Das Urteil im Fall Depp-Heard: Eine aufschlussreiche und verdiente Niederlage für die #MeToo-Hetzkampagne

Am Mittwoch entschied ein Geschworenengericht in Fairfax, Virginia, für den Schauspieler Johnny Depp in seiner Verleumdungsklage gegen seine Ex-Frau, die Schauspielerin Amber Heard. Das Urteil ist eine bedeutsame Niederlage für die #MeToo-Hetzkampagne um sexuelles Fehlverhalten und ein Sieg für die Verteidigung grundlegender Rechtsnormen wie der Unschuldsvermutung und des Rechts auf ein faires Gerichtsverfahren.

Der Schauspieler Johnny Depp bei einer Aussage vor dem Fairfax County Circuit Court in Fairfax (Virginia), 21. April 2022 (Jim Lo Scalzo/Archivbild via AP)

Die siebenköpfige Jury sprach Depp zehn Millionen Dollar Entschädigungszahlung und fünf Millionen Dollar Bußzahlung zu, die jedoch auf die im Bundesstaat gültige Höchstsumme von 350.000 Dollar abgesenkt wurden. Heard erhielt zwei Millionen Dollar Entschädigung für eine Äußerung von Depps Anwalt in der britischen Presse während eines früheren erfolglosen Prozesses in Großbritannien. Depp hatte für den Schaden an seiner Schauspielkarriere 50 Millionen Dollar gefordert, Heard eine Gegenklage auf 100 Millionen Dollar eingereicht.

Seit Oktober 2017 wurden hunderte Leben und Karrieren durch größtenteils haltlose Behauptungen, Klatsch und Gerüchte zerstört. Viele der Beschuldigten, die isoliert und offiziell bloßgestellt und von den Medien sofort zu Parias gemacht wurden, sind schlicht von der Bildfläche verschwunden. Fast keiner von ihnen wurde eines Verbrechens angeklagt oder schuldig gesprochen. Jetzt hat sich eine bekannte Persönlichkeit dem kleinbürgerlichen Lynchmob entgegengestellt, ist vor Gericht gezogen und hat einem Geschworenengericht ermöglicht, über den Fall zu entscheiden. Die Ergebnisse sind eindeutig.

Die Geschworenen haben – beabsichtigt oder nicht – nicht nur ein vernichtendes Urteil im Fall Depp-Heard gefällt, sondern über die gesamte in McCarthy-Manier geführte Skandalisierungskampagne, die in den letzten Jahren einen beträchtlichen Teil des bessergestellten Kleinbürgertums vereinnahmt hat – allen voran die New York Times, den New Yorker und die Washington Post – und die von den Demokraten und ihren „linken“ Verteidigern direkt oder indirekt unterstützt wurde. In Wirklichkeit würden die meisten Anschuldigungen der #MeToo-Kampagne in sich zusammenbrechen, wenn sie genauso objektiv untersucht würden. Deshalb gibt es in den von Identitätspolitik besessenen Medien ein derartiges Aufheulen der Empörung über das Urteil vom Mittwoch.

Aufhänger des Falls Depp-Heard war eine Kolumne mit dem Titel „Ich habe mich gegen sexuelle Gewalt geäußert und den Zorn unserer Kultur zu spüren bekommen. Das muss sich ändern“, die ein Jahr nach Beginn der #MeToo-Kampagne im Dezember 2018 in der Washington Post erschien und Heards Namen trug. In dem Artikel behauptete die Schauspielerin (eigentlich ein Ghostwriter, wie sich im Prozess herausstellte): „Vor zwei Jahren... wurde ich zu einer Person von öffentlichem Interesse, die für häusliche Gewalt steht.“ Dabei handelte es sich um eine kaum verhohlene Anspielung auf ihre Ehe mit Depp (2015–2017), der auf diesen Vorwurf mit einer Klage reagierte und dementierte, Heard jemals körperlich misshandelt zu haben.

Dass die Jury zu einem so eindeutigen Urteil kommt, nachdem sie sechs Wochen lang Aussagen angehört und drei Tage die Fakten bewertet hat, ist sehr aufschlussreich. Wie diverse Kommentatoren erklärten, sind Personen des öffentlichen Lebens und Prominente verpflichtet, eine „sehr hohe Beweispflicht“ zu überwinden, bevor sie einen Anspruch auf Schadensersatz haben. Die Geschworenen mussten feststellen, ob zwei Passagen und die Überschrift des Artikels in der Post Verleumdungen waren. Aufgrund von Depps Bekanntheit, schrieb Associated Press, „mussten die Geschworenen zu dem Schluss kommen, dass Heard aus ,tatsächlicher Arglist‘ gehandelt hat, damit sie sich der Verleumdung schuldig gemacht haben kann. Das bedeutet, sie wusste entweder, dass sie etwas Falsches schreibt, oder sie tat es mit rücksichtsloser Gleichgültigkeit der Wahrheit gegenüber. Die Geschworenen gaben Depp in allen drei Punkten recht und erklärten, sie sei wirklich mit ,tatsächlicher Arglist‘ vorgegangen.“ Heards Anwälte hatten den Geschworenen mitgeteilt, Depps Klage müsse scheitern, „wenn Heard auch nur ein einziges Mal misshandelt wurde“. Die Jury glaubte der Schauspielerin ihre Vorwürfe der körperlichen Misshandlung also offenbar nicht.

Der Rechtsanalyst Joey Jackson von CNN bezeichnete das Urteil als „grandiosen Sieg“ für Depp. Jackson wies darauf hin, dass der Schauspieler „Fragen im Zusammenhang mit dem 1. Zusatzartikel“ überwinden musste, „laut dem wir alle das Recht auf Gedanken- und Meinungsfreiheit haben. Die Geschworenen sagten also: Ja, Sie haben durchaus das Recht auf Redefreiheit, solange Sie nichts sagen, was falsch ist, jemandes Ruf beschädigt und ihm beruflich schadet.“

Depp erklärte nach der Urteilsverkündung, sein Leben und das Leben seiner engsten Angehörigen hätte sich vor sechs Jahren „für immer geändert. Alles von einem Augenblick auf den anderen. Die Medien haben falsche, sehr schwerwiegende und kriminelle Anschuldigungen gegen mich erhoben und damit eine endlose Flut von gehässigen Äußerungen ausgelöst, obwohl nie Anklage gegen mich erhoben wurde.“ Weiter erklärte er, die Vorwürfe hatten „seismische Auswirkungen auf mein Leben und meine Karriere. Und sechs Jahre später hat mir das Geschworenengericht mein Leben zurückgegeben. Ich bin wirklich geehrt.“

Der Schauspieler erklärte weiter, er habe beschlossen, dem Fall nachzugehen, obwohl er „sehr wohl wusste, vor welche juristischen Hürden ich gestellt würde“, und dass sein Privatleben der Öffentlichkeit preisgegeben würde. Er äußerte die Hoffnung, dass „mein Streben danach, die Wahrheit bekannt zu machen, anderen Männern und Frauen geholfen hat, die sich in meiner Situation wiederfanden, und dass ihre Unterstützer nie aufgeben. Ich hoffe auch, dass man wieder zur Position ,unschuldig bis zum Beweis der Schuld‘ zurückkehren wird, sowohl vor Gericht als auch vor den Medien. Veritas numquam perit. Die Wahrheit stirbt nie.“

Heard erklärte nach der Urteilsverkündung, es „bricht mir das Herz, dass der Berg an Beweisen nicht ausgereicht hat, um der unverhältnismäßigen Macht, dem Einfluss und dem Charisma meines Exmannes die Stirn zu bieten“. Sie bekräftigte, sie sei noch enttäuschter darüber, „was dieses Urteil für andere Frauen bedeutet. Es ist ein Rückschlag. Es dreht die Uhr zurück in eine Zeit, in der Frauen, die den Mund aufgemacht und sich gewehrt haben, öffentlich entehrt und gedemütigt wurden. Es ist ein Rückschlag für die Idee, dass Gewalt gegen Frauen ernst genommen werden muss.“

Die Ergebnisse des Prozesses sind kein derartiger „Rückschlag“, denn Heard repräsentiert weder Frauen im Allgemeinen, noch misshandelte Frauen im Besonderen. Vielmehr ist sie typisch für die selbstsüchtige Schicht von wohlhabenden Männern und Frauen, die durch die reaktionäre #MeToo-Kampagne ihre Interessen ohne Rücksicht auf die weitreichenden Konsequenzen durchsetzen wollen. Genau wie viele andere in Hollywood sah sie in der Hexenjagd um sexuelles Fehlverhalten eindeutig eine Gelegenheit, sich bei den Medien und dem Establishment der Unterhaltungsindustrie beliebt zu machen. Deswegen hatte sie 2018 den opportunistischen Entschluss gefasst, sich als Kämpferin für „Frauenrechte“ zu inszenieren. Der Zynismus dieses Vorhaben kann gar nicht genug betont werden.

Von größerer Bedeutung ist, dass das Urteil alle haltlosen Behauptungen gegen Schauspieler, Musiker, Komiker und Medienpersönlichkeiten der letzten Jahre in Frage stellt. Wenn Heard nicht einfach beim Wort genommen werden konnte – und die Geschworenen kamen eindeutig zu diesem Schluss – warum sollte dies dann für irgendjemand anderen gelten?

Wie bereits erwähnt, lösten diese weiterreichenden Konsequenzen des Urteils bei den #MeToo-Aktivisten krampfartige Wutanfälle aus. Viele beteiligten sich an ihrer eigenen „Annullierung der Geschworenen“, indem sie das Urteil als unrechtmäßig ablehnen und weiterhin ohne Beweise behaupten, Heard sei eine verfolgte Überlebende von Missbrauch.

Der Rolling Stone veröffentlichte einen Artikel mit der Überschrift „Männer gewinnen immer: Überlebende ,empört‘ über Urteil gegen Amber Heard“. Buzzfeed schrieb in einem Artikel mit dem Titel „Warum das Urteil Depp vs. Heard so brutal ist“: „Eine Frau zu sein bedeutet nicht, das man lediglich immer nur von einem Mann oder einem Ereignis bestraft wird; man muss sich durch ein Geflecht von Unterwerfungen kämpfen.“ A.O. Scott schrieb in der New York Times, ohne einen einzigen Beweis vorzulegen, die Öffentlichkeit sei „darauf konditioniert, [Depp] als verletzlichen Menschen mit Fehlern und [Heard] als Monster anzusehen. Weil er ein Mann ist. Prominenz und Männlichkeit sind Vorteile, die sich gegenseitig verstärken.“

Ein besonders abscheulicher Kommentar von Moira Doneghan erschien im Guardian, dem Sprachrohr des britischen liberalen Philistertums, laut dem sich der Prozess mit seinem „seltsamen, unlogischen und ungerechten“ Urteil „zu einer öffentlichen Orgie der Frauenfeindlichkeit entwickelt hat. Während sich der meiste Hass gegen Heard richtet, kann man sich kaum des Gefühls erwehren, dass er sich in Wirklichkeit gegen alle Frauen richtet.“

Die Soziologin Nora Bedera kam im Time-Magazin zu dem Schluss, dass es eine „strukturelle Ungleichheit“ ist, einen Ankläger ins Kreuzverhör zu nehmen, und deshalb verboten werden sollte. Sie schrieb, die Öffentlichkeit halte harte Befragungen unter Eid fälschlicherweise für „den Goldstandard der Wahrheitsfindung“, doch „laut wissenschaftlichen Studien vertuscht es in Fällen von sexueller Gewalt vielmehr die Tatsachen“. Kreuzverhöre würden „bei Überlebenden oft zu traumatischen Symptomen führen, die ihre Fähigkeit beeinträchtigen, sich an Details der erlittenen Gewalt zu erinnern“. Bedera nimmt dabei natürlich an, dass die Ankläger „Überlebende“ von Misshandlungen sind und dass die Angeklagten schuldig sind, was ihre Argumentation deutlich vereinfacht. Tatsächlich zeigt der Fall, dass der Angeklagte das Recht haben muss, den Ankläger durch einen Rechtsbeistand einer umfassenden Befragung zu unterziehen. Keine ehrliche Person kann etwas dagegen haben.

Das Argument, Depp habe den Fall wegen seines Status als Filmstar gewonnen, ist wenig oder gar nicht stichhaltig. Tatsächlich war er, wie bereits angedeutet, bei seiner Klage gegen Heard vor einem US-Gericht mit beträchtlichen juristischen Hürden konfrontiert. Man kann soviel sagen: Depps Prominenz hat ihm insoweit genützt, dass er – im Gegensatz zu vielen anderen – die Feindschaft der Medien ignorieren, die juristischen Kosten zahlen und Monate in diesen Fall investieren konnte. Sein Status schuf erstmals so etwas wie gleiche Ausgangsbedingungen.

Was die Behauptung angeht, Depps größerer Rückhalt in der Bevölkerung habe ihm einen unfairen Vorteil verschafft, so bezieht sie sich teilweise auf seinen Hintergrund als bedeutender Künstler (u.a. in Filmen wie Minamata und Waiting for the Barbarians), seine Präsenz vor Gericht und das allgemeine Misstrauen der Öffentlichkeit gegenüber Heards Aussage.

NPR wies darauf hin, dass der Hashtag #IStandWithAmberHeard auf TikTok bis zum 23. Mai 8,2 Millionen Mal angesehen wurde, #JusticeForJohnnyDepp hingegen etwa 15 Milliarden mal. Die breite Reaktion zeichnet ein korrekteres Bild der öffentlichen Meinung über die #MeToo-Meute von Hollywood und ihrer Selbstsucht, ihrem Selbstmitleid und ihrer Selbstdarstellung.

Die World Socialist Web Site betont seit Oktober 2017, dass die zahlreichen Angriffe und das spätere „Verschwinden“ der Beschuldigten nichts damit zu tun haben, am Arbeitsplatz oder zu Hause die Rechte von Frauen zu verteidigen. Vielmehr werde der undemokratische Charakter dieser Säuberung langfristig die Rechte aller einschränken. Diese Haltung wird heute sicherlich von immer mehr Menschen geteilt.

Der Depp-Heard-Prozess hat als positiven Nebeneffekt gezeigt, wie klein die privilegierte Gesellschaftsschicht ist, die hinter der #MeToo-Kampagne steckt, und wie stark sie von der Masse der Bevölkerung isoliert ist – von Frauen wie von Männern.

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