Perspektive

Kurssturz an der Wall Street angesichts einer drohenden weltweiten Rezession

Der massive Ausverkauf an der Wall Street am vergangenen Mittwoch ist eine Reaktion auf klare Anzeichen, dass sich die US- und die Weltwirtschaft rasch auf eine Rezession zubewegen. Die Aktien großer Einzelhandelsunternehmen verzeichneten den stärksten Rückgang seit dem Börsencrash an jenem Schwarzen Montag im Oktober 1987.

Auf dem Parkett der New Yorker Börse: Ein Monitor zeigt die Entscheidung der US-Notenbank, die Zinssätze zu erhöhen. Mittwoch, 16. März 2022 (AP Photo/Richard Drew) [AP Photo/Richard Drew]

Die Wall Street ist seit ihrem Rekordhoch zu Beginn des Jahres gefallen, da die steigenden Zinssätze die High-Tech-Unternehmen treffen. Ihr Aufstieg war zuvor durch die Bereitstellung von praktisch kostenlosem Geld durch die US-Notenbank Federal Reserve begünstigt worden. Doch diese Politik wird nun unterbrochen, da die Fed die Zinssätze anhebt – dies wiederum als Reaktion auf die höchste Inflation seit 40 Jahren, um die Lohnforderungen der Arbeiter einzudämmen.

Infolgedessen ist der Technologie-Index NASDAQ in diesem Jahr um mehr als 25 Prozent gefallen. Es gibt Anzeichen dafür, dass die Spekulationsblase geplatzt ist, was das Risiko einer größeren Krise im Finanzsystem erhöht.

Doch der Ausverkauf vom Mittwoch, bei dem der Dow Jones an seinem schlimmsten Tag seit fast zwei Jahren mehr als 1.100 Punkte verlor, der S&P um 4 Prozent einbrach und der NASDAQ um 4,7 Prozent nachgab, markiert einen qualitativ neuen Wendepunkt. Die Angst vor einer Rezession wird immer stärker.

Die Aktien von Target, einem der größten US-Einzelhändler, stürzten um 25 Prozent ab, nachdem das Unternehmen mitgeteilt hatte, dass seine Kosten aufgrund höherer Gaspreise und Transportkosten um eine Milliarde Dollar gestiegen seien.

Gleichzeitig wurde der Konzern vom Rückgang der nicht-lebenswichtigen Ausgaben getroffen. Inmitten einer Inflationsspirale, in der die Preise für Güter des Grundbedarfs schneller steigen als die offizielle Inflationsrate von 8,5 Prozent, müssen Arbeiterfamilien einen immer größeren Teil ihrer sinkenden Reallöhne für Lebensmittel und Energie verwenden.

Ähnlich wie dem Target-Konzern ging es auch dem Einzelhändler Walmart, dessen Aktien erneut um 6,8 Prozent fielen, nachdem sie bereits am Vortag um 11 Prozent gefallen waren.

Zahlreiche Äußerungen des US-Notenbankchefs Jerome Powell und anderer US-Staatsvertreter machen deutlich, dass die Fed notfalls eine Rezession herbeiführen wird. Diese wird als Einschnitt sicherlich an das heranreichen, was der ehemalige Notenbankchef Paul Volcker in den 1980er Jahren auslöste, und was zu massiven sozialen und wirtschaftlichen Verheerungen führte.

In seiner Rede auf einer Konferenz am Dienstag machte Powell deutlich, dass die Zentralbank die Anhebung der Zinssätze fortsetzen wird, um den wachsenden Lohnforderungen etwas entgegenzusetzen.

„Die Wiederherstellung der Preisstabilität ist eine nicht verhandelbare Notwendigkeit. Das ist etwas, das wir tun müssen. Das könnte schmerzhaft werden“, sagte er.

Powells Äußerungen unterstreichen die wesentliche klassen- und gesellschaftspolitische Dynamik, die die Politik der Fed über Jahrzehnte geprägt und bestimmt hat.

Als das Finanzsystem 2008 aufgrund der zügellosen Spekulationen der vorangegangenen zwei Jahrzehnte implodierte - angeheizt durch die Entschlossenheit, den Aktienmarkt nach dem Crash vom Oktober 1987 zu stützen - leitete die Fed das System der quantitativen Lockerung ein und schüttete Billionen in das Finanzsystem.

Dies führte zu einer massiven Umverteilung des Reichtums nach oben, an die oberen Schichten der Gesellschaft. Die Aktienportfolios stiegen auf Rekordhöhen, während die Arbeiter von einer massiven Arbeitsplatzvernichtung betroffen waren und die Gewerkschaften Reallohnkürzungen durchsetzten.

Als die Covid-19-Pandemie im Jahr 2020 ausbrach und die Finanzmärkte erstarrten aus Angst vor den Auswirkungen der notwendigen Pandemie-Maßnahmen auf die Wall Street, schüttete die Fed weitere 4 Billionen Dollar in das Finanzsystem. Die Regierung rettete die Konzerne. Als das passiert war, wurde entgegen aller wissenschaftlichen Empfehlungen eine Kampagne zur Rückkehr in die Betriebe eingeleitet, um den Profitfluss nicht länger zu unterbrechen.

Regierungen auf der ganzen Welt orientierten sich am Vorbild der USA und unterließen wirksame Maßnahmen zur Ausrottung von Covid-19 auf internationaler Ebene. Dies führte zu einer Krise in der Versorgungskette, die wiederum die Inflation eskalieren ließ, angeheizt durch die ungebremste Versorgung der Wall Street-Spekulanten mit Geld.

Doch der Klassenkampf, der jahrzehntelang von den Gewerkschaften unterdrückt worden ist, betritt nun in den USA und weltweit wieder die Bühne in Form von Streiks und sozialen Protesten.

Die gleiche Klassendynamik, die die Krise ausgelöst hat, ist am Werk, wenn auch in anderer Form, wenn die US-Notenbank und andere Zentralbanken versuchen, eine Rezession zu erzwingen, um diese Bewegung zu zerschlagen.

In Großbritannien, wo die Inflation mit 9 Prozent die höchste Rate aller großen Volkswirtschaften erreicht hat, warnt der Chef der Bank of England Andrew Bailey zwar vor einem „apokalyptischen“ Anstieg der Lebensmittelpreise. Gleichzeitig drängt er darauf, die Zinssätze um jeden Preis weiter zu erhöhen. „Wir müssen sie [die Inflation] zurück auf die Ziellinie bringen. Das ist klar“, sagte er diese Woche vor dem britischen Parlament.

Die Straffung der Geldpolitik durch die Fed wirkt sich bereits auf die Weltwirtschaft aus. Steigende Zinssätze führen zu wirtschaftlicher Stagnation, während der Verfall der anderen Währungen gegenüber dem Dollar die Schuldenlast erhöht und die Inflation, insbesondere bei Lebensmitteln, ansteigen lässt.

Diese Woche warnte das Institute of International Finance, ein weltweiter Zusammenschluss von 450 Finanzunternehmen, dass die Weltwirtschaft in diesem Jahr bestenfalls stagnieren werde. Hierbei sei das Rezessionsrisiko „erhöht“, und eine „ungeordnete Verschärfung der finanziellen Bedingungen“ sei im Gange.

Die weniger entwickelten Länder sind bereits stark betroffen. Sie haben mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie zu kämpfen und sind jetzt damit konfrontiert, dass der Stellvertreterkrieg der USA und der NATO gegen Russland in der Ukraine die Lebensmittelpreise explodieren lässt. Dies hat auch bereits zu massiven sozialen Protesten und Streiks geführt. Allen voran sei hier der Aufstand gegen die Rajapakse-Regierung in Sri Lanka genannt.

Die sozialen Eruptionen in Sri Lanka und anderen Ländern sind das Ergebnis globaler Prozesse, die in allen Ländern ablaufen. Sie werden sich in der nächsten Phase des Klassenkampfs noch verstärken. Die herrschenden Eliten führen diesen Kampf, um die Arbeiterklasse für die von ihnen verursachte Krise zahlen zu lassen.

Ein wirtschaftlicher Aufschwung ist nicht in Sicht. Die Trends sind überall dieselben. Die europäische Wirtschaft stagniert und befindet sich am Rande einer Rezession. Die japanische Wirtschaft, die drittgrößte der Welt, schrumpfte im ersten Quartal mit einer annualisierten Rate von 1 Prozent. Die US-Wirtschaft schrumpfte im gleichen Zeitraum mit einer Jahresrate von 1,4 Prozent.

Die Geschichte der wirtschaftlichen Ereignisse der letzten Jahrzehnte und insbesondere der letzten zwei Jahre ist eine vernichtende Anklage gegen das Profitsystem.

Die Weigerung, das Corona-Virus wirkungsvoll zu bekämpfen, hat zu Millionen von vermeidbaren Todesfällen geführt und einen unkontrollierten Anstieg der Inflation ausgelöst.

Der Stellvertreterkrieg der USA und der NATO gegen Russland hat zu einer Nahrungsmittelkrise geführt, die Hunderte von Millionen Menschen weltweit hungern lässt.

Das Pumpen von Billionen Dollar in die Finanzmärkte durch die Zentralbanken der Welt hat das Inflationsfeuer angeheizt und gleichzeitig eine massive Spekulationsblase geschaffen, die jederzeit zu implodieren droht.

Hinzu kommt, dass das Finanzkapital unerbittlich versucht, die Arbeiterklasse durch immer niedrigere Löhne und Kürzungen bei den Sozialleistungen zur Kasse zu bitten, indem es eine Rezession mit ungeahnten sozialen und wirtschaftlichen Folgen heraufbeschwört.

Die Notwendigkeit einer internationalen sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft durch die globale Arbeiterklasse ist keine abstrakte Vorstellung oder ein rein theoretisches Postulat. Sie liegt auf der Hand, um die Menschheit aus dem Chaos und der Verwüstung herauszuholen, die das kapitalistische Profitsystem hervorgebracht hat.

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