Perspektive

Über 1.200 Ärzte und Wissenschaftler verurteilen die britische Covid-19-Politik als „gefährlich und unethisch“

Mehr als 1.200 Wissenschaftler und Ärzte haben einen offenen Brief an die medizinische Fachzeitschrift The Lancet vom 7. Juli unterzeichnet, der die Durchseuchungspläne der britischen Regierung als „gefährliches und unethisches Experiment“ ablehnt.

Bei seiner Erstveröffentlichung hatten etwas mehr als 120 Experten den Brief unterzeichnet. Eine Woche später hat sich diese Zahl verzehnfacht.

Der britische Premierminister Boris Johnson leitet eine Covid-19-Pressekonferenz mit dem Chief Scientific Adviser Sir Patrick Vallance und dem Chief Medical Officer Professor Chris Whitty am 19. Juli 2021. Auf der Pressekonferenz gab Johnson mit Rückendeckung von Whitty und Vallance grünes Licht für die Beendigung aller Corona-Beschränkungen am 19. Juli (Andrew Parsons/No 10 Downing Street/Flickr)

Am Montag veröffentlichten elf dieser Unterzeichner eine Dringlichkeitserklärung, in der sie ihre Kritik an der britischen Coronavirus-Politik verschärften.

Die Erklärung bezeichnet die Strategie der Tory-Regierung richtigerweise als „Herdenimmunität durch massenhafte Infektion“, die „48% der Bevölkerung (Kinder eingeschlossen), die noch nicht vollständig geimpft sind, darunter die klinisch Gefährdeten und Immunsupprimierten, einem inakzeptablen Risiko aussetzt“.

Weiter wirft die Erklärung Premierminister Boris Johnson und seiner Regierung vor, „Millionen Menschen rücksichtslos den akuten und langfristigen Folgen einer massenhaften Ansteckung auszusetzen“ und spricht von einer „Missachtung der grundlegenden Regierungspflicht, die öffentliche Gesundheit zu schützen“. Die Autoren zitieren den Leiter des Notstandsprogramms der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Mike Ryan: „Die Logik, dass es besser sei, wenn mehr Menschen infiziert werden, ist meiner Meinung nach eine Logik, die ihre moralische Leere und ihre epidemiologische Dummheit bereits bewiesen hat.“

Auf einer Notfall-Pressekonferenz, die am Tag der Veröffentlichung der Erklärung organisiert wurde, bezeichnete Dr. Helen Salisbury, Dozentin an der Universität Oxford und Kolumnistin der Fachzeitschrift BMJ (ehemals British Medical Journal ), das Streben der Regierung nach Herdenimmunität durch Infektion anstelle von Impfung als „kriminell“.

Dr. Richard Horton, Chefredakteur des Lancet, verurteilte den Chief Medical Officer der Regierung, Professor Chris Whitty, und den Chief Scientific Adviser, Sir Patrick Vallance. Horton erklärte: „Mit der falschen Ehrerbietung gegenüber dem Premierminister, die Sie von den beiden [auf der Pressekonferenz in der Downing Street am Montag] bei dem Versuch gesehen haben, seine Entscheidung zu stützen, haben sie meiner Meinung nach als unabhängige Regierungsberater abgedankt.“

Unter Bezugnahme auf Whittys Behauptung, es gebe „in der Wissenschaftsgemeinde eine weit verbreitete Übereinstimmung“ mit den Positionen der Regierung, kommentierte Horton: „Ich fürchte, man muss zu dem Schluss kommen, dass der Chief Medical Officer die wissenschaftliche Meinung im Land vorsätzlich falsch darstellt, und das ist außergewöhnlich zu beobachten.“

Die überwältigende Reaktion auf den ursprünglichen Brief an den Lancet hat Whittys Behauptungen über einen Konsens vernichtend widerlegt. Das Urteil über die Politik der Johnson-Regierung ist verheerend. Der Brief warnt vor der „Gefahr, sich auf Immunität durch natürliche Infektion zu verlassen“ und nennt als Risiken „die Schaffung einer Generation, die mit chronischen Gesundheitsproblemen und schweren Beeinträchtigungen zurückbleibt“, die Schaffung eines „Infektionsreservoirs, das wahrscheinlich die Ausbreitung beschleunigen wird, sobald Schulen und Universitäten im Herbst wieder öffnen“, die Bereitung eines „fruchtbaren Bodens für die Entstehung von impfstoffresistenten Varianten“ und die „Ausübung von weiterem Druck“ auf das Gesundheitswesen „zu einer Zeit, in der Millionen Menschen auf medizinische Leistungen und Routineversorgung warten“.

Der Brief fügt hinzu, dass diese Politik „weiterhin unverhältnismäßig die Schwächsten und Ausgegrenzten treffen und bestehende Ungleichheiten vertiefen“ werde.

Dass diese Warnungen von denjenigen, die es am besten wissen müssen, mittlerweile so breit unterstützt werden, zeugt vom Ausmaß des Verbrechens, das die herrschende Klasse Großbritanniens vorantreibt und das von ihren internationalen Pendants rasch übernommen wird.

Seitdem die Regierung ihre Absicht signalisiert hat, am 19. Juli alle Gesundheitsmaßnahmen und Einschränkungen zu beenden, hat sie Pläne angekündigt, die Quarantäne von Reiserückkehrern zu beenden und an den Schulen die Kohortenbildung und die Maskenpflicht aufzuheben. Gesundheitsminister Sajid Javid hat zugegeben, dass die NHS-Wartelisten auf 13 Millionen steigen könnten.

Das Halbfinale und das Finale der Fußball-Europameisterschaft sind zu massiven Superspreading-Events geworden, während die Regierung jeden schmutzigen Trick nutzte, um eine „Rückkehr zur Normalität“ auszurufen.

Die Neuinfektionszahlen sind weiter angestiegen und schicken sich an, die vom Gesundheitsminister eingeräumten 100.000 Fälle pro Tag zu erreichen und weit in den Schatten zu stellen. Auch die Zahl der Krankenhausaufenthalte und der Todesfälle steigt deutlich an – beide nahmen in der letzten Woche um 50 Prozent zu. Am vergangenen Donnerstag waren etwa 74.000 Schulkinder mit einem bestätigten Covid-19-Fall oder einem Verdachtsfall nicht in der Schule.

Die Situation in den Niederlanden deutet darauf hin, dass eine noch größere Explosion von Infektionen bevorsteht. Nachdem die Beschränkungen für Cafés, Restaurants, Clubs und Nachtclubs im Juni aufgehoben wurden, sind die Corona-Fälle in der letzten Woche um 500 Prozent angestiegen.

Die stärker werdende Opposition unter Wissenschaftlern spiegelt eine breitere und wachsende Opposition gegen diese kriminelle Politik in der Bevölkerung wider. Mehrere Umfragen zeigen, dass große Mehrheiten die Beibehaltung der Abstandsregeln und der Maskenpflicht in Innenräumen befürworten. Eine Meinungsumfrage des Observers hat ergeben, dass 50 Prozent der Befragten den Öffnungstermin am 19. Juli nach hinten verschieben wollen.

Doch weder die Stimmung in der Bevölkerung noch die fundierten Warnungen wissenschaftlicher Experten finden einen politischen Ausdruck. Vielmehr sieht sich der prinzipientreue Protest gegen die Politik des sozialen Mordes mit einer eisernen Zensurkampagne konfrontiert, sowie mit einer McCarthy-ähnlichen Hexenjagd auf Wissenschaftler.

Es erfordert eine forensische Durchforstung der Medien des Landes, um irgendeinen Hinweis auf die jüngste Kritik zu finden, die Horton und Kollegen an der Regierung und ihren Beratern üben – oder auf das überwältigende Wachstum der Unterstützung für den Brief an den Lancet. Berichte darüber werden überwiegend in den Innenseiten begraben und von den Online-Topstories möglichst ferngehalten. Der größte Übeltäter ist der nominell liberale Guardian, der die jüngste Erklärung in der Printausgabe vom Mittwoch nur kurz auf seiner achten Seite erwähnt und die Zahl der neuen Unterzeichner des ursprünglichen Briefes überhaupt nicht nennt.

Die Redakteure verstärken die Einheitsfront der herrschenden Klasse zugunsten der Öffnungen. Die Dringlichkeitserklärung der Wissenschaftler argumentiert, dass „die Regierung eine Politik verfolgt, die eine politische Minderheit ihrer eigenen Hinterbänkler und Lobbyisten beschwichtigen wird“. Doch die Wahrheit ist, dass die Beendigung der Lockdown-Maßnahmen die Mehrheitspolitik des Großkapitals ist, die – mit größerer Nervosität über die brisanten sozialen Folgen – auch von der Labour Party zusammen mit ihren Partnern unter den korporatistischen Gewerkschaften vertreten wird.

Das gleiche Schweigekartell begegnete Anfang dieses Jahres zwei Leitartikeln des BMJ, die die Regierung des „sozialen Mordes“ und der Schaffung eines „Mahlstroms vermeidbaren Leids“ beschuldigten. Indem sie prinzipientreue Wissenschaftler isolieren, versuchen die herrschenden Eliten, das Feld für die reaktionärsten Kräfte freizumachen. In der rechten Presse und auf den Tory-Hinterbänken wird der Widerstand der Bevölkerung gegen die Pandemiepolitik der Regierung als „Faulheit“ oder „Feigheit“ verunglimpft, und wissenschaftliche Kritik wird als Verschwörung freiheitshassender, „kommunistischer“ Diktatoren in spe diffamiert. Ähnlich wurde mit Wissenschaftlern verfahren, die sich der politischen Lüge widersetzten, Covid-19 stamme aus einem Labor in Wuhan – eine Lüge, die dazu dient, die Politik des sozialen Mordes zu stützen und für einen Krieg zu trommeln, indem China zum Sündenbock der Pandemie gemacht wird.

Die brutale wissenschaftsfeindliche Agenda von Johnson und seinen medialen Kettenhunden kann sich gegenwärtig nur deshalb gegen den Widerstand von Experten und der Bevölkerung durchsetzen, weil sie durch den Reichtum und die Macht der herrschenden Klasse unterstützt wird. Ein wissenschaftliches, rationales und humanes Programm zur Bekämpfung von Covid-19 verlangt ebenfalls nach einer gesellschaftlichen Kraft als Verbündeten.

Der Sieg über die Pandemie hängt von der politischen Mobilisierung der internationalen Arbeiterklasse im Kampf für den Sozialismus ab – unabhängig von den sozialdemokratischen und pseudolinken Parteien und den Gewerkschaften.

Das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI) baut ein globales Netzwerk von Aktionskomitees für sichere Arbeitsplätze auf, das in enger Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen und medizinischen Experten unnötige und unsichere Arbeitsplätze schließen und in den notwendigen Produktions- und Vertriebsbereichen für die stringentesten Sicherheitsmaßnahmen sorgen muss. Diese Komitees werden dafür kämpfen, dass alle Arbeiter, die zu Hause bleiben müssen, die volle Lohnfortzahlung erhalten; dass effektive Test- und Nachverfolgungssysteme vollständig finanziert werden; dass Luftfiltersysteme und andere lebenswichtige Sicherheitsmaßnahmen an allen Arbeitsplätzen eingerichtet werden; und dass Impfstoffe schnell und gerecht verteilt werden. Dies muss mit dem obszönen Reichtum der oligarchischen Multimillionäre und Milliardäre bezahlt werden.

Auf der Grundlage dieser Perspektive müssen Arbeiter und die prinzipientreuesten Wissenschaftler und Mediziner miteinander vereint werden.

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