Perspektive

Der amerikanische Kapitalismus fordert die Durchseuchung Chinas

Am Dienstag – als die USA 2.997 Corona-Tote zu beklagen hatten – veröffentlichte die New York Times einen Gastkommentar von zwei ehemaligen Beratern der Biden-Regierung, in dem Chinas Zero-Covid-Politik zur Rettung von Menschenleben als „Fehler“ bezeichnet und die Vorteile der „natürlichen Immunität durch Infektion“ gepriesen werden.

In den letzten sieben Tagen sind in den USA jeden Tag durchschnittlich 2.500 Menschen an Covid-19 gestorben. Fast 880.000 Amerikaner sind dem Virus erlegen – mehr als die Zahl der US-Soldaten, die in allen bisherigen Kriegen der USA gefallen sind. Im Gegensatz dazu sind in China, wo Covid-19 zuerst auftrat, nur 4.636 Menschen gestorben, 103.000 haben sich infiziert.

Eine offizielle Gedenkveranstaltung für die Corona-Opfer in Wuhan am 4. April 2020 (AP Photo/Ng Han Guan)

Aus Sicht der amerikanischen Medien und des politischen Establishments sind es jedoch nicht die Vereinigten Staaten, die dem Beispiel Chinas folgen müssen, sondern umgekehrt China, das den Vereinigten Staaten auf dem Weg der Durchseuchung folgen soll.

In ihrem Kommentar mit dem Titel „China’s Zero-Covid Policy Is a Pandemic Waiting to Happen“ (Chinas Zero-Covid-Politik ist eine Pandemie, die unmittelbar bevorsteht) argumentieren Ezekiel J. Emanuel und Michael T. Osterholm, dass das Ziel der Ausrottung von Covid-19 (Zero Covid) „mit der hochgradig übertragbaren Omikron-Variante unerreichbar ist und [China] in eine Katastrophe geführt hat. Das Coronavirus wird nicht verschwinden – die Welt wird damit leben müssen. Erschwerend kommt hinzu, dass Chinas Impfstoffe gegen Omikron weit weniger wirksam sind.“

Mit ihrer Zurechtweisung Chinas entblößen sie in Wirklichkeit in verheerender Weise die Pandemiepolitik. Das Coronavirus ist nicht „verschwunden“ – das heißt, es wurde nicht eliminiert –, weil die USA und die europäischen Mächte bewusst entschieden haben, eine ungehinderte Ausbreitung des Virus zuzulassen. Das hat nicht nur ein Massensterben verursacht, sondern auch die Entwicklung infektiöserer und resistenterer Virusvarianten befeuert.

Wissenschaftler – und die World Socialist Web Site – haben davor gewarnt, dass als Folge der Durchseuchungspolitik eine Variante wie Omikron entstehen würde. Emanuel und Osterholm sagen China im Grunde: „Aufgrund unserer Maßnahmen, bei denen finanzielle und wirtschaftliche Interessen Vorrang vor Menschenleben hatten, wurde das Virus nicht eliminiert. Eure Bemühungen, eine Masseninfektion zu verhindern, werden daher scheitern, und ihr müsst lernen, ‚damit zu leben‘.“

Anstatt dafür zu plädieren, dass die in den USA entwickelten hochwirksamen mRNA-Impfstoffe China dringend zur Verfügung gestellt werden, um ein Massensterben zu verhindern, fordern sie einfach, dass China dem Virus freien Lauf lässt. Was noch erschreckender ist, die Autoren erwähnen nicht einmal, dass die große Mehrheit der Bevölkerung, die sich unweigerlich mit Covid-19 anstecken würde, keinen Zugang zu Impfstoffen hat.

Emanuel und Osterholm benennen selbst, was ihre wirklichen Sorgen sind: Eine Zero-Covid-Strategie werde „schwerwiegende wirtschaftliche Auswirkungen auf China und angesichts seiner Stellung in der Weltwirtschaft auch auf uns alle haben. China ist zwar nach wie vor der Hauptproduktionsstandort der Welt, aber das wird wohl kaum von Dauer sein, wenn es zu Lockdowns kommt.“

Das heißt, die Durchseuchung ist nicht aufgrund der Natur des Virus „unvermeidlich“, sondern aufgrund der Erfordernisse der „Wirtschaft“, womit die Interessen der Finanzoligarchie gemeint sind.

Emanuel und Osterholm machen deutlich, dass diese Politik der Durchseuchung mitnichten aus Fehlern oder Irrtümern entsteht, sondern vorsätzlich betrieben wird. Sie präsentieren sie sogar als positive Sache, weil sie angeblich Schutz vor den katastrophalen Folgen der Pandemie bietet, während China verwundbar bleibt:

Andere Länder können einen Fahrplan liefern, den China in die Tat umsetzen kann. Dänemark, Deutschland und einige andere europäische Länder sowie Australien haben eine starke Immunität erreicht, ohne die Todesrate der USA zu haben.... Eine unkontrollierte Ausbreitung fand statt, wäre aber auch bei längeren oder strengeren Lockdowns unvermeidlich gewesen und hat es diesen Ländern ermöglicht, eine Immunität aufzubauen.

Das ist ein Argument für die Durchseuchung und ein Massensterben in der chinesischen Bevölkerung. Alle Länder, die als Vorbild für China dargestellt werden, erleben einen enormen Anstieg der Infektionen und Todesfälle. Wenn China die gleiche Todesrate wie die Vereinigten Staaten hätte, wären 3,6 Millionen Menschen tot. Hätte China die gleiche Todesrate wie Deutschland, wären es zwei Millionen.

Ein Vergleich der kumulativen offiziellen Covid-Todeszahlen pro eine Million Menschen in den Vereinigten Staaten, Schweden, Deutschland, Dänemark und China (Quelle: Our World in Data, Johns Hopkins University CSSE COVID-19 Data)

Sogar die Autoren selbst glauben nicht an ihre eigenen Aussagen über den „Aufbau von Immunität“ durch massenhafte Infektionen. „Weder die Corona-Impfung noch die Infektion scheinen lebenslange Immunität zu verleihen“, schrieben sie am 6. Januar und machten deutlich, dass eine unkontrollierte Ausbreitung zu wiederkehrenden Infektionswellen führen würde.

Die von China seit Anfang 2020 verfolgte Politik hat bewiesen, dass ein Land mit einer vierfachen Bevölkerungsgröße im Vergleich zu den Vereinigten Staaten und der gleichen geografischen Ausdehnung dieses hochgradig übertragbare Virus erfolgreich eindämmen kann, auch ohne die Verfügbarkeit von Impfstoffen.

Seit Anfang 2020 hat China die Ausbreitung von Covid-19 durch konsequente Kontaktverfolgung, Isolierung der Infizierten, Quarantäne der Kontaktpersonen und die punktuelle Schließung von Schulen und Betrieben unterdrückt. Deshalb konnten die meisten Menschen in China zur Schule gehen, arbeiten und Freunde treffen, ohne ständig befürchten zu müssen, sich mit einem potenziell tödlichen Virus zu infizieren und ihre Angehörigen anzustecken.

Die herrschende Elite in den USA entschied sich für eine unkontrollierte Ausbreitung der Krankheit, obwohl sie Anfang 2020 von China eine vollständige Beschreibung des Krankheitsmechanismus, der Übertragungswege und der Eindämmungsmöglichkeiten erhalten hatte. Die Reaktion der amerikanischen Regierung war von einem einzigen Ziel geleitet: den Aktienmarkt liquide zu halten. Deshalb haben das Finanzministerium und die Federal Reserve rund sechs Billionen Dollar in die Wall Street gepumpt. Das Ergebnis: Während in den letzten zwei Jahren fast eine Million Menschen starben, verdoppelten die zehn reichsten Männer der Welt ihr Vermögen – neun von ihnen leben in den USA.

Auch wenn US-Gesundheitsbeamten es früher dementiert haben, war die Politik der „Herdenimmunität“, d. h. der absichtlichen Durchseuchung der Bevölkerung, in den Vereinigten Staaten immer die maßgebliche Linie.

Doch das Auftauchen der Omikron-Variante, die sich so schnell wie die Masern ausbreitet und zu einem sprunghaften Anstieg der Fälle geführt hat, dient der herrschenden Elite jetzt als Vorwand, um die Durchseuchung ungeniert öffentlich zu propagieren. Die Doktrin der „Herdenimmunität“, 2020 in der Great Barrington Declaration formuliert, wurde vom gesamten politischen Establishment übernommen.

Osterholm und Emanuel untersuchen nicht die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Motive hinter der Entscheidung der USA, ihre eigene Bevölkerung zu durchseuchen. Sie nehmen diese Politik einfach als gegeben hin und fordern China auf, die Masseninfektion seiner Bevölkerung zu akzeptieren. Ansonsten müsse China einen immer höheren wirtschaftlichen Preis zahlen, da die Corona-Verbreitung ansteckendere Varianten hervorbringt.

Die Politik der USA gegenüber China entspricht jetzt im Grunde derselben Haltung, die sie mit der „Wuhan Lab“-Verschwörungstheorie China vorgeworfen haben. Die USA verlangen von China, dass es die Durchseuchung seiner Bevölkerung und Hunderttausende Tote, die unweigerlich folgen würden, zulässt. Mit anderen Worten: Die amerikanische herrschende Klasse betreibt eine Art biologische Kriegsführung.

Es wäre ein Leichtes, den Times-Kommentar als Ergebnis des soziopathischen Wahns von Ezekiel Emanuel zu erklären. Emanuel ist Amerikas führender Verfechter der Senkung öffentlicher Gesundheitskosten. Er fordert eine Kürzung der Ausgaben für die Behandlung älterer und behinderter Menschen, was von Medizinethikern als eine Form der modernen Eugenik bezeichnet wird. Schon seit Jahren setzt sich Emanuel für eine niedrigere Lebenserwartung ein, wahrscheinlich ohne zu ahnen, dass eine tödliche Pandemie kommen und genau dieses Ziel erreichen würde.

Der Kommentar in der Times ist jedoch offizielle Politik. Emanuel war Berater der Biden- und der Obama-Regierung. Sein Bruder war Stabschef unter dem ehemaligen Präsidenten Barack Obama. Emanuels Aufruf vom 6. Januar, Covid-19 zur „neuen Normalität“ zu machen, stand im Mittelpunkt der NBC News Abendsendung über die Pandemie, landete auf der Titelseite der New York Times und bekam Rückendeckung in einem Leitartikel der Washington Post. Er wurde auch zum Hauptthema in der Politsendung „Meet the Press“.

Der amerikanische Kapitalismus „stirbt an seinem eigenen Gift“, um es mit den Worten von Telford Taylor, dem Ankläger der Nürnberger Prozesse, zu sagen. Die Vorstellung, dass die völlige Missachtung der Gesundheit der amerikanischen Arbeiter, ihr massenhaftes Sterben und der Zwang, auch krank zu arbeiten, um kurzfristige Profite zu erzielen, zu einer Verjüngung des amerikanischen Kapitalismus führen werden, legt nicht nur den Grundstein für eine soziale und wirtschaftliche Katastrophe, sondern auch für eine politische Rebellion der Arbeiterklasse.

Im Gegensatz zur Politik der globalen Durchseuchung, die von der amerikanischen herrschenden Klasse propagiert wird, muss die Arbeiterklasse auf die Omikron-Variante und die unweigerlich folgenden Varianten mit einem Kampf für die globale Eliminierung und Ausrottung antworten. Die Erfahrung Chinas zeigt, dass eine Zero-Covid-Politik möglich ist, aber sie beweist auch, dass diese Politik nur im Weltmaßstab verwirklicht werden kann.

Es liegt in der Hand der internationalen Arbeiterklasse, die chinesischen Arbeiter gegen die Gefahr einer Durchseuchung zu verteidigen. Wenn sie den Kampf zur Eliminierung von Covid-19 aufnimmt, muss sie gleichzeitig auch einen politischen Kampf gegen die herrschende Klasse und das gesamte kapitalistische System führen.

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