Indien verlegt 50.000 zusätzliche Soldaten an die Grenze zu China - eine Provokation

Indien hat weitere 50.000 Soldaten an seiner umstrittenen Himalaya-Grenze zu China stationiert und behauptet, damit auf eine chinesische Militäraufrüstung zu reagieren.

Letztes Jahr kamen die rivalisierenden, atomar bewaffneten Mächte einem totalen Krieg so nahe wie seit einem einmonatigen Grenzkrieg im Jahr 1962 nicht mehr. Dazu gehörte ein blutiges Gefecht auf einem Bergkamm im Galwan-Tal in der Nacht des 15. Juni 2020, bei dem 20 indische und vier chinesische Soldaten starben, sowie eine Militäroperation Indiens Ende August, bei der Tausende von indischen Soldaten eine Reihe von Bergkämmen in der Nähe des Pangong-Tso-Sees einnahmen, der Teil der derzeitigen De-facto-Grenze zwischen Indien und China ist. Indische Beamte räumten später ein, dass diese höchst provokative Aktion, die Berichten zufolge durch US-Satellitenaufklärung unterstützt wurde, leicht zu einem gewaltsamen Zusammenstoß mit chinesischen Truppen hätte führen können, der in einen Krieg hätte münden können.

Panzer nahe dem Pangong-Tso-See in Ladakh an der indisch-chinesischen Grenze, 10. Februar 2021 (Indische Armee über AP)

Mit den jüngsten Truppenverlegungen hat Indien nun mindestens 200.000 und einigen Berichten zufolge sogar 250.000 Soldaten an seiner Nordgrenze stationiert. Laut einem Bericht, der letzte Woche von Bloomberg veröffentlicht wurde, wurden die zusätzlichen Truppen auf mindestens fünf Stützpunkten entlang der gesamten, mehr als 3.000 Kilometer langen Grenze Indiens zu China stationiert. 20.000 von ihnen bezogen in Leh im indisch kontrollierten Gebiet Ladakh Stellung. Zusammen mit der angrenzenden, von China gehaltenen Hochlandregion Aksai Chin ist der Osten Ladakhs der Brennpunkt des aktuellen Aufflammens des chinesisch-indischen Grenzstreits.

Indien ist außerdem dabei, die Infrastruktur in den Grenzregionen auszubauen, indem es neue Befestigungen, Flugplätze sowie Straßen- und Eisenbahnverbindungen errichtet, um Truppen und Nachschub schnell transportieren zu können. Als die indische Luftwaffe im Spätsommer letzten Jahres die ersten der 35 von Frankreich gekauften Rafale-Kampfjets in Besitz nahm, setzte sie diese sofort über Ladakh ein. Indien hat außerdem ein neues, gegen China gerichtetes Geschwader mit 18 Kampfjets in Ambala im nordindischen Bundesstaat Haryana aufgestellt und beabsichtigt, bald ein ähnliches Geschwader auf seinem Luftwaffenstützpunkt Hasimara in Westbengalen zu stationieren, um den östlichen Abschnitt seiner Grenze zu China zu überwachen.

Unter Berufung auf „informierte Kreise“ heißt es in dem Bloomberg-Bericht, dass sich das indische Militär in Stellung gebracht hat, um eine weitaus aggressivere Haltung einzunehmen. „Während früher', so der Bericht, „Indiens Militärpräsenz darauf ausgerichtet war, Bewegungen Chinas zu blockieren, wird die Umgruppierung den indischen Kommandeuren mehr Möglichkeiten geben, bei Bedarf anzugreifen und Territorium in China zu erobern – eine Strategie, die als ‚offensive Verteidigung‘ bezeichnet wird.“ Außerdem seien die indischen Streitkräfte nun mobiler. Dies ist auf kürzlich erworbene Hubschrauber aus US-amerikanischer Produktion zurückzuführen, die Soldaten und Artillerie, einschließlich der Haubitze M777 aus britischer Produktion, im Himalaya „von Tal zu Tal“ transportieren können.

Indiens Offizierskorps und seine Regierung unter Premierminister Narendra Modi von der rechtsextremen Bharatiya Janata Party haben wiederholt damit geprahlt, dass Indien bereit sei, es mit China aufzunehmen. Letzte Woche versprach Verteidigungsminister Rajnath Singh, Indien werde „eine angemessene Antwort geben, wenn es provoziert wird“. Mit dem viertgrößten Militärbudget der Welt, ballistischen Raketen und Atomwaffen verfügt Indien zweifellos über Massenvernichtungswaffen. Jeder chinesisch-indische Konflikt, selbst wenn er aufgrund einer Fehlkalkulation ausbricht und zunächst auf die jeweiligen Grenzregionen beschränkt bleibt, kann sich daher schnell zu einer beispiellosen Katastrophe für die Menschen in Asien und der Welt auswachsen.

Während die beiden Länder ungefähr die gleiche Bevölkerungszahl haben, ist Chinas Wirtschaft mehr als viermal so groß, und in den meisten technologischen Bereichen stellt China Indien in den Schatten. Der beklagenswerte Zustand der indischen Infrastruktur wurde durch die katastrophalen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie verdeutlicht, in der sich laut offizieller Zählung mehr als 30 Millionen Menschen infizierten und mehr als 400.000 starben. Obwohl Indien über beträchtliche Kapazitäten zur Herstellung von Impfstoffen verfügt, wurden bisher nur 5 Prozent der indischen Bevölkerung vollständig geimpft.

Die aggressive Haltung Neu-Delhis im aktuellen Grenzkonflikt mit China steht in direktem Zusammenhang mit der Unterstützung und Ermutigung, die es aus Washington erhält.

Gemäß einer Vereinbarung zwischen Bejing und Neu-Delhi führten Offiziere der indischen Armee und der chinesischen Volksbefreiungsarmee im Herbst und Frühwinter Gespräche über einen Truppenabzug. Beide Seiten zogen daraufhin ihre Soldaten in der Nähe des Pangong-Tso-Sees zurück. Diese Gespräche kamen jedoch ins Stocken, kurz nachdem Joe Biden als US-Präsident vereidigt worden war.

Bei seinem Amtsantritt stellte Biden unverzüglich klar, dass Washington unter seiner Regierung die wirtschaftliche, diplomatische und militärisch-strategische Offensive gegen China intensivieren wird und dass Indien und der Indische Ozean im Zentrum der US-Strategie stehen, Chinas „Aufstieg' zu vereiteln, wenn nötig durch Krieg. Im März berief Biden das allererste Treffen der Regierungschefs der Quad ein, einer quasi-militärischen Allianz des „strategischen Dialogs“. Neben den USA gehören ihr Indien und die wichtigsten Verbündeten der USA im asiatisch-pazifischen Raum an, nämlich Japan und Australien. Kurz nach dem Quad-Treffen besuchte US-Verteidigungsminister Lloyd Austin als erster hochrangiger Beamter der Biden-Administration Neu-Delhi. In einer Geste, die die Bedeutung unterstreichen sollte, die Indien dem Ausbau der militärisch-strategischen Zusammenarbeit mit Washington beimisst, wurde Austin eine Audienz bei Modi gewährt.

Seit Juli letzten Jahres sind gemeinsame Militärübungen von der indischen Marine und US-Flugzeugträgern, die nahe an Indien herankommen, praktisch zur Routine geworden – eine unmissverständliche Botschaft an China, dessen Wirtschaft in hohem Maße vom Öl im Nahen Osten und den Exporten aus dem Indischen Ozean nach Europa, Afrika und weiten Teilen Asiens abhängig ist. Die jüngste Übung dieser Art fand am 23. und 24. Juni statt, als die USS Ronald Reagan Carrier Strike Group, die in Japan stationiert ist, auf ihrem Weg ins Nordarabische Meer, wo sie den Abzug der US-Truppen aus Afghanistan unterstützen sollte, an Indien vorbeifuhr. Laut einer Pressemitteilung der indischen Marine zielte die Übung darauf ab, die „Kriegsführungsfähigkeiten' der beiden Streitkräfte zu verbessern und „ihre Interoperabilität als integrierte Streitkräfte“ zu steigern.

Washington hat im aktuellen indisch-chinesischen Grenzstreit, der im Mai begann, von Anfang an mitgemischt. In deutlichem Kontrast zum Zwischenfall in Doklam 2017, als sich indische und chinesische Truppen auf dem Himalaya-Plateau gegenüberstanden, das sowohl von China als auch von Bhutan beansprucht wird, täuschten die USA keine Neutralität vor und bezeichneten China sofort als „Aggressor“. Darüber hinaus haben sie die Sache noch weiter auf die Spitze getrieben, indem sie den indisch-chinesischen Grenzstreit mit ihren Anschuldigungen über „illegale“ chinesische Aktionen im Südchinesischen Meer verknüpften. Der Widerstand gegen den chinesischen „Expansionismus“ im Südchinesischen Meer ist einer der Hauptvorwände, den die USA für ihren massiven Ausbau der militärischen Kapazitäten im Indopazifik und für ihre provokativen Übungen zur „Freiheit der Schifffahrt“ vor Chinas Küsten vorgebracht haben.

Mit starker Unterstützung der käuflichen kapitalistischen Elite Indiens folgt die von Modi geführte BJP-Regierung dem Weg, den die Vorgängerregierung unter der Kongresspartei vorgezeichnet hat. Sie integriert Indien immer tiefer in die US-Offensive gegen China. Dabei setzt sie darauf, durch ein Bündnis mit dem krisengeschüttelten amerikanischen Imperialismus die eigenen Großmachtambitionen zu verwirklichen. Zu diesem Zweck öffnete sie in ihren ersten sechs Regierungsjahren Indiens Häfen und Luftwaffenstützpunkte für die Nutzung durch US-Militärs zu Zwecken von „Erholung und Nachschub“, unterzeichnete weitere Abkommen, die das Pentagon für gemeinsame Militäroperationen für notwendig hält, und übernahm Washingtons provokative Haltung zum Südchinesischen Meer.

In den letzten 14 Monaten, aufgewühlt durch die Pandemie und einen tiefen Konjunktureinbruch der ohnehin schon angeschlagenen indischen Wirtschaft, hat die Modi-Regierung all dies auf eine neue Ebene gehoben. Unter Berufung auf den Grenzstreit wurden die bilateralen, trilateralen und quadrilateralen Beziehungen Indiens mit den USA und ihren engsten regionalen Verbündeten, Japan und Australien, stark ausgebaut. Außerdem hat Indien hat seine Zusammenarbeit mit den USA bei der Bekämpfung des chinesischen Einflusses in ganz Südasien und in der Region des Indischen Ozeans intensiviert. Dabei hat es u. a. seinen Widerstand gegen eine Verteidigungskooperation Washingtons mit den Malediven aufgegeben. Zuvor wollte Neu-Delhi diese Inselgruppe im Indischen Ozean stets fest unter seiner eigenen Fuchtel halten.

Ein weiterer Hinweis darauf, wie sehr Indien in die strategische Offensive der USA gegen China eingebunden ist, ist die Teilnahme von Geheimdienstmitarbeitern aus Indien und Japan an einem Treffen der globalen Spionageorganisation Five Eyes im vergangenen Herbst. Diese von den USA angeführte Organisation konzentriert sich auf die Bekämpfung Chinas.

Als Gegenleistung dafür, dass sie dem US-Imperialismus die indische Bevölkerung als Satrapen zum Opfer bringen, hoffen die Modi-Regierung und die indische Bourgeoisie auf eine erhöhte Prominenz auf der Weltbühne, wie sie in der kürzlichen Einladung an Modi zur Teilnahme am G7-Gipfel in England zum Ausdruck kam. Außerdem hoffen sie auf Unterstützung bei dem Vorhaben, Indien zu einem mit China rivalisierenden Produktionsstandort zu machen und größere Investitionen von US-Waffenherstellern anzuziehen.

Wie Washington und andere Mächte schürt auch die indische Regierung Feindseligkeiten gegen China, um den Unmut der Bevölkerung über den katastrophalen Umgang mit der Covid-19-Pandemie abzulenken. In den letzten Wochen haben die indischen Medien die Verschwörungstheorie vom Ursprung des Coronavirus in einem Labor in Wuhan verbreitet, die zuerst von dem Faschisten Trump propagiert und kürzlich von der Biden-Administration wiederbelebt wurde.

Bejings offizielle Reaktion auf Indiens aggressive neue Grenzeinsätze war relativ zurückhaltend. Seine offiziellen Vertreter haben betont, dass die Situation stabil bleiben müsse, und wiederholten Aufrufe an die beiden Länder, den aktuellen Streit durch Gespräche zu lösen. „Die Worte und Taten der beiden Länder sollten darauf abzielen, die Situation abzukühlen und das gegenseitige Vertrauen zu fördern, nicht das Gegenteil“, sagte der Sprecher des chinesischen Außenministeriums, Wang Wenbin. Das Regime in Beijing, das die Oligarchie repräsentiert, die im Zuge der Restauration des Kapitalismus durch die stalinistische Kommunistische Partei geschaffen wurde, hat jedoch keine Lösung für die US-geführte imperialistische Offensive. Es schwankt zwischen dem Aufpeitschen von Nationalchauvinismus und der eigenen militärischen Aufrüstung und dem verzweifelten Versuch, Washington durch Zugeständnisse zu beschwichtigen.

In den letzten zwei Jahrzehnten haben sich der reaktionäre strategische Konflikt zwischen Indien und Pakistan (jahrzehntelang einer der engsten Verbündeten Bejings) und der chinesisch-indische Grenzkonflikt untrennbar mit der zunehmenden geostrategischen Rivalität zwischen den USA und China verwoben, was die Brisanz aller drei enorm erhöht hat. Um zu verhindern, dass der marode Kapitalismus die Menschheit in eine globale Katastrophe stürzt, muss die internationale Arbeiterklasse politisch mobilisiert werden und die rivalisierenden national basierten bürgerlichen Cliquen durch eine sozialistische Revolution entwaffnen.

Loading