Lufthansa-Piloten stimmen mit überwältigender Mehrheit für Streik

97,6 Prozent der Piloten der Lufthansa-Passagierairline und 99,3 Prozent der Piloten von Lufthansa-Cargo haben sich in einer Urabstimmung für Streik ausgesprochen, wie die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) am vergangenen Sonntag bekannt gab.

Lufthansa-Piloten im Cockpit eines Airbus A380 [Photo by Steve Jurvetson / flickr / CC BY 2.0]

Sechs Verhandlungsrunden mit dem Lufthansa-Vorstand waren ergebnislos geblieben. Das Management legte noch nicht einmal ein ernsthaftes Angebot vor. Die Pilotengewerkschaft sah sich unter dem Druck ihrer Mitglieder gezwungen, die Verhandlungen für gescheitert zu erklären und eine Urabstimmung durchzuführen.

Gleichzeitig signalisierte sie dem Vorstand, dass sie keinen Streik will, und bot die Fortsetzung der formell gescheiterten Verhandlungen an, die jetzt „Sondierungsgespräche“ genannt werden.

VC-Tarifexperte Marcel Gröls erklärte bereits vor der Auszählung der Urabstimmung, es handle sich „zunächst“ um ein „Warnsignal an den Lufthansa-Vorstand“. Vom Management erwarte man nun „endlich gute Angebote“. Es bedürfe jetzt „eines ernstzunehmenden Lösungswillens seitens Lufthansa, um gemeinsam kreative Lösungsräume im Interesse des Unternehmens und seiner Mitarbeitenden zu schaffen“, so der VC-Tarifchef.

Die rund 5000 Pilotinnen und Piloten der Lufthansa sind damit konfrontiert, dass ihre Gewerkschaft die große, fast 100-prozentige Streikbereitschaft zurückhält und sabotiert. Das wiederum stärkt und ermutigt die Konzernleitung, an ihrer provokativen und auf Lohnsenkungen ausgerichteten Tarifpolitik festzuhalten. Um ihre Forderungen durchzusetzen, müssen die Piloten deshalb einen Kampf an zwei Fronten führen.

Sie müssen sich unabhängig von der Pilotengewerkschaft in einem Aktionskomitee zusammenschließen, um ihren Streikbeschluss in die Tat umzusetzen. Ein solches Aktionskomitee schafft gleichzeitig die Voraussetzung, den Kampf der Piloten mit dem anderer Lufthansa-Beschäftigten, wie dem Bodenpersonal, zu verbinden, die sich gegenwärtig auch in Tarifauseinandersetzungen befinden.

Darüber hinaus schafft es die Möglichkeit, Kontakt zu streikenden Luftfahrtbeschäftigten in anderen Unternehmen und Ländern aufzunehmen, die Kämpfe zu koordinieren und die volle Kampfkraft der Piloten und aller anderen Luftfahrtbeschäftigten zu mobilisieren.

Ohne die Kontrolle von VC zu durchbrechen, kann – trotz großer Streikbereitschaft – der Kampf nicht gewonnen werden. Bereits bei der Aufstellung der Forderung kam es zu Konflikten. Vor allem die Piloten der Tochterfirmen Eurowings, Austrian Airlines, Swiss, Air Dolomiti, etc., die zum Konzern gehören, aber wesentlich weniger verdienen als die Beschäftigten der Kernmarke, forderten eine deutliche Lohnerhöhung, die die Verluste der vergangenen Jahre und die Inflation ausgleicht.

VC hat die Forderung für dieses Jahr auf 5,5 Prozent beschränkt, was selbst dann, wenn sie voll durchgesetzt würde, einen massiven Reallohnverlust bedeutet, und die Forderung nach einem automatisierten Inflationsausgleich auf das nächste Jahr verschoben.

Dazu kommt die Forderung nach einem einheitlichen Tarifvertrag für das gesamte Cockpitpersonal, die ein zweischneidiges Schwert ist. Während es erstrebenswert ist, die unterschiedlichen Regelungen in den verschiedenen Flugbetrieben zu überwinden, versucht der Vorstand die bisherige Leitfunktion der Kernmarke zu brechen und die Billiglöhne zum Standard zu machen.

Die hohe Streikbereitschaft der Piloten ist auch eine Antwort auf die massiven Zugeständnisse, die die Vereinigung Cockpit in den vergangenen Jahren aufgrund der Corona-Pandemie gemacht hat. Sie haben zu einer deutlichen Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und zu hohen Einkommensverluste geführt.

Cockpit hatte schon im Frühjahr 2020, kurz nach Beginn der Pandemie, zugestimmt, die Pilotengehälter zunächst bis zum Jahresende um bis zu 50 Prozent zu senken. Kurz vor Jahresende verlängerte die VC-Führung dann diese Gehaltskürzung bis Ende Juni 2022. Neben Kurzarbeit umfasste das Paket Zugeständnisse bei Gehalt und Altersversorgung.

„Die in diesem Frühjahr vereinbarten und nun zusätzlich angebotenen Zugeständnisse belaufen sich auf einen Wert von insgesamt über 600 Millionen Euro. Dies entspricht gegenüber der Vorkrisenzeit Gehaltsreduzierungen von bis zu 50 Prozent“, erklärte vor knapp zwei Jahren der damalige VC-Präsident Markus Wahl.

Auch die beiden anderen Lufthansa-Gewerkschaften Verdi und UFO (Unabhängige Flugbegleiter Organisation) boten die Streichung des Urlaubs- und Weihnachtsgelds, einen Lohnstopp und den Verzicht auf Zulagen an, sodass sich der Einkommensverzicht der Belegschaft auf insgesamt rund 1,3 Milliarden Euro belief. Zur selben Zeit baute Lufthansa 32.000 Stellen ab, viele auch bei den Piloten.

Die Behauptung der Gewerkschaften, diese Zugeständnisse werde der Konzern honorieren, sobald der Flugbetrieb wieder zunehme und die Zahl der Passagiere wieder steige, wurde schnell widerlegt.

Ende vergangenen Jahres kündigte das Management die sogenannte „Perspektivvereinbarung“. Darin werden den Piloten der Kernmarke – Lufthansa und Cargo – eine Mindestflotte und damit Jobsicherheit und planbare Aufstiegschancen garantiert.

Stattdessen will die Konzernführung nun die Kernmarke weiter schrumpfen und den Zubringerverkehr zu den beiden Drehkreuzen Frankfurt und München an die geplante Airline Cityline 2.0 übergeben, was erneut Lohnsenkung und verschlechterte Arbeitsbedingungen bedeutet. Zusätzlich geht der Personalabbau weiter. Alleine im Mai erhielten 281 Pilotinnen und Piloten von Germanwings die Kündigung.

Diese Drohung überlagere die laufenden Tarifgespräche, berichtet das Handelsblatt: „Angesichts dessen gibt es in der Pilotenschaft auch zahlreiche Stimmen, die glauben, es könne keine Lösung ohne einen Arbeitskampf geben.“

Besonders skrupellos geht Lufthansa mit jungen Piloten und den Nachwuchskräften um. Ein halbes Jahr nach Beginn der Pandemie, die für die werdenden Piloten eine vollständige Unterbrechung ihrer teuren Ausbildung bedeutete, lud die Konzernleitung ihre rund 500 Flugschüler zu einer Videoschalte ein. Stephan Klar, der damalige Geschäftsführer der für Pilotenausbildung zuständigen Lufthansa-Tochter LAT, eröffnete den schockierten Schülerinnen und Schülern, dass man „weder wirtschaftlich noch perspektivisch für Sie einen Sinn“ sehe, „die Ausbildung fortzuführen“. Die Schüler seien aufgerufen, „sich beruflich neu zu orientieren“.

Rund 200 Lufthansa-Schüler klagten dagegen. Doch das Arbeitsgericht Frankfurt wies im Dezember letzten Jahres die Klage ab, ebenso wie einstweilige Verfügungen gegen die Schließung der Pilotenschulen in Bremen und Phoenix (Arizona). LAT-Chef Matthias Spohr (der Bruder von Lufthansa-Chef Carsten Spohr) begrüßte das Gerichtsurteil unter Verweis auf den angeblich „geringeren Pilotenbedarf“ aufgrund der Pandemie. Mittlerweile nimmt Lufthansa die Pilotenausbildung wieder auf – zu deutlich schlechteren Konditionen.

Nachdem die Lufthansa und andere Airlines im Zuge der Corona-Pandemie mit staatlichen Geldern in Milliardenhöhe gerettet wurden, sollen diese Beträge jetzt über Reallohnkürzungen und Stellenabbau aus dem Personal herausgepresst werden. Dagegen wächst der Widerstand. Die Streikbereitschaft der Lufthansa-Piloten ist Bestandteil einer seit Monaten andauernden, umfassenden Streikwelle in der internationalen Luftfahrtbranche.

Die Piloten der zweitgrößten europäischen Billigfluggesellschaft Easyjet in Spanien haben für August einen Streik angekündigt, der neun Tage dauern soll. Rund 900 SAS-Piloten aus Dänemark, Norwegen und Schweden traten Anfang Juli in den Streik; hunderte Flüge der skandinavischen Airline wurden gestrichen. Das Unternehmen nutzte den Arbeitskampf als Vorwand, um Insolvenz anzumelden und den Flugbetrieb unter neuen Bedingungen zu organisieren.

Bei British Airways findet derzeit eine Abstimmung über einen Streik des Cockpitpersonals statt, nachdem ein Ausstand des Bodenpersonals in letzter Minute abgesagt wurde. Und Anfang der Woche kündigten die portugiesischen Gewerkschaften Streiks an allen wichtigen Flughäfen an, die in der zweiten Augusthälfte beginnen sollen.

Überall bemühen sich die Gewerkschaften, diese internationalen Streikbewegungen voneinander zu isolieren und einen gemeinsamen Kampf zu verhindern. In Deutschland versucht Verdi händeringend, die Tarifauseinandersetzung der etwa 20.000 Bodenbeschäftigten der Lufthansa mit einem faulen Kompromiss abzuwürgen, um einen gemeinsamen Kampf mit den Piloten zu verhindern.

Die Piloten müssen die Leitung ihres Tarifkampfs und des bereits beschlossenen Streiks selbst in die Hand nehmen. Sie dürfen sich nicht länger von Gewerkschaftsfunktionären, die gleichzeitig im Aufsichtsrat sitzen, dicke Tantiemen kassieren und die Konzerninteressen vertreten, vorschreiben lassen, was sie fordern dürfen und ob ihre Streikentscheidung befolgt wird oder nicht.

Gerade die Piloten, die ständig mit Kollegen in verschiedenen Ländern und Kontinenten in Kontakt stehen, wissen, dass diese überall auf der Welt vor ähnlichen oder gleichen Problemen stehen. Sie müssen sich jetzt international zusammenschließen und ihre Streikmacht nutzen, um einen gemeinsamen Kampf aller Luftfahrtbeschäftigten zu organisieren.

Deshalb ist der Bruch mit Cockpit und der Aufbau von unabhängigen Aktionskomitees so wichtig. Nur durch ein selbstbewusstes Eingreifen der Belegschaften ist es möglich, die Verschärfung der Ausbeutung zurückzuweisen und das Chaos an den Flughäfen zu überwinden. Die Luftfahrt und der öffentliche Verkehr sind – wie das Gesundheitswesen, die Pflege und die Bildung – ein wichtiger Bestandteil gesellschaftlich unverzichtbarer öffentlicher Dienstleistungen, die nicht länger der kapitalistischen Profitwirtschaft untergeordnet werden dürfen.

Der Aufbau von Aktionskomitees ist ein wichtiger Schritt, um die internationale Zusammenarbeit zu entwickeln und eine antikapitalistische, sozialistische Orientierung zu diskutieren, die die Interessen der Piloten und aller anderen Luftfahrt-Beschäftigten sowie die Bedürfnisse der Passagiere über die Profitinteressen des Konzerns und der Aktionäre stellt.

Die Sozialistische Gleichheitspartei und ihre internationalen Schwesterparteien haben zu diesem Zweck die Internationale Arbeiterallianz der Aktionskomitees (International Workers Alliance of Rank-and-File Committees) ins Leben gerufen. Nehmt Kontakt zu ihr auf und registriert euch für den Aufbau von Aktionskomitees!

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