Ukraine: Die International Socialist League beschönigt die Verbrechen des Faschismus

Vom 24. Juni bis zum 6. Juli 2022 veröffentlichte die ukrainische Sektion der International Socialist League (ISL) auf ihrer Facebook-Seite ein achtseitiges Dokument im Namen ihres Vorsitzenden Oleg Vernyk, der auch Führer der Gewerkschaft Zakhyst Pratsi (Verteidigung der Arbeit) ist. Mit dem Text, der inzwischen auch auf Englisch, Spanisch, Französisch und Ukrainisch erschienen ist, reagiert die ISL auf Enthüllungen der WSWS. Diese hatte aufgedeckt, wie tief die ISL in den Nato-Krieg gegen Russland in der Ukraine verstrickt ist, und dass ihr Führer Oleg Vernyk die Werbetrommel für Personen und Schriften der faschistischen Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) rührt.

Das neue Dokument bestätigt voll und ganz die Warnungen der WSWS vor der proimperialistischen, prokapitalistischen und rechtsextremen Ausrichtung dieser kleinbürgerlichen, nationalistischen Tendenz. Zu Beginn erklärt die ISL offen, dass ihr Ausgangspunkt das „Grundprinzip“ der „Verteidigung der Ukraine als politisches Subjekt“ und des „Kampfs für die Erhaltung der Integrität des Staates“ sei. Solche Formulierungen sind nicht die einer linken, geschweige denn revolutionären oder sozialistischen Tendenz. Sie kennzeichnen vielmehr eine Organisation, die den kapitalistischen ukrainischen Staat ausdrücklich verteidigt – vor allem gegen die Arbeiterklasse.

In seinem „Brief an einen jungen Trotzkisten in Russland“ entlarvte David North, der Chefredakteur der World Socialist Web Site, den reaktionären Charakter der politischen Linie der ISL und erläuterte die Grundsätze des revolutionären Internationalismus und der historischen Kontinuität des Marxismus. Auf diese Kontinuität stützt sich die trotzkistische Bewegung, die sowohl den imperialistischen Stellvertreterkrieg gegen Russland in der Ukraine ablehnt, als auch das Putin-Regime.

Die Politik der ISL steht in direktem Widerspruch zu diesen marxistischen und internationalistischen Prinzipien. Mit einem ungewöhnlichen Gemisch aus Geschichtslügen, Auslassungen und Verzerrungen versuchen die ISL und Vernyk, die Verbrechen des ukrainischen Faschismus zu beschönigen und ihr heutiges Bündnis mit den Rechtsextremen, den hauptsächlichen Stoßtrupps für den imperialistischen Stellvertreterkrieg gegen Russland in der Ukraine, zu rechtfertigen.

Die angebliche „Demokratisierung“ der OUN 1943 und die Rolle von Petro Poltava

Die ISL verteidigt in ihrem Text die Tatsache, dass Vernyk Werbung für Infomaterial der OUN-­B und der UPA macht. Sie schreibt:

Er (Oleg Vernyk) hat nie Propaganda für die Organisation der ukrainischen Nationalisten gemacht. Im Gegenteil, er schlug immer vor, die Befreiungs- und nationalistische Bewegung in der Ukraine und die Dynamik ihrer Entwicklung gründlich zu analysieren und dabei sowohl ihre rechten als auch linken Tendenzen zu berücksichtigen; er hat außerdem davon abgeraten, die Komplexität und Probleme zu ignorieren, die diese Bewegungen auszeichneten. Des Weiteren hat sich Oleg Vernyk immer sehr kritisch über Stepán Bandera, den führenden Kopf des ultraradikalen rechten Flügels der OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten) geäußert und sich dagegen gewandt, ihn als demokratischen Politiker darzustellen, der zu einem linken Anführer geworden sei.

Der Gesamtbeitrag straft diese Behauptungen Lügen. In Wirklichkeit wärmt die ISL die gleichen Geschichtslügen und Mythen auf, die die OUN-B und die UPA und ihre Apologeten seit Jahrzehnten propagieren. Es fällt auf, dass die Begriffe „Faschismus“, „Nazismus“, „Völkermord“, „Pogrom“, „Antisemitismus“ und „Rassismus“ im Zusammenhang mit der OUN oder der UPA nicht ein einziges Mal vorkommen. Man erfährt nichts über die Ursprünge oder die Ideologie der OUN, die 1929 als faschistische, terroristische Organisation mit dem ausdrücklichen Ziel gegründet wurde, die sozialen Errungenschaften der Oktoberrevolution zu zerstören und einen „ethnisch reinen“ ukrainischen Staat zu gründen.

Auch fehlt jeder Hinweis darauf, dass die OUN die deutsche Wehrmacht bei der Vorbereitung des Einmarschs in die Sowjetunion unterstützte und dann dabei half, Pogrome gegen Juden anzuzetteln und zu verüben. Diesen Pogromen fielen schätzungsweise 13.000 bis 35.000 Menschen zum Opfer. Im Jahr 1940 hatte sich die OUN in einen Flügel unter der Führung von Andrei Melnyk (OUN-M) und einen Flügel unter der Führung von Stepán Bandera (OUN-B) gespalten, die beide mit den Nazis kollaborierten. Selbst als Führer der OUN-B von den Nazis verhaftet wurden, weil diese die Ausrufung eines unabhängigen ukrainischen Staates durch die OUN-B verhindern wollten, wurden Mitglieder der OUN als Ganzes in den Nazi-Besatzungsapparat und die Hilfspolizei integriert, wo sie beim Völkermord der Nazis an den Juden eine wichtige Rolle spielten.

Eine jüdische Frau während des Pogroms vom 1. Juli 1941 in Lemberg. Das Pogrom ging zwar von den Nazi-Besatzern aus, wurde aber hauptsächlich von ukrainischen Nationalisten durchgeführt, insbesondere von der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN). (Foto: Wikimedia Commons)

Die ISL und Vernyk ignorieren vollkommen die Rolle der OUN im Zweiten Weltkrieg und versuchen, den Eindruck zu erwecken, dass Bandera und die OUN seit 1943 politisch und ideologisch getrennte Wege gegangen seien.

In dem neuen Text verteidigt Vernyk das Pamphlet „Was sind die Banderisten und wofür kämpfen sie?“ von Petro Poltava (Fedun), einem führenden Ideologen der UPA und der OUN-B, und behauptet:

Herr Petró Poltava erzählt in diesem Werk, wie er begonnen hatte, Ideen zu propagieren, die der Ideologie von Stepán Bandera absolut entgegengesetzt waren. Genau diese Ideen, die während des 3. Regionalkongresses der Organisation Ukrainischer Nationalisten im Jahr 1943 verkündet wurden, bezeichnete Stepán Bandera als „bolschewistische“ Ideen. Der Kongress, so Bandera, sei von einigen „Bolschewiken“ organisiert worden, und er (S. Bandera) werde die von diesem Kongress verabschiedeten Resolutionen niemals akzeptieren. S. Bandera, der zu dieser Zeit im deutschen Konzentrationslager „Sachsenhausen“ inhaftiert war, hatte sehr wohl verstanden, dass sich in den Reihen der OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten) eine Tendenz zur Demokratisierung, zu linken Ideen und zur Aufstachelung zu einem gleichzeitigen Krieg gegen den deutschen Nationalsozialismus und gegen den Stalinismus abzeichnete. Offensichtlich wurde diese Position von Bandera und den anderen Mitgliedern der rechten Fraktion der Organisation Ukrainischer Nationalisten entschieden abgelehnt.

Das sind krasse Lügen. Trotz Banderas Inhaftierung in Sachsenhausen (wo er unter höchst privilegierten Bedingungen lebte und sich über die Arbeit der OUN auf dem Laufenden halten konnte) blieb er der anerkannte Führer (providnik, ukrainische Übersetzung von Führer) der OUN-B.

Und weit davon entfernt, „Ideen zu propagieren, die der Ideologie von Stepán Bandera absolut entgegengesetzt sind“, verkündete das Pamphlet von Poltava stolz, dass die Banderisten „ihren Namen von dem ruhmreichen Sohn des ukrainischen Volkes, dem langjährigen revolutionären Kämpfer für die Freiheit und staatliche Unabhängigkeit der Ukraine, dem Führer der revolutionären Organisation der ukrainischen Nationalisten (OUN) - Stepán Bandera – ableiten“. [1]

Historiker haben dieses bekannte Pamphlet, das ausdrücklich jegliche völkermörderischen Massaker durch die OUN und ihre Zusammenarbeit mit den Nazis leugnete, häufig als Beispiel für die Propagandabemühungen der OUN-B und der UPA angeführt, die versuchten, damit die eigenen Verbrechen während und nach dem Zweiten Weltkrieg zu beschönigen. Ihre verlogene „sozialistische“ Demagogie war das Ergebnis der Versuche der OUN, Schichten der ostukrainischen Bauernschaft anzusprechen, die trotz der ungeheuren Verbrechen des Stalinismus der Idee der Wiedereinführung des Kapitalismus mehrheitlich ablehnend gegenüberstanden.

Porträt von Stepán Bandera in der ukrainischen Ausgabe von Poltavas Pamphlet „Wer sind die Banderisten und wofür kämpfen sie?“ (1950). Oben steht eine Widmung von Poltava: „Dem Freund des Führers, S. Bandera“. Am unteren Rand des Bildes steht: „Stepán Bandera, Anführer der OUN“ (Foto: WSWS) [Photo: WSWS]

Der ISL-Post steht in der Tradition dieser rechtsextremen Propaganda. Diese stellt die nationalsozialistische Demagogie von Poltawa als „links“, ja sogar als „bolschewistisch“ dar. In Wirklichkeit gründete die Politik und Ideologie, die dem „nationalen Sozialismus“ der OUN-B und ihrer faschistischen Gewalt zugrunde lag, in der Zurückweisung des internationalistischen und marxistischen Programms der Oktoberrevolution.

In einem Essay aus dem Jahr 1946 mit dem Titel „Die revolutionären Elemente des ukrainischen Nationalismus“ machte Poltava selbst dies sehr deutlich:

Der ukrainische Nationalismus kämpft auch gegen all jene Epigonen des Sozialismus von 1917–1920  auf ukrainischem Boden, die auf dem Standpunkt des Internationalismus stehen, die für eine Klassenbefreiung kämpfen, welche dem Kampf für die nationale Befreiung übergeordnet wird, ohne zu verstehen, dass nur die nationale Befreiung die soziale Unterdrückung in der Ukraine beseitigen kann. [2]

Es ist diese nationalistische Zurückweisung der Oktoberrevolution und des Marxismus, die kleinbürgerliche, nationalistische Kräfte wie die ISL und Oleg Vernyk mit Poltava und der OUN-B teilen. Sie beharren darauf, dass das Jahr 1943 der Wendepunkt zu einer angeblichen Entwicklung der OUN-B hin zu „Demokratie“ und „linken“ Auffassungen gewesen sei. Dies basiert nicht einfach bloß auf historischen Lügen. Es offenbart vor allem ihre eigene politische Ausrichtung auf ein Bündnis mit dem Imperialismus und ihre Bereitschaft, die Verbrechen des Faschismus um der Verteidigung des „ukrainischen Staates“ willen zu tolerieren und zu leugnen.

Die „Demokratisierung“ der OUN-B im Jahr 1943 war ein politischer Betrug mit dem Ziel, eine Grundlage für das Bündnis der ukrainischen extremen Rechten mit dem US-amerikanischen und britischen Imperialismus zu schaffen. Das Bündnis sollte Jahrzehntelang bestehen und war auch der Beginn einer bis heute anhaltenden Vertuschung und Beschönigung der völkermörderischen Verbrechen des ukrainischen Faschismus.

Nach der Niederlage der deutschen Wehrmacht in Stalingrad im Winter 1942-1943 setzten die ukrainischen Faschisten ihre letzte Hoffnung auf die Errichtung eines ukrainischen kapitalistischen Nationalstaats im Bündnis mit den USA und Großbritannien. Die OUN-B nahm einige Änderungen an ihrem Programm vor, doch das war, wie der Historiker John-Paul Himka feststellte, „programmatische Augenwischerei“ und zielte darauf ab, „sich amerikanische und britische Hilfe für die eigene Sache zu sichern“. [3]

So bekannte sich die OUN auf ihrem Kongress im August 1943 öffentlich zur Anerkennung gleicher Rechte für Minderheiten und begann, ihre antisemitische und rassistische Rhetorik abzuschwächen. Doch nur wenige Tage vor dem Kongress erhielten die Mitglieder der SB, der Sicherheitsorganisation der OUN-B, den Befehl, „alle 'Feinde der UPA' zu vernichten, worunter alle Polen, Tschechen, Juden, Komsomol-Mitglieder, Offiziere der Roten Armee, Arbeiter der Miliz und alle Ukrainer zu verstehen sind, die auch nur die geringste Sympathie für die Sowjetmacht hegen“. [4]

Vor allem aber hatte die OUN-UPA im Frühjahr 1943 einen völkermörderischen Feldzug gegen die polnische Bevölkerung in Wolhynien und Galizien begonnen, dem 1943-1944 zwischen und 70.000 und 100.000 Menschen zum Opfer fielen, die meisten von ihnen im Jahr 1943.

Karte von Wołyń (Wolhynien) und Ostgalizien im Jahr 1939

Ganze Dörfer wurden von der Landkarte getilgt, ihre Bewohner lebendig verbrannt, erschossen oder zu Tode gefoltert. Die UPA zwang auch häufig Ukrainerinnen, die Polen geheiratet hatten, ihre polnischen Ehepartner oder Kinder zu ermorden. Die Leichen der Toten wurden oft grausam verstümmelt. Der Historiker Gregorz Rossoliński-Liebe schreibt:

Die UPA war die Armee, von der die Führer der OUN-B erwarteten, dass sie die ukrainische Rasse „säubern“ würde. Vielleicht war diese Überzeugung der Grund dafür, dass es immer wieder zu pathologischen sadistischen Handlungen kam. Im Mai 1943 töteten UPA-Partisanen im Dorf Kolonia Grada zum Beispiel zwei Familien, die nicht wie alle anderen fliehen konnten, nachdem sie erkannt hatten, dass die UPA das Nachbardorf Kolonia Łamane angriff. Die Partisanen töteten alle Mitglieder dieser beiden Familien, schnitten einer schwangeren Frau den Bauch auf, nahmen ihr den Fötus und die Innereien ab und hängten sie an einem Busch auf, wahrscheinlich als eine Botschaft an andere Polen, die dem Angriff entkommen waren und vielleicht ins Dorf zurückkommen würden. [5]

Polnische zivile Opfer des UPA-Massakers in Lipniki am 26. März 1943

Die UPA machte auch systematisch Jagd auf die wenigen Juden, die den Holocaust bis dahin überlebt hatten, und ermordete sie. Es gab sogar den Befehl, jeden zu töten, der Juden versteckt hatte. Am Ende des Krieges waren schockierende 98,5 Prozent der Juden in Wolhynien, dem Zentrum der Aktivitäten der OUN-B, ermordet worden – eine der höchsten Todeszahlen in ganz Europa.

In ihrem achtseitigen Dokument erwähnt die ISL keins dieser schrecklichen Verbrechen, geschweige denn verurteilt sie. Stattdessen behauptet die ISL, dass sich die UPA 1943, also auf dem Höhepunkt ihrer völkermörderischen Massaker, „den Ideen der Linken und der Aufstachelung zu einem gleichzeitigen Krieg gegen den deutschen Nationalsozialismus und gegen den Stalinismus zugewandt“ habe. Auch das ist eine Lüge.

Zwar hatte die UPA, die 1942 unabhängig von der OUN gegründet worden war, eine Art Partisanenkrieg gegen die Wehrmacht geführt hatte, aber 1943 wurde die UPA gewaltsam von der OUN-B übernommen. Die Führung der Organisation bestand nun, in den Worten des Historikers Per Anders Rudling, „aus rücksichtslosen OUN-B-Aktivisten, die mehrheitlich von Nazi-Deutschland ausgebildet wurden, und viele von ihnen waren tief in den Holocaust verstrickt“. [6] Außerdem schlossen sich im Frühjahr 1943 schätzungsweise 5.000 der 12.000 Männer der ukrainischen Hilfspolizei, die eine zentrale Rolle im Holocaust gespielt hatte, der UPA an.

Während des gesamten Jahres 1943, als das offizielle Bündnis der OUN mit den Nazis auf Eis gelegt war, bestanden dennoch weiterhin Absprachen zwischen den beiden Seiten, die die Angriffe der UPA auf die deutschen Streitkräfte auf ein Minimum reduzierten. 1944 wurde das Bündnis mit Nazi-Deutschland auf Initiative von Bandera wiederbelebt, und als sich die Nazis aus der Ukraine zurückzogen, „überließen sie der OUN-UPA tonnenweise Waffen und Munition. Die deutsche Armee betrachtete diese Zusammenarbeit als eine gute Investition in den Krieg gegen die Sowjetunion.“ [7]

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Eingliederung der Westukraine in die Sowjetunion setzte die OUN-UPA ihre Rebellion gegen die sowjetische Herrschaft bis in die frühen 1950er Jahre fort und tötete dabei schätzungsweise 20.000 ukrainische Zivilisten, die meisten von ihnen Kolchosbauern und Arbeiter. In diesem Bürgerkrieg waren die UPA und die OUN auf logistische Unterstützung und Waffen aus den USA und Großbritannien angewiesen, deren Geheimdienste enge Beziehungen zu Bandera und anderen OUN-Führern geknüpft hatten.

Die Reaktion der sowjetischen Bürokratie auf diesen Aufstand war politisch kriminell und bankrott: Aus Angst vor einer Mobilisierung der Arbeiterklasse, die auch ihre eigene Herrschaft bedroht hätte und die Grundlage für eine internationale Ausweitung der Oktoberrevolution hätte bilden können, griff die Bürokratie zu gewaltsamer bürokratischer Unterdrückung, um den Aufstand zu vereiteln. Hunderttausende Menschen wurden aus der Westukraine deportiert, und der NKWD brachte schätzungsweise 150.000 Menschen um.

Diese gewaltsame Unterdrückung erwies sich als Wasser auf die Propagandamühlen der ukrainischen Rechten. Sie diente vor allem dazu, die Arbeiterklasse zu spalten und zu verwirren. Mehr als 30 Jahre später, als die stalinistische Bürokratie unter Michail Gorbatschow 1985 den Kapitalismus wieder einführte und die Sowjetunion zerstörte, drängten die latent vorhandenen ukrainischen Rechtsextremen sowohl in der Diaspora als auch innerhalb der Sowjetunion gewaltsam in den Vordergrund. Sie wurden erneut zu einer zentralen Stütze für die Intervention des Imperialismus in der Region.

Die Verbrechen des Stalinismus nutzen, um den Faschismus zu beschönigen: Danylo Shumuks Rolle und der Norilsker Aufstand 1953

Im Gründungsdokument des Internationalen Komitees der Vierten Internationale bestand James P. Cannon darauf, dass Trotzkisten „wissen, wie man den Imperialismus und alle seine kleinbürgerlichen Agenturen (wie z.B. nationalistische Organisationen und Gewerkschaftsbürokratien) bekämpft, ohne vor dem Stalinismus zu kapitulieren; dass sie umgekehrt wissen, wie man gegen den Stalinismus kämpft (der letzten Endes eine kleinbürgerliche Agentur des Imperialismus ist), ohne vor dem Imperialismus zu kapitulieren“. [8]

Die ISL stellt dieses Prinzip auf den Kopf. Sie nutzt die Verbrechen des Stalinismus zynisch aus, um ihr Bündnis mit der extremen Rechten und dem Imperialismus zu rechtfertigen. Eine zentrale Rolle dabei spielt Danylo Shumuk, ein Veteran der UPA und Anführer des Norilsker Gulag-Aufstandes von 1953.

Als Jugendlicher war Shumuk Mitglied der Kommunistischen Partei der Westukraine (KPWU), die damals als autonome Organisation der Kontrolle der Polnischen Kommunistischen Partei (KPP) unterstand. Im Rahmen des Großen Terrors in der UdSSR, bei dem Zehntausende Revolutionäre aus ganz Europa ermordet wurden, löste Stalin 1938 die KPP und mit ihr die Kommunistischen Parteien Westweißrusslands und der Westukraine auf.

Danylo Shumuk, wahrscheinlich in den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren

Das ISL nutzt die Verbrechen des Stalinismus, um Shumuks Hinwendung zum Faschismus zu rechtfertigen:

Danylo Shumuk wartete bis 1943, als die „UPA“ (Ukrainische Aufständische Armee) ihren Krieg an zwei Fronten begann, nämlich gegen den deutschen Nationalsozialismus und gegen den Stalinismus. Zu diesem Zeitpunkt schloss er sich der „UPA“ an. Leider hatten Stalins Henker 1943 Trotzki bereits ermordet. Daher ist es sehr schwierig für uns vorherzusagen, welche Taktik und Strategie Leo Dawidowitsch den Kommunisten in der Westukraine in Anbetracht der komplexen Verhältnisse der damaligen Zeit vorgeschlagen hätte. Er überließ diese Frage zukünftigen Diskussionen unter den Genossen.

Es ist schwer, sich eine dreistere Lüge vorzustellen. Leo Trotzki führte nicht nur den Kampf der Roten Armee gegen konterrevolutionäre nationalistische Kräfte, nicht zuletzt in der Ukraine, in einem Bürgerkrieg von 1918 bis 1921, um die Errungenschaften der Oktoberrevolution zu verteidigen und auszuweiten. Die trotzkistische Bewegung hat historisch immer darauf bestanden, den Widerstand gegen den Stalinismus auf die Verteidigung der internationalistischen Prinzipien des Marxismus gegen das konterrevolutionäre und nationalistische Programm des „Sozialismus in einem Land“ der Bürokratie zu gründen. Und weit davon entfernt, Bündnisse mit nationalistischen, geschweige denn faschistischen Kräften zu fördern, kämpften Trotzkisten für den Aufbau einer unabhängigen revolutionären Führung für die internationale Arbeiterklasse.

Trotzki als Oberbefehlshaber der Roten Armee zur Zeit des Bürgerkriegs, nach der Oktoberrevolution

Unabhängig von den tragischen Elementen in Shumuks Leben und den Verbrechen des Stalinismus muss klar gesagt werden, dass er nie etwas mit Trotzki und seinem Kampf für den Internationalismus zu tun hatte, auch nicht mit dem Kampf für die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse. Seine Memoiren, die 1984 auf Englisch veröffentlicht wurden, tragen seit langem wesentlich zur historischen Mythenbildung über die OUN und UPA durch die rechtsextreme ukrainische Diaspora in Kanada und den USA bei.

In seinen Memoiren versäumte es Shumuk, den von den Nazis verübten Völkermord an mehr als einer Million ukrainischen Juden, in den die OUN-UPA tief verwickelt war, zu erwähnen, geschweige denn zu verurteilen. Stattdessen rechtfertigte er die (nicht näher bezeichneten) Verbrechen der OUN-B als „Reaktion auf die Verbrechen des NKWD“ – das typische Argument der osteuropäischen extremen Rechten. [9] Shumuks Verherrlichung der UPA-Mitglieder und seine Behauptung, er selbst sei immer nur von „Wahrheit, Güte und Liebe“ motiviert gewesen, fallen eindeutig in die Kategorie Propaganda und Mythenbildung. [10] Nach eigenen Angaben arbeitete er als politischer Ausbilder für die SB, die elitärste und gewalttätigste Einheit der OUN-B, und leitete eine große UPA-Einheit mit vielen OUN-B- und SB-Mitgliedern zu einer Zeit, als die UPA völkermörderische Massaker verübte.

Trotz Shumuks düsterer Bilanz lässt die ISL unter Vernyk die Memoiren dieses gnadenlosen Rechtsnationalisten und seine Beteiligung am Norilsker Gulag-Aufstand von 1953 publizieren. Um Shumuk zu verteidigen und gleichzeitig den Eindruck zu erwecken, dass er eng mit der „Linken“ zusammengearbeitet habe, schreiben sie, dass „trotzkistische Gefangene eine Schlüsselrolle bei der Organisation und Durchführung des Plans“ für den Norilsker Gulag-Aufstand von 1953 gespielt hätten, den Shumuk mit anführte.

Auch hier bedient sich die ISL aus politischen Erwägungen historischer Verzerrungen und Amalgame. Von den beiden Personen, die sie zum Beweis ihrer Behauptung über die angebliche Beteiligung von „Trotzkisten“ anführt, war die eine, Maria Schimanskaja, nicht am Norilsker Aufstand, sondern ein Jahr später an einem anderen Gulag-Aufstand beteiligt. [11] Der andere Hinweis auf einen gewissen „Klichenko“ ist ebenfalls irreführend. Die historischen Dokumente, die über diesen Aufstand veröffentlicht wurden, enthalten diesen Namen nicht, sondern erwähnen einen gewissen Iwan Pawlowitsch Kljatschenko. Und der einzige vorhandene Hinweis eines anderen Gefangenen auf ein politisches Gespräch mit Kljatschenko deutet darauf hin, dass seine Gruppe in der Minderheit war und sich „auf den Status der Opposition“ gegen die Pläne der ukrainischen Nationalisten beschränkte, die das Streikkomitee dominierten. [12] In beiden Fällen ist unklar, ob die beiden jemals Mitglied von Trotzkis Linker Opposition waren, deren Mitglieder während des Großen Terrors in den 1930er Jahren fast ausnahmslos ermordet worden waren.

Mit diesen irreführenden Verweisen und Aussagen versucht die ISL, Verwirrung über den Charakter der am Aufstand beteiligten politischen Kräfte zu stiften und die Trennlinien zwischen linker und rechter Opposition gegen den Stalinismus zu verwischen.

Der Norilsker Aufstand von 1953 war der erste in einer Reihe von Gulag-Aufständen während einer schweren Krise der stalinistischen Bürokratie, die durch den Tod Stalins am 5. März 1953 noch befeuert wurde. Nach Jahren erneuter Repressionen in der Sowjetunion, auch offen antisemitischer Säuberungen und gewaltsamer Repressalien gegen linke Jugendgruppen, erschütterten eine Reihe von Streiks und Aufständen ­ insbesondere in Ostdeutschland im Juni 1953 ­ die stalinistischen Bürokratien. Die überwältigende Mehrheit der sowjetischen Arbeiterklasse und Jugend fühlte eine starke Verbundenheit mit den Idealen und Errungenschaften der Oktoberrevolution, die sie im Zweiten Weltkrieg gegen den Faschismus verteidigt hatten. Die vorherrschende Meinung war, man müsse zum „wahren Lenin“ zurückkehren.

Aus Angst vor der Entwicklung einer breiteren linken Bewegung in der Arbeiterklasse reagierte die Bürokratie mit außerordentlicher Gewalt auf diese Entwicklung, auch auf die Gulag-Aufstände.

Die an diesen Aufständen beteiligten politischen Kräfte waren äußerst heterogen und reichten von wirklich linken und anarchistischen Gruppen sowie religiösen Sekten bis hin zur extremen Rechten. Wie historische Dokumente zeigen, dominierten tragischerweise rechte und nationalistische Kräfte viele dieser Aufstände, insbesondere in Norilsk, und führten sie an. Bis 1953 hatte vor allem die ukrainische extreme Rechte in vielen Lagern ein ausgeklügeltes Untergrundnetzwerk aufgebaut. Dazu gehörten eine neu formierte Einheit der gefürchteten banderistischen Geheimorganisation (SB), ein Generalstab, sowie „Kampfgruppen und Gruppen zur Durchführung von Terrorakten, politischer Ausbildung und Durchsetzung von Vorschriften“. [13]

In Norilsk, wo sich unter den Gefangenen besonders viele ukrainische und baltische Nationalisten befanden, gründete Shumuk schon Jahre vor dem Aufstand eine „Selbsthilfeorganisation“ aus ehemaligen UPA-Mitgliedern. Zusammen mit anderen rechtsnationalen Kräften, darunter russische und baltische Nazi-Kollaborateure, gelang es ihnen, (oft mit durch und durch undemokratischen Mitteln) das Streikkomitee zu dominieren und einen ehemaligen Beamten des Nazi-Propagandaministeriums zum „Propagandaminister“ zu machen. Die Hymne des Aufstandes wurde von einem weißrussischen Nationalisten nach der Melodie eines UPA-Liedes komponiert und richtete sich gegen die „Tyrannei des Bolschewismus“. [14]

Die Hauptverantwortung dafür, dass die Rechtsextremen eine so große Rolle spielen konnten, die ihre tatsächliche Unterstützung in der Bevölkerung bei weitem überstieg, liegt beim Stalinismus. Stalins Großem Terror waren in den 1930er Jahren ganze Generationen von Sozialisten und Revolutionären zum Opfer gefallen, darunter auch die trotzkistische Opposition gegen die Sowjetbürokratie. Dieser Massenmord, der 1940 in der Ermordung von Leo Trotzki gipfelte, enthauptete die Arbeiterklasse politisch, nicht nur in der Sowjetunion, sondern in ganz Europa, und fügte dem sozialistischen und historischen Bewusstsein von Generationen von Arbeiterinnen und Arbeitern immensen Schaden zu.

Wer sich heute dem Kampf für den Sozialismus verschrieben hat, wird es als seine Hauptaufgabe ansehen, die wahre Geschichte dieser Ereignisse und der Verbrechen des Stalinismus zu erarbeiten, um die Arbeiterklasse politisch zu bewaffnen. Die ISL tut das Gegenteil: Sie wendet die stalinistischen Methoden der Geschichtslügen und Amalgame an, um Verwirrung über die Geschichte zu erzeugen und die Verbrechen der extremen Rechten zu vertuschen.

Wie immer dient die historische Lüge dem Zweck der politischen Reaktion: In diesem Fall dient sie der ISL als ideologisches Fundament für ihre Parteinahme für den Imperialismus und die ukrainische extreme Rechte.

Nur wenige Tage, nachdem das Dokument auf der Facebook-Seite der ISL veröffentlicht worden war, nahm Vernyk am 29. Juni in einer ukrainischen Sendung an einer 45-minütigen Diskussion mit Oles Wakhnyi teil, einem der berüchtigtsten neonazistischen Skinheads der Ukraine. Wakhnyi hat sich öffentlich hinter die faschistischen Anschläge des norwegischen Terroristen Anders Breivik gestellt, der über 77 Menschen getötet hat, und vor französischen Fernsehkameras den Hitlergruß gezeigt. In seiner „Diskussion“ mit diesem faschistischen Verbrecher vor einer ukrainischen Flagge brachte Vernyk seine Unterstützung für das Verbot von Oppositionsparteien und Streiks durch die ukrainische Regierung zum Ausdruck.

Der rasante Rechtsruck der ISL enthält wichtige Lehren für Arbeiter in aller Welt. Ihre offene Unterstützung für ukrainische faschistische Kräfte ist nur der extremste Ausdruck des rapiden Rechtsrucks der kleinbürgerlichen Ex-Linken auf internationaler Ebene, den das IKVI seit vielen Jahren dokumentiert. Die ISL und Vernyks Gewerkschaft sind mit verschiedenen Organisationen in Lateinamerika, der Türkei und Europa sowie mit der Progressiven Internationale verbunden, die vom Sanders Institute des demokratischen Senators Bernie Sanders in den USA mitbegründet wurde. Sanders hat die Bewaffnung der ukrainischen Armee und der Faschisten im Krieg gegen Russland mit zig Milliarden Dollar befürwortet und dafür gestimmt.

Aber es gibt auch eine andere Seite dieser Klassenentwicklung: Während die kleinbürgerliche Pseudolinke in die kapitalistische Kriegsmaschinerie hineingezogen wird und sich für die Verteidigung des bürgerlichen Nationalstaates einsetzt, nimmt die Arbeiterklasse auf der ganzen Welt einen offenen Kampf gegen den imperialistischen Krieg und den Kapitalismus auf. Dieser Kampf wird auf der Grundlage sozialistischer und internationalistischer Prinzipien geführt werden. Dies steht in direktem Gegensatz zu diesen nationalistischen Kräften. Die entscheidende Aufgabe besteht jetzt darin, die für diesen Kampf notwendige revolutionäre Führung vorzubereiten. Dazu müssen auch in Russland und in der Ukraine Sektionen des trotzkistischen Internationalen Komitees der Vierten Internationale (IKVI), der Weltpartei der sozialistischen Revolution, aufgebaut werden.

Anmerkungen

[1] Petro Fedun („Poltava“), „Khto taki banderivtsi ta za shho vony boriuts'sia“, in: Petro Fedun-„Poltava“, KontseptsiiaSamostiinoi Ukrainy, Tom 1: Tvory, L'viv 2008, S. 323.

[2] Petro Fedun („Poltava“), „Elementy revoliutsiinosti ukrayins'kogo natsionalizmy“, in: Petro Fedun-„Poltava“, Kontseptsiia Samostiinoi Ukrayiny, Tom 1: Tvory, L'viv 2008, S. 122.

[3] John-Paul Himka, Ukrainian Nationalists and the Holocaust: OUN and UPA Participation in the Destruction of Ukrainian Jewry, 1941-1944, Stuttgart: Ibidem 2021, S. 368.

[4] Ebd., S. 372.

[5] Grzegorz Rossoliński-Liebe, Stepan Bandera: the Life and Afterlife of a Ukrainian Nationalist; Fascism, Genocide, and Cult. Stuttgart: Ibidem 2014, S. 268-269 (aus dem Englischen).

[6] Per Anders Rudling, The OUN, the UPA and the Holocaust: A Study in the Manufacturing of Historical Myths, Carl Beck Papers Nr. 2107, November 2011, S. 10 (aus dem Englischen). Das Papier ist online verfügbar.

[7] Rossoliński-Liebe, Stepan Bandera, S. 284.

[8] James P. Cannon, zitiert nach Das Erbe, das wir verteidigen, Essen 2019, S. 316. Verfügbar auf der WSWS.

[9] Danylo Shumuk, Life Sentence. Memoirs of a Ukrainian Prisoner, Canadian Institute of Ukrainian Studies: University of Alberta, Edmonton, 1984, S. 346 (aus dem Englischen).

[10] Ebd., S. 100.

[11] Istoriia stalinskogo Gulaga. Konets 1920-kh-pervaia polovina 1950-kh godov. Tom 6. Vosstaniia, bunty i zabostvki zakliuchennykh, hrsg. von V. A. Kozlov, Moskau: ROSSPEN 2004,pp. 611, 626, 628. Der Band ist online verfügbar.

[12] Der Hinweis eines Lagerbeamten auf Kljatschenko als „Trotzkist“, der am Norilsker Aufstand beteiligt war, findet sich in einem Dokument in: Istoriia stalinskogo Gulaga, Band 6, S. 325. Über die Diskussion mit ihm berichtet Hrycyak, ein ehemaliges Mitglied der Jugendabteilung der OUN, der den Norilsker Aufstand mit angeführt hat, in seinen Memoiren, die von einem der OUN angeschlossenen Verlag veröffentlicht wurden. Yevhen Hyrcyak, The Norilsk Uprising. Short Memoirs, Institut für Bildungspolitik in München, 1984, S. 23.

[13] Istoriia stalinskogo Gulaga, S. 81.

[14] Shumuk, Life Sentence, S. 213; „Gimn noril'skikh povstantsev”. Hier online verfügbar.

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