Nach dem Einsturz des Champlain Towers South in Surfside im US-Bundestaat Florida, ist die offizielle Zahl der Todesopfer am Sonntag auf neun gestiegen. In den Trümmern der Wohnanlage, die nördlich von Miami Beach unweit der Atlantikküste liegt, geht derweil die Suche nach Verschütteten und Überlebenden weiter.
Acht Leichen wurden bisher in den Trümmern geborgen, eine verletzte Person verstarb im Krankenhaus. Mehr als vier Tage nach dem plötzlichen Einsturz des 12-stöckigen und 40 Jahre alten Hochhauses in den frühen Morgenstunden am Donnerstag vergangener Woche, werden immer noch über 150 Bewohner vermisst.
Unter den bisher identifizierten Opfern befinden sich die Rentner Antonio und Gladys Lozano, die 59 Jahre verheiratet waren und gemeinsam in ihrer Wohnung im neunten Stock im Schlaf gestorben sind. Die Leiche von Manuel LaFont (54) wurde am Freitag geborgen. LaFont, ursprünglich aus Houston (Texas), handelte als Geschäftsmann mit Unternehmen in Lateinamerika. Stacie Dawn Fang (54), das erste Opfer, das am Donnerstag identifiziert wurde, war durch stumpfe Gewalt erschlagen worden, als die Wohnung um sie herum zusammenbrach. Fangs Sohn, der Teenager Jonah Handler, ist einer von nur einer Handvoll Bewohnern, die die Ersthelfer aus den Trümmern retten konnten.
Die Suchaktion wurde durch ein schwelendes Feuer unter den Trümmern behindert, das schließlich am Samstag gelöscht werden konnte. Um die Bergungsarbeiten zu erleichtern, wird derzeit ein 12 m tiefer, 6 m breiter und 40 m langer Graben durch den Trümmerhaufen aus Beton, Stahl und Hausrat gezogen.
Es tauchen immer neue Berichte auf, denen zufolge seit mehreren Jahren bekannt war, dass die Gebäudestruktur baufällig und nicht mehr sicher war. Es liegt nahe, dass im Zusammenhang mit der Katastrophe kriminelle Nachlässigkeit eine entscheidende Rolle spielte. Jede offizielle Untersuchung wird jedoch auf Schönfärberei hinauslaufen und niemand wird ernsthafte Konsequenzen zu befürchten haben – obwohl von mehr als 150 Toten auszugehen ist.
Schon im Oktober 2018 berichtete Bauingenieur Frank Morabito dem Geschäftsführer der Eigentümergesellschaft Champlain Towers South Condominium Association, der das Gebäude gehört und die es verwaltet, über den Zustand des Hochhauses. In seinen Ausführungen warnte er, dass die Betonplatte unter dem Deck des Swimming-Pools und der Zufahrt „große strukturelle Schäden“ infolge eines defekten Nässeschutzes aufwies. „Sollte die Abdichtung nicht in naher Zukunft ersetzt werden, wird der Beton in erheblichen Ausmaßen erodieren“, schrieb der Ingenieur.
In dem Bericht, den die Stadt Surfside am Freitagabend veröffentlichte, wird ebenfalls festgestellt, dass Betonsäulen und Wände in der Parkgarage unter dem Gebäude auf mehreren Ebenen Risse aufwiesen und ganze Stücke abgeplatzt waren, wodurch die Stahlarmierung bereits an mehreren Stellen verrostet war.
Morabito stellte fest, dass „zur Erhaltung der strukturellen Integrität“ des Gebäudes Reparaturen notwendig seien. Er wies jedoch nicht daraufhin, dass ein Einsturz zu befürchten sei. Die wichtigste Schlussfolgerung des Berichts lautete, dass das Dach vor der Hurrikan-Saison ersetzt werden müsse, um Regen- und Windschäden zu vermeiden.
Als das Gebäude einstürzte, waren Reparaturen am Dach im Gange, um die Auflagen der Gemeinde Miami-Dade für alle Gebäude, die älter als 40 Jahre sind, zu erfüllen. Hinsichtlich des maroden Betons wurde jedoch nichts unternommen. Um die Reparatur- und Sanierungsauflagen der Gemeinde zu erfüllen, waren allein rund 15 Millionen Dollar notwendig.
Donna DiMaggio Berger, eine Anwältin der Eigentümergesellschaft, sagte der Daily Mail am Freitag, dass Morabito sich das eigentliche Fundament und den Boden unter dem Gebäude gar nicht angesehen habe. Dies sei für eine Neuzertifizierung des Gebäudes nicht erforderlich gewesen. Eine 2020 durchgeführte Analyse von Satellitendaten aus den 1990er Jahren durch einen Ingenieur der Florida International University hatte jedoch ergeben, dass das Gebäude jedes Jahr zwei Millimeter abgesunken war. Vermutlich ist das Gebäude in den letzten vierzig Jahren also mehr als acht Zentimeter abgesunken, was natürlich die strukturelle Stabilität stark beeinträchtigen konnte. Doch trotz dieser besorgniserregenden Befunde wurde keine offizielle Warnung ausgesprochen.
Die Wohnanlage Champlain Towers South wurde auf einem wiedergewonnenen Feuchtgebiet auf einer von zahlreichen Barriere-Inseln errichtet. Diese Inseln halten bei Hurrikans und tropischen Stürmen die Hauptlast von Wind und Sturmfluten vom Festland ab. In den späten 1920er Jahren hatten Spekulanten die Sandbank zwischen dem Atlantischen Ozean und der North Biscayne Bay als Bauland aufgeteilt, und auf diesem Gelände wurden die Fundamente der Stadt Surfside errichtet.
Als Miami-Dade County 1979 nach dem Ablauf eines Moratoriums den Bau neuer Gebäude genehmigte, waren die Champlain Towers North und South die ersten Gebäude, die wieder in Surfside gebaut wurden. Das Wasser- und Abwassersystem der Stadt galt als marode, und die Bauherren der Wohnanlage (an ihrer Spitze der in Polen geborene kanadische Anwalt Nathan Reiber) zahlten der Stadt 200.000 Dollar, was die Hälfte der Kosten für ein neues Abwassersystem ausmachte, um das Projekt umzusetzen.
Wie die Washington Post am Samstag berichtete, war Reiber in den 1970er Jahren in Kanada wegen Steuerhinterziehung angeklagt und zu einer Geldstrafe von 60.000 Dollar verurteilt worden. Reiber und einer seiner Partner betrieben in Kanada ein Immobilienunternehmen. Sie wurden beschuldigt, Zehntausende Dollar aus münzbetriebenen Wäschereien abgeschöpft und 120.000 Dollar aus einem betrügerischen Bauprojekt kassiert zu haben.
Ein Jahr nach der Genehmigung des Projekts sahen sich die Bauherren der Champlain Towers gezwungen, zwei Mitglieder des Stadtrats um die Rückgabe von Wahlkampfspenden zu bitten, da Reiber und seine Partner beschuldigt wurden, sich die Zustimmung der lokalen Regierung erkauft zu haben.
Der Bau der Champlain Towers fiel in eine Zeit, als die Deregulierung der Spar- und Darlehensbranche begann. Die Steuersenkungen von Präsident Ronald Reagan im Jahr 1981 rückten die steuerlichen Vorteile von Immobilien in den Vordergrund. Große Mengen an Geld flossen in die Entwicklung von Gewerbeimmobilien, und in Florida und überall in den USA nahm die Bautätigkeit massiv zu. Die Gebäude wurden oft schnell und kostengünstig hochgezogen.
Für das Desaster der Wohnanlage in Surfside sind die beiden großen kapitalistischen Parteien in den USA verantwortlich. In der Zeit von 1971 bis 1999 stellte mit Ausnahme von vier Jahren die Demokratische Partei den Gouverneur von Florida. In diese Zeit fiel ein beispielloser, nahezu unkontrollierter Boom von Wohn- und Gewerbebauten. In jüngerer Zeit drängte der republikanische Gouverneur Ron DeSantis darauf, die Regulierungen weiter herunterzufahren, um alle Hindernisse für die Ausbeutung der Arbeiterklasse zu beseitigen. Gleichzeitig leitete er zig Millionen Dollar an staatlichen Geldern an private Bauträger.
Nur wenige Stunden nach dem Einsturz des Surfside-Apartmenthauses gab Präsident Joe Biden ein parteiübergreifendes Infrastrukturabkommen bekannt, das jedoch nur einen Bruchteil seines ursprünglichen Vorschlags vorsieht. Gestrichen wurden sämtliche Mittel für Kinderbetreuung, Gesundheitsfürsorge oder Steuernachlässe für Familien, wie auch die versprochene Erhöhung der Unternehmenssteuern. Neue Investitionen in die Infrastruktur in diesem Paket von insgesamt 579 Milliarden Dollar werden unter dem Begriff der „Public Private Partnership“ an private Unternehmen vergeben.
Wie viele weitere Wohnanlagen an der Küste Floridas und in den gesamten Vereinigten Staaten derzeit vom Einsturz bedroht sind, ist nicht bekannt. Tatsache ist jedoch, dass Tausende solcher Hochhäuser unter ähnlichen Bedingungen und ebenfalls auf instabilem Grund errichtet wurden. Sie sind heute infolge der vom Menschen verursachten globalen Erwärmung immer stärkeren Überschwemmungen und Unwettern ausgesetzt. Eine umfassende Bestandsaufnahme wäre von dringender Notwendig. Jede Wohnanlage muss genau untersucht und alle Risiken für ihre Bewohner müssen ermitteln werden.
Wie ein Ingenieur bemerkte, muss die Katastrophe in Surfside als Frühwarnsystem gesehen werden; sie muss der sprichwörtliche „Kanarienvogel im Bergwerk“ sein. Sie weist auf die Konsequenzen hin, die der miserable Zustand der grundlegenden sozialen Infrastruktur im ganzen Land hervorbringen wird, wenn weiter jeder Aspekt des Lebens dem Streben nach immer größerem Profit untergeordnet wird. Dies zeigt sich in besonderem Ausmaß an der Corona-Pandemie: Die herrschende Klasse verfolgt eine Politik der „Herdenimmunität“, die die Ausbreitung der Krankheit erst ermöglicht hat. Mindestens 600.000 Amerikanern und 4 Millionen Menschen weltweit sind dem Virus erlegen.
Immer häufiger stürzen Brücken ein, Fabriken explodieren und Dämme brechen. Zahlreiche Arbeiter wurden bereits getötet, ihre Häuser zerstört und ihre Lebensgrundlage vernichtet. Aber nichts wird unternommen, um Probleme, die über Leben und Tod entscheiden können, zu lösen. In Detroit (Michigan) wurden am vergangenen Wochenende innerhalb weniger Stunden mehrere Autostraßen 15 cm tief vom Regen überschwemmt, da wichtige Pumpen ausfielen. Tausende Menschen saßen in ihren Autos fest. Hunderte von Häusern wurden überflutet und das Hab und Gut zahlreicher Familien wurde zerstört.
Der Kapitalismus ist nicht mehr in der Lage, diese grundlegenden Probleme zu lösen. Die Notwendigkeit einer rationalen Planung der gesellschaftlichen Organisation liegt auf der Hand. Sie ist jedoch unter Bedingungen der kapitalistischen Anarchie unmöglich. Diese grundlegenden Probleme können nur gelöst werden, wenn die Finanzoligarchie enteignet und die Gesellschaft unter Arbeiterkontrolle demokratisch neu organisiert wird. Nur so können die Ressourcen der Welt genutzt werden, um die Bedürfnisse der gesamten Menschheit zu befriedigen. Sicherer Wohnraum, sichere Arbeitsplätze, hochwertige Bildung und Gesundheitsfürsorge werden erst im Sozialismus möglich sein.
