverniers Interesse an Trotzki ging offenbar nie über eine lose Verbindung mit der „Organisation Communiste Internationaliste“ (OCI) in den frühen 1970er Jahren hinaus. In einem Gespräch mit der WSWS im Jahr 2009 sagte Tavernier, dass er von seinem damaligen ständigen Kameramann Pierre-William Glenn überredet wurde, an einigen Treffen der OCI teilzunehmen und Geld zu spenden, der Organisation aber nie beigetreten sei.

Jedenfalls brach die OCI 1971 mit dem Internationalen Komitee der Vierten Internationale (IKVI) und dem echten Trotzkismus und bewegte sich nach rechts, wobei sie ihre Bemühungen darauf konzentrierte, Druck auf die Sozialistische Partei von Francois Mitterrand und andere im „linken“ Establishment und den Gewerkschaften auszuüben.

Die Auflösung der Sowjetunion 1991 und die zahllosen Verrätereien an der Arbeiterklasse durch die stalinistische Kommunistische Partei, die Sozialistische Partei und „linke“ Gewerkschaftsbürokraten in Frankreich und anderen Ländern sorgten dafür, dass viele die Orientierung verloren und nach rechts abdrifteten.

Tavernier war gegen diesen Druck nicht immun. Im Jahr 2002 begann Nicolas Sarkozy, damals Innenminister des französischen Präsidenten Jacques Chirac, sich als aufgeklärter und „vernünftiger“ Politiker zu vermarkten.

Als Sarkozy, ehemaliger Bereitschaftspolizist und zukünftiger Präsident, versprach, sich um die Ungerechtigkeiten zu kümmern, mit denen einzelne Einwanderer konfrontiert sind, die Tavernier in Histoires de vies brisées: les 'double peine' de Lyon“ dokumentiert hatte, schluckten der erfahrene Filmemacher und einige andere Künstler den Köder und unterstützten den rechten Politiker öffentlich.

„Wildes Treiben am Quai d'Orsay“ (2013)

„Wildes Treiben am Quai d'Orsay“, Taverniers Komödie aus dem Jahr 2013, war ebenso fehlgeleitet. Basierend auf einem populären Comic, besteht der Film aus ein paar Wochen im Leben eines unglücklichen jungen Redenschreibers, der versucht, in den Tagen vor der US-geführten Invasion des Irak, die Rede des französischen Außenministers vor der UNO zu verfassen.

Alexandre Taillard de Worms (Thierry Lhermitte), der fiktive Außenminister des Films, basiert offensichtlich auf Dominique de Villepin, der diesen Posten von 2002 bis 2004 innehatte. Der Film stellt unaufrichtig Frankreichs Scheinwiderstand gegen den amerikanischen Ansturm als eine gut gemeinte, aber im Allgemeinen vergebliche Übung dar und schließt damit, dass der Außenminister des Films Villepins Rede vor der UNO im Februar 2003 wiedergibt. Die Rede wird als Triumph dargestellt, und es wird im Film nicht und ebenso wenig im Abspann erwähnt, dass die französische Regierung die US-Invasion einige Wochen nach Villepins Äußerungen befürwortet hat.

Bei der Promotion des Films im Jahr 2014 sagte Tavernier gegenüber Film Comment, dass Villepins UN-Rede „die brillanteste Rede der französischen Diplomatie seit zwei oder drei Jahrzehnten war. Damals wurde sie in diesem Land verunglimpft, aber er hatte völlig recht. Alles, was in dieser Rede stand, ist heute zeitlos. Sie ist präzise, intelligent, wahr und weise.“

Ungeachtet dieser eher traurigen Behauptung und anderer Fehltritte konnte Tavernier mit „My Journey Through French Cinema“ (2016) eine wertvolle und lohnenswerte Dokumentation über die Meister des französischen Films und ihre künstlerischen Leistungen drehen. Das mehr als eine dreieinviertel Stunde lange Werk sei, so Tavernier, „ein Dankeschön an all diese Filmemacher, Autoren und Komponisten, die mein Leben erhellt haben.“

Es war ein passender letzter Gruß dieses Veteranen unter den Regisseuren, dessen beste Filme und lebenslanger Beitrag zur Filmkunst von allen jungen Filmemachern sowie dem breiten Kinopublikum studiert werden sollten.

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