Großbritannien: Delta-Variante breitet sich rasant aus – am schnellsten unter Schülern

Überall auf der Welt benutzen die Regierungen die längst nicht abgeschlossenen Impfprogramme als Rechtfertigung, um das Coronavirus in der Bevölkerung wüten zu lassen.

Dieser Kurs gefährdet nicht nur die zahllosen noch nicht Geimpften und diejenigen, bei denen der Impfstoff keine robuste Reaktion ausgelöst hat, sondern unterwirft auch Millionen Kinder einer uneingeschränkten Herdenimmunitäts-Politik.

Alex Dickerson (links) unterrichtet am 24. Mai die Eingangsklasse der Holy Family Catholic Primary School im Londoner Stadtteil Greenwich (AP Photo/Alastair Grant)

Auch für junge Menschen kann eine Infektion mit Covid-19 ernste Folgen haben. In Ländern wie Brasilien sind Tausende Kinder gestorben. In Indien mussten erst am Donnerstag drei Kindern die Augen entfernt werden, weil sie sich wegen Covid-19 mit dem „Schwarzen Pilz“ infiziert hatten. In Großbritannien entwickeln etwa acht Prozent der infizierten Kinder Long-Covid-Symptome. Über die langfristigen Folgen von Covid-19 bei Kindern ist zwar noch vieles unbekannt, doch einige Studien deuten auf eine Verbindung zwischen dem Virus und einer späteren Diabetes-Erkrankung hin.

Zudem kann das Virus, wenn es in einem nennenswerten Teil der Bevölkerung zirkuliert, neue Varianten entwickeln, die das ganze Impfprogramm gefährden könnten.

In Großbritannien zeigt sich, wie schnell sich das Coronavirus in der jungen Bevölkerung ausbreitet, wenn die öffentlichen Gesundheitsmaßnahmen aufgehoben werden. Die Zahl der Infektionen mit der leichter übertragbaren und tödlicheren Delta-Variante steigt in Großbritannien exponentiell an; am Donnerstag wurden mehr als 11.000 Fälle gemeldet.

Wie Gesundheitsminister Matt Hancock vor zehn Tagen zugegeben hat, machen Kinder „einen gewaltigen Anteil an den jüngsten Fällen aus“. Seither ist die Zahl der Infektionen in Schulen noch weiter angestiegen. Laut jüngsten Zahlen des Office for National Statistics verzeichnen Sekundarschulen die höchsten Infektionsraten. Von allen Altersgruppen war der Anteil der Infektionen bei den Sieben- bis Elfjährigen am höchsten, am 2. Juni entfiel auf sie einer von 210 Fällen.

Laut der REACT-1-Studie des Imperial College in London ist die Verbreitung von Covid-19 unter Fünf- bis Zwölfjährigen sowie jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren am höchsten.

Die Zahl der Hospitalisierungen zeigt, wie gefährlich die neue Variante für Kinder sein kann. Alleine in der letzten Maiwoche wurden in Schottland zehn Kinder mit Covid-19 ins Krankenhaus eingewiesen, von Säuglingen bis zu Neunjährigen.

Doch statt die Schulen sofort zu schließen und zum Distanzunterricht zurückzukehren, bis das Virus eingedämmt ist, rief das Bildungsministerium am Donnerstag Schulleiter in einer E-Mail dazu auf, „Personal und Schüler anzuhalten... weiterhin zweimal pro Woche zu testen... Schülergruppen .... sollten bestehen bleiben.“

Am 27. Mai meldete das Bildungsministerium 4.000 Fälle von Covid-19 unter Kindern. Die Abwesenheitsrate an öffentlichen Schulen in England wurde auf 1,8 Prozent geschätzt, das ist der höchste Wert seit Beginn des Sommerhalbjahres. Die Zahl der Schüler in häuslicher Quarantäne stieg innerhalb einer Woche von 60.000 auf 90.000. Wie Public Health England (PHE) diese Woche bestätigte, wurden seit dem 26. April 149 Ausbrüche an Schulen mit der Delta-Variante in Verbindung gebracht, 136 davon in den vier Wochen bis zum 6. Juni.

Bis zum Beginn des Halbjahres hat sich in England die Zahl der Schüler, die wegen Covid-19 in der Schule fehlen, von 1,0 auf 1,8 Prozent fast verdoppelt. Laut offiziellen Daten entspricht dies mehr als 140.000 Schülern.

Fünf Experten des BMJ (vormals British Medical Journal) veröffentlichten am 11. Juni einen Artikel, in dem sie die Regierung dafür verurteilten, „Kinder, Personal und Kommunen der Gefahr einer rapiden Ausbreitung der neuen, leichter übertragbaren Variante und dem Risiko von Long Covid auszusetzen“. In Schulen fehlten selbst „grundlegende Eindämmungsmaßnahmen wie Gesichtsmasken, Abstand und frische Luft“.

Das Virus breitet sich seit der fast vollständigen Wiederöffnung der Wirtschaft durch die Regierung am 17. Mai so stark aus, dass viele Schulen ab dem Sommerhalbjahr die Maskenpflicht wieder eingeführt haben. Damit widersetzten sie sich den Empfehlungen der Regierung, die auf einer Lockerung der Maskenpflicht in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen beharrt.

Der Vorsitzende der Unabhängigen Wissenschaftlichen Beratergruppe für Notfälle (SAGE) und ehemalige oberste wissenschaftliche Berater der Regierung, Sir David King, erklärte, die Maskenpflicht in Schulen sollte durchgesetzt werden. King fragte, ob die Regierung wirklich „an Herdenimmunität unter Schülern glaubt? Sagen sie deshalb: ,Nehmt die Masken ab‘, damit sich die Krankheit schnell ausbreitet und alle sie bekommen und immun werden?“

Die Regierung hat beschlossen, die Maskenpflicht aufzuheben, obwohl sie wusste, dass sich die Delta-Variante in Schulen ausbreitet. Die Aktivistengruppe The Citizens und das Datenrechtsunternehmen AWO veröffentlichten ein juristisches Schreiben an die PHE, in dem sie der Regierungsorganisation vorwarfen, wichtige Daten über Ausbrüche der Variante an Schulen zurückgehalten zu haben. Bereits letzten Monat sollte ein Bericht veröffentlicht werden.

Es lässt sich nicht vertuschen, dass sich Covid-19 in den Schulen wie ein Lauffeuer ausbreitet.

Letzte Woche wurden in allen zehn Bereichen der Metropolregion Greater Manchester Ausbrüche an 15 Schulen bestätigt. In Bolton waren in der letzten Maiwoche fast ein Drittel aller Schüler wegen einer Infektion mit der Variante nicht zur Schule erschienen.

Im benachbarten Liverpool wurden an der Bluecoat School 180 Schüler wegen bestätigten Infektionen nach Hause geschickt.

In Gloucestershire musste die Downend School wieder zum Onlineunterricht zurückkehren, nachdem 31 Fälle bestätigt wurden.

Im Londoner Stadtteil Bromley teilten die Gesundheitsbehörden den Eltern der Schüler von Ealing, Hillingdon, Brent, Harrow und Hounslow mit, ihre Kinder sollten „bis auf Weiteres“ Masken tragen. Bromley ist mit 58 bestätigten Fällen der neuen Variante der am stärksten betroffene Stadtteil Londons.

Auch in Bristol, wo an 25 Schulen Ausbrüche der Variante gemeldet wurden, ist die Maskenpflicht wieder eingeführt worden.

In Yorkshire meldeten die Sandal Castle Primary School in Wakefield und die Outwood Academy in Hemsworth zu Beginn des Halbjahres Delta-Fälle. Die Tadcaster Grammar School ging wieder zum Distanzunterricht über, nachdem positive Fälle festgestellt wurden.

An der Haslingden High School in Rossendale (Lancashire) gab es im Vorfeld des zweiten Halbjahres keine Fälle. Als die Schule am Montag wieder begann, wurden zwei Schüler positiv getestet, bis Freitag waren es 35, am Wochenende 70.

An den Wilmington Grammar Schools for Girls and Boys in Kent werden die Schüler getestet, nachdem es an der University of Kent und der King's School in Canterbury zu Ausbrüchen kam.

Die Verwaltung des Hertfordshire County gab eine Covid-Warnung für den Bezirk Three Rivers mit 93.323 Einwohnern heraus, nachdem am 27. bis 29. Mai ein Cluster von Corona-Fällen bei Kindern zwischen 10 und 14 Jahren gefunden wurde. Kinder im Alter zwischen fünf und neun Jahren wurden positiv getestet.

In Watford wurde die Cherry Tree Primary vor Beginn des Halbjahres geschlossen, nachdem Fälle bestätigt wurden.

In Wales wurden die Schüler der Goitre Primary School in Merthyr Tydfil eine Woche lang nach Hause geschickt, nachdem ein Besucher der Schule positiv getestet worden war. In Denbigshire wurde ein Ausbruch der Delta-Variante an Schulen gemeldet. In Newport wurden 300 Schüler der Basseleg School nach Hause geschickt, nachdem 100 positiv getestet worden waren.

In Schottland mussten 316 Schüler in Perth und Kinross in häusliche Quarantäne, nachdem Schüler an fünf Schulen positiv getestet wurden. Die St. John's RC Academy meldete zwischen dem 26. Mai und dem 1. Juni neun Fälle. An der Balhousie Primary School, der Inch View Primary School, der Kinross High School und der Perth Grammar School wurden positive Tests gemeldet.

Der Versuch, bei den Tests in Schulen auf wissenschaftlich diskreditierte Nebenhöhlen-Flusstests zu setzen, ist vollständig gescheitert. Das britische Joint Committee on Vaccination and Immunisation (JCVI) wird vermutlich die Impfung fast aller unter 18-Jährigen nicht empfehlen.

Die Reaktion der Gewerkschaften des Bildungswesens auf die sich anbahnende Katastrophe ist lediglich ein Appell an die Regierung, die Maskenpflicht wieder einzuführen. Die gemeinsame Generalsekretärin der NEU Mary Bousted erklärte lahm: „Wir haben der Regierung mitgeteilt, dass es voreilig war, die Maskenpflicht abzuschaffen.“

Die NEU hat sich durchweg geweigert, ihre 450.000 Mitglieder zu mobilisieren, um die Schulen während der Pandemie geschlossen zu halten. Gemeinsam mit den anderen Gewerkschaften des Bildungswesens unterdrückte sie den Widerstand von Eltern und Lehrern, die statt Präsenzunterricht Distanzunterricht forderten, bis eine Rückkehr in die Klassenzimmer sicher ist. Die NEU lehnt die Schließung von Schulen so vehement ab, dass ihr gemeinsamer Vorsitzender Kevin Courtney letzte Woche twitterte: „Unterricht im Freien sollte ermutigt werden, wo immer es möglich ist.“

Der Generalsekretär der Schulleitergewerkschaft NAHT, Paul Whiteman, erklärte selbstgefällig: „Die Zahl der Kinder, die wegen Covid nicht in die Schule können, ist insgesamt niedrig.“ Allerdings gab er einen „eindeutigen Anstieg... in einigen Gebieten“ zu.

Das Virus konnte sich ausbreiten und mutieren, weil die Labour Party und die Gewerkschaften übereinstimmten, dass Schulen und Wirtschaft wieder geöffnet werden müssen. Der Labour-Bürgermeister von Greater Manchester, Andy Burnham, unterstützte die Öffnungspläne der Regierung. Bevor am Montag angekündigt wurde, dass das Ende aller Einschränkungen und sozialen Distanzierungsmaßnahmen, das für den 21. Juni geplant war, um vier Wochen verschoben werden soll, erklärte er: „Ich will versuchen, mich an das Datum am 21. Juni zu halten... aber es muss sicher ablaufen.“

Ohne die Einführung strengster öffentlicher Gesundheitsmaßnahmen, bis die gesamte Bevölkerung geimpft ist, werden noch weitere Erkrankungen und Todesfälle folgen.

Die Socialist Equality Party ruft die Lehrkräfte und Eltern auf, sich dem Educators‘ Rank-and-File Safety Committee anzuschließen, um den Kampf für eine rationale Reaktion auf die Pandemie auf wissenschaftlicher Grundlage aufzunehmen. Dazu gehört die Schließung aller Bildungseinrichtungen und nicht systemrelevanter Arbeitsplätze, bis das Virus wirklich unterdrückt ist, und die Bereitstellung von zweistelligen Milliardenbeträgen für den Online-Unterricht. Ein solcher Kampf kann nur unabhängig von den Gewerkschaften im Rahmen eines vereinten Kampfs mit den Arbeitern aller Branchen für den Sozialismus und gegen die Unterordnung von Menschenleben unter den Profit im Kapitalismus erfolgreich sein.

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