Weltgesundheitsorganisation warnt vor Omikron-Tsunami

Angesichts der schnellen weltweiten Ausbreitung der gefährlichen neuen Omikron-Variante des Coronavirus warnte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am Dienstag vor einem „Tsunami“ von Neuinfektionen.

Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus erklärte: „Bisher haben 77 Staaten Omikron-Fälle gemeldet. Tatsächlich ist es wohl bereits in den meisten Ländern angekommen, auch wenn es noch nicht nachgewiesen wurde... Omikron breitet sich mit einer Geschwindigkeit aus, die wir bisher bei keiner früheren Variante gesehen haben.“

Er fügte hinzu: „Es beunruhigt uns, dass Omikron als mild abgetan wird. Wir sollten eigentlich mittlerweile gelernt haben, dass es gefährlich ist, dieses Virus zu unterschätzen. Selbst wenn Omikron weniger ernste Krankheitsverläufe hervorruft, könnte die schiere Anzahl der Fälle die unvorbereiteten Gesundheitssysteme erneut überwältigen. Ich muss es klar formulieren: Impfstoffe alleine werden kein Land aus dieser Krise bringen. Die Länder können und müssen die Ausbreitung von Omikron durch Maßnahmen verhindern, die bereits heute funktionieren.“ [Hervorhebung hinzugefügt]

Eine Covid-19-Fachkraft und ein Patient vor der Apotheke Asthenis in Providence (Rhode Island) am 7. Dezember 2021 (AP Photo/David Goldman)

Die Technische Leiterin der MERS-CoV-Abteilung bei der WHO, Dr. Maria Van Kerkhove, schloss sich den Äußerungen des Generaldirektors an und warnte: „Ich denke ebenfalls, dass uns durch Delta und Omikron ein weltweiter Infektions-Tsunami droht... Impfungen alleine reichen nicht aus. Impfungen verhindern schwere Erkrankungen und Todesfälle, sind aber kein vollständiger Schutz vor Infektionen.“

Diese Einschätzungen basieren auf der Fähigkeit von Omikron, den Impfschutz durch die aktuellen Covid-19-Impfstoffe teilweise zu umgehen. Aktuelle Daten aus Südafrika deuten darauf hin, dass vollständig Geimpfte mit zwei Dosen einen 33-prozentigen Schutz gegen eine symptomatische Infektion und einen 70-prozentigen Schutz vor einer Hospitalisierung wegen eines schweren Verlaufs haben. Doch ungeachtet dieser statistischen Angaben wird der exponentielle Anstieg der Fälle die Gesundheitssysteme überschwemmen.

Letzte Woche, am 8. Dezember, hatte Dr. Van Kerkhove in einem Interview im New Scientist erklärt: „Wir haben bei der Variante das volle Spektrum der Schweregrade beobachtet, und Menschen werden daran sterben. Es ist sehr gefährlich, sie als ,nur mild‘ zu bezeichnen. Wenn sie leichter übertragbar ist als Delta [was nachweislich der Fall ist], wird es mehr Fälle, mehr Hospitalisierungen und mehr Tote geben.“

Südafrika vermeldete am Dienstag fast 24.000 Neuinfektionen. Die Positivrate lag bei 35 Prozent. Die Zahl der Krankenhauseinweisungen stieg in 24 Stunden um 697 auf fast 6.900. Die Zahl der Intensivpatienten stieg um 49, und 24 weitere Menschen starben. Bei einer Analyse der täglichen Übersterblichkeit stiegen die Todeszahlen jedoch seit der zweiten Novemberhälfte um mehr als das Sechsfache. Am 13. Dezember lagen sie bei 520, im Unterschied zum Tiefststand von 85 Todesfällen am 22. November. Das deutet darauf hin, dass die Situation deutlich schlimmer ist, als von den US-Medien zugegeben wird. Der Anstieg der Übersterblichkeit bildet am genauesten den tatsächlichen Zustand ab.

Außerhalb von Südafrika sind Dänemark und Großbritannien mit einem rapiden Anstieg der Omikron-Infektionen konfrontiert. Am Montag erklärte der britische Gesundheitsminister Sajid Javid, dass sich schätzungsweise 200.000 Menschen pro Tag mit Omikron infizieren. Diese Schätzung basiert auf Projektionen des britischen Statistikamts (ONS), laut denen es am 7. Dezember etwa 78.000 Delta-Infektionen gab.

An diesem Tag gehörten etwa 20 Prozent aller sequenzierten Infektionen zur Omikron-Variante, d.h. es könnte bis zu 23.000 zusätzliche Omikron-Infektionen pro Tag gegeben haben. Und unter der Annahme, dass sich die Zahl der Omikron-Infektionen alle zwei Tage verdoppelt, ging die Health Security Agency von 207.000 Omikron-Infektionen am 13. Dezember aus. Zudem warnte sie, dass sich in Großbritannien bei einer weiteren Ausbreitung in der derzeitigen Geschwindigkeit mehr als eine Million Menschen pro Tag mit Omikron infizieren könnten.

Selbst Premierminister Boris Johnson, der alle ernsthaften Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie ins Lächerliche gezogen hatte, musste einräumen, dass er beunruhigt ist angesichts der Ausbreitung von Omikron. Gegenüber der BBC sagte er, diese Infektionen führten zu einem Anstieg der Krankenhauseinweisungen. Am Montag erklärte er im Stowe Health Vaccination Centre: „Tragischerweise führt Omikron tatsächlich zu Krankenhauseinweisungen, und leider wurde bestätigt, dass mindestens ein Patient an Omikron gestorben ist.“ Am Dienstag wurden in England innerhalb von 24 Stunden 65 Kinder ins Krankenhaus eingeliefert – die höchste Zahl während der Pandemie.

Am Montagabend erklärte Johnson in einer Fernsehansprache: „Ich muss heute Abend zu Ihnen sprechen, weil ich befürchte, dass uns in unserem Kampf mit der neuen Variante Omikron eine Notlage droht... Wir wissen aus bitterer Erfahrung, wie sich diese exponentiellen Kurven entwickeln. Niemand sollte daran zweifeln, dass uns eine Flutwelle von Omikron bevorsteht.“ Er sagte sogar: „Machen Sie nicht den Fehler zu glauben, Omikron könnte Sie nicht treffen, könnte Sie und Ihre Angehörigen nicht ernsthaft krank machen.“

Johnson weigerte sich jedoch, Schulen oder nicht systemrelevante Betriebe zu schließen und kündigte stattdessen an, weiterhin nur auf verstärktes Impfen zu setzen, was von der WHO als unzureichend verurteilt wurde.

Gesundheitsminister Javid warnte: „Die Zahl der Hospitalisierungen steigt mit etwa zwei Wochen Verzögerung in Relation zur Zahl der Infektionen. Angesichts der schnell steigenden Infektionen wird es vermutlich zu einem beträchtlichen Anstieg der Hospitalisierungen kommen, bevor neue Maßnahmen Wirkung zeigen. Deshalb dürfen wir jetzt wirklich keine Zeit verlieren.“

Dänemark und Norwegen haben eingeräumt, dass sie mit einem Rekordanstieg der täglichen Infektionen rechnen, da Omikron und Delta gemeinsam die anhaltende Welle befeuern werden. Dänemark hat als Reaktion auf die Bedrohung durch die neue Variante zumindest zu vorgezogenen Schulschließungen aufgerufen. Ansonsten wurde nur das Nachtleben eingeschränkt und zu Homeoffice aufgerufen. Das wird kaum ausreichen, um den Anstieg der Infektionen zu bremsen.

Die norwegischen Gesundheitsbehörden warnten, dass sich ab Beginn des neuen Jahres zwischen 90.000 und 300.000 Menschen pro Tag infizieren könnten, wenn die Maßnahmen sich als wirkungslos erweisen. Die Zahl der Neuinfektionen ist bereits jetzt dreimal höher als zu irgendeinem Zeitraum der Pandemie. Angesichts der steigenden Hospitalisierungen warnte der norwegische Ministerpräsident Jonas Gahr, die Lage werde schnell ernst.

In den USA, wo sich offiziell mehr als 50 Millionen Menschen infiziert haben und 800.000 verstorben sind und wo Delta weiterhin im Nordosten und im oberen mittleren Westen wütet, haben 35 Bundesstaaten Omikron-Infektionen gemeldet, seit die WHO sie vor drei Wochen zur besorgniserregenden Variante erklärt hat. Die meisten gemeldeten Omikron-Fälle (jeweils 38) wurden in Texas und New York sequenziert. Zudem steigt in allen Bundesstaaten die Zahl der Infizierten.

Vor allem dem Bundesstaat New York droht eine Katastrophe. Dort kam es bereits zu einem massiven Anstieg der Fälle. Der Sieben-Tages-Durchschnitt liegt bereits bei über 10.000 Neuinfektionen pro Tag. Laut CNN gab es an der Cornell University zwischen dem 6. und dem 13. Dezember 903 Fälle unter Studierenden. Der Vizepräsident für Beziehungen zu anderen Universitäten, Joel Malina, erklärte, bei einem „sehr hohen Prozentsatz“ handele es sich um die Omikron-Variante: „Bisher wurden nahezu alle Fälle der Omikron-Variante bei vollständig geimpften Studierenden gefunden, ein Teil davon hatte auch eine Booster-Impfung erhalten.“

Dr. Michael Osterholm, der Direktor des Center for Infectious Disease Research and Policy an der University of Minnesota, der schon im April 2021 vorhergesagt hatte, dass Delta zur dominierenden Variante wird, erklärte letzte Woche gegenüber dem Intelligencer: „Ich glaube Omikron wird dadurch beeindrucken, wie schnell es sich ausbreitet. Alpha und Delta haben zwei Monate gebraucht haben, um zu den weltweit dominierenden Varianten zu werden, in einigen Ländern früher als in anderen. Ich glaube, [Omikron] wird in nur wenigen Wochen die dominierende Variante werden.“

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